Trauerwelten und Lebenshunger    Teil II

Es ist ein Donnerstag Ende November und ich denke, dass es der schlimmste Tag in meinem Leben sein muss. Wir sind seit Stunden im Krankenhaus auf der Kinderintensiv-Station und warten darauf, dass man uns sagt, wie es unserem Sohn geht.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Die Tage vergingen. Wir verbrachten die ersten zwei Wochen nach dem Tod unseres Sohnes bei der Schwester meines Mannes. Wir schafften es nicht nach Hause zu gehen. Unser zu Hause wusste noch nichts vom Tod unseres Sohnes, jeder Raum unserer Wohnung war Zeuge seines Lebens gewesen. Alles was jetzt blieb war seine Kleidung, die am Wäscheständer hing und nie wieder getragen werden würde. Seine Bettdecke, die zerwühlt im Gitterbett lag. Spielsachen, die in der ganzen Wohnung verteilt waren. Nur der Boden des Wohnzimmers zeigte was wirklich passiert war. Er war voll von Kanülen und den aufgerissenen Plastikverpackungen, die die Sanitäter beim Versuch meinen Sohn wiederzubeleben, liegen gelassen hatten. Die Dokumentation dieses Kampfes auf meinem Wohnzimmerboden zu sehen, hätte ich nicht geschafft. So blieb ich zwei Wochen lang in einer Umgebung, die sich in diesem ohnmächtigen Moment sicherer anfühlte als unser zu Hause, weil sie belebt war, weil dort Menschen waren. Ich hatte zu große Angst vor der Stille in unserer Wohnung, die noch so wenige Momente zuvor voller Leben war.


Es heißt, dass man 5 Phasen der Trauer durchläuft

Ich weiß nicht mehr wieso, aber ich habe mich früher schon einmal intensiv mit den Themen Verlust und Trauer befasst. Damals war mein Sohn noch nicht einmal geboren und es gab keinen nachvollziehbaren Grund, weshalb diese Dinge für mich von Bedeutung sein sollten. Aber sie faszinierten mich. Vielleicht habe ich auch schon immer gespürt, dass mir die intensive Auseinandersetzung mit diesen Themen nicht erspart bleiben würde. Ähnlich ging es mir mit dem Thema Kindersterben. Jahre bevor mein Sohn zur Welt kam, in einer Zeit in der ich mir noch nicht einmal darüber Gedanken gemacht habe, überhaupt einmal Mutter zu werden, sah ich eine Fernsehdokumentation. Sie hieß „Wenn Kinder sterben“.
In dieser Dokumentation ging es um eine Familie, die durch einen tragischen Unfall zwei Kinder verlor. Die Kinder starben im Alter von ca. drei und vier Jahren. Ich weiß noch, dass ich der Mutter bei ihren Schilderungen darüber wie sie mit dem Verlust und der Trauer leben lernte, gebannt zuhörte. Jedes Wort das sie sagte, saugte ich in mich auf. Ist es nicht seltsam, dass wir oft schon so „rechtzeitig“ Unterstützung bekommen? Noch lange bevor das Unglück überhaupt passiert? Von einem Menschen den wir nicht einmal kennen? Und dennoch scheinen wir deren Bedeutung irgendwie zu erahnen. Was hat mich damals dazu bewogen so aufmerksam zuzuhören? Ich weiß es nicht mehr! Ich weiß nur, dass ich ihr damals einfach zuhören MUSSTE. Ich war fasziniert von dieser starken Frau, die so offen über ihre Trauer sprach. Die ganze Familie schien so stark zu sein und was mir auffiel war diese enorme Einheit die sie bildeten.


Die vielen Gesichter des Leugnens

Wie bereits erwähnt kann man Trauer in fünf Phasen einteilen. Die erste Phase ist die des Leugnens. Vor allem wenn man selbst eine traumatische Erfahrung gemacht hat und keine Ahnung hat, was man in dieser trostlosen Zeit überhaupt fühlt oder wie es denn nun weitergehen soll, kann das hilfreich sein. Dass man in diesem Moment völlig verloren oder verwirrt ist, ist nur natürlich. Die eigenen Gefühle durch eine Zuweisung zu verschiedenen Stadien besser verstehen zu lernen kann eine sehr willkommene und teilweise tröstende Unterstützung sein. Genauso gut ist es aber auch möglich, dass ein Mensch mit dieser Trauerphasen-Einteilung rein gar nichts anfangen kann. Auch das ist vollkommen in Ordnung, denn Trauer ist ein so individueller Prozess, dass es nie ein Richtig oder Falsch geben kann. Alles was einem hilft weiterzumachen, nicht aufzugeben, ist gut. Es ist nicht jedem Menschen wichtig das eigene Empfinden zu definieren, vor allem in einem Moment, in dem man nicht einmal wirklich weiß wie man die Tage überhaupt überstehen soll. Ich möchte hier einfach davon erzählen was mir damals geholfen hat. Vielleicht ist es auch anderen Menschen, die ähnliches erlebten, eine Hilfe.

Regenbogen, Bildquelle: http://sabbelchens.blogspot.com/2010/04/wer-mal-den-regenbogen-dachte-sie.htmlWie äußerte sich dieses Leugnen bei mir? Damals war ich mir darüber nicht im Klaren, ob ich etwas leugnete oder nicht. Ich denke, dass diese Phase des Leugnens, die den Trauerprozess einläutet, nicht dadurch gekennzeichnet ist, dass man behauptet, das Drama sei nie passiert und sofort zur Tagesordnung übergeht.

Bei mir war es aber etwas anderes, dass mir jetzt bewusst macht, dass ich mich damals mitten in dieser ersten Phase befand. Es war diese skurril normale Art den Tag zu begehen. Aufstehen – sofern es funktioniert hat -, Kaffee trinken und dann Freunde anrufen und ihnen erzählen was passiert ist. Diese Gespräche verliefen immer gleich. Stille am Ende der Leitung, Schockzustand, Verzweiflung, ich erkläre was passiert ist und betone so oft es nur geht, dass es absolut keine Anzeichen dafür gab, dass er gesund war und dass auch die Ärzte nicht wissen, was genau geschehen ist. Ich betone auch, dass ich mich von meinem Sohn verabschiedet habe und ihn gehen ließ und dass es so in Ordnung sei, weil er es so gewollt habe. Diese Gespräche beruhigten mich für einen kurzen Moment. Mein Flehen nach Erlösung und Erleichterung war so spürbar, am liebsten hätte ich den ganzen Tag lang allen möglichen Menschen erklärt wie tapfer ich meinem Schicksal entgegen treten möchte und dass ich bereits jetzt alles verstanden und akzeptiert habe.Natürlich war dem nicht so. Ich hatte es nur dringend notwendig, dass mir andere Menschen versicherten wie stark ich sei, denn sonst hätte ich es für einen Augenblick vergessen und meinem Sohn einfach nachfolgen können. Aber in diesen ersten Wochen dachte ich noch nicht wirklich darüber nach auch sterben zu wollen.
Das Leugnen funktionierte noch sehr gut. Ich leugnete nicht, dass mein Sohn gestorben war, ich behauptete auch nicht, dass ich einfach wieder in das Leben zurückkehren konnte, das ich vor der Geburt meines Kindes führte. Mir war in irgendeiner Weise bewusst was passiert war, aber die Tragweite dessen würde mir erst viel später klar werden.

Worin bestand also mein persönliches Leugnen? Es war dieses Gefühl, das in mir aufstieg, immer wenn ich über dieses tragische Ereignis sprechen konnte. Während ich die Geschichte dieses/meines Dramas erzählte, fühlte es sich an als würde ich über das Drama einer anderen Person sprechen. In diesen kurzen Momenten in denen ich es jemandem erzählen konnte, in denen ich über dieses unbegreifliche Unglück sprechen konnte, befand ich mich in der Position einer dritten Person, die über das grausame Schicksal irgendeines anderen Menschen sprach. Irgendetwas in mir vermittelte mir das irreführende Gefühl, ich könnte zurück nach Hause zu meinem Sohn gehen, wenn ich mit der Erzählung der Geschichte erst einmal fertig war, denn ich war ja nur die dritte Person deren Leben noch in Ordnung war und die lediglich über einen anderen armen Menschen spricht, dem das Leben übel mitgespielt hat. Jedes Mal wenn ich auflegte und allein in einem ruhigen Zimmer saß, das Telefon in der Hand, wurde es ein Stückchen deutlicher – ich bin dieser Mensch.


Puzzleteile

Ich kann mich daran erinnern, dass für mich damals mit einem Schlag alles Glück und alle Freude aus meinem Leben verschwunden waren. Obwohl ich so viel Unterstützung und Zuspruch hatte, konnte ich nichts Schönes mehr an diesem Leben sehen. Irgendwann begann ich mit einer Gesprächstherapie. Mir war nicht klar, was das bringen sollte. Freunde und Verwandte drängten mich dazu. Irgendetwas in mir muss auch damals schon einen kleinen Funken Hoffnung gehabt haben, der mich dazu bewegt hat, diese Hilfe anzunehmen und zuzulassen. Ich bin dankbar dafür, dieser kleinen Hoffnung in mir eine Stimme gegeben zu haben. Ich erinnere mich an ein schönes Bild, dass ich in einer dieser Therapiesitzungen gezeichnet bekam. Meine Therapeutin sagte, dass ich in meinem Leben Freude und Glück irgendwann wieder in kleinen Mengen empfinden werde, und ich mir diese zuerst vielleicht kleinen Momente des Glücks als winzig kleine Puzzlestücke vorstellen soll. Irgendwann werden es immer zahlreichere kleine Glücks-Puzzlestücke sein, bis sich einige von Ihnen zusammenfügen und eines Tages daraus wieder ein großes Ganzes entsteht. Mittlerweile weiß ich, dass sie Recht hatte, und ich bin glücklich darüber, dass etwas das in 1000 kleine Stücke zersprungen war, einen Weg gefunden hat um wieder zu einem Ganzen zusammenzuwachsen.


Ende Teil II


Leilani


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