Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Trauerwelten und Lebenshunger   Teil I

Es ist ein Donnerstag Ende November und ich denke, dass es der schlimmste Tag in meinem Leben sein muss. Wir sind seit Stunden im Krankenhaus auf der Kinderintensiv-Station und warten darauf, dass man uns sagt, wie es unserem Sohn geht.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Ich kann spüren, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Meine Schwiegermutter ist auch da. Sie nimmt uns an den Händen und fordert uns auf dem Kleinen jetzt viel Energie zu schicken. Ich spiele das Spiel mit, weil ich ihr nicht so direkt ins Gesicht sagen möchte, dass er sterben wird. Ich bin seine Mutter, ich weiß das, ich spüre das. Ich denke daran, was ich noch getan habe bevor unsere Welt sich so unbarmherzig verändert hat. Ich stand in unserer Küche, habe etwas gekocht, es war in etwa acht Uhr abends und der Kleine hat schon geschlafen. Mein Mann saß auf der Couch, der Fernseher lief. Ich weiß, dass ich in diesem Moment wirklich glücklich war. Als der Kleine aufschrie, dachte ich, dass er wahrscheinlich schlecht geträumt haben muss und ging gleich in sein Zimmer. Aber es war kein schlechter Traum, irgendetwas war nicht in Ordnung mit ihm. Ich nahm ihn aus seinem Bett, er verlor das Bewusstsein, seine Lippen wurden blau, alles ging so schnell. Ich schreie in ein Telefon, mein Mann versucht ihn wiederzubeleben, das Licht im Zimmer ist in diesem Moment so grell. Die Rettung kommt, sie schicken uns hinaus. Ich höre das Geräusch des Defibrillators, irgendwann schieben sie den Kleinen an uns vorbei und es heißt, dass wir ins Krankenhaus fahren sollen. Ich darf hinter dem Krankenwagen im Notarztwagen mitfahren.

Das war gestern. Heute sitze ich im Wartezimmer und frage mich, wieso man mir nicht einfach ehrlich sagt, was ich sowieso schon weiß. Ich kann fühlen, dass er sterben wird, ich habe es schon immer gefühlt.

Als er auf die Welt kam wusste ich schon, dass er nicht lange bleiben würde. Als er ein Monat alt und völlig gesund war, habe ich meinem Mann erzählt, dass es mir so schwer fällt mich emotional wirklich auf unser Kind einzulassen, weil ich so große Angst davor habe ihn zu verlieren und ich am Schmerz und Verlust zerbrechen würde. Es war schrecklich als Mutter so etwas zu denken und auch noch auszusprechen, weil man sein Kind doch bedingungslos und sofort lieben soll? Ich bin meinem Mann dankbar für das was er dann zu mir sagte: „Wenn du dich nicht wirklich auf ihn einlässt, wird es für dich noch viel schlimmer sein wenn er geht, weil du dann nichts hast, worauf du zurückblicken kannst.“ Zwei Monate später ging ich mit meinem Sohn und einer Freundin spazieren. Sie beobachtete uns und stellte fest, dass sie mich noch nie so verliebt gesehen hätte. Ich denke, sie hatte Recht, wahrscheinlich ist dieses Kind wirklich meine große Liebe gewesen.

Bildquelle: http://www.pfarre-thiersee.at/fotosundanderes/zumnachdenken/kleine-engel.phpEndlich rufen sie uns auf und wir werden zu dem Arzt geführt, der schon in der Nacht auf der Station war, als unser Kind eingeliefert wurde. Ich bin ganz ruhig, weil ich ja schon weiß, was sie mir gleich sagen werden und trotzdem stehe ich extrem unter Schock. Wir setzen uns, neben uns sitzt eine Psychologin. Der Arzt sagt, dass er nichts mehr für unseren Sohn tun kann und er sterben wird, er aber nicht weiß, wann genau es passieren wird. Aber ich weiß es: dann wenn ich ihn gehen lasse. Wir werden zu ihm gebracht. Er sieht aus als würde er schlafen. Er sieht so schön und stark aus, es ist nichts Schwaches oder Zerbrechliches an ihm.


Der Tag vergeht

Immer ist jemand im Raum, Verwandte, Kranken-schwestern. Ich komme mir lächerlich vor, weil ich am Vortag zum Kleinen noch gesagt habe, dass er jetzt unbedingt kämpfen müsse. Ich habe mich noch an die Hoffnung geklammert, obwohl ich doch gespürt habe, was passieren wird. Es ist fast 17 Uhr, endlich gehen alle aus dem Zimmer und ich bin alleine mit unserem Kind. Sein Herz schlägt noch immer wie verrückt. Ich kann fühlen wie ich seine Seele hier noch festhalte, aber das will ich ihm auf keinen Fall antun. Ich fühle mich in diesem Moment wie eine Begleiterin die ihm jetzt dabei helfen muss, seinen Weg weiterzugehen. Ich sage ihm, dass ich weiß, dass er jetzt weiterziehen muss und dass es in Ordnung für mich ist. Ich bedanke mich bei ihm für die Zeit die er bei uns verbracht hat und sage, dass ich ihn nun gehen lasse wenn er es möchte und dass ich ihn liebe. Die nächste Stunde sitze ich an seinem Bett und beobachte wie seine Herztöne immer langsamer werden. Ich halte seine Hand, ich singe ihm etwas vor, ich versuche mich noch zusammen zu reißen, aber langsam verlässt auch mich die Kraft. Um 18.14 Uhr ist es soweit, unser Kind verlässt uns, ich halte eine Hand, sein Vater die andere. Ab jetzt verschwimmt meine Erinnerung. Ich weiß, dass wir noch eine Weile bei ihm im Zimmer waren, ich weiß, dass ich vor seinem Zimmer umgefallen bin und auf einmal acht Krankenschwestern um mich herum gestanden sind. Ich weiß, dass das Licht auf der Station zu hell war, dass ich mit seiner vollgepackten Wickeltasche das Krankenhaus verlassen habe. Ich weiß, dass die Welt draußen nicht gewusst hat, was gerade passiert ist, weil sie sich einfach weiter gedreht hat. Ich wäre fast vor ein Auto gelaufen, weil ich nicht verstand, dass überhaupt noch Autos fahren können, nachdem was gerade geschehen ist. Die Welt müsste doch nun stehen bleiben, alle müssten innehalten und begreifen, dass nun alles aufhören müsste sich zu bewegen. Aber nichts dergleichen passiert. Ein Handy klingelt, Autos fahren, Menschen gehen an uns vorbei, die U-Bahn fährt. Ich stelle mir keine Fragen, auch nicht die Frage wie nun alles weitergehen soll. Ich setze nur einen Fuß vor den anderen. Das wiederhole ich so oft bis ich vor der Haustür meiner Schwägerin stehe. Ich trinke Alkohol um mich zu beruhigen, sie schenkt mir gleich ein großes Glas ein. Ich rauche eine Zigarette nach der anderen, obwohl ich bereits vor Monaten mit dem Rauchen aufgehört habe. Und irgendwann schlafe ich ein.

Schrieb ich zu Beginn, das wäre der schlimmste Tag in meinem Leben gewesen? Dass war bevor ich wusste was passiert, wenn der Schock nachlässt und man begreift was geschehen ist.

Es heißt man durchlebt fünf verschiedene Trauerphasen, wenn man einen großen Verlust erleidet. Diese Phasen sind die Phase des Leugnens, die Phase des Verhandelns, die Phase der Wut, die Phase der Depression und schließlich die Phase der Akzeptanz. Aber womit soll man denn anfangen, wenn alles über einem zusammenbricht? Wie soll man seine Gefühle einteilen können, wenn man nichts und alles gleichzeitig fühlt. Man weiß, dass ab jetzt nichts mehr so sein wird wie es war. Man glaubt in diesem Moment, dass es nie wieder gut sein kann. Keine Glaubensrichtung der Welt hilft einem in diesem ersten tragischen Moment weiter. Nichts gibt Trost, nichts macht es besser. Der Körper reagiert auf diese Situation in dem er schwach wird und zusammenbricht, vielleicht fiebert, vielleicht kann man nicht mehr wirklich atmen und hat das Gefühl zu ersticken. In diesem Moment wirkt es fast so als würde der Körper den Geist schützen wollen, er tut alles um das System runterzufahren, alles abzuschalten. Ich weiß, dass ich tagelang fieberte. Was genau in diesen Tagen passiert ist, kann ich nicht mehr sagen. Ich habe keine Erinnerung mehr daran und ich vertraue darauf, dass das seinen guten Grund hat. Was habe ich getan, als das Fieber aufhörte? Nichts. Ich blieb liegen und tat nichts. Ich weiß, dass ich jeden Tag in der Früh versucht habe aufzustehen. Manchmal hat es funktioniert und manchmal nicht. Mehr konnte ich am Anfang nicht tun.


Ende Teil 1


Leilani


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