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Schuld und Unschuld – eine Erfindung der Menschheit?

Die Begriffe Schuld und Unschuld sind den Menschen nicht fremd. Aber diese Begriffe sind nicht nur zwei Worte, sie sind tiefe und oft prägende Gefühle, die wahrscheinlich jeder Mensch schon einmal empfunden hat. Schuldgefühle, ein schlechtes Gewissen haben oder sich entschuldigen müssen sind unserer Gesellschaft nicht fremd. Im Gegenteil, sie bilden mit unter die Basis des Glaubenskonstrukts dieser Gesellschaft.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Wir wollen frei von Schuld sein, uns nicht mehr schuldig fühlen, ein reines Gewissen haben. Wo kommt nur dieses kollektive Schuldbewusstsein her? Verdienen wir es zu leiden, Schuld zu empfinden und unser Leben damit zu verbringen, uns zu entschuldigen? Gibt es so etwas wie die Erbsünde denn wirklich? Kommen wir vielleicht mit einem riesigen Sündenballast auf die Welt und MÜSSEN uns schuldig fühlen?


Unterschiedliche Religionen – unterschiedliche Meinungen


Im bei uns weit verbreiteten Christentum ist der Schuldbegriff ein zentrales Thema. Dies wird schon in der Erzählung vom Sündenfall deutlich als - wie in der Bibel beschrieben - Gott Adam und Eva verbietet vom „Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“ zu essen. Nachdem aber Adam und Eva dennoch von diesem Baum essen, ist Adam plötzlich der Meinung, es wäre falsch nackt zu sein. Die Bibel sagt, dass Gott ursprünglich nicht wollte, dass der Mensch zwischen Gut und Böse unterscheiden könne, da er ursprünglich im paradiesischen Urzustand hätte leben sollen. Obwohl hier noch nicht vom Schuldbegriff die Rede ist, erkennt man aber schon die Polarität zwischen Gut und Böse, etwas Gutem und etwas Schlechtem. Der Schuldbegriff kommt in der Bibel häufig vor, zum Beispiel im 3. Buch Mose, Kapitel 5, Vers 17: „Wenn jemand sündigt und handelt gegen irgendein Gebot des HERRN, was er nicht tun sollte, und hat es nicht gewusst und versündigt sich und lädt eine Schuld auf sich, so soll er zum Priester einen Widder bringen von der Herde, ohne Fehler, nach deiner Schätzung als Schuldopfer. Der soll die Sühnung für ihn vollziehen für das, was er versehen hat, ohne dass er es wusste, so wird ihm vergeben.“
In diesem Vers sind alle Begriffe vertreten. Es geht um Schuld, Sünde, Schuldopfer, Entschuldigung, Vergebung. Aus christlicher Sichtkönnte die Vorgehensweise folgendermaßen zusammenfassen: der Mensch lädt sich aufgrund seines Verhaltens Schuld auf, die er mittels bestimmter Vorgehensweisen (Schuldopfer, Beten, Eingestehen der Schuld, etc.) wieder loswerden kann, wonach er dann wiederum frei von Schuld ist. Im Christentum gibt es also auf jeden Fall einen stark ausgeprägten Schuldbegriff. Ebenso stark ausgeprägt ist hier der Begriff der Unschuld. Psalm 26, Vers 6: „Ich wasche meine Hände in Unschuld und halte mich, HERR, zu deinem Altar.“

Im Buddhismus liegen die Dinge völlig anders. Einen Schuldbegriff – in der Art und Weise wie ihn das Christentum verwendet – gibt es nicht. Die buddhistische Sichtweise schließt einen strafenden Gott, der uns unsere Taten nach unserem Ableben büßen lässt, aus. Es existiert keine Hölle, in der wir ewiglich im Fegefeuer brennen werden. Das heißt aber nicht, dass unsere Taten ohne Folgen bleiben. Alles was wir tun hat Konsequenzen und wirkt sich auf unser(e) zukünftiges(n) Leben aus. Dies geschieht aber durch uns selbst, nicht durch einen strafenden Gott. Würde man dies in einem christlichen Kontext sehen und nach einer höheren moralischen Instanz suchen, könnte man sagen, dass wir diese Rolle selbst übernehmen und unser eigener „Richter“ sind. Dies hat aber im buddhistischen Zusammenhang nichts mit Schuld zu tun, wir wissen es nur ganz einfach nicht besser und befinden uns in karmischen Verstrickungen, die unsere zukünftige Entwicklung beeinflussen.

Das Schuldthema aus heidnischer Sicht – ein persönliches Statement

Wie bereits erwähnt, sind die Begriffe Schuld und Unschuld in unserer Gesellschaft besonders ausgeprägt. Ob im beruflichen oder privaten Kontext – im Büro/Team, in der Beziehung oder in der Familie – läuft etwas schief, beginnt die Suche nach dem Schuldigen, die Unschuldigen sind schnell aus dem Schneider, der/die Schuldige muss mit Bestrafung und Sanktionen rechnen. Es ist nicht möglich an dieser Stelle die Frage zu beantworten, wie das gesamte Heidentum zum Schuld- bzw. Unschuldsbegriff steht. Aber es ist möglich ein paar Gedanken einer persönlichen Sichtweise zu diesen Begriffen zu äußern und der Frage nachzugehen, wieso es im Hexenglauben so schwierig ist, dem Schuldbegriff viel Platz einzuräumen.
Dieser Glaube beschäftigt sich mit Wachstum, Toleranz, Akzeptanz, Respekt, Wertschätzung – allen Dingen und Menschen auf dieser und um diese Erde herum, auch sich selbst gegenüber. Wenn ich damit beschäftigt bin zu sehen und zu fühlen, zuzuhören und zu lernen, zu wachsen und all die Dinge und Menschen um mich herum wertzuschätzen und zu respektieren, bin ich im Hier und Jetzt und die Suche nach Schuld bezogen auf Ereignisse, die (mir) widerfahren sind, also in meiner Vergangenheit liegen, sind zwangsläufig irrelevant. Diese Lebensart kann keinen Platz lassen für die Suche nach den Schuldigen, die es zu bestrafen gilt oder den Unschuldigen, die es zu loben gilt. Natürlich ist das eine Idealvorstellung, die wohl wenige Menschen fähig sind, konsequent zu leben. Wieso das so ist, ist schnell zusammen gefasst: solange ich jemanden finden kann, der die Verantwortung dafür trägt, was in meinem Leben passiert, muss ich diese nicht selbst übernehmen und mich nicht mit mir selbst beschäftigen. Ich bin also von mir selbst und den Dingen an denen ich arbeiten könnte/sollte abgelenkt, und kann diese wunderbaren Ideale noch ein wenig vor mir herschieben. Man kann es an der Art und Weise der Fragestellungen vieler Menschen erkennen, wo sie glauben Ursachen zu finden: „Wie soll ich denn persönlich wachsen, wenn mich mein Partner immer wieder boykottiert?“, „Wie soll ich denn Respekt gegenüber meinen Arbeitskollegen haben, wenn ihre Arbeitsleistung einfach dermaßen schlecht ist?“
Fragen zu stellen ist gut, allerdings können uns Antworten auf Fragen, die die Ursache für unser eigenes Erleben ausschließlich in unserem Gegenüber suchen, weit von uns selbst wegführen und unsere Entwicklung blockieren.

Abschließend komme ich zu der Überzeugung, dass Schuld und Unschuld von den Menschen erfundene Begriffe sind, die dienlich waren um den Menschen Angst zu machen und Macht und Kontrolle über sie ausüben zu können. Aber was ist anders, wenn ich selbst meine moralische Instanz bin und es nicht nötig ist, Schuldige zu suchen oder Schuld zu empfinden? Woran glaube ich? Bin ich auf dieser Erde um etwas zu lernen? Trage ich die Verantwortung für mein Handeln selbst? Hat mein Schicksal einen tieferen Sinn? Haben die Dinge, die mir widerfahren eine größere Bedeutung? Helfen sie mir zu lernen, was ich in diesem Leben lernen soll?

Was will uns unser Schicksal sagen?


Leilani


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