Working Witches – Über die Vereinbarkeit von Beruf und Glauben   Teil I

Über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird in der Politik – vor allem wenn es um die Schärfung des Frauenprofils diverser Parteien geht – immer wieder diskutiert. Über die Vereinbarkeit von Beruf und Glaube wurde bisher eigentlich nur bezüglich des Islam und diverser Scientologen in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Doch wie sieht eine heidnische Annäherung an diese Polarität aus?
Thanks to: © Gretchen Sveda

Dass es zu Gewissenskonflikten zwischen Beruf und Glauben kommen kann, mag für viele erst auf den zweiten Blick erkennbar sein. Sogar der Buddhismus, im Allgemeinen als „undogmatische“ Religion bekannt, birgt hier sein inneres Konfliktpotential, wenn es darum geht den „Fünf Silas“ entsprechend zu handeln. Diese können als die sittlichen Regeln verstanden werden (nur entfernt vergleichbar mit den 10 Geboten der abrahamitischen Religionen) und beinhalten in den verschiedensten Variationen die Aufforderung, kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen. Dies schließt a priori Berufsgruppen wie Metzger, Polizisten und Soldaten in strenger Auslegung der Silas aus, da diese tagtäglich Lebewesen töten oder zumindest in Ausübung ihres Berufes der Wahrscheinlichkeit, ihre Waffe ziehen zu müssen, oft nicht entweichen können.


Welche Spannungsfelder ergeben sich nun im Berufsalltag mancher moderner Heiden?

Unsere Religion/Philosophie/Weltanschauung ist nicht gerade bekannt dafür, sonderlich viele strenge Regeln und Dogmen zu besitzen – also alles kein Problem für „Hex und Heid“? Wenn ich an meinen Berufsalltag als Pädagoge denke, stoße ich mich primär am Konkordat, dem Religionsunterricht und dem Fehlen eines Ethikunterrichts an Grundschulen. Ich kann Gewissenskonflikten jedoch ausstellen indem ich Religion nicht unterrichte und mich nicht an den religiösen Feiern eines Schuljahres beteilige. Doch wie sieht es in anderen Berufen aus? Wie gehen Heiden mit ihrem Glauben im Berufsalltag um?
Mithilfe von Interviews möchte ich versuchen, verschiedene Blickweisen auf dieses Spannungsfeld zu bieten, unterschiedliche Strategien im Umgang mit den lieben KollegInnen darzustellen und auch zu hinterfragen ob es immer geschickt ist, „aus der Besenkammer zu kommen“ (d.h. sich als Heide zu outen).

Rhea arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus. Ihr Berufsziel ist es, sich als praktische Ärztin mit dem Schwerpunkt „Phytotherapie“ niederzulassen.

InterviewbildWenn deine Arbeitskollegen im Krankenhaus dich nach deiner Religion fragen würden, was würdest du sagen?
In meinem Arbeitsalltag ist nur wenig Zeit vorhanden, über private Sachen zu sprechen. Ich könnte es also gar nicht ausführlich erklären, ich hätte nur 1-2 Sätze um zu erklären „was“ ich bin und das ist schwierig. Ich würde gar nicht viel erzählen. Ich würde sagen dass ich kein religiöses Bekenntnis habe aber meine eigene Philosophie. Würde ich Freundschaften schließen mit KollegInnen, sähe es natürlich anders aus und ich würde ausführlicher meinen Glauben erklären.
An meinem alten Arbeitsplatz (Anm.: am Institut für Anatomie) habe ich es einer Freundin erzählt, und diese schickte mir dann auch zu Weihnachten eine Jul-Karte, was mich besonders freute.

Kannst du Aspekte deines heidnischen Weltbildes auch in
den Berufsalltag integrieren?

Derzeit im Krankenhaus relativ wenig, außer dass ich mich menschlich um die Patienten bemühe, v.a. wenn ich merke dass jemand Angst oder Depressionen hat oder sich nicht mit dem Thema „Tod“ auseinandersetzen will oder kann. Ich möchte da nicht einfach weggehen sondern sehe es als Teil meines Glaubens dass ich besonders darauf eingehe. Das machen natürlich auch viele andre Ärzte, aber für mich ist es ein besonders wichtiger Teil und ich schaue ganz bewusst auf diesen Aspekt meiner Arbeit.

Was würdest du machen, wenn du bemerkst dass ein Patient oder Kollege ebenfalls deinen Glauben teilt?
Ich würde sie darauf anreden. Würde jemand einen Pentagramm-Anhänger tragen, würd ich einfach sagen, „Netter Anhänger….“, ganz oberflächlich beginnen und ausloten was dahinter steckt. Man merkt ja gleich, ob sich ein Gespräch ergibt oder nicht. 

Wie offen gehst du mit deinem Glauben an deiner Arbeitsstätte um?
Eigentlich ziemlich offen, aber die meisten erkennen es nicht. Zum Beispiel trage ich ständig meinen Triskelen-Anhänger an der Kette, oder ich habe Göttinnen-Bilder auf meinem Schreibtisch und Statuen heidnischer Götter. Viele sehen es gar nicht, manche fragen danach. Es ist mir einfach wichtig, ein paar Sachen rumstehen zu haben oder etwas mit mir rumzutragen wie z.B. eine Halskette mit Anhänger. Ich möchte kein Geheimnis daraus machen.

Gibt es Bereiche deiner Arbeit, die für dich zu Gewissenskonflikten führen bzw. die deiner Ethik widersprechen?
Bisher gab es nur eine Situation, es ging um eine Patientin die im Sterben lag. Mir kam vor dass der streng katholische Oberarzt versessen darauf war, Antibiotika bis zum Schluss zu geben obwohl es keinen Sinn mehr machte. Gerade zum Schluss eines Lebens stellt sich immer wieder die Frage nach dem Sinn einer Gabe so starker Medikamente und nach dem Punkt an welchem man es lässt. Mir kam es so vor als ginge es nur darum, das eigene Gewissen zu beruhigen á la „Wir haben ja alles getan, wir sind Heiler und drehen den Hahn nicht ab“.
Ich merkte natürlich den vollkommen anderen Zugang des Oberarztes zum Thema Leiden und Tod.

Gibt es für dich also einen heidnischen Zugang zu Sterbehilfe?
Es ist absolut abhängig von der Situation. Man kann es nicht generalisieren, aber in obig genannter Situation hätte ich einfach früher schon gesagt „Es bringt jetzt nichts mehr, lass das Antibiotikum weg“ denn diese Patienten hätten nur mehr den Weg an einer Pneumonie oder Sepsis zu sterben und solange man das Antibiotikum gibt zögert man es eigentlich nur raus. Wichtig ist für mich eigentlich nur, immer informiert zu sein welcher Patient reanimiert werden will und wer das nicht will und das unbedingt zu respektieren. Das wird allgemein auch so getan und ich bin sehr froh darüber.

In meinem heidnischen Konstrukt spielt das Schicksal eine große Rolle. Kommen sehr junge Patienten mit schweren Erkrankungen, ist es zwar immer noch schwierig für mich dies zu akzeptieren, aber ich kann mich damit vielleicht leichter abfinden.

Inwieweit spielt Glaube in deinem Beruf überhaupt eine Rolle?
Mir kommt vor, dass der Glaube dabei hilft „menschlicher“ als Arzt zu bleiben, dieser Beruf wird dann oft als „Berufung“ gesehen. Es hilft dabei, die Menschen nicht als Geldquelle zu sehen und schützt vor Karrieregeilheit.

Kannst du deine „heidnische Identität“ auch im Beruf verwirklichen?
Derzeit eher wenig. Mein Ziel besteht darin, später die Phytotherapie einzubringen (Anm.: Heilen mit Pflanzenwirkstoffen) und die Patienten dahingehend zu sensibilisieren auf die Gesundheit zu achten und Zeit dafür zu investieren.

Was würdest du für Geld und Karriere nicht opfern?
Geld und Karriere haben für mich wenig Bedeutung. Nicht opfern würde ich meine Gesundheit, v.a. wenn ich merke dass ich überarbeitet bin. Meine Freizeit ist mir wichtig, momentan opfere ich etwas davon und nehme es in Kauf aber es darf nicht auf Dauer so weitergehen. Auch die Art und Weise, meinen Glauben auszuleben würde ich nicht aufgeben - wäre es ein sehr katholisches Haus würde ich dort eben nicht hineinpassen.

Bei welchen beruflichen Gegebenheiten würdest du raten, sich nicht als Heide oder Hexe zu „outen“?
Grundsätzlich denke ich, dass man nicht unbedingt sein Heidentum vor sich her tragen und es jedem auf die Nase binden muss. Wenn mich ein Patient danach fragt, würde ich Auskunft geben, aber von mir aus würde ich nicht sagen: „Du, ich bin Heidin!“. Gerade am Anfang ist es gut, etwas auszuweichen und es nicht direkt anzusprechen. Die Diskrepanz merkte ich zum ersten Mal im Personalbüro als es darum ging seine Religionszugehörigkeit anzugeben, es ging um die Konsequenz der evangelischen oder katholischen Feiertage. Ich befürchtete schon dann gar keine Feiertage zu haben und immer an den Feiertagen eingeteilt zu werden; da habe ich mir das erste Mal gedacht: „Schon irgendwie blöd.“
Ich habe o.r.B. angegeben. Wenn ich wüsste, meine Religion würde Probleme machen oder zu negativen Konsequenzen führen, würde ich zwar nicht lügen, es aber einfach nicht klar deklarieren.

Wie wichtig ist es dir überhaupt „aus der Besenkammer zu kommen“ in Bezug auf deine ArbeitskollegInnen?
Eigentlich gar nicht wichtig. Wenn jedoch KollegInnen zu FreundInnen werden, sieht die Sache wieder anders aus, dann ist es auch mir wichtig.

Was glaubst du wie deine KollegInnen reagieren würden auf dein „Outing“?
Die meisten könnten nichts damit anfangen. Ich müsste natürlich gleich einen ganzen Roman erzählen, in einem Satz geht das ja nicht.
Unter Ärzten gibt es einerseits die streng wissenschaftlichen, dann gibt es die geldgeilen Ärzte die so schnell wie möglich Primar werden möchten und es gibt noch die „Berufenen“, die oft gläubig sind.
So würden die verschiedenen Leute verschieden reagieren. Manche würden wohl nicht mal hinhören, andere würden es analysieren und zu widerlegen versuchen und wieder andere hätten wohl Probleme damit.

Danke für das Gespräch!


Erik


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