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Gen-Technologie und Naturreligion   Teil II
Kann, darf oder sollte ein naturreligiöser Mensch zum Thema Gentechnologie überhaupt eine andere Meinung haben, wie eine ausschließlich ablehnende?
Thanks to: © Gretchen Sveda

Diskussion in naturreligiösem Kontext
Wichtig ist von Anfang an für eine solche ethisch-moralische Diskussion die Tatsache, dass die Methoden einer Veränderung des Genoms nur bei Bakterien und Viren wirklich effektiv funktionieren. Bei pflanzlicher Erbinformation potenzieren sich die Schwierigkeiten, die Erbinformation des Gesamtorganismus tatsächlich und nachhaltig zu verändern. Bei Tieren sind solche Techniken für embryonale Zellen nicht anzuwenden und werden es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht sein!

Warum?
Nun, die bakterielle Erbinformation liegt als eine Art linearer Informationsstrang vor, d.h. die in der Bakterienzelle vorliegende RNA enthält quasi eine Information nach der anderen, anhand welcher z.B. Syntheseanweisungen für Enzyme von der Bakterienzelle abgelesen werden. Dies ist - vor allem in tierischen Zellen - nicht so. Hier liegen die Gene als eine Art Mosaikstruktur vor, relevante Informationen und non-sense Informationen liegen zusammen und werden erst bei der tatsächlichen Synthese, etwa von Enzymen, in der tierischen Zelle von ihr so voneinander getrennt, dass erst im zweiten Schritt die Information für die Zelle nutzbar ist.

Das „Human-Genom-Projekt“ erfaßt alle Genstrukturen der menschlichen Zelle, also die relevanten Informationen ebenso wie die non-sense Informationen gleichwertig. Ein nächster Schritt könnte sein, die sense und non-sense Informationen voneinander zu trennen, und zu schauen, auf welchem Abschnitt der DNS diese beiden Informationen dann liegen, da sie von der Zelle immer gleichzeitig im ersten Schritt der Syntheseanweisung (etwa für ein Enzym) abgelesen werden. Diese beiden Abschnitte oder Informationen können jedoch räumlich auf der DNS weit auseinanderliegen, und es ist heute noch nicht möglich, hier irgendwie technisch-manipulativ in effektiver Weise einzugreifen.
Nicht zu verwechseln - was aber in der polemisch angehauchten Trivialliteratur immer wieder getan wird! - ist diese Tatsache mit der sogenannten Chromosomenanalyse. Hier werden z.B. beim Menschen embryonale Zellen aus dem Fruchtwasser einer schwangeren Frau entnommen und die Chromosomen - also die gesamte Erbstruktur - des entstehenden Menschen analysiert.

Es ist bekannt, das ganz bestimmte Veränderungen der Chromosomen oder mehrfaches Auftreten von Chromosomen, einen Hinweis darauf geben kann, ob der heranwachsende Embryo die Anlagen für bestimmte und bekannte Krankheiten in seiner Genstruktur beherbergt.
Es ist nicht möglich, dieses Auftreten einer Veränderung der Chromosomenstruktur oder deren Zahl in irgend einer Art zu beeinflussen oder zu „therapieren“. Diese Wortschöpfung ist unglücklich und falsch gewählt, denn eine solche „Therapie“ beschränkte sich lediglich darauf, die im Vorfeld mögliche Aussonderung derjenigen befruchteten Eizelle vorzunehmen, die aus einer extrakorporalen Insemination entsteht und die eine solche Genstruktur aufweist. Bzw. könnte die Frau - aufgrund der Erkenntnis über diese veränderten Chromosomenstrukturen - einen Schwangerschaftabbruch verlangen.
Eine bereits aufgetretene Erkrankung ist mit einer Gentherapie - wie zu Anfang beschrieben - durchaus therapierbar, stellt jedoch keinen direkten und nachhaltigen Zugriff auf das Gesamtgenom des Organismus dar - und kann nicht vererbt werden!

Uff...!
Wie Sie sehen, ist das Thema insgesamt sehr komplex und kann in diesem Essay - zumindest was die technischen Möglichkeiten und Begriffe angeht - nur angerissen werden. Aber, und darum soll es schließlich gehen, ist eine ethisch-moralische Diskussion vonnöten, was die Möglichkeiten und Auswirkungen der Gentechnik angeht; und gerade von solchen Menschen zu führen, die sich einer Naturreligion zugehörig fühlen

Die Fakten und naturwissenschaftlichen Grundlagen sind jedoch für eine offene und sinnvolle Diskussion notwendig und dürfen nicht durch rein polemische Allgemeinplätze ersetzt werden. Und schon gar nicht, wenn „neu-heidnische“ Ideologen von „kranken“ und „gesunden“ Menschengenen sprechen! Damit wären wir beim - zugegeben vordergründigen und sehr menschlichen - ersten Punkt angelangt: Es gibt keine kranken oder gesunden Gene!
Näher spezifiziert gibt es zwar Chromosomenveränderungen, die bestimmte und z. T. bekannte Krankheiten auslösen, deren Ursache in eben jenen veränderten Chromosomen liegen können.
Und; ja, ein Mensch mit Trisomie 21 kommt mit großer Wahrscheinlichkeit mit einer sogenannten „geistigen Behinderung“ zur Welt. Aber wer von uns entscheidet darüber, ob dieses Kind „normal“ ist, sich entwickeln und geboren werden soll und - kann es eine allgemein gültige Regel für diesen Fall geben?

Ich bin der festen Überzeugung, dass hier ein klares „Nein!“ gesagt werden muß! Die Entscheidung darüber, ob ein Kind z.B. mit Trisomie 21 zur Welt kommt, liegt einzig und allein bei seinen Eltern bzw. in letzter Konsequenz bei der Mutter; ebenso wie die Entscheidung bei ihr liegt, überhaupt eine Chromosomenanalyse durchführen zu lassen.
Aus dieser - für die Zeugung und Geburt eines Kindes - sehr persönlichen Entscheidungsfreiheit, ergeben sich allerdings sehr viel globalere Konsequenzen; zunächst und ausschließlich, was den Menschen angeht. Denn hier geht es darum, wer diese Norm bestimmt oder besser, wer sagt was „normal“ ist und was „abnormal“ ist?

Als naturreligiöser Mensch darf ich keine kanonisierenden Aussagen über diese Begriffsdefinition machen, es sei denn, ich schränke sie ein, als nur für mich persönlich gültig! Denn was für mich in meinem persönlichen sozialen Umfeld als Norm erscheint, kann für eine andere Gesellschaftsstruktur völlig abnorm sein. Und wer entscheidet darüber, ob „meine“ Gesellschaftsform die „richtige“ ist?


Ende Teil II


Magister Botanicus


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