Farben   Teil II
Wir leben in einem Zaubergarten und bemerken es nicht. Farben, die vertrauten und manchmal sogar etwas aufdringlichen Gefährten unseres Alltags, erscheinen uns als etwas Selbstverständliches, dass wir kaum noch imstande sind, sie in ihrer Fülle und Lebendigkeit wahrzunehmen.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Rot

Altrot…
Blutrot, Bordeaux, Blassrot…
Cyclam…
Dunkelrot…
Erdbeerrot, Englischrot…
Feuerrot, Flammenrot, Fleischrot…
Glutrot, Granatrot…
Hellrot, Hennarot, Himbeerrot…
Jaspisrot…
Kardinalrot, Kirschrot, Knallrot, Karottenrot…
Lachsrot, Leuchtrot…
Magenta, Mohnrot, Mahagonirot…
Neonrot…
Ochsenblutrot, Orientrot…

Paprikarot, Permanentrot, Pink, Purpurrot…
Rosenrot, Rostrot, Rubinrot…
Scharlachrot, Schwarzrot, Sienagebrannt…
Terrakotta, Tomatenrot…
Venezianer Rot…
Weinrot…
Zinnober, Ziegelrot

Es ist die erste Farbe, der der Mensch einen Namen gab, die älteste Farbezeichnung in den Sprachen der Welt. Im indoeuropäischen Sprachraum geht „rot“ auf die Wurzel „rudh“ zurück, und diese älteste und zugleich am weitesten verbreitete Bezeichnung für eine Farbe verbirgt sich der indische Sturmgott Rudra, dem „Roten“, ebenso wie in „ruadh“, dem keltischen Krieger.
Rot lässt sich in einer männlichen und einer weiblichen Symbolik betrachten. Von Chevalier stammt die Idee, dass die extrovertierten Rot-Wirkungen und Rot-Symbole zur männlichen Seite gezählt werden und die mehr introvertierten zur weiblichen.

Rot und die Weiblichkeit
Weibliche Rot-Symbolik ist in erster Linie verbunden mit dem Erleben des Körpers, der ja vom roten Blut, das ihn durchströmt, seine Farbe hat. Damit wird Rot dann im übertragenen Sinn die Farbe des Leiblichen, des Irdischen und des Mütterlichen. Chevalier sagt, wer Beziehung zu Rot hat, wer Rot liebt und vielleicht auch als Kleidung trägt, der hat auch in irgendeiner Weise Beziehung zum Körperlichen, Erdhaften und Mütterlichen.
Wer hingegen gar keine Beziehung zu Rot gewinnen kann, wer Rot ablehnt und es niemals tragen würde, der hat vermutlich eine belastende Beziehung zur Mutter und zum Mütterlichen; vielleicht hat er auch den emotionalen Hintergrund von Rot noch nicht voll erfahren können.
Chevalier bringt Rot auch in Verbindung mit der Verdauung. Rot enthält eine Speisesymbolik (Blut), eine Symbolik des Kochens (Feuer) und der Regeneration. Das, was verborgen i Körper kreist, vor allem das Blut, ist die Bedingung des Lebens. Und so versteht man Rot auch als die Farbe des Eros, der Verbindung und der Verbundenheit. Rot ist die Farbe des Lebens.

In ihrem Buch „Die Göttin und ihr Heros“ hat Heide Göttner-Abendroth die Grundstruktur vieler weiblicher Gottheiten als eine Triade beschrieben, in der sich zugleich das Bild der Mondphasen widerspiegelt. Zunächst erscheint die weiße, jungfräuliche Göttin in der Sichel des zunehmenden Mondes als Jägerin, als Herrin der Tiere und auch als jungfräuliche Mutter. Das Zeichen des roten Vollmondes entspricht der Liebesgöttin und zugleich auch der Mutter der Erde. Im Schwarzmond schließlich, erscheint die Gestalt einer Greisin die Unterweltgöttin; sie tötet, zerstückelt ist aber zugleich auch die Widergebärende.
Diese Dreiphasigkeit, deren Höhepunkt die rote Erfüllungsphase bildet, ist in verschiedenen alten Mythen noch erkennbar.
Im Kretischen Demeter-Mythos, bringt zum Beispiel Kore als weiße Halbmondgöttin den Frühling, als Persephone vollzieht sie im Zeichen des Rot mit dem König auf den reifen Feldern die Heilige Hochzeit. Im Herbst tötet sie ihn, um ihn dann zugleich zu beklagen und die Suche nach ihm in der Unterwelt zu beginnen. Dort, im Schwarz des Neumondes, begegnet sie im wieder als Hekate. Einer dieser Könige ist Dionysios, ein Gott, der zugleich mit Rausch, Wein und Blut verbundene Gott. Nach der Hochzeit wird er – vielfach wird ihm der Ziegenbock als Opertier zugeordnet – zerrissen und getötet. Dieser Mythos und der dazu gehörige Ritus, innerhalb dessen der König oft genug wirklich getötet wurde, führen wieder in das Mysterium des lebenserneuernden Opfertodes. Dieses Blutopfer diente der Stärkung der roten Göttin der Liebe. Diese Symbolik von Rot ist auf weibliche Göttinnen der ganzen Welt angewandt worden. Das ist ganz im Sinne dieses Archetypus, wenn eine Frau in der Mitte des Lebens, in der sich eine neue Erfüllung ankündigt, von einem jungen, in Rot gekleideten König träumt, der ihr von einer hohen Treppe herab entgegen kommt.

Rot und Gewalt
Im Erlebnis des vergossenen Blutes, beginnend schon mit der Beschneidung des Knaben, bei den Pubertätsriten, in der Erfahrung von Verletzungen im Kampf, bei der Jagd, beim Schlachten und beim Opfern, sieht Chevalier die männliche Rot-Symbolik begründet.
Rot wird als zentrifugale, impulsive, aggressive und auch als sexuell aktive Lebenskraft erfahren.
Hierher gehört Rot als Farbe der Kriege, die im alten Irland die Ruadh, die Roten, hießen. Als Farbe des Eisenerzes, des Mars, ist Rot auch die Farbe der Tapferkeit im Kampf.
Generäle und Kaiser im kriegerischen Rom trugen Rot. Rot ist die häufigste Farbe in Fahnen. Als kriegerische Blutfahnen tauchten sie immer wieder in der Geschichte auf. Zur Freiheitsfahne erklärten sie die Jakobiner im Jahre 1792. 1907 wurde die rote Fahne der Arbeiterbewegung zur Fahne des Sozialismus und des Kommunismus. Rot ist auch eine Erinnerung an das Hitler-Regime. Hitler wählte sehr bewusst Rot als Grundfarbe des Hakenkreuzbanners. Er brauchte, um eine Massenpartei zu etablieren, die Sympathien der Arbeiter: Hitler wählte Rot als psychologischen Bezug zur Farbe der Arbeiterbewegung.
Rot wird in seinem männlichen Aspekt als die Farbe der Kraft, der Aktivität und der Aggressivität verstanden.
Als Symbol für verblendete Leidenschaft und Gier steht Rot im Zentrum des tibetischen Lebensrades in Gestalt des Roten Hahnes. Rot ist in Tibet generell die Farbe der zornvollen Gottheiten, die oft eine Schädelschale gefüllt mit Blut in der Hand tragen.
Die Farbe des Blutes ist die Farbe des Krieges.

Rot und das Feuer
Ebenso alt wie der Glaube an die Kraft des Blutes ist die Verehrung des Feuers als göttliche Kraft. Das Feuer vertreibt die Kälte, die Mächte der Dunkelheit. Feuer reinigt, indem es vernichtet. Das Feuer ist Sinnbild für das Göttliche und ist Gott selbst. In allen Religionen erscheinen Götter als Feuerwolke. Moses sieht Gottvater als brennenden Dornbusch. Der Heilige Geist erscheint als Flamme.
Wo die Sonne das Leben bedroht, gilt Rot als die Farbe des Dämonischen. In kalten Ländern hingegen, wo man sich nach Wärme sehnt hat Rot eine rein positive Bedeutung. Wotan, der germanische Gott des Sturmes und der Dichtung gehört in die Rot-Skala. Wotan hat eine komplexe Symbolik, für unseren Zusammenhang hier ist vor allem das Stürmische und Feurig-Schöpferische an ihm von Belang, ebenso wie das zerstörerische Element, das in ebenfalls mit der Feuersymbolik verbindet. Feuer und Wettergötter scheinen häufig mit rotem Haar. Rothaarig ist auch der Gewittergott Donar. Der Blitz entsteht, wenn er in seinen roten Bart bläst. Rote Tiere gelten als dem Donar heilig und als Sinnbilder des Feuers und des Blitzes: so das Rotkehlchen, Gimpel, Stieglitz, Marienkäfer, Fuchs und das Eichhörnchen.
Je nach Zusammenhang schützen sie vor Blitzschlag und Feuer oder ziehen diese an.
Mit der Einführung des Christentums werden die beiden germanischen Götter Donar und Wotan abgewertet. Sie verschmelzen, zusammen mit anderen Einflüssen, zur Gestalt des Teufels, dem deshalb auch die Farbe Rot zugeschrieben wird.

Rot und Brauchtum
Diese Übertragung der ursprünglichen Gottesfarbe auf den Teufel spielt auch in den Hexenverfolgungen eine große Rolle. Rot oder auch nur rot-umränderte Augen, vor allem aber rote Haare wecken den Verdacht, eine Hexe vor sich zu haben. Eine rote Kopfbedeckung tragen auch Zwerge und Heinzelmännchen, schließlich aber auch der Tod. Leichen werden manchmal mit roter Farbe oder mit roten Tüchern und Bändern geschmückt: Zum Einen um den Toten vor Dämonen zu schützen, zum Anderen um ihn selbst zu bannen.
Als Heilfarbe spielt Rot und das ursprünglich als Heilstoff angewandte Blut in der Volksmedizin eine große Rolle.
Rote Tücher sollten gegen „rote Krankheiten“, Fieber und Ausschlag helfen. In Japan bedecken Schwangere Frauen ihre Brust mit einer roten Schärpe. Rotfärbung, aber auch das Tragen roter Bänder, Tücher oder Strümpfe gehören vielerorts zu den Hochzeitsbräuchen. Einen ebenfalls roten Brautschleier tragen griechische, albanische und armenische Bräute.


Petsch


Heißes Eisen 08.04.2017
Wie funktioniert gesunde Polyamorie - Teil III 22.10.2016
Wie funktioniert gesunde Polyamorie - Teil II 01.10.2016
Wie funktioniert gesunde Polyamorie - Teil I 24.09.2016
Geist und Materie 27.02.2016
Wiederbelebung der Medusa 30.01.2016
Da wird der liebe Gott aber schauen!? 14.11.2015
Was uns zieht … und wohin 15.08.2015
Die Geschlechter des Göttlichen: Eine polytheistische Perspektive - Teil II 24.01.2015
Die Geschlechter des Göttlichen: Eine polytheistische Perspektive - Teil I 27.12.2014
Gott – göttlich, Mann – männlich? 25.10.2014
Die (spirituelle) Krise - Teil III 15.06.2014
Die (spirituelle) Krise - Teil II 12.04.2014
Die (spirituelle) Krise - Teil I 22.03.2014
Zwischen Gegenüber und Identifikation: Mein Verständnis von Gottheiten geschrieben - Teil II 04.01.2014
Zwischen Gegenüber und Identifikation: Mein Verständnis von Gottheiten geschrieben - Teil I 07.12.2013
Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus - Teil III 30.07.2013
Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus - Teil II 11.05.2013
Das Geheimnis des Lebens im Kemetismus - Teil I 13.04.2013
Liebe auf Kemetisch ... 26.01.2013
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil V 24.11.2012
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil IV 11.08.2012
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil III 21.04.2012
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil II 14.01.2012
Trauerwelten und Lebenshunger - Teil I 08.10.2011
Schuld und Unschuld – eine Erfindung der Menschheit? 09.07.2011
Yin - Yang - Teil IV 12.03.2011
Yin - Yang - Teil III 04.12.2010
Yin - Yang - Teil II 25.09.2010
Yin - Yang - Teil I 26.06.2010
Macht der Polarität und Rose der Mysterien - Teil II 10.04.2010
Macht der Polarität und Rose der Mysterien - Teil I 27.03.2010
Leben und Tod - Tod und Leben - Teil II 10.10.2009
Leben und Tod - Tod und Leben - Teil I 26.09.2009
Von der Frauenforschung zur „Kritischen Patriarchatstheorie" 27.06.2009
Working Witches - Teil I 12.04.2009
Männer im Zirkel – ein subjektiver Bericht 31.01.2009
Die sich verändernde Rolle des Wicca-Mannes 04.10.2008
Polarität und Gegensatz 17.05.2008
Polarität und ihre Fehlinterpretationen 02.02.2008
Intelligent Design 21.07.2007
Gen-Technologie und Naturreligion - Teil III 28.04.2007
Gen-Technologie und Naturreligion - Teil II 21.04.2007
Gen-Technologie und Naturreligion - Teil I 14.04.2007
Der Grüne Mann 24.03.2007
Farben - Teil II 25.11.2006
Farben - Teil I 11.11.2006
Polarisierung und Politik 18.02.2006
Menschlich betrachtet I I – Das „Warum?“ 18.06.2005
Menschlich betrachtet I – Der Urknall 12.03.2005
Quantenphysik und die neuesten Erkenntnisse 04.12.2004
Wer ist deine Urmutter? 31.07.2004
Polarität und das All-Eine 25.10.2003
Von «Gut» und «Böse» 02.08.2003
Wissenschaft und Spiritualität 07.06.2003
Gut und Böse 13.04.2003
Beziehungs-Restmüll? 15.10.2002
Lilit und Eva 17.08.2002
Der Heilige Gral als Symbol der Göttin II 03.08.2002
Der Heilige Gral als Symbol der Göttin I 27.07.2002
Geschlechterkampf oder Partnerschaft? 25.05.2002
Grundsatzgedanken zur Polarität - Teil III 11.04.2002
Grundsatzgedanken zur Polarität - Teil II 30.03.2002
Polaritäten - aus unserer Sicht 23.03.2002
Grundsatzgedanken zur Polarität - Teil I 15.03.2002






               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017