Polarisierung und Politik
„Jedes Ding hat zwei Seiten.“ – Jeder hat diesen Spruch schon einmal gehört. Und es stimmt ja, bis auf die Tatsache, dass die meisten Dinge sogar mehrere Seiten haben. Aber auf wunderbare Weise scheint es so zu sein, dass sich, auch wenn es mehrere Blickwinkel gibt, genau zwei „hauptsächliche“ Seiten herauskristallisieren. Wir sehen es im Sport und in der Politik. Es gibt immer zwei Hauptdarsteller: Den Titelverteidiger und den Herausforderer, der Zweikampf ist also eröffnet.

Thanks to: © Gretchen Sveda

Es beginnt ja schon in der Kommunikation selbst, worüber sollten wir diskutieren, wenn es nicht die sprichwörtliche These und die Antithese gäbe, oder einfacher gesagt: die Meinungsverschiedenheit. Der relativ unbekannte und sehr missverstandene Begriff „Polarität“ enthält für mich allerdings den Hinweis, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern die beiden Farben einfach die äußersten Endpunkte sind und es dazwischen unzählige Zwischentöne gibt. Genauso, wie auch die meisten Menschen, eigentlich alle, zwischen dem Nord- und dem Südpol leben.
Ein schönes Bild, nur trotzdem gibt es wohlgemerkt eine gewisse Tendenz zur Masse hin, so als wären die Extremstandpunkte wirklich in einer Art und Weise anziehend wie bei einem echten Magneten. Ein anderes Wort dafür ist Gruppenzwang. Beeindruckende Tests haben ergeben, dass Menschen allein durch den so abstrakten Gruppenzwang oft allzu gerne die eigene Meinung über Bord werfen und sich der Meinung der Mehrheit anschließen, nur um „dazu zu gehören“, so absurd sie ihnen auch scheinen mag. Der Mensch ist schließlich ein soziales Wesen.
Nichtsdestotrotz und notgedrungen finden sich diese Extreme, ob es jetzt im Fußball ist oder anderswo in unserer Welt, als einander gegenübergestellt vor. So wie der keltische Torque, der an seinen Enden Verdickungen hat, die einander direkt gegenüber zu liegen scheinen, mit einem scheinbaren Vakuum, einer Unterbrechung des Kreises, der Kluft zwischen den Gegensätzen quasi, dazwischen.
So auffällig die zwei Endknoten beim Torque sind, und das macht den Erkennungswert eines Torque erst aus, so wenig machen sie die hauptsächliche Masse des Schmuckstücks aus. Extreme fallen aber auch in der restlichen realen Welt deutlicher auf als der Rest, das ist klar.


Synthese?
Es kommt aber nun auch das sprichwörtliche Dritte ins Spiel, nach These und Antithese: die Synthese. Ein Punkt, den man im Gespräch zu erreichen sucht, ein einander Befruchten der Standpunkte, ein gewisser Konsens und letztendlich – ein Miteinander, denn der Mensch ist ja, wie gesagt, ein soziales Wesen.
Ein Mittel zum Zweck der Darlegung der beiden Standpunkte ist die Technik der Polarisierung: Man versucht, den jeweiligen Standpunkt noch zu übersteigern, damit er möglichst plakativ dargestellt werden kann. Man übertreibt sozusagen die Unterschiede, um die Diskussion anzuheizen. Das mag zwar die Unterschiede der jeweiligen Ansichten unterstreichen, macht aber nur Sinn, wenn man einen Konsens anstrebt, im anderen Fall kann sich dies als ziemlich destruktiv erweisen...

Denn es gibt in der Welt einen maßgeblichen Faktor, der von grundlegender Natur ist: Macht. Macht kommt meines Erachtens von „machen (können)“, bezeichnet also unter anderem auch die Möglichkeit, den eigenen Standpunkt durchzusetzen, ohne auf den Standpunkt des Gegenübers Rücksicht nehmen zu brauchen. Macht ist sozusagen der Warp-Antrieb des Egoismus. Und Kompromisse geht man sowieso nicht gerne ein.

Egoismus ist auch so ein Grundprinzip: Wenn wir uns das Tierreich anschauen, ob es eine Ameisenkolonie ist oder eine Schimpansensippe, Loyalität gilt immer nur für die eigene Verwandtschaft. Alle anderen sind potentielle Feinde. Und so war es sicher auch in den menschlichen Urfamilien, den Sippen, nicht anders: Angehörigen der eigenen Sippe wegen opferte der Mensch wohl immer schon bereitwillig sein Leben, während er genauso bereitwillig Angehörige anderer Sippen, Stämme oder Dorfgemeinschaften niedermetzelte. Dergleichen ist heute noch in archaischen Gesellschaften leicht beobachtbar. Und noch vor hundert Jahren waren „Wilde“ für uns nicht wirklich Menschen... es waren einfach „die Anderen“. Und „mir san mir“.


Schwarz-Weiß-Denken und Macht

Das wohl anschaulichste Beispiel für duales Lagerdenken, das an der polaren (also vielfältigen) Wirklichkeit vorbeigeht, ist heutzutage das amerikanische politische System. Kein Mensch würde annehmen, dass außer den Republikanern und den Demokraten eine dritte politische Partei jemals in absehbarer Zukunft eine Chance hätte.
Denn es geht ja in erster Linie um Macht. Was an sich nichts Verwerfliches ist, denn Macht ist unabdingbar nötig um die eigenen Ziele durchzusetzen, auch wenn es selbstlose welche sind zum Beispiel. Dieses also unabdingbare Streben nach Einfluss bedingt aber natürlich, dass man nicht nur gerne auf die Favoriten setzt, sondern sich ihnen am besten gleich selbst anschließt. Außerdem vereinfacht dieses so geächtete und trotzdem in den Köpfen der Menschen vornehmlich praktizierte Schwarz-Weiß-Denken das Leben ungemein: Es ist relativ einfach, sich zwischen nur zwei Möglichkeiten zu entscheiden, alles andere wird im Vergleich dazu schnell ungemein kompliziert. Und schließlich gab es ja auch bei uns in Europa bis zum Ende der politischen Steinzeit, also der Mitte des letzten Jahrhunderts, die ausschließliche Wahl zwischen: Rot oder Schwarz.

Wenn wir die europäische Farbgebung von den drei göttlichen Farben her betrachten, fällt übrigens auf, es geht gar nicht um Schwarz oder Weiß, die Farbe Weiß fehlt hier, die Farbe der Unschuld sozusagen,... und damit will ich es aber auch schon wieder, keine Sorge, mit der Philosophie der Farben belassen. Die weiße Farbe der Unschuld und Selbstlosigkeit wird in der Politik schnell übertüncht, ihre Vertreter werden ganz einfach nicht alt, sie werden umgebracht, ob sie Gandhi oder Martin Luther King hießen. Nelson Mandela war in dieser Welt eine Ausnahme, die sicher viele Millionen, wie auch mich, richtiggehend erstaunt hat.


Aber, Schwenk ins andere Eck des politischen Universums: Nachdem die Endknoten der politischen Welt nicht mehr USA und Russland hießen, seitdem etabliert sich eine andere Mannschaft für das vorläufige Endspiel.

Was dem nachsinnenden Menschen auffällt, ist wohl, dass Politik immer schon – und das auf erstaunliche Weise, mit Religion verquickt war. Ob man es im zwanzigsten Jahrhundert ´der christliche Westen gegen den atheistischen Osten´ nannte... oder anders, wie in den üblichen religiösen Zwistigkeiten davor und danach. Unzählige Kriege wurden bisher im Namen – oder zumindest unter dem Deckmantel – der Religion geführt.
Noch vor wenigen Jahren mag ein Mensch aus dem Westen mit Recht vom proklamiert atheistischen Regime in der Sowjetunion gesagt haben „denen ist ja nichts heilig“ – so mag er heute wohl ein Problem damit haben, dass der islamischen Welt so ziemlich alles heilig ist. Wenn Religion auf die Welt verallgemeinert wird, so ist das ja auch durchaus im Sinne des Paganismus, denn im Grunde ist alles in der Welt heilig (was dem neutralen Leser absurd erscheinen mag, denn wenn es nichts Unheiliges gibt, hat sich das Ganze schon wieder relativiert...).


Die Einen und die Anderen

Der Islam kennt übrigens auch diese polar/duale Grundspaltung wie die Christen: Hier wie dort gibt es eine unüberschaubare Anzahl von abgespaltenen Grüppchen, allein in Österreich gibt es vierzehn verschiedene anerkannte christliche Glaubensgemeinschaften, in Amerika wahrscheinlich tausende, und trotzdem gibt es hier wie dort vor allem die Sunniten und Schiiten, die Katholiken und Protestanten – die hauptsächliche Zwei-Teilung scheint unvermeidlich.

Und so wie dieses duale System aufgebaut ist – das übrigens idealerweise ein polares sein sollte – Europa hat es inzwischen weitgehend kapiert, dass ein Mehr-als-zwei-Parteien-System sinnvoll ist (wenn auch komplizierter und anstrengender), man nennt es Pluralismus, ich würde sagen, wahre Demokratie – so wie dieses duale System also aufgebaut ist, gehört natürlich dazu, dass die jeweiligen Konfliktparteien einander bekriegen oder zumindest versuchen, den jeweils anderen auszustechen.

Egal auf welcher Ebene der Dualität, es scheint ein Konflikt vorprogrammiert: Bevor man einen Konsens sucht, wird erst mal nachgeschaut, ob man das überhaupt nötig hat und Kompromisse eingehen muss... „the winner takes it all“ – der Grundsatz des amerikanischen Wahlsystems ist eigentlich ein primitiv-archaischer: Die Krieger der von mir besiegten Armee werden ganz einfach meine Krieger.

Wenn wir schon bei dieser martialischen Ausdrucksweise sind, passt ein anderer, auch nicht gerade unamerikanischer, Ausdruck dazu: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ (Mache kennen diesen Satz auch direkt aus dem Munde G.W. Bushs.) Damit ist alles gesagt: Entweder, oder. Schwarz oder Weiß. Eine andere zwingend logische Auslegung dieser Aussage ist: „Wir sind die Guten und sind daher automatisch im Recht.“ Und die moslemische Welt nimmt dies genau so selbstverständlich für sich in Anspruch wie natürlich auch die Amerikaner.

„Mir san mir – und aus.“ Klar wird es einmal eine Welt geben, wo sich die Engstirnigkeit im Denken der Menschen so weit aufgelöst hat, dass der Mensch jeden anderen Erdenbürger, vielleicht sogar jedes Lebewesen in diesem Universum, als seine Geschwister betrachten wird. Nur, das kann noch dauern. Bis dahin kann ich nur weiter den Kopf schütteln, und ich hoffe, ich werde nicht allzu schwindlig davon. Aber dann würde ich wenigstens besser in diese Welt passen. Oft genug waren es gerade religiöse Konflikte, die die menschliche Welt erschütterten. Was kein Wunder ist, die eigene Religion ist maßgeblich daran beteiligt, wie sich ein Mensch selbst definiert. Jedenfalls sollte die Zeit vorbei sein, wo Götter einander bekriegen, auch wenn es ihnen von den Menschen nur untergeschoben wird.


Gwynnin


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