Menschlich betrachtet II – Das „Warum?“
Nachdem ich im ersten Teil versucht habe zu ergründen, wo die Ursprünge von Religiosität liegen könnten und ob etwa bereits im Tierreich Anzeichen für etwas Ähnliches zu finden sind, möchte ich hier auf mögliche grundlegende Beweggründe religiösen Denkens und Empfindens eingehen.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Die Frage nach dem Warum ist wohl der Ursprung und die Ursache jeglichen menschlichen Forschens und somit seiner Erkenntnis. Klar stand das Wie erst mal immer im Vordergrund praktischer Überlegungen: „Wie könnte das (besser) funktionieren?“ war wohl der Ursprung für alles, was uns heute an den so genannten menschlichen Errungenschaften selbstverständlich ist, wie z.B. das Rad. Aber auch die Frage nach dem Wie führt bereits in philosophische Gefilde, spätestens die Frage „Wie entstand das Universum?“

Alle, die Kinder haben, wissen: die Gretchenfrage lautet allerdings anders, nämlich warum. „Duu Pappi, warum ist der Himmel blau?“ oder die zahllosen ähnlichen Fragen werden vielen Eltern bekannt sein, wenn Kinder versuchen, die Welt kennen und verstehen zu lernen.

Oft hat es den Anschein, als hätte Religion tatsächlich erfunden werden müssen, um Fragen beantworten zu können, auf die sonst keine Antwort möglich war. Wenn es donnerte, dann musste das ja eine Ursache haben. Nachdem man ohne Hilfsmittel nicht einfach so auf die Idee kommen kann, dass es so etwas wie Elektromagnetismus gibt, musste für alle die Phänomene in der Natur eine sozusagen unerforschliche Quelle herhalten. Spätestens hier wird klar, es musste wohl Wesen geben, die unsichtbar und zugleich ungleich mächtiger als Menschen waren – wir wissen, man nannte sie Götter. Kleinere, weniger umfassende Ungereimtheiten wie die plötzliche Erkrankung Einzelner konnten auf weniger mächtige, unsichtbare Auslöser zurückgeführt werden, die dann böse Geister oder so ähnlich genannt wurden.

So weit das alles bis jetzt ja recht plausibel klingt, wir wissen, dass mit dem Zeitalter der Aufklärung die Kunde die Runde machte, dass es im Grunde für alles eine einleuchtende Erklärung gibt. Während die Anfänge der Medizin noch darin bestanden, den Menschen Löcher in den Kopf zu bohren, damit der böse Geist, der die Kopfschmerzen verursacht haben musste, entweichen konnte, begann man, diesseitige Ursachen zu erkennen und zu erforschen.
Schlussendlich gipfelte diese Entwicklung in der Ansicht, dass alles erklärbar wäre und im Newtonschen Weltbild des Mechanistischen Universums, das wie eine Maschine funktioniert und das halt beständig vor sich hin tut, gipfelte. Die alten Götter hatten als Ursache des Weltgeschehens immer weniger zu tun, Zeus brauchte keine Blitze mehr zu schleudern und Thor kam als Verursacher des Donners auch aus der Mode.

Doch manche Fragen blieben naturgemäß beständig offen und ungeklärt. Warum gibt es die Welt eigentlich und da es sie ja schließlich gibt, wer hat sie überhaupt erschaffen? Oder wiederum auf der persönlichen Ebene, jeder kennt wohl die Frage, die sich im Fall einer persönlichen Katastrophe anscheinend unvermeidlich als erste aufdrängt: Warum ist ausgerechnet mir das passiert?


Die Suche nach dem Sinn
Spätestens hier wird offensichtlich, dass jeder Mensch eine Art philosophisches Urbedürfnis zu haben scheint, das Bedürfnis nach Sinngebung. Das Prinzip von Ursache und Wirkung ist relativ schnell durchschaubar, in jeder Einzelheit des Lebens – nur aus irgendeinem Grund scheint das dem Menschen zu wenig zu sein, er scheint eine Art transzendente Zusatzbegründung zu brauchen. „Warum musste das passieren?“ hat sich wohl jeder schon mal gefragt und konnte trotzdem mit der Antwort anderer, „es musste wohl nicht, es passierte einfach“ so gar nichts anfangen. Sonderbarerweise scheinen auf den ersten Blick eigentlich vollkommen sinnlose Aussagen wie Schicksal, Karma oder göttlicher Wille mehr Trost spenden zu können als die einleuchtende Erklärung „weil der andere bei Rot über die Ampel gefahren ist und du halt gerade da warst“. Interessanterweise reicht uns auf der alltäglichen Ebene das Ursache-Wirkung-Prinzip als Erklärung oft plötzlich nicht mehr aus – und das, obwohl Erklärungen wie Karma oder göttlicher Wille auch nichts anderes darstellen als eine Ursache und die Katastrophe als deren Wirkung. Warum?

Hochinteressant zu beobachten war dies wieder mal kurz nach der Tsunami-Katastrophe Ende 2004. Zahllose Gedanken von „Warum hasst uns Gott / hassen uns die Götter so?“ bis hin zu Gerüchten über ein göttliches Strafgericht waren zu hören und zu lesen. Ich war allerdings sehr beruhigt, als ich von geistlichen Vertretern mehrerer Religionen die besonnenen Aussagen hörte, dass die Natur dieser Welt mal Veränderung sei und dabei eben immer wieder menschliches Leid zu beklagen – aber auch unvermeidbar sei.

Letztendlich scheint es, als wäre zumindest in diesem globalen Zusammenhang das sich dem Menschen immer und ewig aufdrängende Gut und Böse wieder mal als absurd entlarvt worden zu sein, auch wenn uns diese Erkenntnis emotional so gar nichts nützt, wenn wir uns wieder mal auf die brennende Frage „Warum?“ nur die Antwort geben können: „Na weil!“


Der „tiefere“ Sinn
Ganz abgesehen von einem launenhaften göttlichen Willen, dem sich die Menschen des Altertums unterworfen sahen und so auch keine andere Möglichkeit sahen, als sich die Götter gewogen zu machen, um das Schlimmste, möglichst von vorn herein, zu vermeiden – gibt es auch einen anderen möglichen Ansatz, dem emotionalen Dilemma des Warum zu entkommen, nämlich die Erkenntnis, dass alles was geschieht seinen tieferen Sinn hat.
Selbst Menschen, die nicht sehr religiös veranlagt sind, tendieren doch auffallend oft, und das nicht nur im Katastrophenfall, zu der Ansicht, dass alles was in der Welt so vor sich geht, wenn schon nicht unbedingt einem göttlichen Plan, so doch zumindest einem unsichtbaren Muster zu folgen scheint. Ob dies alles wirklich einem so genannten höheren Ziel dient, können wir in Wirklichkeit meist nicht mal ansatzweise ermessen, aber oft genug scheint man es irgendwie zu „ahnen“.

Ich persönlich stehe dieser „Sucht nach Sinn“ jedoch oft genug ratlos gegenüber, spätestens wenn sich Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen. Jede Religion versucht zu allererst, diese brennende Frage zu beantworten, scheint sie doch maßgeblich die geistige Gesundheit des Menschen zu beeinflussen. Die Antworten sind so mannigfaltig wie tendentiös. Immer scheint es auf die Aufforderung hinaus zu laufen, ein besserer Mensch zu werden, zumindest um sich so ein besseres Leben zu verdienen – oder eben im Extremfall, um sich ein angenehmes Leben nach dem Tode, ich sag jetzt mal provokant, damit „erkaufen“ zu können.
Wer allerdings nur deswegen versucht, ein guter Mensch zu sein und meint, so dem Leben einen Sinn verleihen zu können – und nicht einfach, weil es ihm ein Bedürfnis ist, kein Arschloch zu sein, hat da meiner Meinung nach gründlich etwas missverstanden. Dazu mehr im nächsten Teil.


Gwynnin


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