Wer ist deine Urmutter?
Nach den Forschungen von Bryan Sykes, Professor für Humangenetik an der Universität Oxford, stammen alle heute lebenden Menschen von einer einzigen Frau ab. Das gibt dem religiösen Begriff der Großen Mutter oder Urmutter möglicherweise eine völlig neue Bedeutung.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Die heutigen Möglichkeiten der Molekularbiologie lassen uns den Stammbaum des Menschen unbegrenzt zurückverfolgen. Sykes entdeckte erstaunliche Übereinstimmungen der DNA in den Mitochondrien des Menschen. Da Mitochondrien nur über die Mutter vererbt werden, stammen nach den Erkenntnissen von Sykes die DNA-Sequenzen sämtlicher menschlicher Mitochondrien, die heute auf der Welt existieren, von der Mitochondrien-DNA einer einzigen Frau ab.
Mitochondrien gibt es zu Hunderten in den meisten Zellen. Sie haben die wichtige Aufgabe, komplexe chemische Verbindungen in ein einfaches, energiereiches Molekül aufzubrechen – eine Art Zellbatterie – das die Zellen zu vielen verschiedenen chemischen Reaktionen nutzen. Höchstwahrscheinlich sind Mitochondrien Nachfahren von Bakterien, die sich vor mehr als einer Milliarde Jahren in anderen einzelligen Organismen angesiedelt haben. Seither leben sie dort als Trittbrettfahrer und versorgen als Gegenleistung für einen behaglichen Lebensraum Pflanzen- und Tierzellen mit Energie.
Durch ihre eigenständige Abstammung besitzen sie eine eigene DNA. Anders als das chromosomale Erbgut im Zellkern wird die mitochondriale Erbinformation bei der Entstehung einer neuen Generation nicht durchmischt. Ihre Veränderungen kommen einzig durch Mutationen zustande. Die Mutationsrate der Mitochondrien sind extrem niedrig. Das macht sie für die Rekonstruktion der menschlichen Entwicklungsgeschichte so nützlich. Aber wie kam Bryan Sykes darauf? Er schreibt:

„Als ich an diesem Abend auf dem Heimweg mit den Gedanken eigentlich ganz woanders war, erlebte ich einen dieser kostbaren Augenblicke, da aus unerfindlichen Gründen plötzlich ein Erinnerungsfragment aus den Tiefen des Gedächtnis auftaucht und man innerhalb von Sekundenbruchteilen gewahr wird, daß man die Lösung für ein Problem gefunden hat: Mir schossen die Goldhamster durch den Kopf.“

Sykes hatte als kleiner Junge im Kinderlexikon über Goldhamster gelesen, dass alle zahmen Goldhamster der Welt von einem einzigen Weibchen abstammten. Er schildert dann, wie er diese Information erfolgreich überprüft und von Goldhamstern anhand ihrer Ausscheidungen die DNA sequenziert und zu einer 100prozentigen Übereinstimmung gelangt. Er schreibt:

„Alle Zuchtgoldhamster der Welt stammten von einem einzigen Weibchen ab. Wichtiger war für uns jedoch der Nachweis, dass sich die Kontrollregion seit den Tagen jener Hamster-Urmutter überhaupt nicht verändert hatte. All die Abermillionen Urururenkel in aller Welt hatten exakt die Kontrollregion-Sequenz ihrer Stammutter aus der syrischen Wüste geerbt. Bei den Kopiervorgängen hatte sich nicht ein einziges Fehlerchen eingeschlichen; ein faszinierender Gedanke.“


Die sieben Urmütter Europas
Diese Erbinformation in den Mitochondrien der Urmutter spaltete sich im Laufe der Zeit durch Mutationen in 33 Urmütter auf, sozusagen Töchter der einen Urmutter aus Afrika, die vor etwa 200.000 Jahren gelebt hat. Für Europa hat Sykes sieben Urmütter bestimmt und auch gleich mit Namen und Lebenslauf ausgestattet. Diese Frauen sollen die Urahninnen für ganze 99 Prozent der Europäer darstellen, wie ja anhand der Mitochondrien bewiesen werden kann.

Nachdem manche meinen, der Götterglaube des Menschen sei urspünglich aus dem Ahnenkult hervorgegangen – könnte man daraus ableiten, dass in Europa sieben ursprüngliche Göttinnen zu Hause sind? Ich habe noch keine Vergleiche angestellt, aber es wäre doch interessant, nachdem ja auch nachzuweisen ist, wann und wo sie gelebt haben.
Sykes hat unsere Urahninnen jedenfalls mit relativ willkürlichen, aber ihrer Herkunft entsprechenden Namen Tara, Helena, Katrine, Ursula, Valda, Xenia und Jasmine genannt. Zum Beispiel habe Ursula aus Griechenland vor 45.000 Jahren und Jasmine aus Syrien vor 10.000 Jahren gelebt. Ursula lebte an der griechischen Küste in einer Höhle und zusammen mit ihrer Schar war die Nahrungssuche ihre Hauptbeschäftigung. Ihre Schar breitete sich rasch über ganz Europa aus und verdrängte immer mehr den Neandertaler. Elf Prozent der heutigen Europäer sind direkte Nachfahren Ursulas. Man findet sie in ganz Europa, in größeren Gruppen im Westen Großbritanniens und in Skandinavien.

Du kannst durch eine Genanalyse auch deine Urmutter feststellen lassen. Alles was es braucht sind 180,- Pfund und du bekommst das Set zur Entnahme deiner Gewebeprobe per Post zugeschickt. Nähere Informationen dazu gibt es auf der Homepage von Oxford Ancestors an die die (schmerzfrei) selbst entnommene Gewebeprobe dann nur noch zu versenden ist. Schon gespannt... ?


AhnInnen und GöttInnen
Urahnen sind nichts anderes als unsere Urur...großmütter und -väter. Ob die Christen ihren Gott oft "Vater" nennen, nur weil er ja einen 'leibhaftigen Sohn' gezeugt hat und die modernen duotheistischen und polytheistischen Religionsansätze von der Großen Mutter sprechen kann ja kein Zufall sein. Wir sehen uns alle wohl irgendwo als Kinder der Götter. Was wäre daran verwunderlich, der Frau Verehrung und einen göttlichen Status zuzubilligen, ohne die es keinen einzigen Menschen geben würde? Hätte sie nicht gelebt oder keine Kinder bekommen, dann wäre die Menschheit, wie es einige Male schon fast der Fall gewesen zu sein scheint, schon seit 200.000 Jahren ausgestorben. Wenn, dann verdient wohl diese Frau die Bezeichnung "große Mutter" wie keine andere und der alte Mythos von Eva oder all den anderen Frauen und Männern, von denen nach den verschiedensten Mythen das Menschengeschlecht abstammt – klingen irgendwie plötzlich so realistisch...

Also wer seine Ahnen ehrt kann sich ab jetzt dabei bewusst sein, dass wir alle an einem gewissen Punkt in der Vergangenheit tatsächlich ein und die selbe Urahnin anbeten. Wir haben eine Große Mutter, eine Urur... Urgroßmutter! Und wenn es stimmt, dass Menschen durch ihre Nachfahren weiterleben, dann ist sie nicht nur eine Mutter, die auf uns als ihre Kinder oder Kindeskinder schaut, sondern wohl eine wahre und echte Göttin.
Auch wenn dieser Vergleich ein wenig zum Schmunzeln anregt oder für manche gar Blasphemie darstellen mag, ich finde den Gedanken ganz nett, auch wenn viele meinen mögen, Götter seien ja was völlig anderes als Menschen. (Worauf hin ihnen die anderen gleich widersprechen... ) Ich denke, die Vorstellungen, was jetzt Götter wirklich sind, sind so zahlreich wie es Menschen gibt. Und vielleicht habe ich dadurch ein wenig zum Nachdenken angeregt.

Aber auch ihre Töchter haben ja Beachtung verdient. (Oder halt "Mutationsvarianten", wie es die eher trockenen Wissenschaflter ausdrücken würden.) Interessant wäre, wenn breitere Ergebnisse zeigen würden wie sich im Einzelnen die Nachkommen der sieben Töchter kreuz und quer über Europa ausgebreitet haben.
Die bekannte Sichtweise dass wir alle miteinander verwandt sind, bekommt natürlich auch völlig neue Bedeutung. Wir sind nicht nur miteinander verwandt als eine Primatenart oder Spezies, sondern ganz realistisch und anthropologisch über einen relativ kurzen Zeitraum hinweg betrachtet. Auch haben Schätzungen zufolge vor ungefähr 600.000 Jahren eine damalige gewaltige Vulkanexplosion nur etwa 10.000 Menschen überlebt. Das führt leider auch dazu, dass die Menscheit gesamt eine ziemlich verarmte Genvielfalt besitzt.


Skurrile Ergebnisse am Rande

Die genetische Forschung hat, wie es auf fast alles zutrifft, hier auch ihre guten Seiten. Sie kann uns unsere Vergangenheit erhellen und zu neuen Erkennnissen führen. So wurde lustigerweise laut einer Arte-Dokumentation festgestellt, dass die Waliser keinen Tropfen gälisches, also keltisches Blut in ihren Adern haben, sondern vielmehr die Nachkommen von aus dem Osten eingewanderten Skandinaviern sind.
"Strange" vor allem für die Briten dürfte ja sein, dass einer von 100 weißhäutigen Briten in Wirklichkeit von einem Schwarzen aus Afrika oder einem Asiaten abstammt. Eine Erklärung, wie die "schwarzen" Gene aus Afrika und Asien ins "weiße" Erbgut der Briten kamen, hat Bryan Sykes auch: durch den Soldaten- und Sklaven-Import der alten Römer. "Dies nimmt der Behauptung, es gebe biologische Gründe für eine Klassifizierung von Menschen nach Hautfarben jegliche Basis. Wir alle sind genetisch eine komplexe Mischung, und zugleich alle mit einander verwandt." Leider war allerdings auch natürlich bald mal die "übliche vereinfachte Sichtweise" zu hören, dann wären ja immerhin 99 Prozent der Briten "eines Blutes". Genetische Erkenntnisse werden wohl immer in irgendeiner Weise von rechter Seite missbraucht werden, das darf uns nicht wundern.
Zu denen, die einen besonders starken afrikanischen Gen-Anteil aufwiesen, gehörte dem Bericht zufolge ein Milch-Farmer aus Somerset in Südengland, der seine "rein britische" Ahnenreihe über Jahrhunderte zurückführen kann. Auch das Rätsel um die angebliche Zarentochter wurde gelöst. Aber noch spektakulärer ist der Blick, der sich mittels Analyse des menschlichen Erbguts in die Menscheitsgeschichte eröffnet: Der 5.500 Jahre alte "Ötzi" hat direkte Nachkommen, die heute in England leben.


Und die Urväter?

Tja, die scheinen in der Form nicht so leicht feststellbar zu sein – wie es halt immer schon war. Mutterschaft ist etwas leichter nachzuweisen. Vielleicht spricht man deshalb nur vom "Begleiter der Großen Mutter", weil der Vater ja nicht so einwandfrei nachweisbar ist (oder war) und deshalb eben eher anonym bleibt. Hat der Gehörnte ein Gesicht? Eventuell waren da ja auch mehrere Männer beteiligt an der Zeugung des heutigen Menschengeschlechts. Das Y-Chromosom macht bekanntlich den kleinen Unterschied zwischen den Geschlechtern aus, aber da es durchaus wandelbarer ist als die mitochondriale DNS gestaltet sich die Suche schwierig. Aber es ist nicht verwunderlich, dass Sykes auf der Webseite bereits das nächste große Projekt ankündigt: die Suche nach den Söhnen Adams.


Quellen:
Byran Sykes: «Die sieben Töchter Evas» Gustav Lübbe Verlag
Steve Olson: «Herkunft und Geschichte des Menschen» Was die Gene über unsere Vergangenheit verraten, Berlin Verlag (2003)
Arte: Doku-Dreiteiler «Die Kelten», den mal Mc Claudia für einen VideoAbend aus ihrem Archiv gekramt hatte.


Gwynnin


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