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Polarität und das All-Eine
Es mag den Anschein haben, dass Polarität und das All-Eine nicht vereinbar sind. Die meisten Menschen assoziieren mit dem Wort Polarität sofort Gegensätze, und darunter verstehen sie in erster Linie die unvereinbaren Gegensätze, wie es Gut und Böse sind oder Gott und Teufel. Warum ist das so?
Thanks to: © Gretchen Sveda

In unserer westlichen Kultur ist unser Denken vom Christentum geprägt. Das Christentum wiederum basiert auf der dualistischen Weltanschauung von Gut und Böse, es basiert auf Gott und seinem Widersacher, dem Teufel. Die Weltsicht ist im Christentum linear. Alles hat einen Anfang und ein Ende, soweit es die Materie betrifft. Vor der Materie war Gott und nach der Materie wird wieder Gott sein, beziehungsweise eine rein spirituelle Existenzform (Himmel). Diese wird dann ewig andauern.
In meiner Philosophie der Polarität gibt es zwar auch Gegensätze, jedoch gehören hier diese Pole zusammen. Sie bekämpfen sich nicht, sondern sie bedingen sich. Sie können alleine gar nicht existieren. So wie es keinen Tag gäbe ohne die Nacht, oder wie man den Begriff des "oben" nicht definieren könnte, ohne den Begriff des "unten" usw. Unglücklicher Weise assoziieren wir mit dem Wort Gegensatz in erster Linie das "Ent"-gegen-sein. Man sieht darin die Richtung des sich Gegeneinander-Stellens und daraus folgernd des sich Bekämpfens. In der Polarität das Gegensätzliche zu sehen, ist eine nicht ganz korrekte Sichtweise, denn bei zwei Polen ist der Gegensatz im Sinne von Entgegen nicht enthalten. Zwei Pole bedingen sich, sie gehören zusammen. Ein Magnet wäre kein Magnet, wenn es diese beiden Pole nicht gäbe. Diese Pole müssen auch gleich stark sein, sonst könnte der Energiefluß und die aus den Polen herkommende Spannung nicht fließen.

Die christliche Lehre schließt andere Sichtweisen aus. Jesus sagt: "Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich" (Math. 12/30). Diese Einstellung, die nicht von der Gleichheit, dem Gleichgewicht und dem Ausgleich ausgeht, sondern vom Entweder-Oder, hat mit Polarität nichts zu tun. Diese Einstellung, die nichts anderes zulässt, führt unweigerlich zur Überheblichkeit und kann auch sehr aggressiv werden. Auch kann diese Einstellung bei anderen, selbst wenn sie im Grunde offen und friedlich sind, auf die Dauer zu Ablehnung und schließlich sogar zur Aggression führen. Wenn man immer wieder gesagt bekommt, wie arm man doch sei, dass man nicht zu den Auserwählten gehöre, dann ist das nicht gerade ein sinnvoller Weg zum Frieden und zur Liebe, selbst wenn man seine Lehre als die Lehre der Liebe bezeichnet.

Diese kurze Erklärung der Unterscheidung von Dualismus und Polarität ist notwendig, um die nachfolgenden Gedanken über das All-Eine zu verstehen. Das Prinzip von Yin und Yang aus der Lehre des Taoismus (auch Daoismus), das auch in der Philosophie der Polarität ein wesentlicher Grundgedanke ist, macht in schöner Weise dies symbolhaft deutlich.
Nun gibt es im Taoismus den Begriff des All-Einen, das vor der Existenz des polaren Yin und Yang existierte und das letztendlich die Unterschiede der beiden polaren Erscheinungen wieder aufheben wird. So jedenfalls verstehen wir diese fernöstliche Philosophie. Demnach also wäre meine Philosophie der Polarität, die davon ausgeht, dass alles unendlich einem Zyklus unterworfen ist, dass alles sterben wird und wieder geboren wird, dass Materie und Spirit immer als diese beiden polaren Erscheinungen existieren werden, dass männlich und weiblich nicht aufgehoben werden, usw., mit dem Daoismus nicht gleich oder doch nur so weit gleich, als es sich um eine Erscheinung nur in der materiellen Seinsform handelt.

Ich erlaube mir jedoch, die Frage zu stellen, ob wir mit unserem christlichen Denkschema des Dualismus diese fernöstliche Philosophie vielleicht ganz falsch interpretieren. Ich frage mich, ob wir den Begriff des All-Einen vielleicht gar nicht richtig verstehen können, weil unsere Denkweise nicht erfassen kann, dass etwas Eins und gleichzeitig Zwei sein kann. Mit anderen Worten: In dem All-Einem sind immer noch die Pole des Zweiseins enthalten, jedoch in so ausgewogener Weise, dass sie in absoluter Harmonie ein Ganzes, das All-Eine ergeben.

Die chinesische Lehre sagt aus, dass die Yin-Yang-Theorie eine allgemeine, dialektische Logik ist, die Beziehungen, Muster und Veränderungen erklärt. Yin und Yang als komplementäre Gegensätze werden benutzt, um den immerwährenden Prozess natürlicher Veränderung in einem untrennbaren Ganzen nach folgenden Prinzipien zu erklären:

· Alle Dinge haben einen Yin- und einen Yang-Aspekt.
· Jeder Yin- oder Yang-Aspekt kann wiederum in Yin und Yang unterteilt werden.
· Yin und Yang schaffen einander.
· Yin und Yang kontrollieren sich gegenseitig.
· Yin und Yang verwandeln sich ineinander.

Ich möchte besonders auf den zweiten Punkt aufmerksam machen. Demnach beinhaltet also jeder Yin und Yang Aspekt wieder einen weiteren Yin- und Yang-Aspekt und so weiter. Wo sollte dieses Symstem aufhören? Im Mikrokosmos und im Makrokosmos? Und warum sollte es irgendwo aufhören? Ist nicht alles unendlich?

Die Schlussfolgerung aus diesem Gedanken kann nur sein: Dieses Prinzip kann nicht nur auf die Materie beschränkt bleiben. Es muss also auch so sein, dass Materie und Spirit zusammen und als untrennbares Ganzes selbst dieses Yin und Yang Prinzip sind, oder man müsste dann sagen: ist. Denn es ist das Ganze. Diese beiden zusammen, Spirit und Materie, ergeben das All-Eine, obwohl es zwei Seinsformen enthält. Wenn die Gleichheit so ausgewogen vorhanden ist, dass es tatsächlich als Einheit besteht, kann man dies als die absolute Verschmelzung zu einem Ganzen betrachten, das jedoch trotz dieser Verschmelzung und in der Einheit immer noch aus Materie und Spirit besteht. Zu vergleichen mit einem guten Ehepaar, das so eng verschmolzen ist, dass sich beide als Einheit empfinden. Trotzdem sind es immer noch ein Mann und eine Frau.

Ich folgere nun weiter: Das Übel in der Welt besteht nicht in dem Vorhandensein von Gut und Böse und dem ewigen Kampf um die Vorherrschaft, sondern es besteht darin, dass das Gleichgewicht von Yin und Yang Aspekten gestört ist. Die Störung ist aber nicht in der Natur begründet, sondern im Menschen. Der Mensch ist der Störenfried, der aufgrund von Eigennutz, Machtgier oder Dominanzstreben und übertriebenes egoistisches Besitzstreben das Gleichgewicht ins Ungleichgewicht bringt.
Nun kommt eine überraschende Schlussfolgerung: Solange der Mensch nicht erkennt, dass er selbst und sein Verhalten Yin und Yang aus der Balance bringt, dass er es ist, der Trennung hervorruft (die Trennung zwischen Mann und Frau, die Trennung zwischen Rassen, die Trennung zwischen Alt und Jung, zwischen Christen und Mohammedanern oder sonst welchen Religionen, zwischen Arm und Reich, Richtig und Falsch und so fort....), wird er bei dem Wort Polarität nur die Gegensätze sehen, die sich bekämpfen. Er wird Polarität mit Dualismus verwechseln, weil er nicht die Möglichkeit erkennt, dass zwei polare Gegensätze harmonisch zusammen ein Ganzes, nämlich das All-Eine ergeben können.
Wenn die Menschen sich so weit entwickelt haben werden, dass sie zu dieser Einsicht kommen, dann wird die Trennung, die der Mensch irgend wann einmal vorgenommen hat, wieder behoben sein. Sie wird sich nicht von selbst ergeben. Nein, der Mensch, der ursprünglich der Verursacher war, muss nun auch wieder etwas dafür tun, dass sich das Gleichgewicht wieder herstellt. Dann wird das All-Eine wieder zugegen sein, so wie es früher zugegen war, bevor der Mensch angefangen hat, durch Selbstsucht, Machtgier Dominanzstreben und durch übertrieben egoistisches Besitzstreben das Gleichgewicht ins Ungleichgewicht zu verkehren.
Um das zu erreichen, bedarf es nicht des Weltuntergangs. Es bedarf nur der Reife, der Einsicht, des Erkennens, der Weisheit. Die Geschichte vom Baum der Erkenntnis wird leider falsch ausgelegt oder sie ist sogar von den Schreibern der Bibel absichtlich falsch dargestellt. Es geht nämlich nicht um die Erkenntnis von Gut und Böse, sondern durch die menschlichen Taten wird Gut und Böse erst ins Leben gerufen, nämlich durch Selbstsucht, Machtgier und Dominanzstreben und übertriebenes egoistisches Besitzstreben. Wir sollten also lieber vom Baum der Weisheit essen, um die vom Menschen geschaffenen unparadiesischen Zustände wieder ins Paradies zu verwandeln.

Ich hoffe, dass ich verständlich machen konnte, dass das All-Eine kein Gegensatz zur Philosophie der Polarität ist, sondern ihr Ziel und ihre Vollendung. Allerdings darf man nicht das All-Eine als eine homogene Verschmelzung oder der Beseitigung weder von Gegensätzen noch von Polen betrachten und darf somit nicht die Auflösung der Polarität erwarten, sondern muss die weitere Existenz der beiden Pole innerhalb der Einheit anerkennen. Eine Verschmelzung zur homogenen Masse ohne die Pole kann es nicht geben, denn die Pole bedingen sich und aus der Existenz der Pole erwächst das SEIN. Ohne Polarität gäbe es gar nichts mehr, denn es ergäben sich keine Spannungen, keine Schwingungen zwischen den Polen, was für die andauernde Erhaltung des Seins sorgen würde. Ja, was das Sein selbst ist.
Es gibt natürlich andere Weltanschauungen, zum Beispiel den Buddhismus, der davon ausgeht, dass letztendlich tatsächlich ein Nichts entsteht, dass es weder Materie noch Spirit geben wird. Wenn es so sein sollte, dass die Pole tatsächlich irgend wann einmal verschwinden, dann kann es nichts mehr geben, dann ist nur noch das Nirwana. Aber das Wort "ist" wäre in diesem Falle unangebracht, denn ein Nichts-Sein ist ja tatsächlich nichts. Diese Weltsicht ist Ansichtssache, so wie auch das Christentum und schließlich jede andere Religion ebenfalls Ansichtssache ist.
Wenn man jedoch das Yin und Yang Prinzip als überall existierend erkannt hat, besteht kein Grund zur Annahme, dass dies irgendwann einmal anders sein wird. Die Erkenntnis des immerwährenden Spannungsaustausches von zwei Polen als Grundlage jeder Existenz und die Einsicht, dass es ein Ganzes trotz der zwei Pole in harmonischer Zusammenführung geben kann, ist die wahre Erkenntnis es All-Einen.


Werner


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