Wissenschaft und Spiritualität
Es hat den Anschein als wäre die Wissenschaftsgläubigkeit heute unsere Religion. Ich spreche natürlich nicht von allen Menschen. Aber es ist sicher keine Frage, dass viele Menschen mehr an die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse glaubt als an einen Gott, eine Göttin, die Götter oder auch nur an irgend etwas Spirituelles. Spirit kann man nicht wissenschaftlich erfassen, nicht wiegen, nicht messen, nicht einmal genau beschreiben. Wie soll also ein wissenschaftlich orientierter Mensch an so etwas glauben?
Thanks to: © Gretchen Sveda

Die Wissenschaft hat heute für viele Menschen die Religion ersetzt. So wie man früher an die religiösen Lehren glaubte, so glaubt man heute an die Wissenschaft. Viele Menschen tun also so, als würde ein Gott oder Spirit einfach nicht existieren, denn was man wissenschaftlich nicht erfassen kann, das gibt es nicht!

Aber da gibt es auch noch eine ganze Menge anderer Zeitgenossen. Und zwar sogar in den Kreisen, die sich Heiden oder Hexen nennen. Diese Menschen glauben, dass man auch spirituelle Dinge wissenschaftlich beweisen oder zumindest erklären kann.
Ich will mal ein Beispiel anführen. Wenn eine junge Mutter ihr neugeborenes Kind an die Brust legt, dann wird durch den Reiz und das Saugen an den Brustwarzen ein Reflex im Gehirn ausgelöst, der die Produktion bestimmter Chemikalien anregt. Diese bewirken bei der Mutter ein großes Gefühl der Zuneigung zu dem von ihr gestillten Kind. Aber sogar wenn eine Mutter ihr Kind nicht stillt und mit der Flasche aufzieht, dann wird diese Chemikalie ausgeschüttet. Und sogar der Vater, der sich intensiv mit dem Kind beschäftigt, hat diese gleiche Reaktion und die im Gehirn ausgeschüttete Substanz ist die gleiche wie bei der Mutter, die ihr Kind stillt. Das alles macht Sinn, denn auf diese Weise kann so ein Baby auch dann überleben und Liebe erhalten, wenn die Mutter nicht stillen kann oder gar gestorben wäre. Erklärt nun die Wissenschaft mit ihren Methoden, wie die Liebe funktioniert? - Ja, in der Tat, sie erklärt wie sie "funktioniert", wie der mechanische Ablauf ist. Aber weiß die Wissenschaft deshalb auch, was Liebe ist?
Da ist also ein kleiner Haken bei dieser wissenschaftlichen Erkenntnis. Eine Mutter mag ihr Kind stillen, jedoch aus verschiedenen Gründen, die zum Beispiel psychologisch bedingt sein können, könnte sie ihr Kind ablehnen. Sie versorgt es zwar, aber die Liebe stellt sich nicht ein, trotz Reiz der Brustwarzen. Aber nun kommt die Wissenschaft und nimmt eine andere Fakultät zu Hilfe, in diesem Falle die Psychologie. Und schon haben wir wieder die so notwendigen wissenschaftlichen Erklärungen. Zwar nicht mehr rein naturwissenschaftlich, was einige Naturwissenschaftler zwar ein wenig verärgert, denn sie glauben, die wirklich einzigen "richtigen" Wissenschaftler zu sein. Aber immerhin wird auch eine Sozialwissenschaft - und sogar, oh Wunder, eine Geisteswissenschaft - anerkannt.

Nun frage ich mich allerdings bei all diesen wissenschaftlichen Erklärungen, ob wir heute wirklich mehr über die Liebe wissen. Wenn ich mir die Menschen von heute und ihr Leben betrachte, dann habe ich meine starken Zweifel daran. Und wie ist es heute mit Spirit? Weiß man nun aufgrund all dieser vielen und interessanten Erkenntnisse mehr über Spirit, also über all das, was jenseits unserer materiellen Seinsform liegt?
Ich denke, dass solche Menschen, die alles - also einschließlich Spirit - mit der Wissenschaft erklären wollen, einen entscheidenden Denkfehler machen. Sie sehen alles nur aus der materiellen Sicht. Aus dieser materiellen Sicht kann man mit der Wissenschaft tatsächlich sehr viel erklären, jedoch immer nur innerhalb der materiellen Seinswelt. Wenn ich also erklären kann, dass durch das Saugen des Kindes im Gehirn der Mutter eine Chemikalie ausgeschüttet wird, die Zuwendung zum gestillten Kind hervorruft, dann habe ich eben nur diese Funktion erklärt. Ich habe erklärt, wie dies technisch abläuft. Das ist alles.

Aber wenden wir uns mal einem anderen Beispiel zu, das bei den meisten Heiden und Hexen eine große Rolle spielt, nämlich der Magie. Auch hier versuchen Viele, wissenschaftlich zu erklären, wie man wahrscheinlichkeitsverändernde Situationen mit unserem Gehirn beeinflussen kann. Aber auch hier gilt dasselbe wie oben: Es geht hierbei nicht um Spirit, sondern um Materie. Unser Gehirn ist Materie und alles was wir damit beeinflussen, ist auf der materiellen Seinsebene.

Ich habe oben die Geisteswissenschaften erwähnt. Auch dies ist ein typisches Beispiel dafür, dass wir uns nicht im Bereich von Spirit, sondern von Materie bewegen. In keiner Universität der Welt wird Spirit gelehrt. Unser Lernen ist auf Wissen ausgerichtet, genauer gesagt: auf das Vermitteln von Wissen. Wir lernen nicht Weisheit in der Schule, nicht auf der Uni. Die Geisteswissenschaften vermitteln nur das Wissen über die verschiedenen Religion, jedoch nicht ein Wissen oder gar eine Erfahrung, die man göttlich oder spirituell nennen könnte. Religionen sind menschengemachte Konstrukte. Diese kann man erforschen, vergleichen, analysieren. Man kann Rückschlüsse ziehen, sie für sich selbst anwenden, sich einer bestimmten Religion zuwenden. Mehr nicht. Spirituelle Erfahrungen und Einsichten sind kein Resultat einer Wissenschaft, denn wie der Name schon ganz richtig sagt: Es geht um Wissen!

Wenn wir also unseren Körper und seine Funktionen, wenn wir die Atome und Photonen, die Chemie und die Physik studieren und anwenden, dann wissen wir immer noch nicht, was Spirit ist. Wir wissen nicht, ob wir schon einmal auf der Welt waren, wir wissen nicht, ob wir weiterhin in einer anderen Seinsform existieren werden, ja wir wissen nicht einmal, wer wir sind. Wir wissen nicht, ob dieses ICH, unser ganz persönliches Sein, schon immer war und immer sein wird, oder ob auch unser ICH sterben wird, wenn unser materieller Körper stirbt.

Es mag aus dieser Abhandlung gefolgert werden, dass ich die Wissenschaften ablehne. Jedoch, weit gefehlt! In meiner Philosophie der Polarität ist der Intellekt, also unsere Fähigkeit, Wissen zu erwerben und somit die Wissenschaft erst möglich zu machen, eine wichtige Seite des Menschseins. Mit dem Intellekt erfassen wir die materielle Welt. Sie macht zum Teil unser Menschsein aus, denn mit dem Intellekt unterscheiden wir uns von den Tieren. Ohne Intellekt würden wir nicht als Menschen leben können. Wir hätten uns nicht so erfolgreich über die ganze Erde ausgebreitet. Unser Intellekt macht unser Leben angenehm. Jedoch Intellekt ist nur EINE Seite unseres Menschseins! Die andere Seite des Menschseins ist Spirit. Um Spirit zu erfassen, müssen wir unsere Seele pflegen und ausprägen. Diese beiden Pole, der Intellekt und die Seele, machen den ganzen und vollwertigen Menschen aus. Wer sich nur alleine auf den Intellekt stützt, lebt in einer kleinen Welt, nämlich nur in der halben, der materiellen Welt. Wer jedoch nur einzig und alleine auf den Spirit Wert legt, nur seinen Intuitionen und Gefühlen folgt, schwärmerisch und träumerisch durch die Welt schwebt und sich nur darum bemüht, seine Seele perfekt auszubilden, der lebt ebenso in einer kleinen Welt, nämlich ebenso wie der nur intellektuell Orientierte, in einer halben Welt. Der Ausgleich und die Harmonie zwischen diesen beiden vermeintlichen Gegensätzen ist das wahre Menschsein und sollte unser erstrebenswertestes Ziel sein.
Um diesen Ausgleich zu erzielen und der Seele ebenso viel Raum einzuräumen wie dem Intellekt und dem Wissen, müssen wir der Seele und ihrer Entwicklung die notwendige Zeit zur Verfügung stellen. Die Seele entwickelt sich in der Ruhe. Das kann Meditation sein, jedoch auch ein Spaziergang, eine ruhige Beschäftigung, die nicht dem Wissen oder dem Geldverdienen dient, oder es kann eine künstlerische Tätigkeit sein, ja sogar der Schlaf dient der Seele.

Wenn wir uns mal das Leben der meisten Menschen ansehen, dann können wir sofort erkennen, dass dieser Ausgleich aus rein zeitlichen Gründen gar nicht stattfinden kann. Viele Menschen schlafen zu wenig, vielleicht nur 6 Stunden oder gar noch weniger. Acht Stunden arbeiten sie in der Regel, eine Stunde wird zur Fahrt zur Arbeit verwendet. In der Freizeit wird kaum etwas von den oben genannten Dingen gemacht, sondern man sitzt am Computer oder am Fernseher. Wenn es hoch kommt, macht man einen kleinen Spaziergang oder geht ins Fitnesscenter (was mehr nach Arbeit aussieht und nicht nach Erholung und Freizeit) und das war's dann auch schon. Rechnen wir also mal zusammen, wie das Verhältnis der ruhigen Zeit zur aktiven Zeit in den meisten Fällen aussieht, dann kommen wir zu einem krassen Ungleichgewicht zu Gunsten der aktiven Zeiten, nämlich mindestens 16 Stunden aktives Tun zu nur 8 Stunden Ruhe.
Wir könnten - selbst bei einem ausgefüllten und anstrengenden Berufsleben - durchaus zu einem Verhältnis von 12:12 Stunden kommen. Nämlich 8 Stunden Schlaf, 1 Stunde Spazieren Gehen, 1 Stunde für die Mahlzeiten (in Ruhe genossen und mit Bedacht und Dankbarkeit für die guten Speisen, das wäre auch spirituell!), 1-2 Stunden künstlerische Tätigkeiten, 1 Stunde Lesen (nicht unbedingt ein Sachbuch) - schon haben wir den Ausgleich erreicht und unser Leben würde tatsächlich anders werden. Falls wir Kinder haben, werden wir natürlich einige Zeit mit den Kindern verbringen, aber das könnte ebenfalls eine spirituelle Zeit sein.

Heidentum ist für mich nicht nur ein Wort. Es hat nicht einmal sehr viel mit Ritualen, Anrufungen, Gebeten zu tun. Das ganze Leben kann ein Ritual und ein Gebet sein. Heidentum für mich ist bewusstes Leben. Es ist ein alternatives Leben! Es ist ein neues Sein. Es könnte eine neue Welt errichten, wenn die Mehrzahl der Menschen dies tatsächlich einsehen und danach leben würden.


Werner


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