Lilit und Eva
Viele von euch werden nicht wissen, wer Lilit ist. Bevor ich also mit dieser Geschichte anfange, muß ich euch wohl in ein paar Worten sagen, wer Lilit ist, obwohl dies natürlich auch in der Geschichte genau beschrieben wird. Es gibt jedoch tatsächlich einen mythologischen Hintergrund für diese Frauengestalt.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Nach dem jüdischen Talmud war Lilit die erste Frau Adams. Warum sie nicht in der Bibel erwähnt wird, werdet ihr verstehen, wenn ihr die Geschichte gelesen habt. Lilit hat Adam verlassen, weil... - Ja, das werdet ihr gleich in der Geschichte nachlesen können. Der Grund, warum sie ihn verlassen hat, ist jedoch auch im Talmud erwähnt! Es gibt ebenfalls Anzeichen dafür, daß Lilit auch aus der sumerischen Welt stammt. Die Sumerer kannten jedenfalls eine Göttin, die geflügelt war und eine Göttin des Lebens ebenso wie die Göttin des Todes war. Wahrscheinlich war sie sogar die Göttin der Unterwelt selbst, zumindest wurde sie während einiger Epochen der sumerischen Zeit als diese verstanden. Diese Göttin wurde von den Frauen angerufen, wenn sie gebaren oder auch bei sexuellen Problemen. Es mag uns fremd erscheinen, eine Göttin der Unterwelt gleichzeitig als Göttin der Geburt und somit des Lebens zu erkennen. Wir haben jedoch offensichtlich in der sumerischen Vorstellung die gleiche Weltanschauung, die ich schon oft beschrieben habe. Demnach ist also die Geburt und der Tod ein und dasselbe, nämlich der Übergang in eine andere Seinsform.

Soweit genug der Vorrede, hier ist also die Geschichte von Lilit und Eva. Adam spielt natürlich auch eine Rolle in dieser Geschichte der beiden Frauen!


Ich machte einmal eine längere Wanderung und wurde mitten im Walde von einem Gewitterregen überrascht. Ich suchte Schutz vor dem heftigen Regen unter überhängenden Felsen. Da entdeckte ich eine Öffnung in der Felswand. Eine Höhle kam mir gerade recht, sie würde mir hervorragenden Schutz bieten. Das Loch war gerade groß genug, um mir Durchlaß zu gewähren. Als sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, erschrak ich sehr, denn ich sah im Hintergrund der Höhle einen Mann liegen. Er schlief offensichtlich sehr fest. Es sah so aus, als wäre die Höhle fast schon eine richtige Wohnstatt oder würde zumindest regelmäßig benutzt werden, denn er lag auf einem sorgfältig hergerichteten Lager aus dürrem Gras und Laub. Ich räusperte mich, um ihn aufzuwecken und ging auf ihn zu. Er schlief aber weiter. Ich betrachtete ihn mir genauer aus der Nähe. Er mußte wohl eine Art von Einsiedler sein, denn er sah so aus, als würde er tatsächlich hier in dieser Höhle wohnen. „Wie ungewöhnlich“, dachte ich mir, „ein Einsiedler in der heutigen Zeit! Gibt es denn so etwas überhaupt noch?“ Plötzlich kam mir diese ganze Höhle ein wenig unheimlich vor. Eine fremde und eigenartige, unwirkliche Stimmung lag hier in der Luft.

Der Mann hatte ungewöhlich langes Haar und einen Vollbart. Er sah dadurch sicher älter aus, als er in Wirklichkeit war. Es war einer dieser Menschen, deren Alter man unmöglich schätzen kann. Sein Ausdruck war alt, sein Körper jedoch war muskulös und sah sehr jugendlich aus.

Er bewegte seine Arme ein ganz klein wenig und ich dachte, er wird nun gleich aufwachen. Ich sprach ihn an. Er schlief jedoch weiter und bewegte sich auch nicht mehr. Es wurde mir sehr ungemütlich in dieser unheimlichen Höhle mit diesem schlafenden Mann, den ich nicht in mein Weltbild einzuordnen wußte. Ich fragte mich, was dieser Mann in dieser Höhle wohl machte. Lebte er hier für immer oder nur vorübergehend? War es ein Aussteiger? Ein Drogenabhängiger, der sich hier verkroch?

Wieder glaubte ich, kleine Zuckungen seines Körpers wahrzunehmen und ich erlaubte mir, ihn nochmals anzusprechen. Diesmal laut und deutlich. Er mußte doch aufwachen auf meine laute Stimme hin! Aber nichts geschah! Da stubste ich ihn an, ja ich schüttelte ihn richtig. Jedoch trotz all meiner Bemühungen, er konnte nicht erwachen. Er lag vor mir wie in einer Narkose. Da gab ich es schließlich auf und setzte mich auf einen Stein, um diese eigenartige Lage zu überdenken und was ich wohl weiter tun sollte. Auf jeden Fall würde ich den heftigen Regen abwarten. Ich war ja froh, diesen Unterschlupf gefunden zu haben.

Da sah ich im hellen Eingang der Höhle eine Schlange hereinkriechen und erschrak. Es könnte eine giftige Kreuzotter sein! Ich wagte mich nicht zu bewegen, damit die Schlange mich nicht wahrnehmen sollte! Sie kroch aber geradewegs auf mich zu. Da sagte ich, fast ohne zu überlegen und ohne zu bedenken, daß es töricht war, zu einer Schlange wie zu einem Menschen zu sprechen: „Schlange, tu' mir nichts!"

Die Schlange hob ihren Kopf und schaute mir gerade in die Augen. Sie wiegte ihren Kopf ein wenig hin und her und ich dachte, gleich wird sie vorschnellen und mich beißen! Überraschenderweise fing sie statt dessen jedoch an zu sprechen. „Ich will dir nichts zuleide tun!" sagte sie. „Ihr armen Menschen, warum habt ihr nur solche Angst vor uns? Ihr glaubt wohl immer noch, daß wir den Teufel verkörpern?" „Nein, Schlange!" erwiderte ich. „Ich glaube nicht, daß du den Teufel verkörperst und die alte Geschichte von Adam und Eva glaube ich ohnehin nicht!" „Das ist gut so!" meinte die Schlange. „Das ist sogar sehr gut! Dann mußt du also keine Angst vor mir haben und wir können uns ein wenig unterhalten. Wenn du willst, auch über Adam."

„Über Adam?" fragte ich ungläubig und erstaunt. „Wie kommst du darauf, über Adam mit mir zu sprechen?" „Es ist doch nichts naheliegender als das", entgegnete die Schlange. „Wenn wir schon in Adam's Höhle sind, können wir doch über Adam sprechen, oder nicht?" „In Adam's Höhle?" fragte ich erstaunt. „Wie kommst du denn auf diese Idee? Dieser schlafende Mann hier kann doch nicht Adam sein! Oder heißt er nur zufällig Adam?" „Was gibt es da zu zweifeln? Es ist natürlich der richtige Adam, wer denn sonst? Er liegt hier schon seit tausenden von Jahren und schläft."

„Was, seit Jahrtausenden!" „Natürlich! Und du wirst ihn auch nicht wachbekommen, obwohl ich das Gefühl habe, daß sein langer Schlaf nun doch bald zuende sein wird. Manchmal sehe ich, daß er sich schon ein wenig bewegt. Ein paar Jahre, ein paar Jahrzehnte oder vielleicht sogar ein oder zweihundert Jahre kann es freilich noch dauern. Was sind diese paar Jahre in diesen langen Zeiträumen schon! Bei Adam geht das alles ohnehin nicht ganz so schnell. Hätte er damals nicht so lange gezaudert, dann müßte er jetzt nicht daliegen und schlafen."

„Schlange, ich glaube, du scherzt. Wie kann ein Mensch tausende von Jahren schlafen? Der Mann wird ein Einsiedler sein. Er ist vielleich ungewöhnlich erschöpft oder vielleicht steht er sogar unter Drogeneinfluß!" „Erschöpft ist er schon, das kann man wohl sagen! Und ein Einsiedler ist er auch, da hast du recht! Wenn du mir aber nicht glaubst, dann brauche ich dir natürlich nichts weiter zu erzählen." Die Schlange machte eine Bewegung, als wollte sie sich von mir abwenden. „Nein, nein!" sagte ich schnell. „Ich glaube dir schon! Du wirst aber hoffentlich zugeben, daß dies alles sehr ungewöhnlich ist!" „Du hast natürlich recht", erwiderte die Schlange. „Ungewöhnlich ist es schon! Aber willst du nun die Geschichte von Adam hören oder nicht?" „Natürlich, ich bitte dich darum. Aber erlaube mir vorher noch eine kleine Frage. Wie kommt es, daß du die Geschichte von Adam weißt. Du kannst doch nicht mehrere tausend Jahre alt sein!"

„Ich selbst freilich nicht", sagte die Schlange.“Aber unser Geschlecht ist schon sehr alt. Wir Schlangen haben die Weisheit, denn wir besitzen die Verbindung zur anderen Welt. So kommt es, daß wir mehr wissen als manch anderes Lebenwesen auf dieser Welt und natürlich auch mehr als ihr Menschen. Ihr meint nur immer, daß ihr alles wißt. Aber euer Wissen ist nur das Wissen von Kleinigkeiten! Aber höre nun zu, ich werde von Anfang an diese Geschichte erzählen.


Du wirst sicher wissen, daß Adam zuerst alleine auf der Welt war. Außer einer Gefährtin fehlte ihm eigentlich nichts. Aber er wußte davon ja noch nichts. Es ging ihm also recht gut. Er ging herum im Garten Eden, betrachtete die Welt und lernte immer mehr kennen. Zu essen hatte er genug, denn es gab genug Bäume, die ihm reichlich Nahrung boten. Kleidung benötigte er nicht, denn es war warm genug und wenn es wirklich einmal ein wenig kälter war, dann machte ihm das nicht viel aus. Außerdem hatte er seine Höhle, wo er Unterschlupf finden konnte, wenn es gar zu schlimm wurde mit Regen oder starken Winden, so wie jetzt. Er schlief nachts in der Höhle, hatte sich ein weiches Lager zurecht gemacht, wie du sehen kannst und weil er jung und kräftig war und darüber hinaus sehr gesund lebte, wurde er auch niemals krank. Um es nochmals zu sagen: er war eigentlich glücklich und zufrieden. Da er unendlich viel Zeit hatte, beobachtete er die Tiere und Pflanzen in der Welt und gab jedem einen Namen. Er war fast schon besessen von dieser Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte. Jeden Tag wanderte er herum, um neue Tiere und Pflanzen zu finden und zu benennen.

Eines Tages, als er wieder einmal dahinschlenderte, hörte er ein eigenartiges Kichern, das von oben kam. Da sah er hoch oben in der Krone eines Baumes ein Wesen sitzen, das er noch nie gesehen hatte. Er erschrak, denn dieses Wesen sah fast so aus wie er selbst. Da er noch nie einen anderen Menschen gesehen hatte, wirst du dir vielleicht vorstellen können, welch einschneidendes und aufregendes Ereignis das war! Er blieb wie angewurzelt stehen, starrte nach oben und konnte vor Erregung und Staunen kein Wort hervorbringen. Das Geschöpf dort oben aber kicherte wieder und es klang dem Adam wie Glöckchen und drang tief in seine Seele ein.

„Was siehst du mich so erstaunt an und warum stehst du da wie ein Baum, ohne dich zu rühren?" fragte das fremde Wesen. „Was ist denn so eigenartig an mir, daß du mich so anstarren mußt?" Diese Worte verwirrten Adam noch mehr, denn eine fremde menschliche Stimme hatte er ja ebenfalls noch nie gehört. Die Stimme von diesem fremden Wesen war klar und rein. Es klang anders als seine eigene Stimme, die er plötzlich als dumpf und als nicht so angenehm empfand. Endlich fand er seine Fassung wieder und er sagte: „Entschuldige! Ich bin nur sehr erstaunt, weil ich noch nie jemand gesehen habe, der so ähnlich aussieht wie ich selbst. Was bist du denn für ein Tier? Wie kommt es, daß ich dich noch nie gesehen habe?"

„Ein Tier?" sagte sie gedehnt. „Ich weiß gar nicht, ob ich ein Tier bin und was ich überhaupt bin. Ich bin einfach, das war mir bisher genug! Aber auch ich bin erstaunt, dich zu treffen, denn auch ich habe noch nie so jemanden wie dich gesehen. Ich finde das übrigens sehr interessant und aufregend." Wieder kicherte sie ihr helles glockenreines Lachen und wieder fühlte sich Adam tief in seiner Seele berührt. Unwillkürlich streckte er die Arme aus nach diesem wunderbaren Geschöpf. „Ich fliege herunter zu dir, wenn du das willst!" sagte sie. „Ich sehe, daß du deine Arme nach mir ausstreckts und daraus schließe ich, daß du willst, daß ich zu dir komme."

Sie flog herunter und stand vor ihm. Adam war erst jetzt aufgefallen, daß sie Flügel hatte an ihrem Rücken, so wie die Vögel. Das erstaunte Adam natürlich noch einmal, denn dieses fremde Wesen sah sonst überhaupt nicht wie ein Vogel aus. Sie stand also vor ihm und er konnte sie aus der Nähe ganz genau betrachten. Vorher, als sie noch im Baume saß, war sie teilweise von den Blättern und Ästen so sehr verdeckt gewesen, daß er ihre Gestalt nur vage wahrgenommen hatte. Nun kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was da vor ihm stand, war das Schönste, was er je in seinem Leben gesehen hatte! Sie war ein wenig kleiner und zierlicher als er, aber sonst sah sie sehr ähnlich aus wie er selbst, außer natürlich der Schwingen. Einige Kleinigkeiten waren jedoch anders, aber das gefiel ihm ganz besonders. Da waren einmal ihre langen Haare, die völlig ihren Rücken bedeckten und bis zu den Hüften reichten. Die Hüften selbst waren breiter und runder als seine und auf der Brust hatte sie zwei Erhebungen, die Adam ganz besonders gut gefielen und ihn faszinierten. Aber dann erschrak er, denn er entdeckte, daß ihr ein Körperteil fehlte. Er starrte sie an und konnte den Blick nicht von dem schwarzen Dreieck wenden, das ihm so schien, als würde es ein Geheimnis verbergen. Alle Gefühle, die ein Mensch haben kann, wogten durch seine Brust. Freude, Schreck, Neugierde, Verwunderung, alles war gleichzeitig in ihm. Er wußte vor Aufregung und Verlegenheit nicht, was er tun sollte.

Die Freude überwog aber, denn er hatte so etwas Aufregendes noch nie gesehen. Dieses Wesen bewegte sich mit solcher Anmut, wie er es bei noch keinem Tier gesehen hatte. Oder war es ihm nur noch nicht aufgefallen? Auf jeden Fall war das, was hier vor ihm stand, etwas völlig anderes als alles, was er bisher gesehen hatte. Es war anders als alle Tiere und Pflanzen, obwohl es die Schönheit der Blumen in sich vereinigte, Grazie und Anmut der Rehe, die Geschmeidigkeit der Katzen und sogar das Fliegen der Vögel hatte sie.

„Du bist schön!" sagte er schließlich. „So etwas Schönes habe ich bisher noch nicht gesehen!" „Danke!" erwiderte sie bescheiden. „Das ist lieb von dir, daß ich dir gefalle! Aber du gefällst mir auch, du siehst so stark aus und zuverlässig. Ich glaube, wir könnten gute Freunde sein." „Ja!" seuftze Adam, „das wäre schön!" Sie faßte ihn bei der Hand und ein Schauer der Freude durchrieselte seinen Körper. „Laß uns wieder auf den Baum hinauffliegen!" sagte sie. "Dort oben hat man eine so schöne Aussicht!" „Fliegen?" sagte Adam erstaunt. „Ich kann doch nicht fliegen! Ich sehe zwar, daß du Flügel hast, ich aber habe leider keine. Ich muß auf der Erde bleiben!"

„Ach du Armer!" rief sie aus. „Das fällt mir jetzt erst auf! Richtig, du hast ja gar keine Flügel! - Aber dann bleiben wir eben auf der Erde, hier ist es doch auch schön. Mir macht das überhaupt nichts aus! Laß uns ein wenig herumgehen und die Welt betrachten." Sie hielt ihn immer noch bei der Hand und Adam wurde ganz warm ums Herz. Sie gingen zusammen über die Wiesen, besahen sich die Blumen, die Sträucher und Bäume. Schließlich sahen sie ein Tier, das Adam noch nie vorher gesehen hatte. „Dort läuft ein Tier, das ich noch nie gesehen und noch nicht benannt habe!" rief Adam aufgeregt. „Ich werde ihm einen Namen geben!" „Einen Namen?" fragte sie. „Was ist das: ein Name?"

„Ich benenne jedes Tier und jede Pflanze, damit ich sie auseinanderhalten kann", erklärte Adam. „Die meisten habe ich schon benannte. Aber gelegentlich finde ich doch wieder neue Tiere und Pflanzen. Ich bin mit dieser Arbeit ziemlich beschäftigt." Er nannte ihr die Bäume, die um sie herumstanden und einige von den Tieren, die sie gerade sahen. „Das ist ja lilit!" rief sie begeistert aus. „Was ist denn das für ein Wort?" fragte Adam. „Ach, das ist eigentlich kein richtiges Wort! Manchmal fallen mir solche neuen Ausdrücke ein, es ist vielleicht ähnlich wie mit deinem Benennen der Tiere und Pflanzen. Du benennst die Dinge und ich benenne Gefühle und Empfindungen. Ist das nicht eine wunderbare Ergänzung? Manchmal fallen mir ganz spontan neue Wörter ein und die verwende ich dann. „Lilit“ war garade so eine neue Eingebung."

„Das ist lustig!" meinte Adam. „Besonders lustig ist allerdings, daß dieses neue Wort so gut zu dir paßt. Er klingt so fröhlich und lustig, genauso, wie du bist. Ich werde dich Lilit nennen, wenn es dir recht ist, denn offensichtlich hast du noch keinen Namen."

„Gut, das ist ein schöner Name für mich, ich freue mich. Ich werde dieses Wort also für nichts anderes mehr verwenden, denn Lilit bin jetzt ich! Fast hätte ich jetzt schon wieder gesagt, das ist lilit!“ - Sie kicherte wieder und Adam freute sich, daß er für sie jetzt einen Namen hatte, daß sie so schön war, daß sie so kichern konnte und überhaupt, daß alles so „lilit“ war!

„Wenn ich nun einen Namen habe, dann solltest du auch einen bekommen", fuhr Lilit fort. Adam wußte ja zu diesem Zeitpunkt seinen Namen noch nicht! „Wenn es dir recht ist, werde ich dir auch einen Namen geben!" Sie überlegte kurz. „Adam werde ich dich nennen, das klingt so erdverbunden und stark. Ich glaube, das ist der richtige Name für dich!"

„Es ist mir schon recht, wenn du mich Adam nennst", erwiderte er und er freute sich, daß er nun auch einen Namen hatte. Bisher war es ihm nicht einmal aufgefallen, daß er selbst noch keinen Namen hatte, obwohl er doch selbst alles benannt hatte. Wie war es nur möglich, daß er sich selbst dabei vergessen hatte. Ja, es war gut in jeder Beziehung, diese Lilit gefunden zu haben. Sie machte ihm bewußt, wer er selbst war! So gingen sie also Hand in Hand durch das Paradies und das Leben war sowohl für Adam wie auch für Lilit um einiges schöner geworden! Alles machten sie jetzt zusammen und Lilit half auch dem Adam, neue Wörter für die immer wieder neu gefundenen Pflanzen und Tiere zu finden. Für Adam war es nämlich allmählich schon recht schwierig geworden, immer wieder neue Namen zu finden. Er war sehr froh, daß Lilit ihm half.

Sie verbrachten den ganzen Tag zusammen und als es Abend wurde, fragte Lilit, wo sie denn die Nacht verbringen würden. Sie hatte bisher immer in der Astgabel eines großen Baumes geschlafen.„Du kannst leider nicht auf diesen Baum hinauf!" meinte Lilit. „Wir müssen uns wohl einen anderen Platz suchen." „Ich habe mir einen Schlafplatz in einer Höhle zurechtgemacht", sagte Adam. „Wenn es dir gefällt, könnten wir dort zusammen wohnen." „Das ist sehr praktisch!" meinte Lilit. „Ich habe es ja schon gleich gemerkt, daß du eine sehr praktische Veranlagung hast und dir immer zu helfen weißt. Also, wohnen wir in deiner Höhle!" Adam freute sich, daß sie seine Höhle mochte und daß sie bei ihm bleiben wollte. Er konnte sich ein Leben ohne sie schon gar nicht mehr vorstellen. Er zeigte ihr also seine Höhle und Lilit war ganz begeistert. Das bequeme Bett, das Adam bereitet hatte, gefiel ihr ganz besonders. Sie brachte schnell noch ein paar Blumen und die Höhle sah sogleich wohnlich und gemütlich aus.

Dann legten sie sich in das bequeme Bett und kuschelten sich zusammen in der Kühle der Nacht. Sie fanden es sehr angenehm, sich gegenseitig zu wärmen und du wirst dir natürlich vorstellen können, was nun weiter geschah, als sie so nahe beisammen lagen! Sie fanden das, was die Lilit dann „Liebe" nannte, denn für diese Benennungen war ja sie zuständig! Sie genossen also ihr Zusammensein und die Liebe. Es war für beide das Schönste, was sie jemals erlebt hatten. Am nächsten Morgen beim Erwachen jedoch erschrak Adam ganz fürchterlich, denn Lilit hatte keine Flügel mehr! „Oh Lilit, du hast keine Flügel mehr! Wie ist das denn geschehen?"

„Ach!" sagte sie leichthin und mit einem Kichern, das die ganze Höhle ausfüllte und ihn gleich wieder froh machte. „Das ist nicht so schlimm! Ich habe die Liebe gefunden, da brauche ich keine Flügel mehr! Ich habe sie für dich geopfert. Ich werde bei dir bleiben, wir werden das Leben gemeinsam verbringen und unsere Liebe miteinander teilen und so oft wie möglich genießen! Ist das nicht herrlich?"

„Ja, das ist herrlich!" bestätigte Adam. „Oh, wie freue ich mich, daß ich dich gefunden habe!" „Ich freue mich auch!" flüsterte sie ihm ins Ohr und kuschelte sich wieder in seinen Arm. Die folgende Zeit war nun wunderschön für beide. Sie taten alles gemeinsam, sie achteten und liebten sich, halfen sich gegenseitig und sie entdeckten sehr schell, daß sie verschiedene Fähigkeiten hatten, die sich auf wunderbare Weise ergänzten. Adam wunderte sich, daß er sich vorher im Paradies ohne Lilit auch ganz wohl gefühlt hatte, denn jetzt, das wußte er, lebte er erst richtig im Paradies! Er liebte seine Lilit und rechnete es ihr hoch an, daß sie für ihn ihre Flügel geopfert hatte. Wie groß mußte ihre Liebe zu ihm sein, daß sie das getan hatte!

Jeden Abend, wenn es finster wurde, zogen sie sich in ihre Höhle zurück. Lilit hatte die Höhle noch schöner und gemütlicher ausgestattet. Es fehlten niemals Blumen und es sah seit Lilit's Anwesenheit viel fröhlicher und freundlicher aus. Schon ihre Anwesenheit alleine genügte, um die düstere Höhle hell und angenehm sein zu lassen. Immer war Lilit lustig und sie strahle eine wunderbare Athmosphäre aus. Wenn sie sich abends im Bett zusammenkuschelten, waren sie restlos glücklich. Immer schlief Lilit in Adam's Armen ein. Er betrachtete sie oft, wenn er am Morgen schon wach war und sie noch schlief. Er bewunderte ihre Schönheit und streichelte sanft ihre langen Haare und ihren Körper. Die Liebe genossen sie so oft wie sie Lust dazu hatten. Sie probierten alles Mögliche aus und fanden immer wieder etwas, das es noch schöner machte.

So hätten sie also glücklich und friedlich in ihrem Paradies leben können, wenn nicht eines Tages etwas geschehen wäre, das ihr Leben grundsätzlich veränderte! Sie waren gerade zu Bett gegangen und Lilit schmiegte sich wieder in den Arm Adam's. Es war schön und gemütlich und die Lust nach mehr wurde wach. Da sagte die Lilit: „Adam, du bist immer oben, wenn wir die Liebe zusammen teilen. Laß es uns doch einmal anders herum machen! Ich möchte auch einmal oben sein. Du bist so schwer und ich bin so leicht, sodaß ich ein wenig eingeengt bin und meine Bewegungsfreiheit verliere."

„Nein," sagte Adam, „alles können wir machen, aber ich bin oben!" „Aber Adam, du bist doch sonst nicht so stur! Warum willst du nicht einmal etwas Neues ausprobieren?" „Nein, ich will es nicht!" sagt Adam nur fest und ungerührt. „Adam!" rief Lilit erstaunt aus, „was ist denn großartig dabei, wenn wir es einmal anders machen? Wenn ich mit meinem leichten Gewicht oben bin, das wirst du kaum merken und es wird dich nicht beeinträchtigen! Ich dagegen könnte mich besser bewegen und es könnte vielleicht viel schöner sein, oder nicht?" Sie hatte sich aufgesetzt und schaute Adam mit großen Augen und mit Verwunderung an. So hatte sie ihn noch nie erlebt. „Rede keinen Unsinn!" sagte Adam hart und barsch. „Leg dich wieder hin, wir machen es so wie sonst. Ich bin der Stärkere und ich werde die Führung behalten!"

„Ich verstehe nicht, wovon du redest!" protestierte Lilit. Sie war nun ganz aufgestanden und stand vor ihrem Bett. Jede Erregung und Lust war von ihr gewichen. Sie war ernüchtert und enttäuscht. Eine Beklemmung spürte sie in ihrer Brust und sie wurde so traurig, wie sie es noch nie war. Eigentlich kannte sie die Traurigkeit überhaupt noch nicht und dieses neue niederschmetternde Gefühl ergriff sie mit Macht. Tränen liefen über ihre Wangen und sie fühlte sich so elend wie noch nie.

„Adam!" schluchzte sie. „Denke doch daran, wie schön es immer war und daß wir immer alles gemeinsam gemacht haben! Auch die Liebe war doch immer so schön und wir haben es immer gemeinsam gemacht. Ich jedenfalls habe es immer so empfunden. Ich habe dir meine Flügel geopfert, weil ich gleich sein wollte mit dir. Und nun willst du den Überlegenen spielen! Das alles hat doch mit Überlegenheit gar nichts zu tun! Es würde alles genauso gemeinsam sein, wie bisher. Kannst du denn nicht einsehen, daß ich auch einmal ein wenig mehr Bewegungsfreiheit haben möchte?"

„Nein!" erwiderte Adam nur. Er hatte die Hände über der Brust verschränkt und sah düster drein. Auch in ihm waren plötzlich Gefühle und Empfindungen, die er vorher noch nicht gekannt hatte. Aber er wollte nicht nachgeben! Er wollte darauf bestehen, daß er der Stärkere war. Er war immer stärker gewesen, er konnte mehr heben, konnte schneller laufen. Nur fliegen konnte er nicht und die Erwähnung von Lilit über ihre Flügel war ihm unangenehm. Aber gerade deswegen wollte er hart bleiben um diese unangenehme Empfindung und das schlechte Gewissen zu übertönen. Er ging von seiner Meinung nicht ab und würde niemals davon abweichen, das wußte er und das wollte er auch so! Es war ein Test, ob er hart bleiben könne! Es war ihm zwar sehr unangenehm, Lilit weinen zu sehen und ganz tief in seinem Herzen war eine Stimme, die ganz leise sagte: Nimm sie einfach in den Arm und tröste sie. Es ist doch nur ein dummer Scherz! - Aber eine andere Stimme in seinem Kopf sagte: Bleibe hart, setze dich durch! Du bist doch der Starke! Zeige es ihr, wer der Starke ist!

Lilit merkte, daß Adam unversöhnlich war. Einen Versuch machte sie jedoch noch. „Adam," sagte sie mit leiser Stimme, das Fröhliche und Lachende, das sonst immer in ihrer Stimme war, hatte sie nicht mehr zur Verfügung. „Adam, gibt es denn keine Möglichkeit mehr, daß wir uns wieder verstehen und es wieder gut zusammen haben?" „Es gibt eine!" erwiderte Adam immer noch ebenso finster wie vorher. „Leg dich her, wir machen es so wie sonst!"

Da sah Lilit, daß es aussichtslos war, mit ihm weiter zu diskutieren. Eine völlige Leere entstand in ihr und sie sah Adam wie von weiter Ferne. Sie drehte sich um und ging hinaus, in die schwarze Nacht hinein. Sie ging einfach immer weiter, ohne Ziel und ohne Gedanken, nur mit einem großen und schweren Schmerz in ihrer Brust. Sie ging immerzu weiter und der Schmerz wurde immer schwerer und sie fühlte ihren ganzen Körper schwer, mit jedem Schritt wurde ihr Körper schwerer, eine riesige Last drückte sie nieder. So schwer wurde sie schließlich, daß sie stehenbleiben mußte und sie sank unter der Last in die Erde ein. Immer tiefer sank sie, bis sie in der Unterwelt war. Dort würde sie bleiben, das wußte sie! Dort könnte sie Adam vergessen und das paradiesische Leben, das sie zusammen geführt hatten. Sie sah auch, daß sie dort unten eine Aufgabe finden würde. Sie wußte jetzt, daß Leid und Traurigkeit in der Welt waren. Sie wußte auch, daß die Menschen sterben würden und sie würden hinunterkommen in die Unterwelt, wo sie, Lilit, sie dann willkommen heißen würde und sie würde ihnen den Trank des Vergessens reichen. Sie würde die Göttin der Unterwelt sein und sie würde versuchen müssen, Adam zu vergessen, obwohl sie wußte, daß dies sehr, sehr schwer sein würde.

„Ja," sagte die Schlange, „das ist also die Geschichte von Adam und Lilit!" „Aber was tat nun Adam, nachdem Lilit ihn verlassen hatte?" fragte ich. „Ist er denn nicht hinterhergelaufen und hat sie zurückgeholt?"

„Eine Weile blieb Adam noch liegen auf seinem Bett", fuhr die Schlange fort. „Er dachte sich nie im Traume, daß Lilit wirklich ganz weggegangen sein könnte. Er war sich ihrer Liebe so sicher, daß er sich gar nicht vorstellen konnte, daß sie ihn für immer verlassen könne. Als aber die Zeit verging und Lilit nicht wieder in die Höhle zurückkam, wurde es ihm doch ein wenig mulmig. Er hatte ohnehin angefangen, diese ganze dumme Sache mit ruhigem Kopf zu überdenken und wäre nun eigentlich bereit gewesen, auf Lilit's Wunsch einzugehen. Er stand also auf und ging hinaus vor die Höhle und rief nach Lilit. Niemand antwortete. Er suchte in der Finsternis die Umgebung der Höhle ab, konnte aber Lilit nicht finden. Er rief unablässig ihren Namen und Angst ergriff ihn, da er sie nicht finden konnte! Er gab schließlich die Suche auf, denn er wußte ja nicht, in welche Richtung sie gegangen war. Er erwartete sehnsüchtig die Morgendämmerung. Kaum war es hell genug geworden, nahm er die Suche wieder auf. Er lief herum im ganzen Paradies und es kam ihm nun gar nicht mehr so paradiesisch vor. Er stolperte über Wurzeln und Steine, fiel hin, schlug sich die Knie auf und Dornen und Gestrüpp hemmten seinen Weg und seine Beine und Arme waren zerstochen und zerschunden. Er suchte und suchte tagelang. Nachts fiel er vor Erschöpfung und Enttäuschung in einen tiefen Schlief, am nächsten Morgen aber setzte er seine Suche fort. Er wurde schließlich ganz verzweifelt. Diese neuen Erfahrungen von Trauer und Enttäuschung ergriffen ihn so stark, daß er schließlich, nach Tagen des Herumirrens, so erschöpft war, daß er nur noch in seine Höhle kriechen konnte und in einen tiefen, tiefen Schlaf verfiel. Hier liegt er nun und aus diesem Schlaf ist er seitdem nicht mehr erwacht!"

Die Schlange hatte gerade ausgesprochen, als ich eine Eule durch den hellen Eingang in die Höhle fliegen sah. Sie setzte sich auf einen Felsvorsprung und äugte auf mich herab. Im Halbdunkel der Höhle leuchteten ihre Augen geheimnisvoll. Ich wunderte mich, daß mitten am Tage eine Eule in die Höhle geflogen kam. Vielleicht hatte sie auch Schutz vor dem Regen gesucht? Ich wendete mich wieder der Schlange zu und sagte: „Es ist erstaunlich, daß Adam seit so unendlicher langer Zeit hier schläft. Es erstaunt mich auch, daß ich von Lilit bisher noch nie etwas gehört habe. Ich kenne nur die Geschichte von Adam und Eva."

„Ach, die Eva!" erwiderte die Schlange. „Von der willst nun also auch noch etwas wissen! Aber wende dich an die Eule, es trifft sich gut, daß sie gerade hereinkam. Sie ist der Vogel der Nacht und kennt die Träume der Menschen besser. Sie wird dir alles von der Eva erzählen können." Ich schaute die Eule fragend an. War dies auch ein Wundertier, das sprechen konnte? Da nickte sie mir auch schon freundlich zu und fing tatsächlich an zu reden: „Hat dir die Schlange wohl die ganze Geschichte von der Lilit erzählt? Ja, das ist eine traurige Geschichte. Sie zeigt, wie dumm die Menschen sein können und wie sie ihr Glück selbst zunichte machen! Hinterher sagen sie, daß sie Pech oder Unglück hatten, dabei sind sie nur selber schuld an ihrem Mißgeschick!"

„Ich weiß schon, daß die Menschen dumm sind, ich bin ja selbst einer!" sagte ich ein wenig schuldbewußt und traurig, denn diese Geschichte hatte mich tatsächlich ebenfalls sehr nachdenklich gemacht. Die Eule kicherte ein wenig über mein Eingeständnis der menschlichen Dummheit. Ich dachte mir, ob wohl das Kichern der Lilit ebenso geklungen hat? Ich stellte mir diese Lilit vor, wie sie hier in der Höhle mit Adam gewohnt hatte und wie ihr Charm und ihr fröhliches Wesen diesen sonst dusteren Raum ausgefüllt haben mußte! Sie war sicher eine schöne Frau gewesen. Der Erzählung der Schlange nach war sie immer fröhlich, eine wirkliche Partnerin, unkompliziert, liebend und trotzdem selbstbewußt. Trotzdem? Vielleicht haben wir Männer eine ganz falsche Vorstellung von den Frauen! Vielleicht war sie selbstbewußt, weil sie eine starke und liebende Frau war! Oder war sie eine starke und liebende Frau, weil sie selbstbewußt war? Ich werde später hierüber noch mehr nachdenken müssen! Im Moment interessiert mich natürlich, was die Eule über Eva berichten wird. Was meinte die Schlange wohl von den Träumen der Menschen?

Die Schlange wendete sich an die Eule: „Du bist der Vogel der Nacht, Eule. Erzähle ihm von der dunklen Seite des Seins. Erzähle ihm von den Fantasien, von den Irrwegen und den Manipulationen, denen die Menschen unterliegen! Das soll er nun auch noch wissen!"

„Gut, wenn du es wissen willst, wie es mit der Eva war, dann werde ich es dir erzählen!" wendete sich die Eule nun wieder an mich. „Es wäre lieb von dir, wenn du mir von der Eva erzählen würdest. Du weißt ja vielleicht, daß wir von der Lilit gar nichts wußten. Von der Eva weiß ich allerdings schon eine Geschichte, aber ich könnte mir vorstellen, daß du sie ganz anders kennst, als wir sie erzählt bekommen!"

„Da hast du recht!" bestätigte die Euele. „Ich werde sie dir anders erzählen! Ich werde dir erzählen, wie es wirklich war." „Wie es wirklich ist!" verbesserte die Schlange. „Denn wenn es auch nur ein Traum ist, so ist dieser Traum doch auch die Wirklichkeit, oder nicht? Aber ich will nicht weiter in deine Erzählung eingreifen, Eule. Bitte, entschuldige!" „Ist schon gut!" sagte die Eule gutmütig. „Du hast natürlich recht, Schlange! Der Traum ist ebenso wirklich wie der Wachzustand, ebenso wie die Nacht die gleiche Wirklichkeit ist wie der Tag! Für mich als Nachttier ist sogar die Nacht wichtiger als der Tag. Es kommt also alles auf den Standpunkt oder auf die Lebensgewohnheit an."

„Ich verstehe!" sagte ich. „Aber nun habt ihr mich so neugierig gemacht, daß ich es gar nicht mehr erwarten kann, von der Eva zu hören!" „Ihr Menschen seid doch alle gleich mit eurer Ungeduld!" erwiderte die Eule. „Aber ich will dich nicht länger warten lassen. Die Schlange wird dir ja erzählt haben, daß Adam in einen tiefen Schlaf verfiel, aus dem er bisher noch nicht erwacht ist. Da der Schlaf natürlich auch ein Teil des Lebens ist, träumt er so einiges. Am Anfang träumte er, daß ein Wesen aus einer anderen Welt zu ihm kam. Er konnte das Wesen nicht sehen, denn es war kein irdisches Wesen. Trotzdem erkannte Adam seine Anwesenheit. Weil nun Adam alles benennen muß, was ihm neu erscheint, nannte er dieses Wesen "Gott". Dieser Gott sprach zu Adam in seinem Traum: „Ich sehe, daß dir langweilig ist, weil du niemand mehr hast, mit dem du die Zeit verbringen kannst. Ich werde dir helfen und dir eine Frau erschaffen, damit du wieder eine Gefährtin hast und du die dumme Geschichte mit dieser Lilit ein wenig vergessen kannst. Ich werde die neue Frau aus deiner Rippe formen, damit sie Fleisch und Blut von dir selbst ist. Sie wird dir deshalb überall hin folgen und gehorsam sein. Du wirst der Herr sein können und es wird nicht wieder so kommen, wie mit dieser selbstbewußten Lilit. Sie wird dir nicht davonlaufen und wenn sie wirklich einmal aufmuckt, dann kannst du sie zurückholen, denn du bist der Stärkere! Sie wird deine Untergebene sein, so wie du es wolltest! Auch in der Liebe wirst du das bekommen, was du wolltest! Sie wird also keine Partnerin sein, sondern ein Teil von dir! Du wirst sie besitzen, sie ist dein Eigentum!“

Adam war nun sehr froh, daß er wieder jemand hatte, mit dem er sprechen konnte und die den Tag mit ihm verbringen würde. Sie war auch recht hübsch, er konnte nichts an ihr aussetzen. Sie hatte die gleichen Merkmale, die Lilit auch gehabt hatte, diese kleinen Unterschiede, die ihm so gut gefielen! Adam versuchte natürlich auch das, was die Lilit die „Liebe" genannt hatte, mit der Eva auszuprobieren. Er hatte der Frau nämlich auch gleich einen Namen gegeben, du weißt ja, daß er davon besessen war, alles zu benennen! Mit der Liebe schien es auch so zu gehen, wie er es in Erinnerung hatte, obgleich es ihm doch irgendwie ein wenig anders vorkam, obwohl er gar nicht recht hätte sagen können, was eigentlich anders war. Es schien ihm auch, daß die Eva nicht so richtig Freude dabei hatte. Überhaupt war sie nicht so fröhlich wie Lilit, nicht so ausgelassen und sie hatte auch nicht das liebe Kichern, das immer die Höhle ausgefüllt hatte mit Freude und sie zu einem lichten und fröhlichen Platz gemacht hatte. Obwohl ihr Körper hübsch war, fehlte die Ausstrahlung, die Lilit gehabt hatte. Aber Adam war vorerst einmal recht zufrieden, daß er überhaupt wieder jemand hatte und es sah auch so aus, als würde alles zur Zufriedenheit ablaufen.

Aber langsam änderte sich das unbeschwerte Leben. Die Eva war nämlich schwanger geworden. Sie wurde unbeweglich und war ziemlich mißmutig darüber, daß sie nun nicht mehr so unbeschwert war wie früher. Schließlich fing sie auch noch an, Adam Vorwürfe zu machen, daß sie schwanger geworden war! Es sei alles seine Schuld, sagte sie. Sie hätte mit dieser „Liebe" nicht angefangen, sie hätte diesen ganzen Kram nicht gebraucht! Nun sei sie unbeweglich und das Leben würde ihr keine Freude mehr machen! Schließlich kam sie in die Wehen. Nun jammerte sie noch mehr und alles sei nur die Schuld von ihm! Adam hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen! Er lief mit hängendem Kopf herum und wußte gar nicht recht, was er tun sollte. Die Situation konnte er ja jetzt nicht mehr ändern! Die Anschuldigungen Eva's machten ihn bedrückt und traurig. Schließlich fing sie an zu schreien, weil die Schmerzen so stark wurden! Sie schrie ihm die ganze Schuld ins Gesicht. Da konnte er es nicht mehr aushalten und er lief aus der Höhle hinaus, um das Geschrei nicht mehr anhören zu müssen. Aber je weiter er lief, desto lauter schrie sie, damit er es nur wirklich hören könne wie sie in Schmerzen war wegen seiner Begierde!

Am nächsten Tag kam dann Adam doch wieder zurück zur Höhle, weil er sehen wollte, was mit Eva geschehen war. Nun staunte er nicht schlecht, als er sah, daß sie ein Kind im Arm hielt. Sie war nun auch wieder ganz fröhlich und erleichtert.

Sie hatten jetzt wieder eine Weile eine ganz gute Zeit miteinander. Aber es dauerte nicht allzu lange, dann wurde die Eva wieder schwanger und das ganze begann wieder von vorne. Das Leben wurde nun immer schwieriger. Adam mußte anfangen zu arbeiten, um genug Nahrung für die ganze Familie herbeizuschaffen. Eva konnte ihm nur wenig dabei helfen, denn sie war entweder schwanger oder sie hatte ein kleines Kind zu versorgen. Und je mehr Kinder sie hatten, umso weniger Zeit hatte sie für irgend eine andere Arbeit als für die Kinder zu sorgen. Adam merkte nun, daß die Erde viele Disteln und Dornen trug, daß die Arbeit hart war und er sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen mußte. Früher hatten ihm die Disteln und Dornen nicht so viel ausgemacht und wenn er zu sehr geschwitzt hatte, war er in den Fluß gesprungen und hatte sich erfrischt. Jetzt ärgerte er sich über alles, am meisten über die viele Arbeit. Zudem hörte die Eva nicht auf, ihm Vorwürfe zu machen, weil sie so viele Kinder hatten. Sie begehrte zwar trotzdem immer wieder seine Nähe und das war dann auch ganz schön. Aber hinterher kam dann immer das schlechte Gewissen, denn Adam wußte ja, daß sie ihn wieder beschuldigen würde.

So war also das Leben selbst in den Bereichen, die eigentlich hätten schön sein können, nicht ungetrübt. Die wirkliche Freude am Leben und die Schönheit war dahin! Selbst der Körper der Eva erschien dem Adam nicht mehr so hübsch, wie er früher war!

Die Arbeit nahm ihre ganze Zeit in Anspruch. Adam schuftete, nur um das Nötigste zu erreichen. Die Eva half zwar, wenn sie nicht gerade hoch schwanger war, aber die meiste Zeit war sie mit den häuslichen Plfichten ebenso beschäftigt wie Adam mit der Nahrungssuche, sodaß sie nur wenig gemeinsame Arbeit erledigen konnten. Das Arbeiten zusammen war auch nicht immer erfreulich, denn Eva nörgelte viel an Adam herum und Adam hatte zu viel an der Arbeitsleistung der Eva auszusetzen. Es war besser, wenn sie sich die Arbeit teilten, die Eva kochte und versuchte, die Höhle wohnlich zu gestalten, was bei den vielen Kindern gar nicht so einfach war, und Adam draußen arbeitete und für Nahrung sorgte! Trotz aller Unstimmigkeiten war Adam immer noch froh, daß er nicht mehr alleine war. Er bewunderte auch Eva's Fertigkeiten in manchen Dingen, die er selbst nicht so gut machen konnte. Sie konnte Kleider nähen, das wäre für Adam eine fast unüberwindbare Aufgabe gewesen! Eva bestand darauf, daß sie Kleider bräuchten und nicht mehr nackt herumliefen. Sie fand es unschicklich und sie behauptete, seine Begierde würde dadurch nur noch größer werden, obwohl das Adam nicht recht glauben wollte. Sie meinte auch, der Kinder wegen sollten sie sich nicht nackt zeigen und auch das konnte Adam nicht recht verstehen. Er hatte sich aber daran gewöhnt, immer Kleider zu tragen und schließlich fand er es auch ganz passend, sich vor der Kälte zu schützen. Je mehr er Kleider trug, umso mehr empfand er die Kälte, wenn er einmal weniger bekleidet war.

Die ewigen Anschuldigungen wegen seiner Begierde bedrückte ihn sehr. Mit Wehmut dachte er nun oft an Lilit und daran, wie viel Freude sie selbst an der Liebe gehabt hatte. An Schuld oder Vorwürfe war damals nicht zu denken! Du siehst, diese beiden waren unzufrieden mit ihrem Leben und unzufrieden miteinander, obwohl sie es sich doch eigentlich hätten genauso schön machen können, wie Lilit und Adam es hatten."

„Aber Eule, ist das nicht alles ein Traum?" fragte ich.„Freilich, es ist alles ein Traum! Aber du wirst wohl einsehen, daß der Traum in dem Augenblick, in dem er geträumt wird, auch Wirklichkeit ist. Irgendwann wird er freilich aufwachen, dieser alte Adam! Dann wird die Eva natürlich nicht mehr da sein, denn sie ist ja ein Traumgebilde!"

„Und die Lilit?" fragte ich. „Was ist dann mit der Lilit, wenn der Adam erwacht?" „Hoffen wir, daß sie zurückkommen wird. Ich bin eigentlich sicher, daß sie zurückkommen wird. Sie ist zwar jetzt noch in der Unterwelt und hat eine Aufgabe gefunden, aber sie ist tief in ihrer Seele immer noch traurig über ihren Verlust. Sie liebt den Adam immer noch und sehnt sich nach den fröhlichen Tagen zurück. Sie möchte wieder in seinem Arm liegen und seinen starken Körper spüren, sie möchte wieder das Leben mit ihm teilen. Sie hat das alles nicht vergessen, selbst wenn sie es versucht und manchmal sogar so tut, als würde sie nicht mehr daran denken. Das tut sie nur, damit es ihr nicht so weh tut! Obwohl sie so mächtig geworden ist und die Göttin der Unterwelt ist, sehnt sie sich nach der Liebe! Sie möchte in den Arm genommen werden wie ein kleines Mädchen und alles andere vergessen! Sie sehnt sich danach, daß ihr Adam sagt, daß sie lieb und hübsch sei! Sie sehnt sich danach, fröhlich und unbeschwert durchs Paradies mit ihm zu wandern und alles zu benennen und sich alles Schöne gegenseitig zu zeigen! Sie sehnt sich nach dem Lachen und sie will ihre alte Höhle wieder mit Blumen ausschmücken, um es schön und gemütlich für Adam zu machen! Ja, nach all dem sehnt sie sich! Und wenn der Adam nur ein wenig Bereitschaft zeigen würde, auch auf ihre Wünsche einzugehen, dann würde sie sofort wieder in seine Arme eilen!

Ich zweifle auch nicht daran, daß der Adam reifer und vernünftiger geworden ist. Er hat genug gebüßt und ich glaube, er hat vieles gelernt und erkannt, was er falsch gemacht hat. Wenn die Lilit das alles sieht, wird sie wieder kommen und wieder eine richtige Partnerin sein. Sie selbst hat natürlich auch gelernt und eingesehen, daß sie ebenfalls stur und vorschnell gehandelt hat. Sie hätte nur ein wenig vor der Höhle warten sollen, dann hätte Adam ohnehin nachgegeben. Sie hätte ihm ein wenig mehr Zeit geben müssen, seinen Fehler einzusehen! Sie hätte nicht gleich wegen der ersten Unstimmigkeit für immer davonlaufen müssen! Sie hat dies alles eingesehen und bitter bereut, das kannst du mir glauben. Damals hatte sie sich dazu entschieden, ebenso hart zu bleiben wie Adam. Jetzt weiß sie, daß das ebenso ein Fehler war, wie es Adam's Fehler war, nicht auf ihre Wünsche einzugehen. Wenn also beide ihre Fehler einsehen und daraus lernen, dann sollte es doch wieder gut werden können. Beide, Adam und Lilit sind ja nur Menschen und als solche machen sie Fehler, das ist ein Naturgesetz. Sie werden aus diesen Fehlern lernen und reifen daran.

Hoffen wir, daß Adam bald aufwacht und der böse und unglückliche Traum von der Eva vorüber sein wird. Er wird den Traum abschütteln und die lange Nacht wird vorüber sein. Es wird wieder ein strahlender Tag sein und Adam und Lilit werden wieder zueinander finden. Lilit weiß, daß Adam wieder nach ihr suchen wird, wenn sein langer Schlaf vorbei sein wird und sie wird sich diesmal bemerkbar machen, sodaß er sie finden kann. Sie werden ein Wiedersehen feiern, wie es die Menschheit noch nicht erlebt hat! Das wiedergewonnene Paradies wird ihnen dann noch schöner vorkommen, als jemals zuvor! Es wird deshalb so wunderbar sein, weil die Beiden etwas gelernt haben. Was sie ganz besonders gelernt haben, ist die Erkenntnis, daß sie sich auch Böses antun können. Sie haben aber auch gelernt, daß sie das Böse wieder gutmachen können. Sie werden damit erst richtig erkennen, daß sie Menschen sind und daß sie als Menschen eine ganz besondere Gabe haben. Es ist die Gabe, zu entscheiden, ob sie Gutes oder Böses tun. Welche Folgen das Böse hat, haben sie erfahren. Wenn sie reif und erwachsen genug geworden sind, werden sie sich für das Gute entscheiden! Sie werden jetzt Wissende sein und als Wissende und Weise werden sie glücklicher sein können! Das Glück vorher war das unschuldige Glück der Kinder. Jetzt wird es das Glück der reifen Erwachsenen sein! Manchmal muß man durch eine schwere Zeit gehen, um nachfolgend eine gute Zeit zu erleben. Es ist wie mit einer Frau, die in den Wehen liegt. Sie muß die Schmerzen erleiden, um dann das Glück erleben zu können. Aber glaube mir, selbst der schlimmste Traum und der tiefste Schlaf wird einmal vorüber gehen!

Manchmal bewegt sich Adam schon im Schlaf, er wird vielleicht bald aufwachen! Hoffen wir für die Menschen, daß es nicht mehr so lange dauern wird!"


Werner


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