Der Heilige Gral als Symbol der Göttin
Die Geschichte vom Heiligen Gral taucht erstmals ungefähr um 700 - 800 n.Chr. auf und erzählt von König Arthur und der Tafelrunde seiner Ritter. Später, ebenfalls um das zwölfte Jahrhundert zur Zeit der Minnesänger, kommt dann in Deutschland diese Geschichte wieder hervor und hält sich bis zum heutigen Tag.
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Richard Wagner hat mit seiner Oper "Parsifal" ebenfalls zur weiteren Verbreitung dieses Themas beigetragen. Das Grundthema der Gralsgeschichte ist der Verlust des Heiligen Grals. Dies ist nach der Legende der Kelch des Letzten Abendmahles, mit dem das Blut Jesu am Kreuz aufgefangen wurde. Dieser Kelch soll eine enorme Heilwirkung haben und der Verlust des Kelches sei dafür verantwortlich, dass so viel Unheil in der Welt geschieht.

Nun wird natürlich jeder fragen, was dies mit dem männlichen Gott zu tun hat. Diese Geschichte ist jedoch voll von Symbolen und zeigt in eindringlicher Weise auf, was mit unserer Gesellschaft geschehen ist, nämlich der Verlust des Weiblichen. Um dies zu verstehen, müssen wir auf unsere keltischen Vorfahren zurückgreifen und ihre Religion bzw. ihre Spiritualität erkennen und verstehen.

Ich erwähnte schon im vorigen Kapitel, dass die Kelten ein sehr ausgewogenes Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Energien kannten und dies eine tief verwurzelte und selbstverständliche Wahrheit war. Als Zeichen des Weiblichen galt der Kessel (oder die Schale). Das Weibliche wurde als die aufnehmende Energie betrachtet, aber gleichzeitig auch als ernährend, als Mutter Erde oder als Göttin der Fruchtbarkeit und der Fülle. Der Kessel ist also ein sehr sinnvolles und für jeden verständliches Symbol. Er wird gefüllt und kann dann seine Gaben austeilen und die Hungrigen nähren. Kessel waren heilige Gefäße, sie wurden bei Begräbnissen gefüllt mit Essen, das dann an alle ausgeteilt wurde. Ein solcher Kessel wurde in dem Grab des Fürsten von Hochdorf gefunden. Ein besonders schönes Beispiel eines heiligen Kessels ist der Kessel von Gundestrup. Kessel spielen in der Mythologie der Kelten eine hervorragende Rolle und es gibt unzählige Geschichten hiervon. Schalen wurden auch in die Gräber gelegt. Es erstaunt mich immer wieder, wenn die Archäologen immer noch behaupten, die Kelten hätten diese Schalen in die Gräber gelegt, um im anderen Leben bei Gastmahlen das nötige Geschirr zur Hand zu haben. Diese Auslegung ist absolut absurd und zeigt eigentlich nur, wie wenig wir uns in andere Kulturen und Religionen hineindenken können und wie wir alles nur von unserer Warte aus betrachten und beurteilen. Wenn dies so gewesen wäre, dass man die Schalen zur Bewirtung seiner Gäste im anderen Leben benötigt hätte, dann wären auch Becher, Löffel, Gabeln und Messer notwendig gewesen. Ebenso eventuell eine Pfanne, um die Gerichte zu kochen. Diese Gegenstände werden jedoch in den Gräbern nicht gefunden. Die Schale hatte ungefähr die gleiche Bedeutung wie ein Kreuz, das wir als Christen unseren Toten in die Hand legen. Das Kreuz ist das Symbol des christlichen Gottes, die Schale ist das Symbol der Göttin.

Dieses Wissen ist notwendig, um nun die Gralsgeschichte zu verstehen. In den Anfängen des Christentums war Heidentum und Christentum noch ziemlich vermischt. Ungefähr mit dem achten Jahrhundert setzten sich dann die reinen christlichen Vorstellungen durch. Karl der Große hat zur Durchsetzung und Ausbreitung dieser Lehre wesentlich beigetragen. Hier taucht nun die Geschichte vom verlorenen Gral auf, also der Verlust des Weiblichen. Da die Göttin nun im Christentum keine Bedeutung mehr hatte, machte man aus dem weiblichen Kessel den Kelch mit dem Blut Christi. Ein solches Vorgehen ist typisch. Mit diesem Bedeutungswandel ist es ebenso wie mit den vorher heidnischen Festen, die nun plötzlich christliche Bedeutung gewannen. Das Weiterverwenden von heidnischen Dingen unter christlichen Vorzeichen ist ein sehr bewährtes Muster der Christianisierung. Der Heilige Kelch der Göttin wird also kurzerhand zum Heiligen Gral, dem Kelch des männlichen Gottes.

Es würde zu weit führen, die ganze Symbolik dieser Parsifalgeschichte zu erklären und ich kann nur ganz kurz einige Hinweise geben. Eine große Rolle spielen Amfortas, der Wächter des Grals und Kundry, die mit ihren weiblichen Reizen ihn verführt. Amfortas wird daraufhin verwundet und zwar ist seine Verwundung die Kastration, an der er fortan leidet und nur noch den Tod ersehnt. Kundry, eine Frau, die verflucht wurde, weil sie den Heiland auf dem Wege nach Golgatha verlacht hatte, kann von ihrem Fluch nur erlöst werden, wenn sie jemand findet, der ihren Reizen widersteht. Dies ist dann Parsifal. So wird er zum Retter des Grals. Kundry ist ebenfalls gerettet und erkennt nun, dass ihre Aufgabe das Dienen ist. Es wird also klar erkennbar, wie in christlicher Sicht die Sexualität gesehen wird. Amfortas wird mit Kastration bestraft und hat nun keine Macht mehr, den Gralsdienst zu versehen. Die Rolle der Frau ist das Dienen. Falls sie sexuelle Ambitionen hat, wird sie ebenfalls bestraft und mit einem Fluch belegt. Besonders bedeutungsvoll jedoch ist die typische Umkehrung von natürlichen menschlichen Gegebenheiten und schlechthin von der Natur des Menschen. Die Gralsgeschichte ist christlich geworden, mit christlichen Moralvorstellungen und Werten. Nur der ursprüngliche Sinn, nämlich der Verlust des Grals als der Verlust der weiblichen Energie, ist noch vorhanden. Aber auch nur andeutungsweise, denn der Gral ist nicht mehr die verlorene weibliche Energie, sondern der Kelch eines männlichen Gottes. Dies ist eigentlich makaber, denn der Sinn der Suche wird dadurch gänzlich irrational. Die Menschen sind auf einer Suche, ohne zu wissen, was sie eigentlich zu suchen haben! Parsifal hat den Gral gerettet, jedoch dies ist nicht der Kessel der Göttin, es ist ein widersinniges und unnatürliches Symbol des christlichen männlichen Gottes, der paradoxerweise die wirkliche weibliche Natur und das Weibliche im Allgemeinen unterdrückt und verleugnet. Die Gralsritter, die auf diesen Kelch weiterhin achten werden, werden auch in Zukunft die Mächtigen dieser Erde sein, die Bankdirektoren und die Manager der Weltkonzerne, die die Macht des modernen Grals, des Materialismus, bewachen. Auch in diesem Wort "Materialismus" ist eine ähnliche Sinnwandlung geschehen, denn es enthält "Mater" (Mutter). Also auch hier ist das Weibliche verdreht worden und hat eine männliche Bedeutung erhalten. Ich werde dies später in einem anderen Kapitel noch einmal aufgreifen.

Leider sind wir, trotz schöner Geschichten und der Oper eines großen Meisters, immer noch auf der Suche nach dem verlorenen Gral. Wir werden ihn nicht finden, solange wir einen nur männlichen Gott als das oberste Prinzip verehren und das Weibliche nicht mehr erkennen oder in der wahren und natürlichen Weise nicht anerkennen und verehren wollen. Aufgrund unserer Konditionierung und der Gehirnwäsche sind wir leider kaum in der Lage, die wahren und sehr einfachen Zusammenhänge zu erkennen und reden von Tugend, wenn wir die Umkehrung der natürlichen Gegebenheiten meinen. Wir machen alles kompliziert und mit unserem Intellekt so abstrakt und verwirrend, dass wir die Sicht für das Einfache und Natürliche ganz einfach verloren haben!


Werner


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