Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung   Teil I

Matriarchale Landschaftsmythologie heißt das neueste Buch der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. Es geht auf die zahlreichen Studien- und Wanderreisen von Besucherinnen der Akademie HAGIA zurück, die die Autorin leitete. Sie besuchten ab 1987 vor allem die Megalithanlagen aus der Jungsteinzeit, der klassisch matriarchalen Epoche, aber auch Museen mit Artefakten aus dieser Zeit.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie
Stuttgart 2014, Kohlhammer
ISBN 978-3-17-022336-3

352 Seiten

Preis 29,90 €

Dabei kamen folgende Fragen auf:

  • Warum liegen solche Anlagen in einem bestimmten Platz in der Landschaft?
  • Was haben sich die Menschen aus jenen Kulturepochen dabei gedacht, wenn sie ein Bauwerk an diesen bestimmten Platz setzten?

Um diese Fragen zu beantworten, muss auch die Mythologie und Symbolik der Menschen jener Epoche berücksichtigt werden. Auf diese Weise können sich neue Erkenntnisse ergeben.

Die Menschen der Jungsteinzeit waren die ersten, die dauerhafte Siedlungen errichteten. Sie orientierten sich dabei nicht ausschließlich an Aspekten des Nutzens. Sondern sie betrachteten die Erde selbst als göttlich, als Mutter allen Lebens. Stellen, die einen bestimmten weiblichen Zug der Erdgöttin betonten, galten als besonders heilig und hier finden wir zahlreiche Kultbauten, z.B. Megalithen. Auch Sichtlinien, also die Anordnung dieser Kultbauten in geraden Linien, waren sehr wichtig. Sie dienten nicht zuletzt astronomischen Zwecken.

Bei der Landschaftsmythologie geht es also darum, zu verstehen, wie Menschen der früheren Epochen die Landschaft sahen. Sie hatte immer auch eine symbolische und mythologische Bedeutung. Der Begriff selbst wurde vom Schweizer Kurt Gerungs geprägt, aber Heide Göttner-Abendroth und andere Frauen praktizierten entsprechende Forschungen schon lange, bevor es diesen Begriff gab. Die Autorin nennt ihre Forschungen ausdrücklich matriarchale Landschaftsmythologie, da das matriarchale Weltbild Basis und Zentrum ihrer Forschungen ist.

Die Jungsteinzeit war die klassische Zeit des Matriarchats. Heide Göttner-Abendroth gibt im weiteren Verlauf des Buches eine ausführliche Definition dessen, was sie unter einem Matriarchat versteht. Dabei wird die ökonomische, soziale, politische und kultische Ebene berücksichtigt.


Methode

Im zweiten Kapitel stellt Heide Göttner-Abendroth die Methoden der matriarchalen Landschaftsmythologie vor. Damit regt sie auch zu eigenständigen Forschungen an. Sie geht in zehn Schritten vor:

  1. Begehen einer Landschaft
  2. Entdecken heiliger Hügel mit abgesenktem Horizont. Das sind Hügel, auf denen früher Megalithanlagen und heute vor allem Kirchen, Kapellen und Burgen zu finden sind. Diese Hügel ermöglichen einen weiten Blick in die Landschaft, vor allem nach Osten, Süden und Westen.
  3. Prüfen von Sichtlinien, die von diesem Hügel ausgehen. Besonders wichtig sind Linien, die zum Auf- und Untergang der Sonne zu Beginn der verschiedenen Jahreszeiten zeigen.
  4. Prüfen von Kultlinien: Gibt es auf den Sichtlinien vielleicht noch weitere Hügel mit Megalithanlagen, Kirchen, Burgen etc.?
  5. Archäologische Analyse: War die Landschaft bereits in der Jungsteinzeit besiedelt?
  6. Linguistische Analyse: Namenskunde dieser Hügel. Gibt es alte vorindoeuropäische Namen wie z.B. den Bergnamen Similaun? Konzentrieren sich hier Namen mit dem Bestandteil Frau, wie z.B. Frauenau, Frauenberg etc.?
  7. Kirchenforschung: Wichtig sind hier vor allem die Patrozinien, also die Benennung der Kirche. St. Michaels und St. Georgs-Kirchen können darauf hindeuten, dass diese christlichen Drachentöter Namenspaten wurden, um eine starke heidnisch-matriarchale Tradition zu bekämpfen. Mit Marienkirchen sollten vor allem alte Kultplätze der Göttin vereinnahmt werden.
  8. Sagen- und Mythenforschung: Welche Mythen gibt es zu dem Ort?
  9. Folklore-Forschung: Welche Gebräuche existieren an diesen Orten?
  10. Erforschung von Rückzugsgebieten und kulturellen Nischen.


Landschaften

Im Hauptteil des Buches stellt die Autorin mehrere Landschaften vor, die sie mit den oben genannten Methoden interpretiert hat. Allerdings sind im Buch längst nicht alle deutschen Landschaften vertreten, aber das könnte ein Mensch alleine nicht leisten.

Einige Kapitel sind allerdings schon in dem inzwischen vergriffenen Buch Mythologische Landschaft Deutschlands von Heide Göttner-Abendroth und Kurt Derungs aus dem Jahr 1999 erschienen, ohne dass darauf hingewiesen würde.

Im ersten Kapitel beschreibt sie die Megalithkultur auf Rügen. Dieses Kapitel ist weitgehend unverändert aus dem oben genannten Buch übernommen worden.

Im zweiten Kapitel geht es um die Heiligen Berge in Mitteldeutschland. Hier werden der Hohe Meißner, die thüringischen Holleberge und die beiden Gleichberge bei Römhild beschrieben. Alle diese Berge sind der Frau Holle heilig. Dieses Kapitel ist zwar auch schon in Mythologische Landschaft Deutschland erschienen, aber stark erweitert worden.

Das nächste, völlig neue Kapitel ist überschrieben mit: Der Strom der Frau Ley und meint den Rhein. Der Vater Rhein gilt als ein typisch männlicher Fluss. Aber es gibt alte Sagen, die eine Frau Ley erwähnen, sie soll die Gattin des Rheinkönigs sein. In diesen Sagen sind sie und ihre Töchter, die Witten-Ley (Lahn) und die Uhte-Ley (Mosel), die aktiv Handelnden, während sich der Vater Rhein nur in Sorgen ergeht. Das könnte darauf hindeuten, dass auch der Rhein in früheren Zeiten als weiblich gedacht wurde, wie fast alle anderen Flüsse Mitteleuropas.

Dass dies keineswegs unwichtig ist und selbst heute noch mit dem Geschlecht des Rheines Propaganda betrieben wird, zeigt der Kinofilm Rheingold (2014), der als Dokumentation den Fluss von der Quelle bis zur Mündung aus der Vogelperspektive begleitet. Hier tritt Vater Rhein persönlich auf und kommentiert seinen Lauf mit heiserer Stimme. Vom Alpenrhein berichtet er, dass frühere Völker ihre Neugeborenen in den Fluss geworfen haben, um mit einer Wasserprobe zu bestimmen, ob das Kind tatsächlich vom Ehemann stammt oder ob die Frau ihm „untreu“ geworden ist. „Legitime“ Kinder werden an das Ufer getragen, während „Kuckuckskinder“ vom Strom verschlungen werden. Fast hört man ein Bedauern in seiner Stimme, dass dieser schreckliche Brauch heute nicht mehr möglich ist. Unnötig zu erwähnen, dass keine der matriarchalen Sagen und Stätten am Rhein, die Heide Göttner-Abendroth beschreibt, in dieser Kino-Dokumentation auch nur erwähnt werden. So wurden z.B. viele und prächtige Matronensteine im Bonner Münster gefunden, das nahe am Rhein liegt.

(Anmerkung der Rezensentin: Im Buch wird der Film Rheingold nicht erwähnt. Im wollte mit diesem Absatz nur verdeutlichen, dass es auch heute keinesfalls unwichtig ist, ob der Rhein als männlich oder weiblich gedacht wird.)


Ende Teil I


Mara


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