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Mythologische Landschaften in Mitteleuropa    Teil XI

Das Matronenheiligtum von Nettersheim

Was hat das aber mit „unseren“ Matronen zu tun? Auch nach der Eroberung der Länder durch die Indoeuropäer blieb das alteuropäische Element im religiösen Bereich überraschend stark. Zur Zeit der Germanenkriege verehrten noch viele germanische Stämme eine Göttin als Stammesmutter. Später kam es dann immer häufiger zu einem Übergang hin zu männlichen Göttern. So ist die Ursprungslegende der Langobarden im Kern eine Erzählung des Übergangs des Stammes von Frija zu Wotan (vgl. Timm 2006, S. 196).

Die Göttinverehrung hielt sich aber besonders hartnäckig bei der durch eine kriegerische Stammesaristokratie unterdrückten einfachen Bevölkerung (zu den starken sozialen Gegensätzen zwischen Aristokratie und einfachem Volk im keltischen Gallien siehe Birkhan 1997, S. 1002f). Diese Stammesaristokratie wurde aber in der Römerzeit sowohl bei den Ubiern als auch bei den keltischen Galliern durch militärische Niederlagen geschwächt. Die Römer verboten der unterworfenen Bevölkerung das Tragen von Waffen, was insbesondere die kriegerische Stammesaristokratie traf. Sie hatte zudem durch die Niederlagen erheblich an Ansehen eingebüßt. Auch unterdrückten die Römer die Druiden, die vermutlich die Erinnerung an das alte indoeuropäische Erbe in ihren Lehren besonders intensiv pflegten (vgl. Birkhan 1997, S. 912).

Unter diesen Umständen trat vielleicht das im Untergrund noch existierende alteuropäische Element, also die Göttinreligion, wieder stärker hervor. Die Römer haben das vermutlich in den ersten Jahrhunderten u.Z. sogar unterstützt, da sie – wohl zurecht – glaubten, dass ihnen diese Form der Religion nicht gefährlich werden könnte. Darauf deuten zumindest die sehr wertvollen Weihealtäre und Kultbauten zugunsten der Aufanischen Matronen hin.

Die figürliche Darstellung der ubischen Matronen kann nach dieser Theorie unterschiedlich interpretiert werden:

Möglichkeit 1: Die Matronen sind freundliche Gottheiten, die um Hilfe in allen Lebenslagen angerufen werden und insbesondere für die Fruchtbarkeit von Pflanzen und Tieren zuständig sind. Die dargestellten Figuren sind willkürlich und haben keine tiefere Bedeutung, nur die Zahl Drei zählt. Der früher vorhandene Aspekt der Großen Göttin als Schicksalsmacht, als Bringerin des Todes und der Wiedergeburt hätte sich zugunsten des „positiven“ Pols zurückgebildet (vgl. I. Horn 1987, S. 156). Dagegen spricht aber, dass die Matronen auch als mystische Stammmütter einer Sippe oder eines Teilstammes angesehen wurden. Eine wichtige Funktion dieser Ahnmütter war es vermutlich, den Fortbestand der Sippe zu garantieren. Das aber wäre in der Vorstellung der Alten nur möglich, wenn sie für den großen Kreiselauf der Natur von Geburt, Tod und Wiedergeburt insgesamt zuständig sind.

Möglichkeit 2: Es wurde die spätmatriarchale Göttintriade abgebildet. Die Mutter und die Weise Alte wären dann die beiden äußeren Göttinnen, das Mädchen die innere. Altersunterschiede zwischen den außen sitzenden Göttinnen sind allerdings nicht zu erkennen, sie unterscheiden sich höchstens in ihren Attributen, und die sind nicht einheitlich. Allerdings: “There are many religions in which almost identical images are used to depict completely different powers, only insiders being capable of seeing the difference.” (Lendering o.J.)

Möglichkeit 3: Es hat sich hier noch die alteuropäische Göttintriade gehalten. Abgebildet wären also die Allesgebende, die Todbringende und die Herrin der Wiedergeburt. Die Allesgebende wäre dann das Mädchen, die Todbringende und die Herrin der Wiedergeburt die älteren Frauen. Demnach würde in dieser Triade das Mädchen mit Geburt und Wachstum assoziiert. Dies scheint auf den ersten Blick paradox, wir dürfen allerdings nicht den Fehler begehen, die Darstellungen allzu naturalistisch zu interpretieren. In Griechenland wurde z.B. die jugendliche Göttin Artemis als Helferin bei der Geburt angerufen. Das Mädchen wäre dann besonders wichtig für die Menschen. Das erklärt ihre zentrale Position in der Triade und die Beobachtung von Sophie Lange, dass bei vielen Matronenbildern insbesondere der Kopf des Mädchens abgegriffen wirkt, als ob ihn viele Menschen berührt hätten (vgl. Lange 1995). Den beiden älteren Frauen (Todbringerin und Herrin der Wiedergeburt) würden die Menschen dann eher mit Respekt und distanzierter begegnen.

Für diese Interpretation sprechen auch bestimmte Aspekte des Weiterlebens der Matronen im Christentum. In ganz Westeuropa war die Verehrung von drei Heiligen Jungfrauen verbreitet. Sie hatten unterschiedliche Namen und regionale Schwenkpunkte. Die wichtigsten dieser Dreiergruppen sind:

Nr. Namen Schwerpunkt der
Verehrung
1. Fides, Spes, Caritas (lat. Glaube, Hoffnung, Liebe, angebliche Töchter der Heiligen Sophie) Eifel
2. Bertilia, Eutropia, Genovefa Belgien
3.

Die drei Beten Einbeth, Wilbeth, Worbeth

Süd- und Mitteldeutschland
4. Die Drei Marien (Maria Magdalena, Maria Salome und Maria Jacobi) Frankreich
5. Die Drei Heiligen Madel Katharina, Margaretha und Barbara Alpenraum, Bayern
6.

Drei Jungfrauen ohne Namen

(unspezifisch)

Dreiergruppen weiblicher Heiliger im Mittelalter (vgl. Zender 1987, S. 215f)

Zentrum der Verehrung von Fides, Spes, Caritas ist der Eifelraum, also das ehemalige Ubiergebiet. Ihre Verehrung ist schriftlich seit dem 8. Jahrhundert bezeugt. Seitdem existieren zahlreiche Belege für die Verehrung dieser drei Jungfrauen durch das ganze Mittelalter hindurch und aus späteren Zeiten. Die Kirche zog zwar die Verehrung von Fides, Spes, Caritas mehrfach anderen, ihr noch suspekter erscheinenden Gruppen vor, versuchte aber verstärkt im 19. Jahrhundert, auch diesen Kult zu unterdrücken (vgl. Zender 1987, S. 218).

Die drei heiligen Schwestern gelten als Schützerinnen der Frauen. Sie verleihen Eheglück und Fruchtbarkeit und helfen Gebärenden. Ebenfalls werden sie bei Krankheiten angerufen. Am 1. August wurde das Dreijungfernfest gefeiert; das Datum entspricht dem alten keltischen Jahreszeitfest Lugnasad, dem Schnitterfest (vgl. Lange 1995).

Neben diesen Heiligen gibt in der Eifel und am Niederrhein noch zahlreiche Juffernsagen. Juffern (im ripuarischen Dialekt: Jungfrauen) sind weiß gekleidete Geister, die meistens ebenfalls in Dreiergruppen auftreten. Sie erscheinen um 12 Uhr Mittags oder um Mitternacht. Juffern gelten einerseits als helfende Geister und beschützen das Getreide und Obstbäume, sind aber auch Künderinnen des Todes. Wer sie sieht und anspricht, muss bald sterben (vgl. Lange 1995). Offensichtlich erinnern die Juffern an die die starre und schlanke Weiße Frau, deren Figurinen sich in alteuropäischen Gräbern finden, die aber auch noch aus dem Volksglauben Irlands und Litauens bekannt ist. Hier ist Weiß immer noch die Farbe des Todes. Das belegt, dass sich alteuropäische Vorstellungen noch bis in christliche Zeiten hinein gehalten haben müssen.

Sowohl die Heiligen, als auch die gespensterhaften Juffern werden als Jungfrauen bezeichnet. Das kann auf die Dominanz der mittleren, jüngeren Göttin hindeuten, aber auch eine Folge der christlichen Hervorhebung der Jungfräulichkeit sein (vgl. Lange 1995). Bereits der Kirchenvater Ambrosius von Mailand (339-397) erklärte, für Gott sei die Jungfräulichkeit wohlgefälliger als die Ehe (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 91).

Wir haben hier also möglicherweise eine Aufspaltung der antiken Triade in zwei weitere Triaden; einerseits in drei „gute“ Heilige, andererseits in unheimliche, gespensterhafte Juffern als Todesbotinnen. Wahrscheinlich wurde der dritte Aspekt der alten Triade, die Herrin der Wiedergeburt, vergessen, da er völlig mit dem Christentum inkompatibel ist. Der Tod wurde damit endgültig und war damit noch stärker angstbesetzt als früher, da nun alle Menschen fürchten mussten, nach ihrem Tod unendlich lange in der Hölle zu schmoren. Die Kirche hat diese Furcht ständig geschürt.


Ende Teil XI


Mara


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