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Mythologische Landschaften in Mitteleuropa    Teil X


Das Matronenheiligtum von Nettersheim

Matronen und die Große Göttin

Angesichts der zahlreichen Göttinnen-Triaden drängt sich die Frage geradezu auf, inwieweit diese Dreiheiten auf die Große Göttin des Neolithikums und des Altertums, die in drei Gestalten auftrat, zurückgeführt werden können. Dies wird von der Wissenschaft im Allgemeinen allein deshalb abgelehnt, weil behauptet wird, diese Große Göttin sei eine Erfindung der Moderne, genauer des Dichters Robert Graves. Er hat aber nur Forschungen der britischen Altertumswissenschaftlerin und Feministin Jane Ellen Harrison (1850-1928) weitergeführt. Harrison gehörte zusammen mit dem Religionswissenschaftler J.G. Frazer zur Gruppe der so genannten Cambridge Ritualists. Die von ihnen vertreten Theorien waren im 20. Jahrhundert umstritten, aber als valide Wissenschaft anerkannt. Beginnend mit den 40er Jahren setzte eine immer stärkere Opposition in den Altertumswissenschaften, der Archäologie und der Geschichtswissenschaft gegen sie ein und heute gelten sie als völlig überholt. Allerdings nicht, weil sie durch neue Fakten wiederlegt worden wären, sondern weil neue Theorien aufkamen (vgl. Ackermann 2002, S. 188). Noch 1959 stellte der britische Archäologe E.O. James das damalige Wissen über die Göttinverehrung der Vorzeit und des Altertum in seinem Buch „Der Kult der Großen Göttin“ zusammen.

In ihrem Buch „The Language of the Goddess“ von 1989 untersuchte die Archäologin Marija Gimbutas das Symbolsystem Alteuropas. Sie kam u.a. zu dem Ergebnis, dass bereits im oberen Paläolithikum die Zahl Drei für die Menschen eine große Bedeutung hatte um im Zusammenhang mit Darstellungen der Großen Göttin verwendet wurde. Diese wurde damals als Mutter der Tiere oder als Verkörperung der Natur selbst verstanden. Aus dieser Zeit gibt es weibliche Figurinen, die mit der Dreifachlinie gekennzeichnet sind, ebenso wie direkte Darstellungen einer dreifachen Göttin; auch Bilder mit drei Schlangen oder drei Spiralen. Solche Motive kommen auch im Neolithikum vor, z.B. im Donauraum, in Thessalien und in Anatolien. In zahlreichen Megalithgräbern wie in New Grange (Irland) taucht das Symbol der Drei immer wieder auf, hier in Form von drei ineinander verschlungenen Spiralen. Der Archäologe James Mellart berichtete, dass in den Schreinen von Catal Hüyük zahlreiche Figurinen auffällig oft in Dreiergruppen gefunden wurden. Viele maltesische Tempel haben eine Kleeblattform, bestehen also aus drei Kammern (vgl. Gimbutas 2006, S. 88ff).

Damit ist belegt, dass die große Bedeutung der Zahl Drei erheblich älter ist, als die indoeuropäische Sprache und demnach nicht auf die dumézilschen Funktionen zurückgeführt werden kann.

Als Ergebnis ihrer Forschungen zum alteuropäischen bzw. allgemein matriarchalen Symbolsystem haben Marija Gimbutas und Heide Göttner-Abendroth ein Strukturschema der Großen Göttin aufgestellt, die in drei Gestalten auftritt:

Die bedeutendste, aber nicht die einzige Göttin Alteuropas ist nach Gimbutas die Große Göttin als Herrin über Leben, Tod und Wiedergeburt. Sie steht in Zusammenhang mit den Mondphasen:

1. Allesgebende 2. Todbringende 3. Regeneratrix
1. Gebärerin a. anthropomorphe Gebärende b. Urmutter in Gestalt einer Bärin, Hirschkuh oder Elchkuh 1. Todesbotin und Todbringerin (Geier, Eule, Schlange) 1. Lebenserneuernde Vulva, Uterus, Dreieck, Axt
2. Spenderin von Lebenswasser und Gesundheit a. aufrecht stehender Steinblock (Menhir) als Epiphanie der Göttin, Hüterin des Lebenswassers b. Gefäß: anthropomorph oder ornitomorph mit aquatischen Zeichen (z.B. Parallellinien) 2. Todesgöttin: Weißer Knochen, Starre Nackte, Weiße Frau, Furchterregende Maske, Vorläuferin des Gorgonenhauptes 2. Symbole: Fisch, Frosch, Kröte, Igel, Schildkröte, Eidechse, Hase, Biene, Schmetterling, Motte, Lebenssäule
3. Künderin des Frühlings und der Zukunft a. jugendliche Göttin vom Typ Artemis b. Frühlingsvögel: Kuckuck, Schwalbe, Lerche, Taube    
4. Heilerin und Beschützerin als Schlangenfrau; Beschützerin des jungen Lebens: Nährmutter, Weibliche Figur mit Kind auf dem Arm    

Göttinstruktur nach Marija Gimbutas (vgl. Gimbutas 2006, S. 328)

Aus diesem Schema ergibt sich unter anderem, dass die symbolische Bedeutung der Farben Weiß und Schwarz in Alteuropa genau umgekehrt war, als im späteren indoeuropäischen Symbolsystem. Weiß war die Farbe des Todes, von Knochen. Bei den Indoeuropäern dagegen sind Weiß und Gelb die Farben des glänzenden Himmels und der Sonne. Schwarz bedeutete ursprünglich nicht den Tod oder die Unterwelt; es war vielmehr die Farbe der Fruchtbarkeit, von feuchten Höhlen und reicher Erde, des Schoßes der Göttin, wo das Leben beginnt (vgl. Gimbutas 2006, S. XIX und 198).

Wenn wir dieses Strukturschema der Großen Göttin mit dem von Göttner-Abendroth für die spätmatriarchale Zeit vergleichen, erkennen wir, dass die Bedeutung der Zahl Drei geblieben ist, aber sich die Inhalte, also die Funktionen der Göttinnen verschoben haben. Es hat teilweise bereits die Bedeutungsänderung der Farben Schwarz und Weiß mitgemacht. Ein weiterer Beleg für das vergleichsweise junge Alter dieses Schemas ist auch Amazonensymbolik der ersten Gestalt (Mädchen, Junge Frau). Amazonenreiche entstanden, als sich matriarchale Gesellschaften schon mit dem eindringenden Patriarchat konfrontiert sahen (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 34).

Gestalten Mädchen
Junge Frau
Frau und Mutter Alte Frau
Regionen Herrin des Himmels Herrin von Land und Meer Herrin der Unterwelt / Anderswelt
Funktionen Lichtbringerin, Jägerin, Amazone Schenkerin der Liebe und des Lebens Schenkerin von Tod und Wiedergeburt, Magie, Wissen und Weisheit
Symbolik
Jahreszeiten Frühling Sommer Herbst und Winter
Symbolik ihrer Region Universum mit Mond und Sternen, manchmal auch mit der Sonne Verkörperung ihres Landes Verkörperung der Höhlen der Unterwelt oder der Anderswelt auf dem Meeresgrund
Gestirnssymbol Sichelmond Vollmond Leermond bzw. Neumond
Symbolische Farbe Weiß Rot Schwarz
Symbolische Tiere Tiere des Himmels, bes. weiße Vögel. Tiere des Waldes, bes. weiße Hirsche. Kämpferische Tiere: Löwen, Panther, Katzen Nahrung schenkende Tiere: Kuh, Ziege, Schaf, Schwein, Tiere, die Liebe und Fruchtbarkeit symbolisieren, bes. Tauben, Bienen Unterirdische Tiere: Schlangen, Drachen. Schwarze Tiere und Nachttiere: Eule, Rabe, Krähe. Schwarz-Weiße Hunde und Pferde.
Symbolische Gegenstände Pfeil und Bogen, Wagen mit Löwen oder Hirschen davor. Der Liebeskelch, Liebesapfel, das Obstgarten-Paradies. Gegenstände der Liebesmagie: Zaubergürtel und Ringe Der Schicksalsfaden und die Spindel, die Schicksalswage. Der Todesapfel und das Obstgarten-Paradies als Anderswelt

Göttinstruktur (Triade) nach Heide Göttner-Abendroth (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 32)

Alle drei Gestalten bilden nur eine Gottheit, sie sind nie völlig voneinander zu trennen, sondern nur Aspekte der Einen (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 44). Deshalb ist die unterschiedslose Anrufung einer Triade oder einer einzelnen Göttin kein Beleg dafür, dass Matronen oder Matres keine echte Dreiheit bildeten. Vermutlich wussten die Menschen, dass immer die Große Göttin gemeint ist, egal ob als Triade oder als Einzelne dargestellt.


Ende Teil X


Mara


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