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Mythologische Landschaften in Mitteleuropa   Teil VIII
Das Matronenheiligtum von Nettersheim

Insgesamt wurden bisher in der Germania inferior 10 Tempelkomplexe ausgegraben, in denen die Matronen verehrt wurden. Es werden noch weitaus mehr Tempel vermutet, denn bis jetzt sind mehr als 100 Matronennamen bekannt. Die Bedeutung der Namen ist schwer zu entziffern, manche sind sicher germanischen, andere wohl keltischen oder vorindoeuropäischen Ursprungs.

Ort Matronenname Mögliche Bedeutung
(meistens unsicher)
Nennungen oder Weihesteine
Köln (CCAA) Matronae Vallameneihe Sippenname, also die Vallamenischen Ahnmütter

Hürth-Hermühlheim

Matronae Audrianehae Die göttlichen Beschützerinnen, die göttlichen Schicksalsfrauen
Bonn Matronae Aufaniae Die freigebigen Ahnmütter 100
Nettersheim
Nöthen-Pesch Matronae Vacallinehae Sippenname, also die Vacallischen Ahnmütter über 290
Zingsheim Matronae Fachneihiae Die fröhlichen Ahnütter
Embken Matronae Veteranehae (Vom Fluss Waal abgeleitet) 10
Niedereggen-Abenden
Morken-Harff Matronae Austriahenae Die östlichen Ahnmütter 150
Rödingen Matronae Gavadiae Die über Eide wachenden Ahnmütter 6
Eschweiler-Fronhoven Matronae Amfratninae Die glücksbringenden Ahnmütter 8
Krefeld-Lank/Gripswald Matronae Octocannae (Vom keltischen Wort utka = Fichte abgeleitet) 7


Ausgegrabene Matronentempel in der Germania inferior (vgl. H.-G. Horn 1987, S. 34)

Weihealtäre der Aufanischen Matronen fanden sich nicht nur in Nettersheim, sondern auch in den Grundmauern des Bonner Münsters. Vermutlich stand an der Stelle des heutigen Münsters in großes Matronenheiligtum. Der Legende nach soll Helena, die Mutter des ersten christlichen römischen Kaisers Konstantin, seine Zerstörung befohlen haben, als sie Bonn besuchte (vgl. Lange 1995). Des Weiteren wurden die Aufanien auch in einem Tempel in Xanthen, in Zülpich (Tolbiacum) und Jülich verehrt. Während die meisten Matronen nur ein sehr beschränktes „Einzugsgebiet“ hatten, erstreckte sich die Verehrung der Aufanischen Matronen über die gesamte Provinz Germania inferior und darüber hinaus (vgl. Biller 2010, S. 315).Die Funktion der Matronen ist nicht ganz klar und wird von verschiedenen AutorInnen unterschiedlich gedeutet. Auffällig ist immerhin, dass viele – aber nicht alle – Matronennamen bestimmten Sippennamen entsprechen. Die Matronen wurden vermutlich als mystische Ahnmütter einer Sippe oder eines Teilstammes begriffen. Andererseits deutet die Symbolik (Früchte, seltener Tierabbildungen) auf den Matronensteinen darauf hin, dass sie auch als Garanten der Fruchtbarkeit, insbesondere von Feldern und Tieren angerufen wurden. Im Ubiergebiet finden sich keine Abbildungen, die sie auch mit der menschlichen Fruchtbarkeit zusammenbringen. Ob sie auch mit Tod und Wiedergeburt in Verbindung gebracht wurden, ist unklar. Darauf könnte ihre Funktion als Ahnmütter hindeuten, außerdem gelegentliche Abbildungen von Schlange und Hund, also typischen Totentieren auf den Seitenflächen. Diese könnten allerdings auch auf ihre Verbindung zu Krankenpflege oder zu Wahrsagungen hinweisen.Rudolf Simek glaubt, die Matronen sollten eher als Habgottheiten oder im christlichem Sinne als Heilige verstanden werden. Also als „ansprechbare, gut bekannte und verehrungswürdige Bewohnerinnen des Jenseits, an die man sich mit den täglichen Sorgen und Anliegen mit guter Aussicht auf Erfolg wenden könnte.“ (vgl. Simek 2003, S. 123f) Erika Timm hält dagegen die germanischen Göttinnen der frühen Kaiserzeit allgemein für zwar kleinräumige, aber funktional durchaus Große Göttinnen vom Isis-Typ (vgl. Timm 2003, S. 291). Auch andere Autoren bezeichnen sie als Göttinnen.

Der älteste Weihestein ist nach neuesten Forschungen des Archäologen Frank Biller derjenige des L. Vitelius Consors an die Rumanehischen Matronen aus Iuliacum (Jülich). Er wurde mit Sicherheit vor 122 u.Z. errichtet, vermutlich sogar vor 89 u.Z. (vgl. Biller 2010, S. 269). Die Matronenverehrung ist wahrscheinlich aber viel älter. Bei vielen Matronentempeln weisen Spuren auf ein Bestehen des Kultplatzes weit vor dem Bau der steinernen Tempel hin. Vermutlich wurde ursprünglich ein besonders auffälliger Baum oder eine Quelle durch einen Zaum als heiliger Bezirk gekennzeichnet, in dem die Menschen den Göttinnen geopfert haben. Nachdem dieser Baum abgestorben war, wurde dann an seiner Stelle ein Gallo-Römischer Umgangstempel wie in Nettersheim erbaut oder eine steinerne Baumskulptur wie in Nöthen/Pesch aufgestellt. Diese Veränderung im Kultgeschehen steht in Verbindung mit einer allgemeinen Romanisierung des öffentlichen Lebens im 2. Jahrhundert u.Z. in der Provinz Germania inferior (vgl. Biller 2010, S. 267).

Früher haben sich die hier wohnenden Menschen, also die germanischen Ubier und Reste der keltischen Eburonen wohl vorgestellt, ihre Göttinnen würden in auffälligen Bäumen wohnen. Diese Art der Verehrung von Gottheiten in Bäumen ist sowohl von den Kelten als auch den Germanen bekannt. Denn Bäume haben nach ihrer Auffassung eine mythische Kraft. Ich kann allerdings Biller nicht in seiner Aussage folgen, die Menschen hätten sich die Matronen ursprünglich auch als Bäume vorgestellt. Dafür gibt es weder bei Germanen oder Kelten irgendwelche Parallelen. Selbst Gestalten der niederen Mythologie wie Baum- oder Quellnymphen stellten sie sich anthropomorph vor, erst recht ihre Göttinnen und Götter. So wird z.B. niemand aus der Existenz der Donareiche bei Fritzlar schließen wollen, die Germanen glaubten, Thor sei in Wirklichkeit ein Baum (vgl. Biller 2010, S. 275ff)!


Bild: Weihealtar des
Pettronius Patroclus © Mara

Der Höhepunkt der Setzung von Weihesteinen an die Matronen liegt zwischen den Jahren 160 bis 230 u.Z. Nach 250 u.Z. wurden keine neuen Weihesteine mehr aufgestellt. Allerdings darf der Schluss der Inschriftensetzung nicht als Abebben der Matronenverehrung verstanden werden. Dieser Rückgang ist vielmehr Teil eines allgemeinen Trends, denn mit dem Fall des Limes in den Jahren 230/260 u.Z. endete die Blütezeit der germanischen Provinzen. Die allgemein schlechte wirtschaftliche Lage ermöglichte es immer weniger Menschen, teure Steininschriften zu setzen. Zumal die ständigen Germaneneinfälle es sehr unsicher machten, ob solche Weihungen überhaupt lange Bestand hätten. Auch Weiheinschriften an andere Gottheiten finden sich nach 260 u.Z. in der Germania inferior kaum noch. Deshalb kann das Abebben Inschriftensetzung nicht als religiöser Paradigmenwechsel verstanden werden. Münzfunde haben vielmehr ergeben, dass die Matronenheiligtümer noch bis zum Ende des 4. Jahrhunderts als Verehrungsstätten genutzt wurden. In der darauf folgenden chaotischen Völkerwanderungszeit wurden viele dieser Tempel wohl zusammen mit den zu ihnen gehörenden Siedlungen aufgegeben. Das Christentum ist bis dahin im ländlichen Eifelraum nicht fassbar, sondern wurde hier erst im 7. Jahrhundert durchgesetzt. Christen können allerdings an der Zerstörung des großen Bonner Aufanienheiligtum beteiligt gewesen sein. Darauf deuten sowohl entsprechende Legenden als auch der Standort des Bonner Münsters hin, das vermutlich auf dem Standort dieses Tempels erbaut wurden; möglicherweise um den in Teilen der Bevölkerung noch populären Aufanienkult für sich zu vereinnahmen (vgl. Biller 2010, S. 308).


Ende Teil VIII

Mara


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