Mythologische Landschaften in Mitteleuropa   Teil VII

Das Matronenheiligtum von Nettersheim

Matronenstein von
Nettersheim © Mara

Der Weihestein des Pettronius Patroclus

Sehen wir uns mal einen dieser Steine näher an: Der links stehende Matronenstein ist noch am besten erhalten. Er enthält folgende Inschrift:

MATRONIS AUFANIABUS
M(ARCUS) PETTRONIUS PATROCLUS
B(ENE)F(ICIARIUS)
CO(N)S(ULARIS)
ITERATA STATIONE
V(OTUM) S(OLVIT) L(IBENS) M(ERITO)

Übersetzung: Den Aufanischen Matronen hat Marcus Pettronius Patroclus, Beneficarier im Stab des Statthalters und zum zweitenmal auf Posten, sein Gelübde gerne und nach ihrem Verdienst eingelöst (vgl. Lange 1995).

Beneficarier waren altgediente römische Legionäre, die von ihren Vorgesetzten vom normalen Lagerdienst befreit und für besondere Aufgaben eingesetzt wurden. In Nettersheim dienten sie als Straßenpolizisten und -aufsichtsbeamten. Sie lebten in einer Beneficarierstation, die mehrere 100 m vom Tempelbezirk entfernt lag. Normalerweise wurden sie zur Vermeidung von Korruption nach sechs Monaten auf einen anderen Posten versetzt. „Itera Statione“ bedeutet hier aber, dass Pettronius Patroclus zum zweiten Mal, also in einer zweiten Sechs-Monats-Periode in Marcomagus Dienst tat. Dies ist ihm so wichtig, dass er es auf dem Weihestein eigens erwähnt. Offenbar war der Posten in Nettersheim bei den Beneficariern sehr beliebt; vielleicht gerade wegen der Matronen. Die „sakralrechtliche Vertragsformel“ VSLM kommt auf sehr vielen römischen Weihesteinen vor, auch an andere Gottheiten. Votum Solvit Libens Merito bedeutet „das Gelübde gerne und nach ihrem Verdienst eingelöst“. Der Stifter hat also etwas erbeten und den Göttinnen einen Weihestein versprochen, wenn sie ihm diesen Wunsch erfüllen.

Die Matronen werden in fast allen Weihesteinen als Triade dargestellt, so auch hier. Sie tragen lange, faltenreiche Gewänder, die der Festtagstracht der Ubierinnen entspricht. Diese besteht aus einem hier nur ansatzweise sichtbaren Unterrock, einem gegürteten Gewand und einem langen, tuchartigen Mantel, der durch eine große Schließe vor der Brust zusammen gehalten wird. Alle drei Göttinnen sind mit Halsreifen (Torques) geschmückt. Der Torques war ein weltliches und religiöses Symbol der Macht, der Verehrung und des Schutzes.

Die beiden außen sitzenden Frauen tragen sehr auffällige voluminöse Hauben. Hauben sind bei den Germanen das Merkmal einer älteren, verheirateten Frau. Ihre Größe ist allerdings sehr ungewöhnlich. Vielleicht sind sie auch als religiöse Tracht anzusehen; sie erinnern an eine Mondsichel. Die mittlere Göttin trägt ihr Haar offen. Sie ist etwas kleiner und schmaler dargestellt als die zwei anderen Göttinnen. Das kennzeichnet sie als Mädchen oder als junge, unverheiratete Frau.

Die links sitzende Matrone hält auf ihrem Schoß eine Schale mit Früchten, die mittlere, jüngere ein Brot (nach dem Erstausgräber Lehner ein Kästchen) und die rechts sitzende Matrone zwei Wollballen (nach Lehner Kürbisse). Sie repräsentieren also die pflanzliche, tierische und vom Menschen überformte Fruchtbarkeit.

Die von Lehner vorgeschlagene Lesart der Früchte der rechten Matrone, also Kürbisse, ist allein deshalb unmöglich, weil die Pflanzen der Gattung Cucurbita aus Amerika stammen und demnach zur Römerzeit in Mitteleuropa noch gar nicht bekannt waren.

Auf der linken Schmalseite des Weihesteins ist ein Füllhorn mit Birne, Granatäpfeln und Pinienzapfen abgebildet, darunter ein Kranich, auf der rechten ein dreifüßiges Tischchen mit Kannen und Schweinskopf, darüber eine Girlande mit Vogel. Das Füllhorn symbolisiert Fruchtbarkeit und Überfluss sowie das sorgenfreie Leben im goldenen Zeitalter. Die Birne ist ein Symbol für Fruchtbarkeit, aber auch für Tod und Wiedergeburt. Der Apfel und insbesondere der Granatapfel stehen für Lebensfülle und Lebensfreude. Der Apfel steht auch für Frau Welt, also die Einheit von Diesseitswelt und Anderswelt, von Werden und Vergehen. Die Pinie galt im Mittelmeerraum wegen ihrer unablässigen Samenproduktion ebenfalls als Symbol für Fruchtbarkeit und Wiedergeburt. Sie galt als Lebensbaum und wurde der Göttin Kybele zugeordnet. Der auffällige Zug der Kraniche verkündet den nahenden Winter oder den anbrechenden Frühling. Im Alten Europa war die Vogelgöttin, die häufig als Hybridwesen Frau-Wasservogel dargestellt wurde, für den Schutz der Sippe und die Mehrung des materiellen Wohlstandes der Menschen zuständig (vgl. Lange 1995).

 


Bild: Matronensteine
© Mara

Matronenverehrung im Ubierland

Im Eifelgebiet lebte bis zum 51 v.u.Z. der keltische Stamm der Eburonen. Dieser wurde von Caeser in den Gallischen Kriegen vernichtend geschlagen und die meisten seiner Angehörigen niedergemetzelt. Ab dem 39 v.u.Z. erlaubten es die Römer dem am rechten Rheinufer lebenden germanischen Stamm der Ubier, den Rhein zu überqueren und im ehemaligen Eburonengebiet zu siedeln. Diese Übersiedlung zog sich jedoch lange hin, da die Römer nur wenigen Familien bzw. Sippen des Stammes pro Jahr die Rheinüberquerung gestatteten. Der sehr römerfreundliche Stamm der Ubier führte vorher in ihrem Auftrag Krieg gegen andere Germanenstämme und wurde von diesen schließlich geschlagen. Er drohte, zwischen den Römern und den anderen Germanen militärisch aufgerieben zu werden.

Im Jahr 85 u.Z. richteten die Römer schließlich die Provinz Germania inferior (Niedergermanien) ein. Hauptstadt war die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln). Die Germania Inferior umfasste in etwa die linksrheinischen Gebiete der heutigen Staaten Deutschland nördlich von Koblenz, Belgien und der Niederlande.

Im Ubiergebiet allein wurden bisher 825 Weihealtäre gefunden, davon richteten sich 450 an die Matronen. Die meisten der bildlich verzierten Weihesteine zeigen die oben beschriebene Matronendreiheit mit zwei älteren Frauen außen und einer jüngeren innen. In den Inschriften werden die Frauen 409 mal Matronae genannt, 35 mal Matres (lat. Mütter) und 6 mal Deae (lat. Göttinnen). Die Benennungen wurden offensichtlich als Synonym verstanden; die bildlichen Darstellungen unterscheiden sich nicht (vgl H.-G. Horn 1987, S. 31). Dem entspricht in etwa die Verteilung der Anredeformen auf den Weihesteinen im Matronenheiligtum von Nettersheim, soweit noch rekonstruierbar:

Name Anzahl der Weihealtäre
Deabus Aufanis 2
Matribus Aufanis 1
Matronis Aufaniabus 8
Aufanis 2

Anredeform der Aufanischen Matronen in Nettersheim (vgl. Biller 2010, S. 43)

Dies belegt, dass die Matronen eher als Göttinnen verstanden wurden und nicht etwa als Wesen der niederen Mythologie.


Ende Teil VII


Mara


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