Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Mythologische Landschaften in Mitteleuropa   Teil VI
Das Matronenheiligtum von Nettersheim

Einleitung zum Matronenheiligtum von Nettersheim

In dieser Folge der Reihe „Mythologische Landschaften Mitteleuropas“ geht es um die römerzeitlichen Matronentempel in der Eifel. Das lateinische Wort Matrona bedeutet eine würdevolle, ältere Frau. Die im Eifelraum in den ersten Jahrhunderten u.Z. lebenden Kelten und Germanen bezeichneten mit diesem Begriff ihre Göttinnen, die immer als Triade auftraten. Von ihnen sind insbesondere zahlreiche Weihesteine überliefert.

Zunächst werde ich einen dieser Tempel, das Matronenheiligtum von Nettersheim beschreiben, dann einen einzelnen Weihestein. In den folgenden Abschnitten wird dieser Tempel in die „sakrale Landschaft“ (Frank Biller) der römerzeitlichen Südeifel eingeordnet und die Matronenverehrung bei Kelten und Germanen dargestellt. In weiteren Abschnitten geht es um die TrägerInnen der Matronenverehrung und Kultformen. Schließlich wird gefragt ob die Matronenverehrung im Zusammenhang mit der Verehrung der seit dem Paläolithikum bekannten Großen Göttin steht. Dieser Abschnitt muss in Teilen notwendigerweise spekulativ bleiben. Im letzten Abschnitt geht es um die heutige Matronenverehrung.


Das Matronenheiligtum von Nettersheim

Die Gemeinde Nettersheim liegt auf der Eifelhochfläche in c.a. 500 m Höhe. Politisch gehört sie zum Kreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen und liegt c.a. 45 km Luftlinie südwestlich der Stadt Bonn. Unweit des Ortes am Fluss Urft befindet sich ein flacher Hügel mit der Flurbezeichnung „Görresburg“. Dort fanden im Jahr 1909 im Aufrag des Provinzialmuseums Bonn (heute: Rheinisches Landesmuseum) Ausgrabungen statt und es wurde ein Tempelbezirk der Aufanischen Matronen aus der Römerzeit freigelegt. Damit war im Rheinland zum ersten Mal ein Tempel ausgegraben worden, der der Verehrung einer weiblichen Gottheit gewidmet war. Vor dieser Ausgrabung hatten Archäologen es für sehr unwahrscheinlich gehalten, dass es solche Tempelanlagen geben würde (vgl. Lange 1995).


Bild: © Mara

Der Tempelbezirk ist leicht trapezförmig angelegt und von einer im Norden und Süden 26 m, im Westen 24,67 m und im Osten 26,9 m langen Mauer umgeben. Diese wurde noch durch einen Holzzaun erhöht, der auf der Mauer befestigt war. Der Haupteingang der Tempelanlage befindet sich im Osten, allerdings nicht genau in der Mitte der Anlage, sondern etwas nach Norden versetzt. In der Südwestecke gibt es noch eine kleinere, schmalere Pforte (Vgl. Biller 2010, S. 29).
Fast genau gegenüber dem Haupteingang stand ein gallo-römischer Umgangstempel mit einer 6 x 6 m großen Cella und einem schmalen, nur 0,5 m bis 1 m breiten Umgang. In antiken Tempeln bezeichnet die Cella das Allerheiligste, in der in der Regel ein Standbild der Göttin oder des Gottes aufgestellt ist. Die Cella war meistens verschlossen und wurde nur zu feierlichen Anlässen geöffnet. Vermutlich stand hier ein großes Standbild der Aufanischen Matronen. Es wurde bei den Ausgrabungen allerdings kein solches Bild gefunden. Möglicherweise ist es in der Zeit der Aufgabe des Tempels um 400 u.Z. weggeschafft worden. Dafür spricht auch, dass man im benachbarten Matronentempel von Nöthen/Pesch tatsächlich Reste eines solchen großen Standbildes fand. Der Umgang des gallo-römischen Tempeltyps war überdacht, aber ansonsten offen und diente im Allgemeinen dazu, die Cella feierlich in einer Prozession zu umschreiten oder der Gottheit Opfer darzubringen. In Nettersheim war das wegen der geringen Breite allerdings nur bedingt möglich. Statt dessen wurden hier an dieser etwas geschützten Stelle zahlreiche Weihesteine aufgestellt. Weihesteine oder Weihealtäre sind künstlerisch gestaltete Kleinaltäre, auf denen den Matronen Opfer dargebracht werden konnten. Sie wurden von einzelnen Personen gestiftet, wenn die Göttinnen ihnen einen Wunsch erfüllt hatten oder aber auch „auf Befehl“ dieser Göttinnen (lat. „Ex imperio ipsarum“). Die Weihesteine enthalten auf ihrer Vorderseite entweder nur die Widmungsinschrift, in der festgehalten wird, wer diesen Altar gestiftet hat oder zusätzlich noch ein Bild der Matronen. Die Schmalseiten können noch mit weiteren Darstellungen verziert sein. Insgesamt wurden bei den Ausgrabungen die Reste von 30 bis 40 dieser Weihesteine gefunden, die um die gesamte Cella herum aufgestellt worden waren (vgl. Lange 1995, Biller 2010, S. 29ff).

Südlich des Tempels lagen noch zwei kleinere Kultbauten. Der eine war annähernd quadratisch mit einer Seitenlänge von 3,12 bis 3,15 m, der andere war noch kleiner: Er war 2,45 m lang, 2,15 m breit und nach vorne geöffnet. Welche Gottheiten dort verehrt wurden, ist unbekannt. Nach Meinung des Archäologe Frank Biller kommen folgende in Frage: Der Genius der Legio I Minervia, Merkur, Venus oder der Iupiter Optimus Maximus. Dem widerspricht allerdings eine bei den Ausgrabungen von 1909 ebenfalls gefundene Bauinschrift, die wie folgt lautet: „Matronis Aufanibus Claudius Iustus.“ Das bedeutet übersetzt: „Den Aufanischen Matronen gestiftet von Claudius Iustus.“ Die exakte Fundstelle ist nicht mehr zu ermitteln; Biller meint aber, dass es die Bauinschrift eines der kleineren Tempel sei. Demnach müsste dieser ebenfalls den Aufanischen Matronen gewidmet gewesen sein. Der Stifter Claudius Iustus war ein hoher Beamter aus der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA, dem heutigen Köln) und hatte bereits andere religiöse Bauwerke gestiftet. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass einer der kleineren Tempel eine besonders prächtige Stiftung an die Matronen war, da sich Claudius Iustus nicht mit einem Weihestein begnügen wollte (vgl. Biller 2010, S. 30ff).

Wie eine weitere Bauinschrift ergab, wurde die Tempelanlage insgesamt von den Bewohnern des Dorfes Marcomagus, dem heutigen Nettersheim errichtet. Diese gehörten in der Römerzeit zum germanischen Stamm der Ubier. Die gefundenen Münzen reichen von Stücken, die um 7 v.u.Z. geprägt wurden, bis zu solchen, die in den Jahren 388 oder 395 oder 408 u.Z. geprägt worden sind. Sie geben wichtige Hinweise auf die Dauer der Nutzung der Tempelanlage, die wohl zwischen 100 u.Z. und 406 u.Z. (dem Beginn der Völkerwanderung) lag. Als Folge der ständigen Barbareneinfälle wurde wohl der Vicus Marcomagus und mit ihm das Matroneneheiligtum in der Völkerwanderungszeit aufgegeben. Im Unterschied zu vielen anderen Tempeln wurde er allerdings nie von eifernden christlichen Missionaren zerstört oder mit einer Kirche überbaut, sondern er verfiel einfach.

Auffällig ist, dass der den Aufanischen Matronen gewidmete Tempel von Nettersheim, der den Fachineischen Matronen gewidmete Tempel von Zingsheim und der „Heidentempel“ von Nöthen/Pesch (den Vacallinehischen Matronen gewidmet) eine gerade Linie bilden. Sie sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Offenbar glaubten die Erbauer dieser Tempel an die Existenz von bestimmten Kult- oder Kraftlinien. Der Tempel von Nettersheim war auf jeden Fall eine weithin sichtbare Landmarke. Möglicherweise war er in eine ausgedehntere Sakrallandschaft eingebettet, zu der auch ein Menhir gehört haben kann. Darauf deutet vielleicht der Flurname Riesenstein in der Nähe des Tempels hin. Die Südeifel gehört auf jeden Fall zu den Regionen Mitteleuropas, in denen viele Menhire vorkommen (vgl. Lange 1995).

Nach dem Ende der Ausgrabungen im Jahre 1909 schüttete man die Reste wieder zu, so dass auf der Görresburg nichts mehr zu sehen war. Die geborgenen Matronensteine und sonstige Funde werden im Rheinischen Landesmuseum Bonn aufbewahrt und sind dort teilweise ausgestellt. Erst 1976/77 wurde die Tempelanlage im Rahmen eines Strukturverbesserungsprogramms erneut freigelegt und teilrekonstruiert, also flach aufgemauert, so dass die Umrisse der Gebäude und der Außenmauer wieder erkennbar sind. Von drei gut erhaltenen Matronensteinen wurden Abgüsse vor der großen Cella aufgestellt. Diese Steine sind inzwischen teilweise durch Vandalismus stark beschädigt worden, allerdings zum Glück nur die Kopien, nicht die Originale!


Ende Teil VI


Mara


The Pit     Merlin, 05.09.2015
Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung - Teil II     Mara, 14.03.2015
Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung - Teil I     Mara, 07.03.2015
Mythologische Landschaften in Mitteleuropa - Teil XI     Mara, 08.02.2015
Mythologische Landschaften in Mitteleuropa - Teil X     Mara, 08.11.2014
Mythologische Landschaften in Mitteleuropa - Teil IX     Mara, 05.07.2014
Mythologische Landschaften in Mitteleuropa - Teil VIII     Mara, 22.03.2014
Mythologische Landschaften in Mitteleuropa - Teil VII     Mara, 11.01.2014
Mythologische Landschaften Mitteleuropas - Teil VI     Mara, 28.09.2013
Megalithkulturen in Nordhessen - Teil V     Mara, 17.08.2013
Megalithkulturen in Nordhessen - Teil IV     Mara, 08.06.2013
Megalithkulturen in Nordhessen - Teil III     Mara, 06.04.2013
Megalithkulturen in Nordhessen - Teil II     Mara, 23.02.2013
Megalithkulturen in Nordhessen - Teil I     Mara, 22.12.2012
Geheimnisvoller Wollenberg - Teil II     Mara, 06.10.2012
Geheimnisvoller Wollenberg - Teil I     Mara, 01.09.2012
Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner - Teil II     Mara, 07.07.2012
Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner - Teil I     Mara, 16.06.2012
Bewusstsein und Dimensionen aus der Sicht der Heiligen Geometrie - Teil II     Rainer Kitza, 31.03.2012
Bewusstsein und Dimensionen aus der Sicht der Heiligen Geometrie - Teil I     Rainer Kitza, 03.03.2012
Mythologische Orte Mitteleuropas - Teil II     Mara, 17.12.2011
Mythologische Orte Mitteleuropas - Teil I     Mara, 03.12.2011
Bastelanleitung: Wir bauen uns einen Kraftort - Teil II     Anufa, 15.01.2011
Bastelanleitung: Wir bauen uns einen Kraftort - Teil I     Anufa, 11.12.2010
Vor diesen Steinen - Teil III     Bobcat, 15.09.2010
Vor diesen Steinen - Teil II     Bobcat, 14.08.2010
Vor diesen Steinen - Teil I     Bobcat, 17.07.2010
Das Kupfertal - eine erdige Geschichte - Teil I     Rothani, 01.05.2010
Der Botanische Garten in Wien - Mitten in der Stadt verwurzeln - Teil I     Rothani, 24.10.2009
Der Druidenhain bei Wohlmannsgesees     Galen, 25.04.2009
Feeling weriwell in Cornwall - Teil II     Magister Botanicus, 18.10.2008
Feeling weriwell in Cornwall - Teil I     Magister Botanicus, 11.10.2008
Die Wünschelrute     Merlin, 26.07.2008
Leylines – gibt es sie oder gibt es sie nicht?     Merlin, 08.03.2008
Exklusivinterview mit Merlin - Teil II     Merlin, 24.11.2007
Exklusivinterview mit Merlin     Merlin, 18.08.2007
Petroglyphen in Ontario, Canada Sommer 2000     Sonja Benatzky, 31.03.2007
Geomantie - Teil III     Merlin, 27.01.2007
Geomantie - Teil II     Merlin, 13.01.2007
Geomantie - Teil I     Merlin, 06.01.2007
Bryn Euryn - die Festung am goldenen Hügel     Anna & Peter, 23.09.2006
San Borondón – die achte Insel - Teil II     Brighid, 01.07.2006
San Borondón – die achte Insel - Teil I     Brighid, 24.06.2006
Die Natur als Lehrmeisterin     Ronny Wytek, 29.04.2006
Es ist, als erwache die Seele     Gabriele Buchas, 28.01.2006
Das Keltendorf in Mitterkirchen     Nowhere, 30.10.2005
Die Heilige Geometrie der Orte der Kraft - Teil V     Anna & Peter, 27.08.2005
Die Heilige Geometrie der Orte der Kraft - Teil IV     Anna & Peter, 28.05.2005
Ynys Mon – Die Druideninsel - Teil II     Kristoffer Hughes, 19.02.2005
Ynys Mon – Die Druideninsel - Teil I     Kristoffer Hughes, 12.02.2005
Die Heilige Geometrie der Orte der Kraft - Teil III     Anna & Peter, 20.11.2004
Die Heilige Geometrie der Orte der Kraft - Teil II     Anna & Peter, 14.08.2004
Was bitte ist ein Rennofen??     Nowhere, 01.05.2004
Die Heilige Geometrie der Orte der Kraft - Teil I     Anna & Peter, 17.04.2004
Der Baum als Kraftort     Nowhere, 07.02.2004
Malta - Drachenbluts Ausflug auf die Insel     Drachenblut, 29.11.2003
Mein Malta...     Striga, 27.09.2003
Zeitreise zu den alten Germanen     Nowhere, 16.08.2003
Die Externsteine     Björgulf, 22.03.2003
Die Klosterruine am Riederberg     Nowhere, 25.01.2003
Die Heilige Geometrie der Orte der Kraft - Einführung     Anna & Peter, 14.12.2002
Die Göttin in der Landschaft - Teil II     Anna & Peter, 28.09.2002
Die Göttin in der Landschaft - Teil I     Anna & Peter, 22.06.2002
Das Rad des Jahres und die Astronomie     Anna & Peter, 13.04.2002
Vom rechten Umgang mit Orten der Kraft, Teil II     Anna & Peter, 23.02.2002
Vom rechten Umgang mit Orten der Kraft, Teil I     Anna & Peter, 21.12.2001
Der Hügel im Schwarzen Hain - Bryn Celli Ddu     Anna & Peter, 17.10.2001




               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017