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Megalithkulturen in Nordhessen  Teil IV

In dieser Folge der Serie „Mythologische Landschaften Mitteleuropas“ werde ich gleich mehrere heilige Orte vorstellen, die thematisch zusammengehören und zwar zwei Menhire und ein Steinkammergrab in Nordhessen. Sie werden der Wartbergkultur zugerechnet, einer lokalen Ausprägung der neusteinzeitlichen Megalithkulturen, die große Teile Europas und den Mittelmeerraum umfassten. Nordhessen liegt zwar nur am östlichen Rand der Verbreitung der Megalithkulturen in Europa und die lokalen Megalithmonumente sind nicht mit solchen wie Stonehenge in England oder New Grange in Irland vergleichbar.

Nachleben der Megalithkulturen in Sagen und Volksbräuchen

Mit der Inbesitznahme Europas durch die kriegerischen und patriarchalen Indoeuropäer (Streitaxtleute, Kelten, Germanen, Slawen etc.) endete die Megalithkulturen, die jahrtausendelang den Kontinent prägten. Aber die Dominanz der Eindringlinge war nicht vollkommen. Sie konnten zwar mittels ihrer überlegenen Waffen die alteuropäischen Kulturen zerstören und ihre patriarchale Gesellschaftsordnung etablieren. Allerdings war die Zahl der Indoeuropäer gering im Vergleich zur unterdrückten Urbevölkerung (vgl. de Vries 2006, S. 140). Religiöse Vorstellungen der Megalithkultur überlebten deshalb v.a. in Volksbräuchen und Sagen, in Erzählungen über Feen, Zwerge und Riesen, also in der sog. „Niederen Mythologie“, während die „Hohe Mythologie“, also die Sphäre der Götter, stärker von indoeuropäischen Vorstellungen beeinflusst wurde.

Häufig werden die Megalithgräber nun als die als Aufenthaltsort der Feen, Elfen oder der Unterirdischen betrachtet. Das gilt z.B. für Irland, Dänemark und Schweden. In Sardinien heißen viele Felsengräber „Domu de janas“, also Feenhäuser. Das Wort Jana für Fee leitet sich möglicherweise von der Großen Göttin Alteuropas und des Mittelmeeres, Dana, Danu, Ana oder später Diana ab (vgl. Derungs 1999, S. 162).

Zahlreiche lokale Sagen berichten auffällig oft davon, dass die Steine eines Megalithgrabes oder zusammen stehende Menhire eine versteinerte Hochzeitsgesellschaft seien. Die Braut wünschte, lieber zu Stein zu erstarren, als einen ungeliebten Mann zu heiraten, was nach Aussprechen des Wunsches eintrat. Sie liebte einen anderen Mann, mit dem sie aber nicht mehr zusammen kommen durfte, denn im vorindustriellen Patriarchat arrangierten im Allgemeinen die Väter des Braut und des Bräutigams die Ehen; die Wünsche der Tochter spielten da kaum eine Rolle. Die Braut hatte dem Bräutigam zu folgen, er führte sie weg von ihrem angestammten Zuhause und ihren Verwandten und Freundinnen in seine Sippe, wo sie nun seinen Ahnen vorgestellt wird und deren Wiedergeburt sichern soll. Bevor sie lebende Söhne geboren hat, hatte sie nur einen sehr geringen Status in dieser neuen Sippe. Sie wurde häufig schikaniert und mit den niedrigsten Arbeiten betraut. So wird der Hochzeitszug für die Braut zum Trauerzug. Kein Wunder, dass sie sich lieber in Stein verwandeln will, als diesem Mann zu folgen.

Diese Sagen sind möglicherweise eine Erinnerung an die Zeit des Umbruchs vom Matriarchat zum Patriarchat. Zur Zeit des Matriarchats waren Dolmen oder Steinkreise vielleicht Orte, an dem das Ritual der Heiligen Hochzeit stattfand. In diesem religiösen und sexuellen Ritual repräsentierte eine junge Frau die Göttin und ein Mann ihren Geliebten oder Heros. Es war immer die Frau, die sich ihren Geliebten unter den zahlreichen Bewerbern aussuchte. Ihre Vereinigung symbolisierte die wiederkehrende Fruchtbarkeit des Landes. Das änderte sich mit der Ankunft der Indoeuropäer. Der Eroberer-König heiratete jetzt zwangsweise im patriarchalen Sinne die Repräsentantin der Göttin und des Landes und erreichte so die Legitimation seiner Herrschaft. Die Ehefrauen und insbesondere die Frau des Königs waren von nun an zum Monogamie verpflichtet. Die Dolmen oder Steinkreise – bisher Orte der Lebensfreude – wurden jetzt für die Braut zu Orten der Trauer (vgl. Derungs 1999, S. 169). Einen vergleichbaren Hintergrund haben auch die altirischen Aitheda („Flucht“)-Geschichten, deren bekannteste das Epos von Tristan und Isolde ist (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 251).

Häufig fanden in älterer Zeit Hochzeiten an Megalithgräbern statt. Noch im Jahr 1197, am 25. Mai, heirateten der deutsche König Philipp von Schwaben und Irene von Konstantinopel auf dem Gunzenle, einem heute längst verschwundenen Grabhügel bei Augsburg (vgl. Kirchner 1999, S. 111ff).

Überall in den Megalithregionen Europa gab es den Brauch, dass sich Frauen auf den Deckstein eines Megalithgrabes setzten, von ihm herabrutschten oder von ihm heruntersprangen, wenn sie Kinder bekommen wollten.

Mancherorts gilt das Megalithgrab oder ein Menhir als Herkunftsort der Kinder, wie anderswo Quellen und Teiche (vgl. Kirchner 1999, S. 112).

Diese Bräuche gehen offensichtlich auf die sehr alten Vorstellungen zurück, nach denen die toten Vorfahren der Sippe aus den Megalithgräbern heraus in segensreicher Weise auf die Lebenden einwirken und schließlich in der eigenen Sippe wiedergeboren werden. Viele Frauen wollten sich durch direkte Berührung des Grabes dieser generative Macht der AhnInnen versichern.

Vermutlich steht auch der Brauch der Näpfchenbohrung in einem Zusammenhang mit diesen Vorstellungen. Viele Menhire, darunter auch der von Langenstein und der Wotanstein haben mehr oder weniger zahlreiche runde Grübchen und Ausschabungen. Wann diese angebracht wurden oder was sie bedeuten, ist unklar. Allerdings gibt es noch bekannte Volksbräuche, wie das Wetzen von Messern oder das Vernageln von Krankheiten an einem Menhir, die damit möglicherweise im Zusammenhang stehen. Der Brauch des Auswetzens von Rillen oder Näpfchen aus Steinen wurde im Mittelalter auch auf manche Kirchen übertragen und der Steinstaub aus diesen Ausschabungen galt noch im 19. Jahrhundert als Heilmittel. In einer magischen Denkweise überträgt sich die heilsame und schützende Kraft der AhInnen auf das Grab oder den Menhir selbst und von da auch auf kleine ausgeschabte Stücke dieses Grabes oder Menhirs. Nach ähnlichen Vorstellungen erhofften sich die Menschen im Mittelalter Linderung ihrer Leiden durch Berührung von Reliquien, also kleinen Stücken aus dem Besitz oder der sterblichen Überreste von Heiligen (vgl. Kirchner 1999, S. 116).

Auf die Rolle des Ahnengrabes als Kultplatz, an dem Versammlungen und kultische Spiele stattfanden und wo Recht gesprochen wurde, weist im deutschen Sprachraum der Begriff des Rosengartens hin. Er findet sich im Mittelalter in zahlreichen Varianten sehr häufig als Bezeichnung für Friedhöfe, Asylorte, Stätten der Rechtsprechung, Hinrichtungsorte, davon abgeleitet Gefängnisse und Orte, an denen Prostituierte oder andere Menschen mit als unehrlich angesehenen Berufen wohnten, aber auch als eingehegte Spiel- oder Festplätze. Häufig standen diese „Rosengärten“ nach Aussagen alter Urkunden in Zusammenhang mit einem Menhir oder einem Hügelgrab. Diese sind aber inzwischen besonders in den großen Städten fast alle beseitigt worden. Ursprünglich hießen diese Bezirke die Roten Gärten. Nach der Christianisierung ist aber der frühere Sinn dieser Bezeichnung vergessen worden und aufgrund von Lautähnlichkeit kam es zu einer Identifizierung mit dem Begriff Rose, aus den Roten Gärten wurden Rosengärten (vgl. Ranke 1999, S. 98ff).


Ende Teil IV


Mara


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