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Megalithkulturen in Nordhessen  Teil III

In dieser Folge der Serie „Mythologische Landschaften Mitteleuropas“ werde ich gleich mehrere heilige Orte vorstellen, die thematisch zusammengehören und zwar zwei Menhire und ein Steinkammergrab in Nordhessen. Sie werden der Wartbergkultur zugerechnet, einer lokalen Ausprägung der neusteinzeitlichen Megalithkulturen, die große Teile Europas und den Mittelmeerraum umfassten. Nordhessen liegt zwar nur am östlichen Rand der Verbreitung der Megalithkulturen in Europa und die lokalen Megalithmonumente sind nicht mit solchen wie Stonehenge in England oder New Grange in Irland vergleichbar.

Soziale Merkmale

Die jungsteinzeitliche Megalithkultur war eine Gesellschaft von AckerbäuerInnen mit einer sesshaften Lebensweise. Gesellschaftliche Klassen und soziale Ungleichheit waren unbekannt (vgl. Derungs 1999, S. 158).

Wenn die religiösen Vorstellungen eine idealisierte Form der Lebenswelt der Menschen darstellen, ist die Annahme plausibel, dass die Menschen in matrilinearen Sippen lebten. Dann wären hier alle Kriterien gegeben, die Heide Göttner-Abendroth für die Existenz des Matriarchats nennt (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 19):

  1. Auf der ökonomischen Ebene: egalitäre Agrargesellschaften hauptsächlich mit Subsistenzwirtschaft. Das ist für die Megalithkulturen durch Ausgrabungen belegt.
  2. Auf der sozialen Ebene: Zusammenleben in matrilinearen Sippen (Matrilinearität und Matrilokalität). Dieses Merkmal ist spekulativ, aber es war wahrscheinlich vorhanden (siehe oben).
  3. Auf der politischen Ebene: Konsensdemokratie bei Abwesenheit einer Zentralinstanz mit Erzwingungsstab. In der Archäologie werden unterschiedlich große Hausformen mit einem oder wenigen großen Häusern und vielen kleinen Häusern in einer Siedlung und unterschiedlich ausgestattete Gräber als Beleg für eine beginnende Klassenspaltung und Herausbildung einer Zentralinstanz angesehen. Eine solche Differenzierung konnte aber in Siedlungen der Megalithkultur nicht festgestellt werden.
  4. Auf der religiösen Ebene: Vorstellung von der Großen Göttin als der Mutter Erde, die alles Lebendige hervorbringt, große Bedeutung der AhnInnenverehrung. Belege hierfür existieren in Form zahlreicher Bildnisse und Statuetten, die die Große Göttin zeigen. Die große Bedeutung der AhnInnenverehrung ergibt sich aus den Megalithbauten insgesamt.


Entwicklung der Megalithkulturen

Die frühesten Megalithanlagen befinden sich in Palästina. Der steinerne Wall von Jericho, der ältesten Stadt der Welt, stammt aus den Jahren um 8000 v.u.Z. Dieser Wall muss nicht unbedingt eine Stadtmauer gewesen sein, sondern er war vermutlich ein Hochwasserdamm. Dafür spricht, dass er nach den aktuellen Ausgrabungen gar nicht vollständig geschlossen ist. In Palästina finden sich auch weiterhin sehr alte Menhire, Dolmen und Steinkreise. Auch die neolithische Stadt Catal Hüyük in Anatolien (7000 bis 5600 v.u.Z.) wird zu den Megalithkulturen gezählt (vgl. von Reden 1978, S. 31ff).

Es scheint so, als hätte sich die religiösen Vorstellungen der Megalithkultur vom Nahen Osten ausgehend fast über das gesamte Mittelmeergebiet bis hin nach Nordeuropa ausgebreitet. Auffällig ist, dass die größten und ältesten Anlagen häufig in der Nähe der Küsten oder auf Inseln liegen. Dies könnte darauf hindeuten, dass der bereits in der Jungsteinzeit florierende Seehandel über das Mittelmeer und den Atlantik, der bis nach Dänemark führte, eine bedeutende Rolle bei der Ausbreitung von Kulturtechniken und Glaubensvorstellungen gespielt hat. Megalithmonumente finden sich in Ägypten, Zypern, der Ägäis, auf Malta, Sardinien, Korsika, den Balearen, in Süditalien, der Iberischen Halbinsel, Frankreich, Britannien, Irland, Mitteleuropa, Dänemark und Südschweden. Besonders beeindruckende Megalithbauten stehen auf der kleinen Mittelmeerinsel Malta, so das Hypogäum von Hal Saflieni und der Tempel von Hagar Kim mit seinen zahlreichen Göttinnendarstellungen aus dem 3. Jahrtausend v.u.Z, in der Bretagne mit den Steinreihen von Carnac aus dem 4. Jahrtausend v.u.Z und in England mit dem Rundsanktuarium von Stonehenge ab 3000 v.u.Z. Die Nordeuropäische Megalithkultur brachte von Anfang ein einen ganz eigenen Stil hervor und erreichte in der Töpferei, der Stein- und Metallverarbeitung nach Sibylle von Reden „Leistungen von einmaliger Schönheit und höchster technischer Vollendung“ (von Reden 1999, S. 140). Sie begann ab 4000 v.u.Z. Hier kommen vor allem sehr große und gut gebaute Megalithgräber (Dolmen) vor, während Menhire nicht typisch sind (vgl. von Reden 1999, S. 137f, von Reden 1978, S. 65ff).


Die Wartbergkultur

Die nordhessische Wartbergkultur, zu der der Menhir von Langenstein, der Wotanstein und das Grab von Züschen gezählt werden, existierte von 3500 bis 2800 v.u.Z. Sie ist nicht mit der nordeuropäischen Megalithkultur verwandt, sondern es bestehen vielmehr erstaunliche Ähnlichkeiten mit den Megalithgräbern des Pariser Beckens, auch in der Ikonographie (vgl. Kappel 1989, S. 55ff).

Untersuchungen der Skelette der Toten in den nordhessischen Steinkammergräbern von Altendorf und Calden ergaben, dass die durchschnittliche Körpergröße bei Frauen 1,57 m, bei Männern 1,62 m betrug. Die Menschen Alteuropas waren also tatsächlich recht klein. Sie wurden demnach zurecht von den später eindringen Indoeuropäern als das Kleine Volk bezeichnet. WissenschaftlerInnen fanden ausgeheilte Knochenbrüche bei einigen der Skelette, die Zähne waren häufig abgenutzt, einige wenige kariös. Das Durchschnittsalter der Toten war 32 Jahre. Von den c.a. 250 Toten des Grabes von Altendorf konnte bei 115 das Geschlecht bestimmt werden: Ergebnis: 75 männlich und 40 weiblich. Beim Grab von Calden ist das Geschlechterverhältnis fast ausgeglichen (vgl. Kappel 1989, S. 28ff und 35ff). Die Skelette des Grabes von Züschen sind größtenteils verloren und konnten deshalb nicht untersucht werden (vgl. Kappel 1989, S. 11).


Das Ende der Megalithkulturen und die Invasion der Indoeuropäer

Ab 2500 v.u.Z. wurde der mitteleuropäische Raum durch den Einbruch patriarchaler, kampfgewohnter beweglicher Reiter- und Hirtenvölker erschüttert, die in verschiedenen Wellen aus dem Schwarzmeergebiet bis hinauf nach Skandinavien vorstießen. Ihre Hauptwaffe waren Streitäxte, dementsprechend wurden sie Streitaxtleute genannt. Das ist vermutlich die älteste indoeuropäische Kultur in Mitteleuropa.

Die zahlreichen gespalteten Schädel bei den späten Bestattungen der Ganggräber, die Pfeil- und Lanzenspitzen, die man noch in den Skeletten steckend fand, bezeugen harte Kämpfe mit den Eindringlingen.

Die Invasoren kannten keine kollektiven Megalithgräber. Sie setzten ihre Toten vielmehr einzeln in Erdgruben bei (vgl. von Reden 1999, S. 146ff). Denn die indoeuropäischen Jenseitsvorstellungen bildeten den denkbar größten Gegensatz zu denen der Megalithkulturen. Hier gelten die Toten nur als kraftlose Schatten, die dazu verurteilt sind, mit der Erinnerung an sie ins Nichts versinken. Das kommt z.B. in den Vorstellungen vom griechischen Hades oder der germanischen Hell zum Ausdruck (vgl. Kirchner 1999, S. 109). Dem entspricht die Wirtschaftsform der Indoeuropäer, der Hirtennomadismus, der bedingt, dass die Menschen mit ihren Herden ständig umherziehen müssen und sich niemals lange an einem Ort aufhalten können, um den Totendienst zu verrichten.

In der mittleren Bronzezeit war das Einzelgrabvolk vermutlich bereits zur Herrenschicht der mittel- und nordeuropäischen Länder geworden. Der Einbruch der Streitaxt- und Einzelgrabvölker überwältigte die alte Kultur und Religion des Megalithikums; aber auch die Invasoren wurden in diesem Geschehen gewandelt. Die alteuropäischen Kulturen, die auf der religiösen Ebene vom Kult der Toten und der Großen Göttin geprägt waren, begegneten den patriarchalen indoeuropäischen Reitervölkern aus dem Osten mit ihren männlichen, kriegerischen Gottheiten. Im Mythos vom Wanenkrieg lebt noch die Erinnerung an diesen Zusammenprall. Später sind diese Kämpfe abgeflaut und die verschiedenartigen Stämme und Kulturen zu einer Einheit verschmolzen. Die Wanen, die Toten- und Fruchtbarkeitsgötter des Megalithikums hatten sich mit den Asen versöhnt und wurden gemeinsam mit ihnen verehrt, allerdings bei Dominanz der patriarchalen Asen.

Mit der Vorherrschaft der Einzelgrableute wurde der alte Brauch der Kollektivbestattung aufgegeben. Die langen Steinkisten westeuropäischer Art wurden nicht mehr errichtet, danach kamen nur noch kleine Steinkisten, die nur eine Leichte enthielten.

Die Macht der Großen Göttin war aber auch in der älteren Bronzezeit noch nicht völlig erloschen. In einem Tumulus aus dieser Epoche bei Beldorf im Kreis Rendsburg-Eckernförde kam ein Langstein zutage, in den in Linien das typische Schema der weiblichen Menhir-statuen Westeuropas eingemeißelt ist. Sie wird als die Dolmengöttin von Beldorf bezeichnet (vgl. von Reden 1999, S. 150ff).

In Nordhessen dominierte in der Bronzezeit die indoeuropäische Urnenfelderkultur, die ihre Toten verbrannte und eine mit der Asche der Toten gefüllte Urne in flachen, kreisrunden Grabhügeln beisetzte. Im Unterschied zu vielen anderen von den Indoeuropäern dominierten Regionen, in denen nur Männer in Grabhügeln beigesetzt wurden und Frauen höchstens als Witwenopfer zusammen mit ihrem Ehemann und seinen Tieren und Sklaven unter einem solchen Hügel begraben wurden, kamen hier auch Frauengräber vor (vgl. Dobiat 2010, S. 3ff).


Ende Teil III


Mara


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