Megalithkulturen in Nordhessen  Teil II

In dieser Folge der Serie „Mythologische Landschaften Mitteleuropas“ werde ich gleich mehrere heilige Orte vorstellen, die thematisch zusammengehören und zwar zwei Menhire und ein Steinkammergrab in Nordhessen. Sie werden der Wartbergkultur zugerechnet, einer lokalen Ausprägung der neusteinzeitlichen Megalithkulturen, die große Teile Europas und den Mittelmeerraum umfassten. Nordhessen liegt zwar nur am östlichen Rand der Verbreitung der Megalithkulturen in Europa und die lokalen Megalithmonumente sind nicht mit solchen wie Stonehenge in England oder New Grange in Irland vergleichbar.
Umfeld vom
Steinkammergrab
von Züschen

Steinkammergrab von Züschen

Das Steinkammergrab von Züschen liegt in der Nähe des gleichnamigen Dorfes etwas nördlich von Fritzlar ebenfalls in der Fritzlarer Börde am Hang des Hasenberges. Es passt sich dem Hang an und verläuft von Südwest nach Nordost. Weitere, zerstörte Gräber liegen in der Nähe. Eine zum Grab gehörende Siedlung wurde am gleichen Hang etwa einen Kilometer östlich ausgegraben.


Steinkammergrab
von Züschen

Die Grabkammer ist 20 m lang und 3,5 m breit. Sie wurde in den Boden eingetieft. Die Längswände bestehen aus je 12 bearbeiteten Sandsteinplatten, die Schmalseiten aus je einer Platte. Früher war das Grab wohl ebenfalls mit Steinplatten und darüberliegender Erde abgedeckt und bildete einen flachen Hügel. Der Türlochstein trennt einen kleinen, von außen zugänglichen Vorraum vom eigentlichen Grab. Er hat in der Mitte eine kreisrunde Öffnung von 50 cm Durchmesser, die im Anschluss an skandinavisches Brauchtum als Seelenloch bezeichnet wird. Durch diese Öffnungen wurden wohl die Bestattungen vorgenommen. Das Seelenloch hatte wohl auch symbolische Bedeutung und galt als Vulva der Erdgöttin, durch welche die Toten in ihren Schoß zurückkehrten, um dann aus ihr wiedergeboren zu werden, genauso, wie aus einem in die Erde gelegten Samenkorn eine neue Pflanze entsteht (vgl. Gimbutas 2006, S. 158).

Am Boden der Grabkammer wurden die Knochen von mindestens 27 Toten gefunden, die größtenteils verloren sind. Beigaben waren hauptsächlich Keramik, daneben auch Stein- und Knochenwerkzeuge sowie Tierknochen (vgl. Kappel 1989, S. 7ff).

Eine zusammenhängende Aschenschicht fand sich in der Mitte des Bodens der Vorkammer. Dies kann auf Opferhandlungen für die Toten hindeuten. Die menschlichen Knochen waren in keinem Fall verbrannt.

Eine Besonderheit des Grabes von Züschen sind die in die Innenwände der Grabkammer eingeritzten Zeichen. Sie wurden offenbar mit scharfen Steinwerkzeugen eingemeißelt. Die Zeichen sind allerdings nicht gleichmäßig verteilt, sondern finden sich nur an bestimmten Steinen.

Züschen:
Abschlusstein

Auf dem Türlochstein und dem gegenüber liegenden Abschlussstein sind Muster zu sehen, die Getreideähren darstellen können sowie mit Strichen verbundene Halbkreise. Auf dem Abschlussstein sind zusätzlich zwei zusammenstehende, oben verbundene Kreise dargestellt.

Auf den Steinen B1 und B2 (Nordseite) finden sich zahlreiche Halbkreismuster sowie auf B2 ein rudimentär gezeichnetes Gesicht. Auf den Steinen A1, A5 und A7 (Südseite) sind noch einige wenige mit Strichen verbundene Halbkreisdarstellungen zu sehen.

Vergleiche dieser Zeichen mit Darstellungen in anderen Megalithgräbern ergeben, dass die Halbkreismuster Rinder darstellen, die einen Pflug oder Karren ziehen. Sollte wirklich ein Karren dargestellt sein, wäre das eine der ältesten Raddarstellungen in der Geschichte der Menschheit überhaupt. Ebenfalls aufgrund von Vergleichen mit anderen Darstellungen in Frankreich wird das auf dem Stein B2 wiedergegebene Gesicht als Bild der Großen Göttin bzw. Dolmengöttin gedeutet, deren Attribut ein von Rindern gezogener Wagen ist (vgl. Kappel 1989, S. 16f). Das Ährenmuster kommt ebenfalls in zahlreichen Darstellungen der Megalithkulturen vor und wird auch als Attribut der Großen Göttin angesehen. Die oben verbundenen Kreise gelten als Darstellung der Augengöttin, eine sehr abstrakte Darstellung der Großen Göttin, die in Frankreich häufiger vorkommt. Zudem erinnern sie an die Augen der Eule, die in Alteuropa als Vorbote des Todes und als Manifestation der Großen Göttin in ihrer Funktion als Todesbringerin galt. Das wäre eine sehr passende Darstellung in einem Grab (vgl. von Reden 1999, S. 138, von Reden 1978, S. 199, Gimbutas 2006, S. 190).

Diese Zeichen werden als Akkumulation von Einzelzeichen gedeutet, die nach und nach in die Wände eingeritzt wurden, während das Grab noch genutzt wurde. Sie haben offenbar religiöse Bedeutung und geben die Vorstellungen einer bäuerlichen vorchristlichen Kultur wieder: Die Verbundenheit mit der Erde, dem Wetter, den Jahreszeiten, mit dem Tier (Haustier), die Sorge um Fruchtbarkeit und Wachstum (vgl. Kappel 1989, S. 17, näheres siehe unten).


Allgemeine Merkmale der Megalithkultur

Die Megalithkulturen waren im gesamten Mittelmeerraum verbreitet, darüber hinaus auch in großen Teilen Westeuropas sowie in Teilen Mitteleuropa bis hin nach Südschweden. Zeitlich sind sie etwa zwischen 8000 und 2000 v.u.Z. einzuordnen. Das entspricht den Kulturstufen der Jungsteinzeit (Neolithikum) und der frühen Bronzezeit. Ihre Gemeinsamkeiten bestehen im Bau von Großsteingräbern, in denen meistens Kollektivbestattungen vorgenommen wurden, sowie – davon mehr oder weniger direkt abgeleitet – im Bau von anderen Steinmonumenten wie aufrechtstehende Steine (Menhire), die in Alleen (Alignement) oder Kreisen (Cromlech) angeordnet seien können, und Tempeln, Totenhäusern, Grotten, künstliche Hügeln und Statuen. Hintergrund ist die Vorstellung vom wirklichen Weiterleben der Toten, für die die Lebenden unter großer Anstrengung ein unvergängliches, steinernes Haus errichteten. Die Megalithgräber waren die Kultorte, an denen die Lebenden mit ihren darin beigesetzten AhnInnen in segenbringende Verbindung treten konnten. Zugleich bewirkten sie auch die Erneuerung der Sippe oder Dorfgemeinschaft, indem aus ihnen die AhnInnen in der Sippe wiedergeboren wurden.

Das sehr große Areal der Megalithkulturen wird häufig mit der Verbreitung von Ideen und Kulturtechniken über zahlreiche Ethnien hinweg erklärt. Eine bedeutende Rolle könnte bereits in der Jungsteinzeit der Seehandel über weite Distanzen gespielt haben. Für einige WissenschaftlerInnen gelten die europäischen Megalithkulturen als die klassische Zeit des Matriarchats. Dieser Begriff wird hier selbstverständlich im Sinne von Heide Göttner-Abendroth verwendet, er bezeichnet eine egalitäre Gesellschaft, die von Frauen geprägt wurde, in der sie aber nicht herrschten. Eine adäquate wörtliche Übersetzung des Begriffs Matriarchat wäre demnach „Am Anfang die Mütter“ und nicht „Mütterherrschaft“ (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 17).


Kultische Merkmale

Eines der wichtigsten Merkmale der Religion der Megalithkulturen war die Vorstellung vom tatsächlichen Weiterleben der Toten. Leben und Tod wurden nicht als grundsätzlich verschieden angesehen, sondern sie waren in der Vorstellung der Megalithiker nur zwei Varianten des Daseins, die ineinander über gehen. Die Toten sind die in andere Umstände versetzte Lebenden und wirken aus dem Grab als mächtige Ahnen helfend und beschützend, manchmal aber auch bedrohlich, auf die Lebenden. Sie werden nach einiger Zeit in der eigenen Sippe wiedergeboren. Der Tod war also nicht das absolute Ende, sondern leitet eine geheimnisvolle Phase der Transformation ein, die zur Wiederentstehung von Leben führte. Die in vielen Bildnissen und Statuetten dargestellte Große Göttin, von den ArchäologInnen manchmal auch Dolmengöttin oder Große Mutter genannt, bewirkt diese geheimnisvolle Transformation (vgl. Kirchner 1999, S. 108).

Die größten Anstrengungen der Megalithvölker richteten sich auf die Errichtung von dauerhaften Gräbern als den Häusern der Toten, in denen die Angehörigen einer Sippe in der Regel kollektiv bestattet wurden. Sie wendeten hierfür erheblich mehr Mittel und Arbeitskraft auf, als für die Errichtung der Häuser der Lebenden. Auch Menhire, megalithische Tempel und Statuen stehen im Zusammenhang mit der Totenverehrung.

Welche symbolische Bedeutung die Menhire in der Megalithkultur hatten, ist bis heute nicht ganz klar. Die Archäologin Sibylle von Reden ist der Auffassung, dass sie bestimmte, mächtige AhnInnen oder die Große Göttin repräsentieren. Das zeigt sich z.B. an Menhiren, die so gestaltet wurden, dass eine menschliche Form erkennbar ist (vgl. von Reden 1978, S. 200).

Die Megalithgräber waren bevorzugte Kultorte, an denen die Lebenden mit ihren darin beigesetzten und über den Tod hinaus fortwirkend gedachten AhnInnen in Verbindung treten. Genauso wie die Sippe im Leben eine Einheit bildet, so setzte sich diese Einheit auch zwischen den Lebenden und den Toten fort. Die toten AhnInnen galten als mächtiger als die lebenden Mitglieder der Sippe. In dieser Vorstellung zeigt sich der große Respekt für alten Menschen, der auch bei heutigen Stammesgesellschaften noch vorkommt.

An den Megalithgräbern oder auch an Menhiren fanden die wichtigsten Rechts- und Kulthandlungen der Gemeinschaft statt wie Riten zur Sicherstellung der Fruchtbarkeit der Felder und der Wiederkehr der Jahreszeiten, vielleicht in Form der Heiligen Hochzeit, Reifezeremonien für Jugendliche oder auch Streitschlichtungen. Ein Hinweis auf die große Bedeutung der Zeremonien sind Hinweise auf die zahlreichen Feuer, die zur Zeit der Belegung der Gräber dort gebrannt haben. So fanden sich z.B. im Vorraum des Grabes von Züschen dicke Kohlenschichten und Rauchschwärzungen (vgl. Kirchner 1999, S. 109, siehe auch Abschnitt Steinkammergrab von Züschen).

Mancherorts gelten Megalithgräber im Volksglauben als Herkunftsort der Kinder, was auf die alten Wiedergeburtsvorstellungen hinweist (vgl. Kirchner 1999, S. 112).


Ende Teil II


Mara


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