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Megalithkulturen in Nordhessen   Teil I

In dieser Folge der Serie „Mythologische Landschaften Mitteleuropas“ werde ich gleich mehrere heilige Orte vorstellen, die thematisch zusammengehören und zwar zwei Menhire und ein Steinkammergrab in Nordhessen. Sie werden der Wartbergkultur zugerechnet, einer lokalen Ausprägung der neusteinzeitlichen Megalithkulturen, die große Teile Europas und den Mittelmeerraum umfassten. Nordhessen liegt zwar nur am östlichen Rand der Verbreitung der Megalithkulturen in Europa und die lokalen Megalithmonumente sind nicht mit solchen wie Stonehenge in England oder New Grange in Irland vergleichbar.

Einleitung

Dennoch finden sich auch hier eine größere Anzahl von Megalithen und Steinkammergräbern. Die lokale Wartberg-Kultur kam nicht nur in den großen Beckenlandschaften Nordhessens vor, sondern setzte sich auch noch in Westfalen, Südniedersachsen und Mitteldeutschland fort. Sie existierte zwischen 3500 und 2800 v.u.Z.

Um die kultische und soziale Bedeutung dieser Monumente für die Menschen Alteuropas verständlich zu machen, werde ich auch die wichtigsten allgemeinen Merkmale der neolithischen Megalithkulturen beschreiben. Die hier dargestellte Interpretation ist in der Wissenschaft umstritten.


Bei Langenstein
Foto von Mara

Menhir von Langenstein

Das Dorf Langenstein liegt im Landkreis Marburg-Biedenkopf und ist c.a. 4 km von Kirchhain, der nächsten Stadt, und 20 km von der Kreisstadt Marburg an der Lahn entfernt. Das Dorf liegt am Hangsporn eines flachen Berges etwas oberhalb und nördlich des Amöneburger Beckens.

Das Amöneburger Becken gehört mit 130 km2 zu den größten Ackerbaulandschaften Hessens. Es wird nahezu ausschließlich agrarisch genutzt und ist von bewaldeten Mittelgebirgszügen umgeben (Lahnberge, Burgwald, Lumbda-Plateau). In der Mitte erhebt sich als einzelner, weithin sichtbarer Berg der Vulkankegel der Amöneburg (358 m). Das Amöneburger Becken gliedert sich in die völlig flache und feuchte Ohm-Niederung im Norden, das innere Becken rund um die Amöneburg und den hügeligen Ebsdorfer Grund im Südwesten.

Das milde Beckenklima (600 mm Niederschlag, Durchschnittstemperatur 8 Grad Celsius) im Lee des Rheinischen Schiefergebirges und Lössböden bedeuten ein hohes Ertragspotential für die Landwirtschaft. Deshalb ist es kein Wunder, dass das Amöneburger Becken bereits seit der Jungsteinzeit ununterbrochen besiedelt ist.

Der Menhir von Langestein steht inmitten des Dorfes in 258 m Höhe. Seine Position im unteren Hangbereich einer Anhöhe entspricht genau den bevorzugten Siedlungsplätzen der neolithischen Bevölkerung Alteuropas. Auf der anderen Beckenseite im Süden bei Rauischholz-hausen soll früher noch ein weiterer Menhir gestanden haben.

Eine genaue Vermessung des Steins in den 70er Jahren ergab eine Höhe von exakt 5,0926 m, an seiner breitesten Stelle misst er 2,1173 m und er ist maximal 0,4 m dick. Er ist also ein sog. Blattmenhir, der deutlich schmaler als breit ist. Schätzungen zufolge wiegt er über 10 Tonnen. Im Jahr 1527 soll der Menhir nach Angaben einer hessischen Chronik von einem Blitz getroffen worden sein. Dadurch wurde ein bedeutendes Steinstück abgesprengt. Vorher war er angeblich 6,3 m hoch und 2,3 m breit. Es ist unbekannt, wie tief der Menhir in der Erde steckt. Auf jeden Fall gehört der Menhir von Langenstein zu den höchsten und bekanntesten Menhiren Mitteleuropas (vgl. Dobiat 1987, S. 4).

Der Menhir von Langenstein wurde mit den breiten Seiten in Nord-Ost bzw. Süd-Westrichtung aufgestellt. Er besteht aus Buntsandstein, der in der unmittelbaren Umgebung des Dorfes nicht zu finden ist. Er muss zumindest einige Kilometer weit transportiert worden sein. Vermutlich stammt das Material aus dem Burgwald.

Auf dem Menhir befinden sich einige Näpfchenbohrungen (Genaueres dazu siehe weiter unten).


Menhir von Langenstein
Foto von Mara

An der Stelle, an dem der Menhir aufgestellt wurde, befand sich möglicherweise ein Kultplatz der alteuropäischen Megalithkultur und wahrscheinlich auch späterer indoeuropäischer Kulturen. Er steht vielleicht in einem Zusammenhang mit dem gegenüberliegenden Berg, der Amöneburg, die ebenfalls bereits seit langem von Menschen besiedelt wurde. Es sind allerdings nur wenige Einzelheiten bekannt, da dort die ältesten Schichten mehrmals überbaut wurden.

Da der Menhir vermutlich von den Angehörigen der Wartburg-Kultur aufgestellt wurde, ist er zwischen 4000 und 5000 Jahre alt.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass in der Nähe des Menhirs eine christliche Kirche gebaut wurde. Offensichtlich sollte eine alte heidnische Kultstätte christianisiert werden. Der Sage nach soll der Missionar Winfried Bonifatius bereits im Jahr 721 u.Z. neben dem Menhir eine kleine Kapelle errichtet haben, während die heutige Jakobs-Kirche aus dem 13. Jahrhundert stammt. Im Unterschied zu vielen anderen wurde der Menhir von Langenstein durch die Missionare weder zerstört noch in der Erde begraben. Seine Position knapp außerhalb der Kirchhofsmauer zeigt, dass er zwar toleriert, aber ganz bewusst nicht in den neuen christlichen heiligen Bezirk einbezogen wurde. Auch der Name des Dorfes Langenstein stammt offensichtlich vom Menhir.

In der Nähe des Menhirs am Kirchenvorplatz steht eine große Dorflinde, die um 1900 gepflanzt wurde und eine erheblich ältere und dickere Linde ablöste, die vom Blitz getroffen wurde. Auch dies weist auf die besondere Bedeutung des Ortes hin, waren doch Menhire und Linden im Mittelalter und früheren Zeiten Mittelpunkte des Gemeinwesens (vgl. Dobiat 1987, S. 6).

War der Menhir in der Frühzeit sicherlich eine bedeutende Landmarke, so wurde ihm diese Wirkung durch die inzwischen deutlich höhere Kirche und die umliegenden Bauernhöfe und Wohnhäuser genommen.


Wotanstein von Maden

Das Dorf Maden liegt in der Fritzlarer Börde in der Nähe der Stadt Gudensberg im Schwalm-Eder-Kreis c.a. 20 km Luftlinie südwestlich von Kassel. Die etwa 100 km2 große Fritzlarer Börde ist genauso wie das Amöneburger Becken seit der Jungsteinzeit dicht besiedelt und hat sehr fruchtbare Böden. Sie gelten als die ertragreichsten von ganz Hessen. Heute werden vor allem Weizen, Zuckerrüben und Weißkohl angebaut. Im Unterschied zum Amöneburger Becken ist der Nordteil der Fritzlarer Börde nicht durch einen großen, sondern durch zahlreiche kleinere, stark bewaldete Basaltkegel gegliedert.

Der Wotanstein steht in einem kleinen Hain am südwestlichen Dorfrand von Maden auf einer Anhöhe. Er ist 2,1 m hoch, 1,2 m breit und 0,55 m dick. Das Material wurde vermutlich aus dem 25 km entfernten Borken herbeigeschafft, denn in der unmittelbaren Umgebung von Maden gibt es kein Quarzit, aus dem der Stein besteht. Auf dem Wotanstein befinden sich zahlreiche Näpfchenbohrungen. Der Stein wurde vermutlich im 3. Jahrtausend v.u.Z. von den Angehörigen der Wartbergkultur errichtet und steht im Zusammenhang mit zahlreichen anderen Megalithdenkmälern in der Fritzlarer Börde wie dem Steinkammergrab von Züschen.

Vermutlich markierte der Menhir einen heiligen Ort, an dem die Menschen der Megalithkulturen Opfer dargebracht, Versammlungen abgehalten und Verbindung zu den Toten aufgenommen hatten (vgl. Kappel 1989, S. 63, Witzke 2008, Koch 2009).

In der Römischen Kaiserzeit gehörte der Wotanstein zur chattischen Sakrallandschaft Mattium in der Fritzlarer Börde, das Hauptort und Siedlungszentrum des Stammes der Chatten war. Dieses Mattium wird von einigen WissenschaftlerInnen mit dem heutigen Maden identifiziert. Der Ort wurde im Jahr 15 u.Z. von römischen Legionen unter dem Feldherren Germanicus als Rache für die Teilnahme der Chatten an der Schlacht im Teutoburger Wald sechs Jahre zuvor vollständig zerstört.

Eine weitere große chattische Siedlung wurde in den letzten Jahren bei Geismar in der Nähe von Fritzlar ausgegraben. Während der Völkerwanderungszeit ist zwar eine Ausdünnung der chattischen Siedlungen festzustellen, allerdings reist die Siedlungskontinuität nie ganz ab (vgl. Gensen 1979, S. 24ff).

Im Mittelalter fanden auf der Mader Heide in der Nähe des Wotansteins mehr oder weniger regelmäßig Versammlungen der hessischen Landstände statt, das letzte Mal im Jahr 1654. Hier hielten die Landgrafen Gericht, verkündeten Erlasse oder riefen den Heerbann aus. Die Landstände berieten wichtige Fragen, bewilligten Steuern oder votierten in Zeiten unsicherer Erbfolge für einen Thronprätendenten.

Interessanterweise blieb hier die Funktion eines Menhirs als Rechts- und Versammlungsstätte praktisch bis weit in die Neuzeit hinein erhalten, während andernorts diese Funktionen sich nur noch aus Bräuchen, Sagen und Legenden rekonstruieren lassen.

Allerdings änderte sich der soziale Inhalt dieser Versammlungen. Er diente immer stärker der Legitimationsbeschaffung der patriarchalen und christlichen Herrscher. Frauen wurden z.B. zu den christlichen Landständen nicht mehr zugelassen.

Der Name Wotanstein stammt vermutlich erst aus der Neuzeit. In alten Chroniken und Urkunden wurde der Menhir Malstein oder Langer Stein genannt. Zur Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) soll er ausgegraben worden sein, weil man Schätze unter ihm vermutete. Es wurden aber nur Überreste menschlicher Knochen gefunden (vgl. Kappel 1989, S. 63).


Ende Teil I


Mara


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