Geheimnisvoller Wollenberg   Teil II

Im oberen Lahntal, nördlich von Marburg, finden sich die Sackpfeifen-Vorhöhen und in deren Osten der Wollenberg, um den sich viele Märchen und Erzählungen ranken.

Der 474 m hohe Wollenberg ist ein Berg im oberen Lahntal nördlich von Marburg. Geologisch gehört er zu den sogenannten Sackpfeifen-Vorhöhen, die zwischen dem Lahntal und dem Rothaargebirge liegen. Der vollständig bewaldete Berg erhebt sich immerhin mehr als 200 m über dem Lahntal und der nördlich sich anschließenden fruchtbare Senke des kleinen Flusses Wetschaft, einem Nebenfluss der Lahn.


Wollenberg von Süden (c) Mara

Die Sackpfeifen-Vorhöhen und der Berg Sackpfeife sind stark bewaldet mit einem hohen Anteil alter, wertvoller Buchenwälder. Sie werden als so bedeutend eingeschätzt, dass der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Region sogar für einen Nationalpark vorgeschlagen hat. Aber nur an seinem östlichen Ende, dem Wollenberg, konzentrieren sich mythologische Orte und Erzählungen.


Norn und Nornwand

Das beginnt schon mit den Namen. Nach einer alten hessischen Ortschronik kommt der Name Wollenberg von Wodenberg, also Berg des Wodan. Die Norn ist einer der drei Gipfel des Wollenberges, der Nordabhang des Berges heißt Nornwand. Nach einer Texttafel des Oberhessischen Gebirgsvereins (OHGV) stammt der Name von den Nornen, also den drei Schicksalsgöttinnen der germanischen Mythologie. Stimmt das wirklich? Das würde voraussetzen, dass die Nornen nicht nur in Nord-, sondern auch in Mitteleuropa bekannt waren und dass sich der Name Norn bzw. Nornwald etymologisch plausibel auf sie zurückführen lässt.

Nach der nordischen Mythologie ist es die Aufgabe der Nornen, das Schicksal der Menschen vorherzubestimmen und es ihnen zu verkünden. Häufig erscheinen sie nach der Geburt eines Kindes. In der Edda wird beschrieben, dass drei unter der Weltenesche Yggdrasil sitzenden Nornen die Schicksalsfäden der Menschen spinnen. Sie heißen Urd (das Gewordene), Verdandi (das Werdende) und Skuld (das Werdensollende), also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Nornen tauchen nur in altskandinavischen Texten auf. Jacob Grimm weist allerdings darauf hin, dass der Begriff Norn auch in den modernen skandinavischen Sprachen verloren gegangen ist. Auch ist die Überlieferung der kontinentalgermanischen Mythologie viel bruchstückhafter als der nordgermanischen. Er hält es für wahrscheinlich, dass die Nornen auch in unserer Gegend bekannt waren (vgl. Grimm 1835, S. 335ff).

Einen Hinweis, dass dies tatsächlich so war, liefert der uns bereits bekannte Bischof Burchard von Worms (siehe Serie Burning Times, Teil II) in seinem Beichtbuch namens Corrector oder Poenitentiale von 1012. Er weist darin die Priester an, die Frauen der jeweiligen Gemeinde bei der Beichte u.a. Folgendes zu fragen:

„Hast du es wie gewisse Frauen gemacht, die zu bestimmten Jahreszeiten folgendes zu tun pflegten: Dass du in deinem Haus einen Tisch bereitest und zwei Teller, ein Getränk und drei Messer auf den Tisch stelltest, damit jene drei Schwestern kämen, welche die alte Vergangenheit und Dummheit Parzen nennt, …, so dass die, die du Schwestern nennst, dir jetzt und in Zukunft helfen werden?“ (PL 140, 971D, zitiert nach Simek 2003, S. 124)

An einer anderen Stelle schreibt Burchard, dass die „Parzen“ die Zukunft eines Neugeborenen voraussagen und die Macht haben, es in einen Werwolf oder in andere Gestalten zu verwandeln.

Der Begriff Parzen ist wieder Interpretatio Romana, in der die Dreiheit der römischen Schicksalsgöttinnen mit funktional ähnlichen aber hier nicht namentlich genannten germanischen Gottheiten identifiziert wird, also hier den Nornen oder vielleicht auch den Disen (vgl. Simek 2003, S. 124).

Es ist möglich, dass sich die Menschen früherer Tage vorstellten, dass die Nornen an auffälligen Orten in ihrer Umgebung residieren würden, vielleicht unter einem auffälligen Baum in Vertretung der Weltenesche Yggdrasil, der auf einem entlegenen, aber auffälligen Berg steht. Der Wollenberg ist eine solche auffällige Landmarke, besonders von Norden aus gesehen. Dies kann den Namen Norn bzw. Nornwand erklären. Sicher ist das aber nicht.


Wichtelhäuser (c) Mara

Wichtelhäuser

Am Südabhang des Wollenberges, in der Nähe des Dorfes Brungershausen liegen die Wichtelhäuser, eine bizarre Felsformation aus Kammquarzit. Die Geologie erklärt die Entstehung dieser Felsen folgendermaßen: Maritime Ablagerungen wurden im Erdaltertum, genauer im Erdzeitalter Karbon (310 bis 240 Mio. Jahre vor heute) in der sog. Variskischen Orogenese zu einem Hochgebirge aufgefaltet, das anschließend der Erosion ausgesetzt war. Harte metamorphe Gesteine wie Quarzit wurden durch Erosion aus den sie umgebenden weicheren Sedimenten quasi herauspräpariert.

Früher erklärten sich die Menschen die Entstehung dieser Steine mit folgender Sage:

Vor langer Zeit hausten im Wollenberg ein kleines Völkchen, genannt die Wichtel oder Wichtelmänner. Sie gingen täglich ihren Beschäftigungen nach, die darin bestand, Gold und andere edle Steine aus der Erde zu graben. Mit ihren Schätzen kamen die Wichtel gelegentlich ins Tal, um sie in den umliegenden Dörfern gegen Bekleidung und Lebensmittel einzutauschen.
Das ging lange Zeit gut. Eines Tages aber verlangten die Menschen von den Wichteln höhere Preise für ihre Güter und schließlich wollten sie gar nichts mehr liefern, denn sie dachten, dass sie doch auch selbst nach den Schätzen des Berges graben könnten. Daraufhin stießen die Wichtel üble Flüche aus, und türmten überall auf dem Wollenberg verstreute Felsbrocken an der Stelle auf, wo sie ihre Schätze ausgegraben hatten. Anschließend verschwanden sie durch einen schmalen Spalt ins Erdinnere und wurden nie mehr gesehen. Diese Öffnung im Gestein ist heute noch vorhanden.
Die Menschen gingen schließlich auf den Berg, um selbst nach den Schätzen zu graben. Sie sahen dort voller Verwunderung die großen Felstürme und sprachen zu sich: „Das sind die Häuser der Wichtel“. Der Zugang zu den unterirdischen Schätzen blieb ihnen aber für alle Zeiten verwehrt.

Soweit die lokale Sage. In zahlreichen Regionen Mitteleuropas finden sich ähnliche Erzählungen vom Auszug des kleinen Volkes, der Zwerge, das durch die Gier und Habsucht der Menschen vertrieben wird. Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth interpretiert diese Sagen so, dass das Volk der Göttin, also die alteuropäische Urbevölkerung von den indoeuropäischen Eroberern, in Mitteleuropa zuerst von den Kelten und dann von den Germanen, immer mehr assimiliert oder zurückgedrängt wurde und schließlich von der Erde verschwand. Zugleich gehen mit den Zwergen auch die Ahnenseelen davon, denn sie werden nicht mehr respektiert. In der Glaubenswelt der matriarchalen Völker leben die Toten in der Anderswelt weiter und kehren im Kreislauf der Wiedergeburten in den eigenen Clan zurück. Die Lebenden und die Ahnen sind deshalb nur zwei verschiedene Seiten einer großen Gemeinschaft. Die Zwerge können also ihrer Meinung nach sowohl die Ahnenseelen als auch das kleine Volk der Göttin repräsentieren (vgl. Heide Göttner-Abendroth: Frau Holle etc., S. 175)


Ende Teil I


Mara


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