Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner   Teil I

Viele Menschen kennen Frau Holle als Figur aus dem gleichnamigen Märchen der Gebrüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen 24). Viel weniger bekannt ist, dass es auch zahlreiche Sagen um Frau Holle gibt und dass einige Orte besonders mit ihr in Zusammenhang gebracht werden, so der Hörselberg bei Eisenach in Thüringen, die Hollesteine bei Hessisch-Lichtenau, aber insbesondere der Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner.

Der Hohe Meißner

Der Hohe Meißner ist ein 753,6 m hohes Bergmassiv in Nordosthessen bei Kassel und Eschwege. Er ist der höchste Berg innerhalb eines Radius von mindestens 59 km. Höhere Berge finden sich erst wieder im Rothaargebirge, im Harz, im Thüringer Wald und in der Rhön. Der stark bewaldete Berg ragt 500 m über dem Werratal auf und ist allein deswegen eine beeindruckende Erscheinung. Der Hohe Meißner gehört nach geografischen Kriterien zum Meißner-Kaufunger Wald als einer Untergliederung des Osthessichen Berglandes.

Die Oberen Schichten des Berges bestehen aus vulkanischem Basalt, der aus flachen Schildvulkanen ausgeworfen wurde, die unteren aus Muschelkalk und Buntsandstein. Durch die bis heute anhaltenden tektonische Hebung waren insbesondere die umgebenden weicheren Gesteine der Erosion ausgesetzt, während der harte Basalt ihren Angriffen besser widerstanden hat. So wurde das Bergmassiv des Meißner aus der Umgebung quasi herauspräpariert.

Das erklärt auch, warum der Berg in 700 m Höhe ein flaches, 4,2 x 2,2 km breites Hochplateau bildet, aus dem nur wenige Gipfel herausragen. Die bedeutendsten Gipfel sind die Kalbe mit 720m und die Kasseler Kuppe mit 753,6 m. Ein Teil des Hohen Meißners steht unter Naturschutz, insbesondere die steilen Hänge, an denen sich Hangwald mit vielen Ahornen, Linden und sogar Ulmen findet.

Der Name des Berges war zunächst Wissener, dann Weißner, Meißner und ab 1913 Hoher Meißner. Der Name Weißner kommt von der Farbe Weiß bedeutet also der Weiße. Dieser Name weist bereits auf die Beobachtung hin, dass der Schnee auf dem Berggipfel viel früher fällt und länger liegen bleibt, als in den fruchtbaren Tälern.


Frau-Holle-Teich

Der Frau-Holle-Teich liegt am Osthang des Hohen Meißners auf einer ebenen Fläche in 640 m Höhe inmitten einer sumpfigen Wiese. Sie endet an der oberen Kante einer Basaltschutthalde, die gegen Osten steil abfällt und hier eine konvexe, schüsselartige Form bildet, durch die das Wasser aufgestaut wurde. Der Teich ist 90 x 60 m breit und 2,6 m (nach anderen Angaben 9 m) tief. Zumindest in früheren Zeiten wuchsen auf der Wiese vor dem Teich Borstgras und die sehr seltene Arnika. Im Teich wachsen u.a. Schilf, Rohrkolben und Seerosen.

Soweit bekannt, war dieses Gewässer immer unter dem Namen Frau-Holle-Teich bzw. Frau-Holle-Bad bekannt. An dieser Stelle häufen sich Sagen um Frau Holle, die von zahlreichen Forschern gesammelt wurden. Die erste schriftliche Erwähnung dieses Teiches stammt aus der Landesbeschreibung des Landgrafen Hermann von Hessen-Rothenburg aus dem Jahre 1641. Später haben dann zahlreiche Germanisten und Volkskundler wie die Brüder Grimm, Ludwig Bechstein und Karl Paetow den Teich besucht und in der Gegend des Meißner die zahlreichen Sagen um Frau Holle gesammelt.


Sagen um den Frau-Holle-Teich

Der Frau-Holle-Teich soll unergründlich tief sein. Ein Bergmann versuchte angeblich vor Jahren, seine Tiefe mit einem Senkblei auszumessen, er soll bei 65 Lachtern (=130 Metern) den Grund noch nicht erreicht haben.
In diesem Teich oder unter diesem Teich im Meißner soll Frau Holle wohnen, und manche Naturerscheinungen, die am Weißner sich zutragen, werden von ihr bewirkt: Wenn es am Weißner nebelt, insbesondere, wenn einzelne Nebelwolken am Berge hochziehen, so hat Frau Holle ihr Feuer im Berg, wenn es am Weißner schneit, so macht Frau Holle ihr Bett, dessen Federn in die Luft fliegen. Der Teich galt auch als das Heiligtum der Frau Holle.
Wenn es schneit, so sagt man in Hessen auch außerhalb des Meißner, dass Frau Holle ihre Betten ausklopft, davon fliegen die Flocken in die Luft.
Nach der Erzählung von alten Leuten wird Frau Holle um die Mittagsstunde zuweilen badend in ihrem Teich gesehen und verschwindet nachher.

Bald erscheint sie als spinnengraues, altes Mütterlein in einem hohlen Baumstrunk sitzend, bald zeigt sie sich als eine schöne, junge, weiße Frau in oder auf der Mitte des Teiches. Meistens ist sie aber unsichtbar, und man hört bloß aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen.

Berg und Moore in der ganzen Umgegend sind voll von Geistern. Oft haben Frau Holle und ihr gespenstischer Anhang Reisende oder Jäger kreuz und quer in die Irre geführt oder mit ihnen Schabernack getrieben. Manche Besucher dagegen, die ihr gefielen, soll sie verführt und in ihr unterirdisches Reich gebracht haben.
Frauen, die sich vertrauensvoll an ihrem Teich an sie wenden, hat sie immer geholfen. Wenn sie im Teich baden, werden sie gesund und fruchtbar, also empfängnisbereit. Denjenigen, die ihr zu gefallen wissen, schenkt sie Blumen, Obst und Kuchen, die aus ihrem unvergleichlichen Garten stammen, der sich unten im Teich befindet.

Frau Holle soll auf dem Meißner auch einen Kindleinsbrunnen haben, der vermutlich der Teich selbst ist. Die neugeborenen Kinder stammen aus diesem Brunnen und sie trägt sie daraus hervor, aber sie nimmt auch welche zu sich in die Unterwelt mit. Man erzählt sich auch, dass die Hebammen aus dem Frau-Holle-Teich die kleinen Kinder holen. Sie zieht häufig Kinder in ihren Brunnen, die einen macht sie zu Glückskindern, die anderen zu Wechselbälgern. Wenn Schulmädchen aus der Umgebung in den Teich schauen und ihr Spiegelbild sehen, dann rufen sie: „Das sind die Kinder der Frau Holle.“ Auch wollen sie im Schilf die Haarspitzen der Ungeborenen erkennen. Dieser Brauch war noch in den 1920er Jahren üblich.

Frau Holle gilt als sehr ordentlich und hält auf guten Haushalt. Sie hat aber auch eine dunkle Seite, so dass man mit ihr faulen und furchtsamen Mädchen droht. Faule Spinnerinnen bestraft sie, indem sie ihnen den Rocken besudelt, das Garn verwirrt oder den Flachs anzündet, fleißigen Mädchen dagegen schenkt sie Spindeln oder spinnt selbst für sie über Nacht, so dass die Spulen des Morgens voll sind. Faulenzerinnen zieht sie die Bettdecken ab und legt sie nackend aufs Steinpflaster; Fleißige, die schon frühmorgens Wasser zur Küche tragen in reingescheuerten Eimern, finden Silbergroschen darin.

Frau Holle ist insbesondere mit dem Flachsanbau und dem Spinnen verbunden, einer im ländlichen Hessen früherer Jahre typisch weiblichen Tätigkeit.


Frau Holle zieht umher

In der Weihnacht fängt Frau Holle an, umherzuziehen, da legen die Mädchen ihren Spinnrocken aufs neue an, winden viel Werg oder Flachs darum und lassen ihn über Nacht stehen. Sieht das nun Frau Holle, so freut sie sich und sagt:

»So manches Haar, so manches gutes Jahr.«

Diesen Umgang hält sie bis zum großen Neujahr, das heißt den heiligen Dreikönigstag, wo sie wieder umkehren muß; trifft sie dann unterwegs Flachs auf dem Rocken, zürnt sie und spricht:

»So manches Haar, so manches böses Jahr.«

Daher reißen am Abend vorher alle Mädchen sorgfältig von ihren Rocken ab, was sie nicht abgesponnen haben, damit nichts dran bleibe und es ihnen übel ausgelegt werde. Noch besser ist es aber, wenn es ihnen gelingt, alles angelegte Werg vorher im Abspinnen herunterzubringen.

In anderen Sagen wird davon berichtet, dass Frau Holle im Frühling im Lande umher geht und den Äckern Fruchtbarkeit gibt. Sie verteilt Kuchen, Blumen und Obst, die in ihrem Garten unter dem Brunnen wachsen. Im Herbst fährt sie an der Spitze des Wütenden Heeres durch den Wald.


Frau Holle und der Honighof bei Wickenrode

Frau Holle geht in ihrer Gestalt als Weise Alte, genannt Muhme Mehlen (Muhme = Mutterschwester), im Lande umher und prüft die Herzen der Menschen. Als alte und hilflose Frau bittet sie um Speise und Obdach. Diejenigen, die ihr helfen, belohnt sie reichlich, während sie die Hartherzigen bestraft. Der Bauer des reichen Honighofes bei Wickenrode in der Nähe des Meißners war in der ganzen Gegend für seinen Geiz berüchtigt. Wenn Nachbarn ihn um Hilfe baten, sagte er nur kalt: „Wer was hat, hats auch verdient.“ Sollten sie es wagen, noch einmal nachzufragen, ließ er seine Hunde auf die Bittsteller hetzen. Seine Söhne arteten dem Alten nach. Es gab nur noch eine fühlende Seele im Haus, nachdem die Bäuerin unter der Erde lag und das war die Tochter. An einem Tag, als der Bauer und seine Söhne ausgeritten waren, kam eine alte Frau zum Hof gehumpelt und bat um Essen. Die Tochter gab ihr eine Scheibe Brot und eine Wurst. Da kam der Bauer zurück, schlug seine Tochter und ließ seine Hunde auf die alte Frau hetzen. Plötzlich löste sie sich in wirbelnden Rauch auf, und über dem Tal erhob sich eine Gewitterwolke. Aus ihr zuckte ein Blitz, der den Honighof in Flammen setzte. Der Bauer und seine Söhne kamen im Feuer um, während die Bauerntochter überlebte. Denn als die Nachbarn zum Löschen kamen, sahen sie das Mädchen friedlich unter einem Birnenbaum schlafen. Neben ihr stand eine Frau in einem weißen Gewand und hielt ihre Hände schützend über das Mädchen. Als die Bauern näher kamen, löste sie sich in Rauch auf. Nun wussten die Menschen, dass dies Frau Holles Gericht über den Honighof war. Das Mädchen zog ins Dorf und fand einen lieben Ehemann. Sie hatte eine glückliche Mutterhand und auf allem, was sie tat, lag Segen, denn sie blieb mildtätig ihr ganzes Leben lang.


Ende Teil I
Fotos: © Mara


Mara


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