Mythologische Orte Mitteleuropas   Teil II

Quernst - In dieser Serie sollen in lockerer Folge eine Reihe von heiligen Orten und mythologisch bedeutenden Landschaften der vorchristlichen Kulturen Mitteleuropas beschrieben werden. Vom Anspruch und der Methode her orientiert sich diese Serie am Buch „Mythologische Landschaft Deutschland“ von Heide Göttner-Abendroth und Kurt Derungs.

Die Quernstkirche war nicht nur die Pfarrkirche der umliegenden Dörfer, sondern sie soll auch Ziel einer bedeutenden Wallfahrt gewesen sein. Am 3. Mai wurde auf dem Querst ein großer Jahrmarkt mit Volksfest abgehalten und im Spätmittelalter zu dieser Gelegenheit ein Ablass verkauft.

Dennoch ging die Bedeutung der Kirche bereits in dieser Zeit zurück. Die Stadt Frankenau hatte seit 1319 eine eigene Pfarrei. Die Dörfer des Hochgewäldes fielen im 14. Jahrhundert wüst. In den folgenden Jahrhunderten wurden auch in den umliegenden Dörfern eigene Kirchen gebaut. Häufig sehr viel später folgten eigene Friedhöfe. Mit der Reformation, die in Hessen 1526 eingeführt wurde, war dieser Prozess abgeschlossen. Seit dem Jahr 1528 wurde die Quernstkirche nicht mehr genutzt und verfiel. Der Jahrmarkt wurde nach Frankenau verlegt und später eingestellt; Wallfahrten gab es im Protestantismus ohnehin nicht mehr.

In den folgenden Jahrhunderten weideten die Frankenauer noch ihre Schafe auf dem jetzt Quernsttriesch genannten Hochplateau. Die Kirche wurde zur Ruine und die Einwohner der umliegenden Dörfer nutzten die herumliegenden Steine für eigene Bauten.

Im 19. Jahrhundert führten der hessische Forstfiskus und die Stadt Frankenau einen 40 jährigen Prozess um den Besitz des Quernsttriesches. Dieser wurde 1888 zugunsten des nun preußischen Forstfiskus[1] entschieden, der das Gebiet sofort mit Fichten aufforstete. Auch die Ruinen der Quernstkirche selbst und der Friedhof wurden in die Fichtenpflanzung mit einbezogen.

An dieser Situation änderte sich erst etwas, als der Orkan Vivian 1990 fast alle der nun über 100 jährigen Fichten umknickte. Die Ruinen der Quernstkirche kamen wieder zum Vorschein.

In den folgenden Jahren wurde der größte Teil des alten Quernsttriesches wieder mit Fichten aufgeforstet – damals gab es den Nationalpark noch nicht. Der Teil um die Quernstkirche selbst blieb jedoch davon ausgespart und wird heute durch Schafbeweidung offengehalten. Auf dem ehemaligen Friedhof und der alten Kirche wachsen jetzt freistehende Buchen, so dass dort in einigen Jahrhunderten ein neuer Hain entstehen wird. Im Jahr 2006 wurde oberhalb der alten Kirche eine neue, kleinere Kapelle gebaut.

An diesem geschichtsträchtigen Ort des Quernst kommt man ins Träumen. Wie schön wäre es, hier einmal Beltaine oder die Sommersonnenwende zu feiern. Leider wird das auf absehbare Zeit ein Traum bleiben. Denn im Nationalpark sollen verständlicherweise alle Formen der menschlichen Nutzung auf Minimum reduziert werden und langfristig ganz auslaufen.

Nutzungen auf dem Quernst sind überhaupt nur genehmigungsfähig, wenn sie einen traditionellen oder historischen Bezug zum Schutzgebiet haben (vgl. Nationalparkplan, S. C13.4). Für kirchliche Aktivitäten trifft das offensichtlich zu, denn nur so kann die Genehmigung für den Bau der Quernstkapelle im Jahr 2006 erklärt werden. Auch finden dort viermal im Jahr Gottesdienste statt. Offenbar will die Nationalparkverwaltung sich mit der hier immer noch bedeutenden evangelischen Kirche von Kurhessen-Nassau und den Einwohnern der umliegenden Dörfer gut stellen, war doch die Einrichtung des Nationalparks in der Region ohnehin umstritten.

Auch in den – im Nationalpark verstreuten – erläuternden Texttafeln wird die entstehende Wildnis zuweilen aus einer explizit christlichen Perspektive betrachtet; u.a. wird häufiger der bekannte Spruch des Mönchs Bernhard von Clairvaux zur Wildnis zitiert[2]. Zudem gibt es

Der erst 2004 gegründete Nationalpark Kellerwald-Edersee lohnt auf jeden Fall auch unabhängig vom Quernst einen Besuch. Geschützt werden v.a. bodensaure Hainsimsen-Buchenwälder. An einigen Stellen existieren auch Eichen-Trockenwälder, Edelholzreiche Hangwälder mit Hainbuche, Linde, Ahorn und Ulme sowie Erlen und Eschenbruchwälder. Urwaldreste, sonstige sehr naturnahe Wälder und Hallenbuchenwälder mit mächtigen, mehr als 200 Jahre alten Baumexemplaren sind über die gesamte Fläche verstreut. Wacholderheiden (sog. Triescher) und blumenreiche Wiesentäler weisen auf eine frühere Nutzung des Gebietes hin. Teilweise sollen sie durch Mahd oder Beweidung offen gehalten werden.

Teile des Nationalparks wurden im Jahr 2011 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.[3] Besonders naturnahe Waldkomplexe in der Nähe des Quernst, die gut auf einer Wanderung erreicht werden können, sind: Ruhlauber, Ahornkopf, Traddelkopf und Locheiche. Etwas weiter entfernt liegende Berge mit besonders naturnahen Wäldern sind: Dicker Kopf (Berg), Arensberg, Hardt, Ringelsberg und Hege-Berg.


Verkehrshinweise:
  • Mit dem Auto nach Frankenau, Wanderparkplatz oberhalb des Feriendorfes Frankenau direkt am Nationalpark. Dann eine halbe Stunde Fußweg zur Quernst.
  • Mit der Bahn von Norden: Bahnstrecke Kassel-Wabern-Bad Wildungen, dann mit dem Anruf-Sammel-Taxi (AST, Voranmeldung erforderlich) nach Frebershausen. Von dort c.a. eine Stunde Fußweg über den Quernstgrund oder den Talgang (Tal) zur Quernst.
    Von Süden: Bahnstrecke: Frankfurt am Main-Wabern-Bad Wildungen, sonst wie oben. Alternative: Frankfurt am Main-Marburg (Lahn)-Frankenberg, dann mit dem Bus oder dem Anruf-Sammel-Taxi (AST) nach Frankenau.
    Informationen zu Fahrtzeiten und zum AST-System auf der Webseite des Nordhessischen Verkehrs-Verbundes: http://www.nvv.de/
Literatur:
Im Interesse der besseren Lesbarkeit wurde auf Einzelnachweise weitgehend verzichtet.
Diese Darstellung folgt einem „Die Geschichte der Quernstkirche“ betitelten Text auf der Webseite der Stadt Frankenau, dessen Autor nicht genannt ist, vermutlich handelt es sich aber um Walter Zarges:
http://frankenau.ecity21.de/w3a/pubDetails.jsp?ID=18&d=1&l=1&nf=1&mpp=t6&mp=766&mpnl=766%2C776
Weitere Literatur:
Die einstige Quernhorstkirche,
http://frankenau.ecity21.de/w3a/pubDetails.jsp?ID=575&d=1&l=1&nf=1&mpp=t12&mp=638&mpnl=638%2C768
Heide Göttner-Abendroth / Kurt Derungs: Mythologische Landschaft Deutschland, Bern 1999
Naturpark Kellerwald-Edersee: Entwicklungsplan, http://entwicklungsplan.naturpark-kellerwald-edersee.de/best/3-8.htm
Nationalpark Kellerwald-Edersee:
http://www.nationalpark-kellerwald-edersee.de/de/1_home/index.php
Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, München 1999 (zur Siedlungsgeschichte Mitteleuropas allgemein)
Norbert Panek: Kellerwald & Edersee, Natur- und Kulturführer, Niedenstein 2006
Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen, Darmstadt 2003 (zur germanischen Religion allgemein)
Walter Zarges: Das Hochgewälde am Edersee, Frankenberger Hefte Nr. 7, Frankenberg 1999
Walter Zarges: Quernstkirche „auf unwirtlicher Höhe“, in: Frankenberger Heimatkalender 2005


[1] Als Folge des Deutschen Krieges annektierte Preußen im Jahr 1866 das Kurfürstentum Hessen-Kassel.
[2] „Glaube mir, denn ich habe es erfahren: Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern. Bäume und Steine werden dich lehren, was du von keinem Lehrmeister hörst.“ Dieser Ausspruch ist anders gemeint, als er neuerdings dargestellt wird. Bernhard schätzte nicht so sehr die Natur an sich, sondern die Wildnis als Abwesenheit der menschlichen Zivilisation mit ihren Annehmlichkeiten. Durch die mit dem Leben in der Wildnis einhergehenden Entbehrungen hoffte er, zu Gott zu finden. Das war das allgemeine Programm des christlichen Mönchtums von Anfang an. Die ersten Mönche zogen sich aus den oben genannten Gründen in die Wüste zurück bzw. residierten dort auf Säulen, um sich zu quälen. Da dies in Mitteleuropa nicht möglich war, wurden dort Klöster in der Waldeinsamkeit gegründet.
[3] Der Quernst selbst gehört allerdings nicht dazu.

Mara


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