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Mythologische Orte Mitteleuropas   Teil I

Quernst - In dieser Serie sollen in lockerer Folge eine Reihe von heiligen Orten und mythologisch bedeutenden Landschaften der vorchristlichen Kulturen Mitteleuropas beschrieben werden. Vom Anspruch und der Methode her orientiert sich diese Serie am Buch „Mythologische Landschaft Deutschland“ von Heide Göttner-Abendroth und Kurt Derungs.

Auch wenn Vermutungen und eigene Wertungen hier eine Rolle spielen, stützt sich diese Serie ebenfalls auf die verfügbaren wissenschaftlichen Informationen zu den jeweiligen Orten oder Landschaften.

Diese Serie teilt die in „Mythologische Landschaft Deutschland“ dargestellte Prämisse, dass die vorchristliche Periode mindestens noch in eine frühpatriarchale Zeit (Kelten, Germanen, Slawen, Römer, Griechen etc.) und eine vorhergehende matriarchale Epoche (Jungsteinzeit, frühe Bronzezeit) unterteilt werden muss.

Ursprünglich wollte ich die Serie Mythologisches Hessen nennen. Es zeigte sich aber, dass dies zu kurz gegriffen war. Der Schwerpunkt liegt zwar in der Tat in der Darstellung einiger hessischer Orte und Landschaften, allerdings beschränkt sich diese Serie nicht darauf. Die Auswahl ist rein subjektiv und orientiert sich daran, welche dieser Orte ich bereits besucht habe.


Quernst

Beginnen soll diese Serie mit einer Beschreibung des Quernhorsts im Nationalpark Kellerwald-Edersee. Dieser Nationalpark liegt in Nordhessen c.a. 50 südöstlich von Kassel und rund 120 km nördlich von Frankfurt. Er ist 5740 ha groß und wurde im Norden des Mittelgebirges Kellerwald eingerichtet. Der Nationalpark grenzt unmittelbar an den Ederstausee. Das vollständig bewaldete Bergland wird auch Ederberge genannt (nicht zu verwechseln mit dem Ederbergland bei Battenberg). Andere Bezeichnungen sind Hohe Hardt, Hardt oder – im Mittelalter – Hochgewälde.

Am Weg von der kleinen Stadt Frankenau in den Nationalpark liegt eine größere Lichtung. Auf einen Hügel sind Mauerreste sichtbar. Er ist mit Gras und in einem lockeren Bestand an jungen Buchen bewachsen.

Diese Mauerreste gehören zur Friedhofsmauer der ehemaligen Quernstkirche, die auf ein altes germanisches Heiligtum, einen heiligen Hain, zurückgehen soll. Daneben, etwas weiter hügelaufwärts wurde 2006 eine Kapelle gebaut. Von hier aus hat man einen atemberaubenden Ausblick auf die Wälder des Nationalparks, das Willinger Upland und das Rothaargebirge.

Es gibt sehr wenige schriftliche Informationen über diese alte Kirche. In Urkunden wurde sie erst 1236 erwähnt. Die Kirche selbst ist 11 m breit und 23 m lang. Sie ist genau in Ost-West-Richtung erbaut, hatte einen Turm und ist von einem c.a. 50 x 40 m großen Friedhof umgeben, der mit einer Mauer eingefasst war. Der Südostteil dieser Mauer ist abgerundet. Von der Quernstkirche selbst sind nur noch bewachsene Schutthaufen übrig. Aber noch 1856 waren nach Angaben eines Zeitzeugen die 6 m hohe Reste „der beiden Türme“ sichtbar. Gemeint sind wohl der eigentliche Turm und die Reste des Ostchors, während das Kirchenschiff bereits eingestürzt war. Ausgrabungen sind bisher nicht erfolgt, werden aber immer wieder diskutiert.

Extrem außergewöhnlich für eine Kirche ist ihre Lage mitten im Wald. Dies deutet darauf hin, dass christliche Missionare eine germanische Kultstätte okkupiert und sie für die neue Religion umgewidmet haben. Auch gibt es in der Umgebung des Quernst noch mehrere solcher Höhenkirchen.

Der älteste Name des Gebäudes lautet Quernhorstkirche. Der Wortbestandteil Horst deutet auf einen heiligen Hain der Germanen hin. Also vermutlich standen dort besonders große, auffällige Bäume, unter denen vielleicht Kultsäulen aufgestellt waren. Welche Göttinnen oder Götter dort verehrt wurden, ist nicht mehr bekannt, allerdings gab es in den frühsten Zeiten der germanischen Religion viele Göttinnen, die das Land oder einen Stamm repräsentierten. Die ältesten Quellen zur Religion der Germanen wie Tacitus sprechen allgemein davon, dass diese überhaupt keine Tempel kannten, sondern ihre Gottheiten in heiligen Hainen verehrten. Wir können uns vorstellen, dass Angehörige der dort lebenden Stämme von weither an einem solchen Ort zusammenkamen, um anlässlich eines Festes wie dem Maifest ein gemeinsames Opfermahl zu halten, über allgemeine Angelegenheiten zu beraten oder auch um die eigenen Toten dort zu begraben. Der Quernst soll nämlich auch ein „heidnisches Totenfeld“ gewesen sein.

Das obere Edertal auf der Höhe des heutigen Stausees muss bereits im Neolithikum zumindest zeitweise besiedelt worden sein. Denn in der Nähe des Quernst auf dem Berg Hardt liegen mehrere Hügelgräber aus dieser Periode. Zu dieser Zeit ist allerdings nicht an permanente Siedlungen zu denken. Vielmehr wurden Siedlungen immer wieder verlegt, wenn die Äcker ausgelaugt waren. Dabei blieb es bis zum Beginn des christlichen Mittelalters.

Sichere Hinweise für eine Besiedlung dieses Gebietes gibt es aus dem 7. Jahrhundert u.Z. Nördlich der Eder liegen einige Dörfer, deren Namen germanische Endungen oder Wortbestandteile enthalten. So Buchenberg („Buchmar“, -mar = Sumpf oder Quelle), Itter („Itora“, -a = Wasser), Vöhl („Uhulun“) und Asel.

Auch ist die sehr fruchtbare und seit dem Neolithikum kontinuierlich besiedelte Fritzlarer Börde am Unterlauf der Eder weniger als 30 km Luftlinie vom Quernst entfernt. Sie wurde damals als Mattium bezeichnet und war das Siedlungszentrum des germanischen Stammes der Chatten, den Vorfahren der heutigen Hessen. Dort befanden sich zahlreiche germanische Heiligtümer, u.a. die bekannte Donareiche bei Fritzlar und der Wodanstein in Maden. Das ist ein jungsteinzeitlicher Menhir, der zwar von den Chatten nicht errichtet, aber in ihre religiöse Praxis integriert wurde. Über Mattium werde ich vielleicht in einer späteren Folge berichten.

Vor der militärisch erzwungenen Christianisierung der Chatten durch Winfried Bonifatius ab dem Jahr 722 bereisten bereits einige iroschottische Missionare die Länder dieses Stammes. Besonders erfolgreich war ihre Mission mangels militärischer Erzwingungsmacht zwar nicht, aber es wird vermutet, dass einer von ihnen im später als Quernhost bezeichneten heiligen Hain entweder zusätzlich oder anstelle der germanischen Kultsäulen christliche Symbole oder Statuen aufstellte. Vielleicht haben sie in der Nähe des Hains bereits eine kleine hölzerne Kapelle gebaut.

Viele dieser Missionare waren Arianer, vermutlich auch diejenigen, die den sog. Quernhorst im 7 Jahrhundert erreichten. Der Arianismus war eine tolerantere Richtung des christlichen Glaubens, der zunächst bei den Germanen eine gewisse AnhängerInnenschaft fand. Erst später wurde er vom eifernden römischen Katholizismus zurückgedrängt und schließlich ausgerottet. Der Name Quernst leitet sich vermutlich vom Heiligen Quirinus ab, einem arianischen Bischof, der im Jahr 269 in Rom starb.

In der Nähe der Quernstkirche gibt es noch weitere Reste altchristlicher Höhenkirchen, so die Siegelskirche im oberen Bärenbachtal bei Schmittlotheim. Des Weiteren die Forstenkirche und die Frankenkirche bei Marienhagen; die letzteren beiden liegen aber außerhalb des heutigen Nationalparks. Im Unterschied zur Quernstkirche haben sie keine besondere Bedeutung erlangt. Auch bei diesen Kirchen kann es sich um frühere germanische Heiligtümer gehandelt haben.

Ab 722 unternahm Winfried Bonifatius von der Amöneburg aus missionarische und militärische Vorstöße an die Eder. Er führte dort zwangsweise das Christentum bei den Chatten ein, die bereits um 500 u.Z. von den Franken unter Chlodwig I militärisch unterworfen worden waren. Bonifatius unterstellte alle vorgefundenen und neu gegründeten Kirchen dem Bistum Mainz und damit Rom. Er soll sich auch auf dem Quernst aufgehalten haben. Seit dieser Zeit ist der Heilige Thomas (Gedenktag 21. Dezember) offizieller Kirchenpatron, der Name Quernstkirche lebt nur noch im Volksmund weiter.

Im Mittelalter gehörten zur Gemeinde der Quernstkirche die Stadt Frankenau sowie die Dörfer Altenlotheim, Frebershausen, Gellershausen, Bringhausen und Asel. Desweiteren auch die im 13. Jahrhundert gegründeten Dörfer im Hochgewälde, also dem heutigen Nationalparkgebiet, die nach relativ kurzer Zeit wieder wüst fielen, darunter Eselsbach, Eschenbruch, Wellenhausen, Denninghausen und Banfe. Alle diese Dörfer haben ihre Toten auf dem Friedhof der Quernstkirche bestattet. Ein so großes Gemeindegebiet war im frühen Mittelalter durchaus nichts Ungewöhnliches. Die Bevölkerungsdichte war damals extrem gering und ein Dorf wäre allein nicht in der Lage gewesen, eine Kirche zu bauen oder einen Priester zu unterhalten. Die Standorte der sog. Urpfarreien im Hessen- und im Lahngau[1] wurden nach den Verhältnissen zur Zeit der Einführung des Christentums um 750 festgelegt. Sie orientierten sich an den damals bestehenden Kirchen bzw. größten Dörfern. Deshalb kam es öfters vor, dass die kirchlichen Grenzen schließlich nicht mehr mit den weltlichen übereinstimmten. Dies war etwa der Fall, wenn eine sich später entwickelnde Stadt kirchenrechtlich nach wie vor die Filiale eines kleineren Dorfes war. Es dauerte häufig Jahrhunderte, bis das korrigiert wurde.


[1] Gaue waren von Karl dem Großen eingerichtete Verwaltungsbezirke im Reich der Franken. Die Nationalsozialisten griffen den Namen später wieder auf.


Mara


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