Mein Leben mit und in der Craft   Teil I

Vor vielen Jahren, als einige engagierte Menschen die Grundsteine für´s WurzelWerk legten, fing ich an, meine Rubrik "Noreia, die Eule" mit Leben zu erfüllen. Nach fast 10 Jahren beginne ich nun eine Artikelserie, die einige für mich grundlegenden Fragen beleuchten soll.

Wie immer schreibe ich strikt aus meiner persönlichen Sicht und spreche aus meiner Erfahrung - was zur Folge hat, dass ich keinerlei Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erhebe. Wohl aber stellt meine Sichtweise einen Blickwinkel von jemandem dar, der Jahre mit und in der Craft gelebt hat.


Wo kommt´s her – ein kleiner Ausritt zum Ursprung der Wicca

Gerald Brousseau Gardner (1884 – 1964)

Wie in Ronald Hutton´s „The Triumph Of The Moon“ nachlesbar ist (p. 205) scheint Gardner ein Mann gewesen zu sein, der sich zeitlebens für übernatürliche Phänomene interessierte und deshalb über Religionen und das Okkulte weitreichend belesen war. Er nannte eine mehr als weitreichende Bibliothek sein Eigen. Von Apuleius über Crowley bis zu Fortune und Jung um nur ein paar der vielleicht bekannteren Namen zu nennen.
Aber er besaß auch ein gerüttelt Maß an eigenen Erfahrungen mit spirituellen Strömungen seiner Zeit von Freimaurerei über Buddhismus, Golden Dawn und magischen Stammesritualen (durch seine Zeit in Übersee/Borneo und Malaysia) bis hin zu Spiritismus.

1936 setzte er sich in London zur Ruhe und wurde lt. seiner Biographie („Gerald Gardner: Witch“ von Jack Bracelin) im September in einen bestehenden Hexencoven eingeweiht. Mit diesem arbeitete er bis Ende 1940 zusammen. Schon vorher schrieb Gardner sein Buch „A Goddess Arrives“, das 1939 veröffentlicht wurde und viele Beschreibungen von Philosophie oder Ritualistik enthält, die sich auch in späteren tatsächlichen Ritualpassagen wiederfinden (sehr schön zusammengefasst von Philip Heselton „Wiccan Roots“ p. 41-51).

1946 lernte G. B. Gardner, Aleister Crowley kennen (Mit der Charter wurde Gerald Gardner ermächtigt ein O.T.O. Camp in England zu errichten und Initiationen in den "Minerval"-Grad - dem niedrigsten, Einweihungsgrad - durchzuführen) und schrieb wieder eine fiktive Geschichte „High Magic´s Aid“ (veröffentlicht 1949). Das in England bestehende Gesetz „Witchcraft and Vagrancy Acts“ wurde 1951 aufgehoben, und so war es ihm ab dieser Zeit möglich, mit seinen Informationen über das Hexentum, weiter reichend als bisher, an die Öffentlichkeit zu gehen, ohne Verfolgung von Rechts wegen befürchten zu müssen. „Witchcraft Today“, somit das erste auch so bezeichnete Sachbuch, veröffentlichte er als Anthropologe, der das Glück gehabt hatte, eine überlebende initiatorische heidnische Religion in England entdeckt zu haben und so auch authentisch beschreiben zu können.

Gardner zog vom "New Forest" nach Bricket Wood außerhalb von St. Albans, wo er auf dem Gebiet eines Nudistenclubs ein kleines Cottage kaufte und 1951 seinen eigenen Coven gründete – da haben wir imho die eigentliche Geburtsstunde der Wicca.
Seine zweite Hohepriesterin, nach Dafo,  wurde Doreen Valiente (* 4.1.1922 in Mitcham, Surrey, England; † 1.9.1999 in Brighton, England), die zahlreiche Bücher über Wicca veröffentlichte und bis zu ihrem Tod einen großen Einfluss auf die Form und Entwicklung der Craft hatte.  Sie war es, die große Passagen des Vorläufers des Book of Shadows so umarbeitete, wie wir sie heute kennen und ohne die unsere Rituale um vieles ärmer wären.

In chronologischer Reihenfolge:

  • Edith Rose Woodford-Grimes (Dafo) (Gardners erste High Priestess)
  • Doreen Valiente (Ameth) (Bricket Wood Coven - initiierte HPS Juni 1953)
  • Charles Clark (Schottland - initiierter HP Mitte der 50er Jahre)
  • Lois Bourne (Bricket Wood Coven - initiierte HPS 1957)
  • Eleanor "Rae" Bone (Cumbria - Whitecroft Linie - initiierte HPS 1960)
  • Patricia Crowther (Wales - Sheffield Linie - initiierte HPS 1960)
  • Monique Wilson (Lady Olwen) (Perth, Isle Of Man, wurde Ende der 50er Jahre durch Charles Clark initiiert;  Gardners letzte HPS und von ihm am 1962 nochmals initiiert.)

Der Aufbau der Craft ist so gewählt, dass es eine sogenannte Lineage gibt – eine Reihe von Initiierten, die bis zu Gardner (im Falle der „Gardnerians“ - der Terminus wurde übrigens von den trad. Hexen in England „erfunden“ um sich gegen die „Neuen“ abzugrenzen, die den Namen „witch“ ebenfalls beanspruchten) zurückverfolgt werden können. Daraus resultierten und resultieren immer noch die Diskussionen um „die erste Hexe“ und um Validität bzw. Anerkennung ganzer Linien …
In Deutschland entstand der erste Gardnerian Coven im Jahr 1969 in Hamburg und in Österreich tauchte trad. Wicca erst in den 80ern auf.

Wenn wir schon bei Ansprüchen sind: Es sollte in fairer Weise gesagt werden, dass wohl kein ernst zunehmender Wissenschaftler Gardners Anspruch auf die Entdeckung einer die Zeiten der Hexenverfolgung überlebt habenden, mündlich überlieferten Hexentradition, für voll genommen hat, selbst zu seiner Zeit nicht. Die Sichtweisen, die er beispielsweise mit Margaret Murray teilte, waren damals schon einfach angreifbar und konnten so natürlich ihren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit über die Zeiten nicht retten. Nichtsdestotrotz konnte er aber seine Vorstellungen durch teilweise wissenschaftliche Bücher, von unter anderen Murray und Leland, untermauern.

Trotzdem also die wissenschaftliche Beweisführung zum Scheitern verurteilt ist, will ich aber explizit erwähnt wissen, dass die Behauptung Gardner´s, in einen bestehenden Coven initiiert worden zu sein, für mich durchaus plausibel und keineswegs widerlegt ist – nur scheint dieser (oder zumindest der Großteil des schriftlich tradierten Materials!) nicht in einer althergebrachten und schon gar nicht ländlichen Hexentradition zu wurzeln, sondern eher in Bereichen, aus denen auch die moderne Esoterik in ihrer Gesamtheit hervorgegangen ist ("Fellowship of Krotona", einer rosenkreuzerisch-freimaurerischen Gruppe, die in Christchurch auch “The First Rosicrucian Theatre in England“ gründete - Dieses wurde u.a. von Mabel Emily Besant-Scott, der Tochter von Annie Besant – der Theosophin, die die Winkelfreimaurerei von Frankreich nach England brachte - betrieben). Dass sich Reste von „alten Überlieferungen“ darin finden, ist nur schwer bestreitbar und durch den Blick des Historikers betrachtet, nur mehr als logisch. Da Gardner, neben seinem Interesse für spirituelle Systeme, mit großer Leidenschaft besonders in der Erforschung von Volkstraditionen der britischen Inseln tätig war, finden sich natürlich Massen an Bräuchen, Sichtweisen und Utensilien, die in einigen Gegenden und Zeiten real, auch nach wissenschaftlichem Standard nachweislich, existiert hatten und in der Volksmagie Gebrauch fanden oder teilweise sogar noch immer finden. Ob und in welchem Maße diese Einzelkomponenten aber untereinander, vor allem in wissenschaftlich fundierter Form, in Verbindung gebracht werden können, das wage ich nicht zu entscheiden.

Dazu gehört als eines von vielen Beispielen die vieldiskutierte Verwendung des Wortes „witch“, die meiner Meinung nach schlichtweg aus der Vorstellung der Epoche der Romantik, von der Hexe als einer „kräuter- und magiekundigen Heilerin“ der vor- und frühchristlichen Zeit, rückverfolgbar ist. Garniert mit der Ansicht, dass Hexen zu allen Zeiten eher im Verborgenen agiert hätten, teilweise gefürchtet und als gefährlich angesehen waren, aber doch auch konsultiert wurden und so eine Aura des Arkanen und Übersinnliche, schon durch das Wort hervorgerufen wurde (und auch teilweise noch wird) - war sicher ein netter Nebeneffekt. Klar ist auch, dass das Hexenbild der Zeit Gardners mitnichten unserem Bild, der heute als wissenschaftlich anerkannten historischen Realität, entspricht …

Allein diese wenigen hier erwähnten Fakten in Kombination gesehen, stellen die Problematik der historisch korrekten und wissenschaftlich belegbaren Verifizierung eines „alten und überlieferten Systems“ recht klar dar. Auf der einen Seite ist wohl selbst bei negativster Einschätzung eine gewisse „volksnahe Sicht- und Vorgehensweise“ unbestreitbar, aber auf der anderen Seite ist meiner Ansicht nach eine geschlossene alte Tradition nie und nimmer faktensicher beweisbar.
Auch der tatsächliche Ursprung der Wicca ist je nach Tradition und Überlieferung ein anderer.

All diese Erkenntnisse ändern jedoch nichts an der Schlüssigkeit und Funktionalität des Systems an sich, das sich mir als traditionelle Craft präsentiert. Leider ändern sie aber auch nichts an der, in meinen Augen, teilweise pervertierten Entwicklung, die mancherorts stattgefunden hat (und auf die ich mich noch eingehender beziehen werde). Allerdings kann ich da auch ein von mir schon öfters beobachtetes Faktum mit ins Kalkül ziehen - wenn etwas nicht missbraucht werden kann, dann wirf es gleich weg, weil dann ist es auch nicht wirklich zu brauchen!

Ende Teil I


Anufa


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