Eine Hexe mit anderem Namen - Die große Debatte um Wicca versus Hexentum   Teil V

Mike Nikols, der Autor vieler für Hexen und Heiden mehr als interessanten Artikel – unter anderem der Artikelserie (und des gleichnamigen Buches) „Feiertage der Hexen“ – hat uns hier einen Einblick in die ewig strittige Frage um die Namensgebungen des Hexentums gegeben. Die Übersetzung stammt aus der Feder von Anufa.

Obwohl Akademiker diese Korrektur akzeptiert haben, haben sich die Laien da etwas mehr Zeit gelassen und so setzt sich das Modell Frazers immer noch durch. Es spricht besonders die „erfahrenen“ Monotheisten an, die glauben bereits den Zenit der theologischen ideale erklommen zu haben und dass die Praxis der Magie dabei keinerlei Platz finden würde.

Augenscheinlich gibt es auch einige neue „Wicca“ Gruppen die das kaufen, die sich selber als rein religiös sehen und sich selber für über derartigen Praktiken wie Magie stehend empfinden. Subsummiert scheint es, dass der momentane Ansporn Wicca von Hexentum zu trennen, zu sagen, dass sich das eine auf Religion und das andere auf Magie bezieht, ein Nachlass Frazers ist. Er spricht diejenigen an, die sich mit dem Gedanken unwohl fühlen, dass Religion und Magie glücklich koexistieren könnten. (Ich nehme an, dass das vornehmlich auf Hexen zutrifft, die kürzlich von monotheistischen Glaubensrichtungen konvertiert sind und trotzdem einen Teil ihres vorherigen Glaubens in ihr neues Glaubenssystem mitbringen.)

Trotzdem kann historisch und linguistisch gezeigt werden, dass „Witch“ und „Wicca“ dasselbe Wort sind und dass sie beide die selbe Sache bezeichnen, eine Kombination von Religion und Magie. Ich bin mir jedoch einer Sache voll bewusst, die von Linguisten „etymologische Täuschung“ genannt wird, das bedeutet, dass ein Wort seine Herkunft meint. Wir wissen alle, dass die Bedeutung von Worten sich über die Zeit verändern kann. Vielleicht ist das mit dem Wort „Wicca“ schon passiert. Vielleicht haben zu viele Leute zu oft die neugeborene Plattitüde von „Wicca und Hexentum sind nicht dieselbe Sache“ wiederholt. Vielleicht ist es schon zu spät diese Richtung der Entwicklung noch zu stoppen. Nichts desto Trotz wäre es ein katastrophaler Fehler für eine Religion wie die unsere, diese Sichtweise zu unterstützen. Noch genauer auf den Punkt gesagt, könnte das politisch gefährlich sein.
Es ist noch nicht lange her, dass Hexen manchmal für das „Vergehen“ des „Wahrsagens“, genau genommen für das Lesen von Tarotkarten etc. eingesperrt wurden. In solchen Fällen waren Hexen fähig eine erfolgreiche Verteidigung aufzubauen indem sie argumentierten, dass solche magischen Praktiken ein Teil ihrer Religion seien.  Hingegen kann ich mir in der nicht zu fernen Zukunft ein Szenario vorstellen, in dem der Ankläger kontert mit „Das ist nicht richtig! Ihre Religion mag Wicca sein, aber sie hat lediglich Hexentum praktiziert!“.

In einer Kultur wie der unseren, in der jegliche Magie von den zunehmend politischen Mehrheitsreligionen als suspekt betrachtet wird, ist es ein Risiko zu erlauben, dass eine scharfe Linie zwischen Religion und Magie gezogen wird. Worte wie „Hexe“ und „Wicca“ geben uns die einzigartige Möglichkeit diese Linie auszuradieren. Diese Worte sind das linguistische Äquivalent einer Petrischale in der den Kulturen von Religion und Magie erlaubt wurde sich zu gleichen Teilen zu vermischen. Ich glaube, dass es für uns wichtig ist, diese einzigartige Mischung eines Glaubens zu verteidigen.

Als ich das Hexentum erstmals als meinen Pfad annahm, wusste ich, dass ich mir sowohl eine Religion als auch eine magische Praxis zu Eigen machte. Deshalb werde ich auch fortfahren zu verkünden, dass ich eine Hexe bin und dass ich Wicca bin, weil es genau dasselbe bedeutet. Das ist meine Religion und mein Handwerk. Das ist mein Leben.


Addendum

Zuerst möchte ich mich vielmals bei den tatsächlich Hunderten von euch bedanken, die sich die Zeit genommen und sich die Mühe gemacht haben mir nach der Publikation dieses Artikels auf der Witches´ Voice Webpage zu mailen. Zu meinem großen Schreck und Erstaunen waren rund 80% dieser Antworten unterstützend. (Natürlich waren vielleicht auch diejenigen, die mit meinen Ansichten nicht übereinstimmten weniger interessiert zu schreiben.) Aus den verbleibenden 20% stellten sich so regelmäßig drei Fragen, dass ich mir dachte, ich behandle sie besser gleich hier in einem Addendum.

Frage Eins
Viele meiner Briefschreiber schienen zu denken, dass die Worte „witchcraft“ und „magic“ Synonyme wären. Deshalb fragen sie, „Nun gut, wenn „witchcraft=Wicca“ wie nennst du dann jemanden, der Magie praktiziert und nicht Wicca ist? Oder Hexe?“

Seltsam genug, nenne ich sie Magier. Das kommt mir selbstredend vor. Der Gebrauch des Wortes „witchcraft“ als ein Synonym für „Magie“ ist linguistisch eher neu. Beispielsweise war das erste Auftauchen des Wortes „witchdoctor“ um einen Afrikanischen Stammesschamanen zu bezeichnen nicht früher als 1860!
Deshalb beschränke ich den Gebrauch der Wortgruppe „Witch/Witchcraft/Wicca/Wiccecraeft“ auf das nordwestliche Europa, wo es auch herstammt und seinen ursprünglichen Bezug hat. Wenn ich Magie in anderen Kulturen praktiziert sehe, dann nenne ich sie Magie. Obwohl meine wahre Vorliebe wäre, sie mit dem dort ursprünglichen Wort zu benennen, ob das nun Voudoun, Santeria oder was auch immer ist.

Frage Zwei
Viele Leute schrieben, dass sie Magie auf eine nicht-religiöse Art praktizieren würden. (Viele nannten Zeremonialmagier als gutes Beispiel dafür, obwohl Zeremonialmagier furchtbar gerne Erzengel invozieren!) In meinem Artikel habe ich argumentiert, dass es fast unmöglich wäre, Magie auf eine nicht-religiöse Art zu praktizieren. Behaltet vor Augen, dass ich das Wort „Religion“, in seinem umfassendsten Wortsinn, genauso wie ein Wissenschaftler der vergleichenden Religionswissenschaften es gebraucht, benutze.

Volksreligion benötigt die Verehrung von (oder sogar den Glauben an!) eine(m)n Gott oder eine(r) Göttin nicht. Aus der östlichen Perspektive qualifiziert die einfache Ahnenverehrung, indem ihre Art und Weise Magie zu praktizieren weitergegeben wird, die meisten Familientraditionen als „religiös“. Ungefähr die einzige Möglichkeit Magie „nicht-religiös“ zu praktizieren wäre, sie sich aus den Fingern zu saugen. Aber selbst dann verwette ich meinen Hintern, dass man damit enden würde, Symbole aus seinem eigenen kulturellen Background zu „borgen“ und das führt uns wieder zurück zur „Religion“.

Frage Drei
Schlussendlich schrieben einige Praktizierende des traditionellen Britischen Hexentums  (traditional British Witchcraft) um zu sagen, dass sie die Verwendung des Wortes „Wicca“ vermeiden würden, weil das für sie eine von Gardner beeinflusste und verwässerte Version dessen wäre, was sie selber praktizieren würden.
Ich sympathisiere mit diesem Anliegen und kann bloß sagen, dass das Wort „Wicca“ zu uns Traditionalisten genauso gut gehört wie das Wort „witch“ das tut, weil es schließlich dasselbe Wort ist und zuerst da war. Sofern jene, die unserer Praktiken verwässern, versucht haben das Wort „Wicca“ exklusiv für sich in Anspruch zu nehmen, dann ist es höchste Zeit dass wir es wieder für uns zurückfordern!

Ich hoffe, dass das nun ein paar Einwände die gegen meinen Originalartikel vorgebracht wurden beantwortet und vielleicht einige der unausgesprochenen Schlüsse artikuliert sind, die ihn untermauern.


Mike Nikols


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