Eine Hexe mit anderem Namen - Die große Debatte um Wicca versus Hexentum   Teil IV

Mike Nikols, der Autor vieler für Hexen und Heiden mehr als interessanten Artikel – unter anderem der Artikelserie (und des gleichnamigen Buches) „Feiertage der Hexen“ – hat uns hier einen Einblick in die ewig strittige Frage um die Namensgebungen des Hexentums gegeben. Die Übersetzung stammt aus der Feder von Anufa.

Heute wie damals?

Nein, natürlich praktizieren Hexen ihre Rituale nicht mehr auf dieselbe Art und Weise wie das ihre heidnischen Vorfahren vor zweitausend Jahren getan haben. Genauso wenig wie sich Christen in den Katakomben versammeln um ihre Agape abzuhalten. Das heißt aber auch nicht, dass sie keine Christen wären. Genauso viel oder wenig sind Hexen Angehörige ihrer eigenen alten Religion. Natürlich nannten Hexen ihre Religion vor zweitausend Jahren nicht „witchcraft“ (Hexentum). Genauso wenig nannten die Christen ihre „Christentum“. Sie sprachen nicht einmal dieselbe Sprache! Genauso wenig taten das die Hexen! Und sie verehrten auch nicht dieselben Götter!
Die jüdische Religion hatte einst viele Götter (und Göttinnen! – siehe die Arbeit von Raphael Patai) und, folgt man den archäologischen Beweisen, behielt sie auch gut in die römische Zeit hinein, lange nachdem die monotheistischen Reformen Platz gegriffen haben hätten sollen. (Das ist etwas, das ihr von eurem Rabbi vor Ort kaum hören werdet!) Die frühen Christen hatten auch viele Götter und Göttinnen, wie jeder, der mit den Nag Hammadi Schriften vertraut ist, nur zu gut weiß. Ja, ich spreche von den „gnostischen“ Christen, aber man erinnere sich, wahrscheinlich waren sie, wie archäologische Entdeckungen gezeigt haben, den proto-orthodoxen Christen ab dem zweiten Jahrhundert zahlenmäßig weit überlegen und bis zu den Britischen Inseln verbreitet! Was dann letztlich das „normative“ Christentum wurde, musste erst über die Jahrhunderte schmerzvoll in Nicea und bei anderen ähnlichen Kirchenkonzilen umrissen werden.

Viele Religionen, das Christentum eingeschlossen, sind über die Jahrhunderte hindurch durch genauso viele Veränderungen gegangen wie das Hexentum und trotzdem zweifeln wir ihre Kontinuität nicht an. Warum sollten für das Hexentum andere Standards gelten? Bei den ersten Zusammenstößen zwischen Christentum und Hexentum, betrachtete das Christentum das Hexentum sehr wohl als Konkurrenzreligion. Im „Canon Episcopi“ einem Teil der offiziellen Kirchendoktrin, der bis ins vierte Jahrhundert zurückdatieren mag, wurden Hexen beschuldigt, Anhänger der Göttin Diana zu sein. Es kam erst später, dass die Kirche umschwenkte und anfing Hexen stattdessen der Teufelsanbetung zu beschuldigen.
Obwohl Margaret Murray die Gelehrte ist, der für gewöhnlich die These zugesprochen wird, dass das europäische Hexentum die Überbleibsel eines alten vorchristlichen, heidnischen Glaubens wäre, so war sie doch auf keinen Fall die erste, die so etwas vorgeschlagen hatte. Diese Ehre sollte wahrscheinlich dem deutschen Linguisten und Volkswissenschaftler Jacob Grimm angedeihen (ja genau, der Jacob Grimm von den Grimm´schen Märchen). Wie sehr manche von Murrays Ideen auch in Verruf gekommen sein mögen, ihre (und Grimms) Kernthese über Bord zu werfen, wäre das Kind mit dem Bade auszugießen.

Der moderne Historiker Carlo Ginzburg hat bei seiner Erforschung der „Benandanti“ des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts in Italien, eine Menge gutdokumentierter Beweise für das Überleben von europäischen alten heidnischen spirituellen Praktiken bis weit in die christliche Zeit hinein gefunden. Da dieses Material sogar bei Skeptikern breite Akzeptanz gefunden hat, könnte es auch neues Licht auf die Schlüsselveröffentlichung von Charles Godfrey Leland „Aradia, The Gospel of the Witches“ aus dem Jahr 1899 werfen, die das Überleben von Praktiken des Hexentums in der Toscana untersucht? Wenn man „Religion“ in dem breiten Rahmen definiert, der von den Wissenschaftlern der vergleichenden Religionswissenschaften gesteckt wird, scheint es klar, dass das Hexentum tatsächlich diese Kriterien erfüllt.


Aber das Hexentum ist noch mehr als das. Es ist auch die Praxis (oder „craft“ Handwerk) der Magie.

Wie wir gesehen haben könnte „Wicca“ von einem Wort stammen das Elemente aus Religion und Magie zu gleichen Teilen mischt. Warum ist das so wichtig? Weil es die Idee unterstreicht, dass Religion und Magie nicht notwendiger Weise exklusiv sind, sondern sehr wohl harmonisch Seite an Seite existieren können: religiöse Menschen können Magie verwenden um ihre Lage zu verbessern und Menschen, die Magie verwenden können spirituelle, religiöse und „gute“ Menschen sein.
Akademiker haben lange versucht einen Keil zwischen Religion und Magie zu treiben. Das kann bis zur Pionierarbeit von Sir James Frazer und „The Golden Bough“ zurückverfolgt werden. Obwohl moderne Okkultisten ihn für die Verschlüsselung der magischen „Gesetze“ ehren, hatte er auch noch eine andere Agenda. Wie viele Sozialwissenschaftler seiner Zeit war er überwältigt vom Darwin´schen Denken und wendete die Evolutionstheorie auf jeden und alles an, auch auf Gebieten, wo sie nicht passte. Konsequenter Weise war in Frazers Augen Magie nicht mehr als ein minderwertiger Nachfolger der „wahren“ Religion.
Wie er es sah, verlief die Evolution irgendwie so: die Menschheit fing mit einem verschwommenen Bild von Ursache und Wirkung an, genannte Sympathie- und Symbolmagie. Als er sich entwickelte, wurde er animistisch, indem er die Wesen anrief, die jeden Fluss, Baum und Fels bewohnten. Als er dann wissender wurde, wurde er polytheistisch, weil er an viele Götter und Göttinnen glaubte, jeder mit unterschiedlichen Funktionen. Endlich, als der Mensch zum Ausbund an rationalem Geist wurde, der er heute ist (da schau her!) wurde er monotheistisch weil er verstand, dass da nur ein wahrer Gott sein konnte.

Zugegeben, dieses Modell war schnell entlarvt, zumindest in akademischen Kreisen. Theodore Gastor, Professor für vergleichende Religionswissenschaften, nahm Frazer für diese Idee, in seinem Vorwort zu einer neueren kritischen Ausgabe von Frazers „Golden Bough“ ins Gebet. Gastor zeigt zu Recht auf, dass sogar der allerprimitivste Magier nicht typischer Weise Magie ausübt ohne einen Gott oder eine Göttin angerufen zu haben. Und sogar in der anspruchsvollsten monotheistischen Religion gibt es noch einen guten Anteil an Magie, obwohl sie als Liturgie oder Gebet re-christianisiert sein kann. (Im Westen ist die katholische Messe ein Paradebeispiel für Magie als Liturgie.) Tatsächlich postuliert Gastor, dass Religion und Magie unausweichlich verbunden sind, durch alle Kulturen der Welt und alle historischen Perioden hindurch.


Ende Teil IV


Mike Nikols


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