Eine Hexe mit anderem Namen - Die große Debatte um Wicca versus Hexentum   Teil II

Mike Nikols, der Autor vieler für Hexen und Heiden mehr als interessanten Artikel – unter anderem der Artikelserie (und des gleichnamigen Buches) „Feiertage der Hexen“ – hat uns hier einen Einblick in die ewig strittige Frage um die Namensgebungen des Hexentums gegeben. Die Übersetzung stammt aus der Feder von Anufa.

Scott Cunningham war nicht gerade zufällig unter den ersten Autoren, die für sich in Anspruch nahmen, dass da ein Unterschied wäre zwischen Wicca und Hexentum.


Aber gibt es da wirklich einen Unterschied?

Tatsächlich sind „wicca“ und „witch“ dasselbe Wort. Das kann gar nicht oft genug betont werden, weil das heute nur wenige Leute glauben. Nichts desto Trotz ist es so. Wicca ist einfach die frühere Form des Wortes „witch“. Ein Beweis lässt sich dafür im zwanzig-bändigen Oxford English Dictionary einfach finden. Das O.E.D (wie es unter Wissenschaftlern bekannt ist) ist der Höchstrichter, wenn es um Fragen der Etymologie geht.
„Witch“ kommt vom Sachsenwort „wicca“.  Das ist ein Hauptwort  mit einer männlichen Endung und  (haltet eure Hexenhüte fest!) sollte ordnungsgemäß „Witsch-ah“ und nicht „Wickah“ ausgesprochen werden! In der Sachsensprache hatten die Hauptworte entweder männliche oder weibliche Endungen, je nach Bezug. Die weibliche Form war „wicce“, tatsächlich ausgesprochen „Witch-eh“. Man beachte, dass dasselbe Wort sowohl für Männer als auch für Frauen verwendet wurde (weit und breit keine „worlock“!)  und nur die Endung sich veränderte.
Mit der Weiterentwicklung des Wortes in modernes Englisch, wurde die Geschlechtsendung fallen gelassen, was uns mit einem Wort, das „witsch“ ausgesprochen wird konfrontiert und auch „witch“ geschrieben wird. Wenn man beachtet, dass das Sachsen “cc“ als „tsch“ gesprochen wurde, wird es leichter verständlich, wie das moderne Wort „witch“ aus dem Altenglischen „wicca“ entstanden ist und wie sie schlussendlich dasselbe Wort sind. Nun zu sagen, dass es zwei unterschiedliche Worte wären, mit unterschiedlicher Aussprache und unterschiedlicher Bedeutung, hieße einfache Fakten zu ignorieren.

Wenn wir schon dabei sind, gibt es noch eine Überraschung:  das Wort „wiccan“, obwohl es typischer Weise von modernen Hexen verwendet wird um ein Hauptwort zu spezifizieren („Das ist ein „wiccarisches“/wiccan Ritual“), ist kein Adjektiv. Es ist ein Wort in der Mehrzahl. Ein Wicca, zwei Wiccan. Es ist offensichtlich die männliche Endung in der Mehrzahl. Die weibliche Form im Plural wäre „wiccen“ (reimt sich auf „bitchin´“).

Obwohl im modernen Englisch die „s“ oder „es“ Endung für die Mehrzahl die Gebräuchlichste ist, ist der „an“ oder „en“ Plural nicht unbekannt, wobei das bekannteste Beispiel „Child“ (Einzahl) und „Children“ (Mehrzahl) sein dürfte.


So, wie kam es dazu, dass Wicca sowohl in Erscheinung als auch in Bedeutung unterschiedlich und getrennt von „Hexe“ wahrgenommen wurde?

Man möchte spekulieren, ob nicht Gerald Gardner selbst dabei eine Rolle gespielt hat. Nicht nur, dass Gardner die Hexenkunst wiederbelebt und bekannt gemacht hat, er hat auch die alte Sachsenform des Wortes, Wicca, wiederbelebt und popularisiert. Er hat es aber dabei mit nur einem „c“ geschrieben, überliefert in seinen Schriften als „wica“. Das hat die korrekte „tsch“ Aussprache des originalen „wicca“ untergraben und so seine offensichtliche Verbindung mit dem Wort „Hexe“ verschleiert. Dazu mag  das auch die heute übliche Aussprache von „wicca“ als „wick-ah“ , ein völlig neues Krabbeltier in unserem Englischen Lexikon, vorangetrieben haben.
Diese Kritik an Gardners Rechtschreibung mag eigentlich als zu heftig angesehen werden, wenn man einrechnet, dass „wicca“ aus einer Zeit stammt, zu der Wörterbücher oder standardisierte Rechtschreibung gerade erst erfunden waren.

Ganz zufällig gibt es heute einige Autoren, die so überzeugt davon sind, dass Gardner das moderne Wicca oder Hexentum erfunden hat (ganz zum Unterschied dazu es einfach nur wiederbelebt zu haben), dass sie fälschlicher Weise glauben, er hätte das Wort „wicca“ als solches erfunden! (noch unterhaltsamer ist, dass ein Artikel auf einer wohlbekannten „Wicca“ Webpage unlängst für sich in Anspruch nahm, dass Selena Fox das Wort „Wicca“ in den 1960ern erfunden hätte!)
Nochmal: Jeder, der es sich ein Minimum an Recherche antut, wird das Alter des Wortes herausfinden. Dem O.E.D. folgend (und wie von Doreen Valiente erwähnt),  kann die älteste noch vorhandene Erwähnung des Wortes „wicca“ im „Law Codes“ von Alfred dem Großen, ca. 890  moderner Zeitrechnung, gefunden werden.
Alfred war ein Christ und begierig darauf jeden unter seiner Herrschaft zu seinem Glauben zu konvertieren.  Jene, die den vorchristlichen „Aberglauben“  ihrer heidnischen Vorfahren folgten, wurden „Wiccan“ genannt, ob sie nun Alfreds eigene Landsleute waren oder keltische Völker in den Gebieten, die Alfred eroberte.
Wie nannten die Kelten selbst diese Leute um 890? Natürlich nicht "Wiccan“, weil das das Sachsenwort dafür war. Sehr wahrscheinlich benutzten sie eine Form des modernen Wortes „Druide“.
In diesem Fall haben wir ein Drehbuch, das über ein Jahrtausend zurückreicht und in dem das Wort „Hexe“ auf Leute angewendet wurde, die sich selber „Druiden“ nannten. Das ist einer der Gründe, warum ich immer davon überzeugt war, dass das Druidentum einer der Zuflüsse (und ein großer auch noch!) für das moderne Hexentum darstellt (das wird zweifelsohne unter den Autoren, die „Wicca-ist-nicht-keltisch"-Artikel geschrieben haben, zu Pfeifkonzerten führen).

Nun stellt sich also die Frage, ob das Wort „Wicca“ zu irgendeiner Zeit, bevor Gardner es wiederbelebte, völlig ausgestorben war. Die Antwort mag jetzt für viele ein Schock sein. Es mag ausgelöscht worden sein in dem Sinne, dass es im üblichen Gebrauch durch das Wort „witch“ ersetzt wurde, aber es war in seiner früheren Form „wicca“ immer noch bekannt, sogar bevor Gardner auf dem Spielfeld auftauchte.


Ende Teil II


Mike Nikols


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