Die dunkle Nacht der Seele   Teil I

Ein poetischer Name für einen Zustand gefühlter abgrundtiefer und umfassender innerer Verzweiflung. Kein Licht am Ende des Tunnels - was ist Licht überhaupt?? Tunnel?? Welcher Tunnel, da ist ein riesengroßes, grenzenloses schwarzes Loch...

Wenn mensch sich in einer derartigen Situation erstmalig in Spiritualität oder Religion flüchtet, ist das nur zu verständlich... bringt aber oftmals mehr Schwierigkeiten als tatsächliche Lösungen mit sich. Wenn jemand für sich schon ein System gefunden hat, in dem er bisher mehr oder minder glücklich war und dann bricht die große Dunkelheit (oder zumindest der große Nebel) über ihn herein, dann wird es noch um einen Deut komplizierter als es in den meisten Fällen ohnehin schon war. Ein Thema, passend zum Jahreskreis der sich in unseren Breiten Richtung Innenschau neigt...

Klinisch diagnostizierte Depressionen werden mancherorts ebenso als „dunkle Nacht der Seele“ bezeichnet wie persönliche Glaubens- oder allgemeine Lebenskrisen. Natürlich ist es möglich (und in manchem Fall sicher auch nötig!!) dagegen auf medizinischem Wege etwas zu unternehmen, aber in jedem Fall ist es das für mich nicht! Krisen gehören zu Beispiel zu meinem Leben dazu, denn die wichtigsten Erfahrungen habe ich retrospektiv durch genau diese Krisen gemacht.
Hier will ich nun von den körperlich induzierten und diagnostiziert „krankhaften“ depressiven Zuständen absehen (obwohl natürlich wieder diskutiert werden könnte, inwiefern es rein körperliche Zustände dieser Art überhaupt gibt und nicht ganz ursächlich und automatisch Psyche und Lebensführung damit verbunden sind. Darum aber mögen sich die Physiologen mit den Psychiatern, Psychologen und Biochemikern streiten…).
Inneres Erleben kann niemandem abgesprochen werden. Genauso wie sich ein Paranoider durch ein Gespräch nie und nimmer davon überzeugen lassen wird, dass „sie“ nicht hinter ihm her sind, wird jemand, der in einer Extremsituation – welcher Art auch immer – ein für ihn selbst einschneidendes Gefühl des Getragen seins erlebt hat, davon überzeugen lassen, dass das schlichtweg nur der Effekt der Endorphine in seinem Hirn war. Mensch könnte durchaus zur Ansicht neigen, dass wir und unsere Wahrnehmung schlicht nur ein Produkt der chemischen Abläufe unseres Gehirns wären – aber wie gesagt, darüber sollen sich andere streiten. Ich lebe in einer Welt in der dieses Erleben eine wichtige Rolle spielt und somit fokussiere ich naturgegeben mehr auf die Sichtweisen, die meiner ähneln (auch wenn ich mehr als interessiert bin, andere Ansichten kennen zu lernen).

Also ist die Umgebung wichtig für die Art, die Verzweiflung und die persönlichen Nöte zu kommunizieren. Tue ich es in klerikalem Umfeld, dann werde ich garantiert die Antworten erhalten, die im System des Geistlichen zu Hause sind, mit dem ich mich austausche. Tue ich es im therapeutischen Umfeld werden mir wahrscheinlich Therapie oder bunte Pillen angeboten werden. Tue ich es im Fußballverein, ist vielleicht ein saftiger Rausch der Outcome (im schlechteren Falle wahrscheinlich peinlich berührtes Schweigen).


Klingt poetisch und ist es noch viel mehr

In unserer modernen Gesellschaft ist Religion schon vielfach der Grund belächelt zu werden, umso weniger weiß die Umwelt anzufangen mit Einem, der gerade in einer Glaubenskrise steckt. Patentrezepte vom Besuch beim Psychologen bis zur Verschreibung der bereits erwähnten bunten Pillen sind da wohl eher an der Tagesordnung als ein Mitmensch, der versteht weil er selbst erlebt und bewältigt hat.
Was hat das Leben für einen Sinn? Wozu bin ich überhaupt hier? Wer bin ich denn eigentlich? Bisher hab ich geglaubt, jetzt muss ich wissen, weil der Glaube auf einmal nicht mehr da ist!! Wo finde ich die Sicherheit, die ich einmal hatte und nun nicht mehr fühle?
Diese Fragen führen Menschen vielfach in die Nähe der Religionen (auch für den Fall, dass sie vorher davon absolut nichts hielten). Ob sich diese Frage aus gegebenem Anlass wie einer schweren Krankheit, einer lebensbedrohlichen Situation (in der mensch selbst oder jemand der einem nahesteht steckt) stellt,  oder ob sie einfach aus dem Blauen auftaucht – egal. Sobald sie sich stellt ist die Krise da, weil mensch sich selbst eingestehen muss, dass etwas nicht so ist, wie es gefühlsmäßig eigentlich zu sein hätte. Nicht umsonst gibt es in den Krankenanstalten Seelsorger, denn nirgendwo sonst ist der Einzelne so auf sich zurück geworfen wie in körperlichem Elend oder nahem Tod …

Meine Beobachtung an mir und anderen ist, dass tiefe Gläubigkeit auch gelebt werden will, weil sie mit tiefem Gefühl verbunden ist, das sich auf das ganze Sein des Menschen auswirkt. Wer durch eine bedrohliche Lebenssituation „gläubig“ wurde, der verbindet den Glauben fast immer mit einem persönlichen Gefühl. Es war in allen mir bekannten Fällen keine bewusst getroffene intellektuelle Entscheidung, sondern der Grund war die gefühlte Antwort auf einen stummen oder lauten Hilfeschrei „Lieber Gott/Göttin/wasauchimmer, hilf mir!!“. Das entscheidende Gefühl ist das des Angenommen/Gehört/Wahrgenommen/Gehalten Werdens. Manche (ich zähle mich dazu) haben das Glück, dass sie auch in Extremsituationen dieses Gefühl nie wieder vollständig verlieren – oh ja, außer natürlich in einer dunklen Nacht der Seele. Damit ist auch schon das Paradoxon angesprochen, das ich im Glauben sehe: Glaube rettet einen unter Umständen (falls er eben tatsächlich vorhanden ist!!) aus dem Nichts in das mensch bereits gefallen ist, verhindert aber gleichzeitig nicht generell, dass mensch schwarzen Löchern begegnet und dann auch in diese fällt - ganz im Gegenteil.
Wer aus rationalen Gründen (sei es aus der Erziehung, der Tradition oder gesellschaftlicher Zwänge heraus) einer Religion angehört, erlebt entweder ebenfalls ein einschneidendes Vorkommnis durch das er das Glaubensgefühl für sich findet oder die Religion hat vielfach nur sozialen Charakter (aber keine Auswirkungen auf inneres persönliches Sein). Bis dato habe ich noch niemanden kennen gelernt, der ohne das Gefühl, dass sein Götter/sein Gott/ wasauchimmer für ihn spürbar „da“ wäre, sich selbst als spirituell ansehen würde – geschweige denn von außen als erkennbar gläubiger Mensch wahrgenommen würde; wohl als in einer Religion regeltreuer Mensch aber nicht als gläubig.

Nicht dass jetzt der Eindruck entsteht, für mich wäre es nötig, dass mensch gläubig wäre – ist es absolut nicht. Mir kommt es nur sehr seltsam vor, wenn sich jemand z. B. als Katholik bezeichnet, all das einhält, was regelwerkmäßig von der Kirche verlangt wird, aber keine merkbare Beziehung zu Heiligen, Gott, Jesus etc. bei ihm für mich spürbar ist. Das ist religionsunabhängig, denn genauso geht es mir mit Leuten, die sich als Wicca bezeichnen, in deren Leben aber weder Götter noch Wesenheiten noch andere Entitäten aus dem „nichtmateriellen Bereich“ einen nennenswerten Eindruck hinterlassen (oder aber auch zuviel davon da zu sein scheint - aber das ist wieder ein anderes Thema). Mit Leuten, die meinen, dass sie an nichts glaubten und nicht der Ansicht wären, dass da außer der wissenschaftlich belegbaren Realität irgendetwas wäre, hab ich keinerlei Problem, sofern sie dann auch ohne Bedenken unter einer Leiter durchspazieren oder keinen Gedanken an Freitag den 13. verschwenden. Jeder wie er es gerne möchte – bloß wenn das Bild nicht schlüssig ist, dann äußere ich eben in manchem Gespräch meine Bedenken und frage Dinge nach, die mir unstimmig erscheinen.


Ende Teil I


Anufa


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