Vom getrübten Blick auf die frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen - Versuch einer Klärung   Teil III
Die Geschichte der Hexenverfolgungen gehört ohne Zweifel zu jenen historischen Themen, die große Aufmerksamkeit innerhalb wie außerhalb der mit ihrer Erforschung befassten Wissenschaften erfahren.

Fünfte Fehlsicht: "Die aberwitzigen Geständnisse der Hingerichteten von Hexenflug und orgiastischen Feiern resultierten aus der weit verbreiteten Anwendung halluzinogener Drogen (Stichwort "Hexen-salbe")"
Die Vorstellung, dass Hexen und Hexenmeister mit Hilfe einer auf den Körper oder den Hexenbesen aufgebrachten Salbe zum Hexensabbat geflogen seien, mit dieser "He-xenschmier" krankmachende und tödliche Schadenzauber an Mensch und Tier geübt sowie Hagel, Frost und Unwetter erzeugt hätten, ist eine pure Erfindung vor allem frühneuzeitlicher Dämonologen und Juristen, welche in ihren Schriften die Furcht vor einer angeblichen, im Geheimen agierenden, mit dem Teufel verbündeten Hexensekte verbreiteten. Nichtsdestoweniger haben Mediziner, Naturwissenschaftler und Theologen Rezepturen entwickelt und Experimente mit so genannten "Hexensalben" gemacht, die nach dem Auftragen
auf die Haut narkotisierende, hypnotisierende, halluzinogene oder/und aphrodisierende Wirkungen entfalteten und so Vorstellungen von Luftflug und von orgiastischen Feiern hervorriefen.
Fast alle Rezepte des 16. und 17. Jahrhunderts beruhen auf den ersten Vorschlägen aus der Magia naturalis (1558) des italienischen Naturwissenschaftlers und Mathematikers Giambattista della Porta († 1615). Als wichtigste Ingredienzien der" Hexensalben" werden in wechselnder Zusammensetzung - neben Kinderfett (!) - Eleosilenum (wohl Fleckenschierling), Eisenhut, Pappelknospen, Fünffingerkraut, Bilsenkraut, Kalmus, Öl, Fledermausblut, Taumellolch, Tollkirsche, roter und schwarzer Mohn, Giftlattich, Portulak, Solanum und Mandragora genannt. Die oft zu lesende Behauptung, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sei eine Nutzung dieser speziellen Rauschmittel und "Hexensalben" weit verbreitet gewesen, ist nicht zutreffend. Tatsächlich hat man die genannten Pflanzen jedoch als narkotisierende und schmerzstillende Arzneien bei Operationen und Wundbehandlungen angewandt.

Zum Kurieren von Krankheiten, zum Schutz vor oder zur Abwendung von angeblichen Hexenzaubern bei Mensch und Tier verabreichten heilkundige Leute Amulette, Tinkturen, Salben und Tränke, die aus gängigen Heilpflanzen hergestellt wurden. Meist verband sich damit ein magisch-religiöses Ritual. Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kräuter- und Arzneibücher brachten die Heilpflanzen kaum mit abergläubisch-magischen Riten in Verbindung, ihre vermeintliche Nutzung in "Hexensalben" thematisierten sie überhaupt nicht. Hier tradierte man ein Wissen, das nur zum Teil auf Erfahrung beruhte, vielmehr wiederholte, was Ärzte und Gelehrte schon seit der Antike aufgrund der Signaturenlehre von der Wirksamkeit der Pflanzen zu wissen glaubten. Diese Signaturenlehre versuchte, aus auffälligen äußeren Besonderheiten der Pflanzen auf deren spezifische, innere Wirkung zu schließen.

Im Mittelpunkt der medizinischen Lehren stand die an den vier Elementen (Feuer, Wasser, Luft, Erde) orientierte Säftelehre, nach welcher die Gesundheit eines jeden Menschen von dem jeweils individuellen, harmonischen Mischungsverhältnis der vier Säfte (gelbe Galle, Schleim, Blut, schwarze Galle) abhing. Geriet dieses Verhältnis aus dem Gleichgewicht, galt der Mensch als krank. Aus diesem Grund wird bei den meisten Heilpflanzen ihre vermutete oder tatsächliche purgierende, das heißt schweiß- und harntreibende sowie abführende Wirkung betont, denn mit Hilfe dieser Eigenschaften sollten - ähnlich wie beim Aderlass - die angeblich das Gleichgewicht störenden, weil im Übermaß vorhandenen und deshalb schädlichen Körpersäfte ausgetrieben werden. Viele Arzneipflanzen wurden aufgrund ihrer purgativen Wirkungen auch in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Frauenheilkunde in Form von Destillaten und "Mutterzäpfchen" oder bei Sitzbädern angewandt, um die Niederkunft zu erleichtern, die Nachgeburt oder eine abgestorbene Leibesfrucht auszutreiben sowie eine krankhaft verzögerte Menstruation wieder einzuleiten. Ein Missbrauch dieser Arzneien zu Frucht tötenden, abortiven Zwecken lässt sich nachweisen. Nur in Ausnahmefällen wurde allerdings in Hexereiverfahren nach der verbotenen Anwendung solcher abtreibenden Mittel gefragt.
Trotz einer Vielzahl überlieferter Rezepturen existiert kein einziges authentisches Rezept einer "Hexensalbe" mit genauen pharmazeutischen Angaben. Vage bleiben nicht zuletzt auch jene Hinweise, welche die frühneuzeitlichen Ärzte und Gelehrten über die Bezugsquellen der von ihnenü berlieferten "Hexen-salben"-Rezepturen machten. Die Hexenprozessakten hingegen sagen zur Zusammensetzung der vermeintlichen "Hexenschmier" so gut wie nichts aus. Ganz sicher ist, dass kaum einer jener Menschen, die als vermeintliche Hexen und Hexenmeister hingerichtet worden sind, sich mit irgendeiner "Salbe" eingerieben noch einen sonstigen Missbrauch mit psychotropen Pflanzen und Kräutern getrieben hat.

Die unbewiesene (und unbeweisbare) These, die durch Drogenmissbrauch ausgelösten Halluzinationen vom Luftflug und von orgiastischen Sabbatfeiern hätten die Hexenverfolgungen ursächlich beeinflusst, ist ohne Zweifel ebenso falsch wie die noch abstrusere (nicht zuletzt höchst frauenfeindliche) Annahme, wegen eines vermeintlichen, statistisch aber nicht nachweisbaren Männermangels in Mittelalter und Früher Neuzeit hätten sich Tausende unverheiratete, deshalb sexuell frustrierte und in Armut lebende Frauen dieser Rauschmittel bedient, um in orgiastischen Träumen ihr Elend vergessen zu können. Gleichwohl üben die angeblichen "Hexen-salben" der Frühen Neuzeit noch immer eine große Faszination aus. Inzwischen wird via Internet und im Umfeld des Esoterik-Booms ein geradezu bizarres Sortiment an so genannten, teilweise als ungiftig deklarierten "Hexensalben" angeboten, die unter anderem auch bei "Astralreisen" dienen sollen.
Bis hinein in die Neuzeit unternahmen mutige Forscher bezeugte Selbstversuche, um dem Geheimnis der von Renaissance-Gelehrten überlieferten Rezepturen nachzuspüren, wie zum Beispiel der Pharmakologe Heinrich Fühner (1925), der Volkskundler Will-Erich Peuckert (1920er Jahre) oder der Biologe Wilhelm Mrsich (1932). Ihre "Berichte" über die Wirkung der von ihnen zusammen gerührten Salben enthalten ebenfalls Beschreibungen von Luftflügen, orgiastischen Gelagen und sexuellen Ausschweifungen. Als Beiträge zur Erforschung der Pharmakologie von "Hexensalben" können solche Selbstversuche jedoch nicht gelten, denn sie belegen nur, dass bei der Benutzung von psychotropen und psychoaktiven Drogen die einschlägige Erwartungshaltung der Versuchspersonen auch ihre spezifischen Visionen auslöst. Aus dem Jahr 1970 hat sich aus dem Umfeld der Hippie-Kultur das Rezept einer so genannten "Black Sabbath Salbe" überliefert, die neben verschiedenen Nachtschattenpflanzen, Haschisch, Indischem Hanf, Opium und Hühnerfett (als Substitut für das angeblich in "Hexensalben" verwandte Menschenfett) enthielt. Vor Selbstversuchen mit diesen hochgiftigen, gefährlichen "Salben" kann mit Peter Dürr nur folgende Warnung ausgesprochen werden:

"Die Fahrkarten, die sie austeilen, sind bisweilen 'einfach'; es fehlt die Rückfahrkarte."

Einsicht:
Die so genannten "Hexen-Salben" sind reine Erfindungen von Renaissance-Gelehrten; (weiblicher) Drogenmissbrauch ist sicher nicht die Ursache für die massenhaften Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit.


Ende Teil III


Dr. Rita Voltmer


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