Die Craft – aus einem Blickwinkel der traditionellen Covenarbeit   Teil IV
Im sogenannten Neuheidentum ist „Wicca“ wohl ein Teilbereich, der besonders durch die Medien einiges an Bekanntheit erworben hat. In diesem Vierteiler fasse ich zusammen, was ich unter "Craft" verstehe, welchen Blickwinkel ich vertrete und wie ich täglich damit lebe.

Ein kurzes Wort zum Coven
Die Kultform des trad. Covens hat einige entscheidende Vorteile, besonders, wenn das Ziel - zu lernen, sich selbst real als Teil des All-Einen zu erfahren – folgerichtig die Erweiterung der eigenen Persönlichkeit beinhaltet. Durch den ehrlichen und doch liebevoll bleibenden Spiegel der Covengeschwister (der ergo als Grundlage des Covens gegeben sein sollte) wird eine Entwicklung der eigenen Persönlichkeit gefördert oder zumindest unterstützt. Auf diese Weise können Selbstlügen und den eigenen Problemen gegenüber eingeschränkte Sichtweisen eliminiert werden.
Diese Persönlichkeitsentwicklung ist genauso wie das Erlernen magischer Praktiken nur ein Nebeneffekt der spirituellen Praxis. Rücken diese Nebeneffekte bleibend in den Vordergrund, vermindert sich erfahrungsgemäß die spirituelle Verbundenheit, was wiederum den Coven als solchen und dadurch wieder den Einzelnen schwächt und in seiner Entfaltung behindert.
Wieder hoffe ich, dass es diese kurze Passage es einfacher macht, nachzuvollziehen, dass allein zu praktizieren ein durchaus gangbarer und auch ohne Zweifel zeitweilig unausweichlich notwendiger Weg ist. Für die Craft ist die Arbeit in der Gruppe aber von gleichrangiger Bedeutung, wie die Arbeit, die jedes einzelne Mitglied allein leistet. Das Feedback einer Gruppe (die über den Hintergrund eigener adäquater Erfahrungen verfügt) kann in meinen Augen durch keine noch so effektvolle Einzelmethode ersetzt werden. Den Fleck auf meiner Stirn sehe ich eben auch nur im Spiegel...


Götter und die Polaritäten
Traditionell wird durch den Kontakt mit bestimmten Gottheiten (die als Facetten des All-Einen, aber gleichzeitig als Einzelentitäten, begriffen werden, genauso wie mensch selbst und alles Existierend) die eigene göttliche Natur zugänglich(er) gemacht und dadurch wieder die persönlichen Blickwinkel entscheidend erweitert. Aber wie immer, werden gerade hier die Meinungen derer, die sich als Wicca sehen, immens differieren...

Unabdingbar erscheint mir in der Craft der persönliche Kontakt zu jenen Entitäten, die ich als Götter bezeichne. Manche betrachten sie als Archetypen, manche als eigenständige Wesenheiten, mache schlichtweg als persönliche Hilfskontrukte, um Intellektübersteigendes greif- und verstehbar zu machen. Meiner Ansicht nach haben alle diese Sichtweisen ihre Sinnhaftigkeit, Vor- und Nachteile.
Mein persönlicher Weg ist es, die Götter als eigenständigen, aber trotzdem untrennbaren Teil des Ganzen, des All-Einen, zu betrachten. Somit sind sie von der Natur als solcher und auch vom Kontakt zu menschlichen Wesen genauso abhängig, wie wir von ihnen; genauso in der Natur eingebunden wie wir – bloß, die Ebenen des Seins sind andere...

In der Craft ist es Praxis (wie in vielen anderen spirituellen Richtungen auch) diese Entitäten in den Körper der Priesterschaft einzuladen - zu invozieren - und so eine direkte Kommunikation und gleichzeitig persönliche Erfahrbarkeit zu ermöglichen. Ein vollkommenes Eintreten in das Ganze, ein geistig-seelisch-körperliches Erleben des All-Einen ist durchaus möglich, aber im täglichen Leben kaum ständig und sinnvoll integrier- oder lebbar – deshalb die Polarisierung in Göttin und Gott (die zwar als untrennbare Einheit empfunden, aber doch einzeln erfahrbar sind, weshalb hier auch das passende Wort fehlt und „Polarisierung“ nur als Notbehelf dienen kann).
Besonders wichtig ist mir dabei der Ansatz, dass der Schwerpunkt prinzipiell immer auf Gott und Göttin gelegt wird. Beide sind untrennbar verbunden und die Frage nach „entweder – oder“ stellt sich nicht. Diesem Prinzip folgend, gibt es auch die Fragestellung nach einem generellen und somit objektiven „Gut und Böse“ nicht, denn eines ist ohne das andere weder wahrnehm- noch definierbar, somit sind sie ebenso eine untrennbare Einheit. Beide sind lediglich Extreme des Mittelweges. Eine Wertung geschieht mittels menschlicher Ethik und Moral (ist also vollends abhängig von Sozialisation und dergleichen Mechanismen mehr). Damit schließt sich der Kreis wieder zum Thema der Regeln und der persönlichen Verantwortung.

Wie schon erwähnt, dient dieses Konzept zusätzlich zur eigenen Horizonterweiterung dazu, die menschlichen Mysterien am eigenen Leib erfahrbar zu machen und sie dem Jahreskreis folgend immer wieder durchleben zu können. In welcher Form und Intensität das im Ritual zelebriert wird, bleibt wie immer im Ermessen des einzelnen Covens.


Persönliche Konklusio
Die Craft, wie Gardner sie grundlegend mitgestaltet hat, ist meiner Ansicht nach ein System, das auf vielen bereits in anderen Kulturen bekannten und erprobten Techniken beruht. Sie dienen alle dazu, grundlegende menschliche Fragen zu beleuchten und ebensolche grundlegenden Bedürfnisse begreiflich zu machen, in Folge befriedigen zu helfen und/oder diese schlicht und ergreifend aufzulösen. Die Mittel und Wege, die dabei zur Anwendung kommen sind keineswegs einzigartig. Genauso oder ein wenig abgewandelt sind die Grundlagen und Vorstellungen auch in vielen anderen Religionen und Traditionen in ähnlicher Art zu finden. Die Craft kann meiner Erfahrung nach ein genauso gangbarer Weg sein, das Sein (alles Sein und auch oder besonders das persönliche Sein) bewusst zu erleben, wie jedes andere spirituelle Konzept – und sie kann natürlich genauso missverstanden oder missbraucht werden, wie jedes andere Konzept auch.

Was ich allerdings als außergewöhnlich betrachte, ist das Potential, das sich hinter der heute, wie auch schon in den Anfängen, kaum greifbaren Fassade verbirgt. Vielleicht ist ja gerade das der Grund, warum „Wicca“ so modern geworden ist, gerade weil es (ob der generellen Struktur) ungreifbar ist und es somit möglich war und ist, jedes noch so banale Bedürfnis zu inkludieren und auch sich ganz offensichtlich widersprechende Vorstellungen scheinbar problemlos mit einzubeziehen – weil es der Basis der Eigenverantwortung widersprochen hätte, das generell und autoritär unterbinden zu wollen. Deshalb gab und gibt es keine Instanzen, die das verhindern hätten können, selbst wenn es jemand gewollt hätte.
Vielfach wurde und wird versucht, das Ergebnis dieser Entwicklung salonfähig zu machen (Religionsgründungsversuche inklusive!) oder es als harmlosen Spleen Jugendlicher oder schlichter Gemüter ins Lächerliche zu ziehen. Immer wieder interessieren sich auch Sektenstellen für die Thematik (z. B. ob der coveninternen Strukturen) und so wird die Craft auf der einen Seite in die Nähe „gefährlicher, alles bestimmender und entmündigender Sekten“ gerückt und auf der anderen als „Alles-ist-möglich-Sammelsurium“ dargestellt. Die modernen Medien, wie eingangs schon erwähnt, tun das Ihrige, um der Oberflächlichkeit Tür und Tor zu öffnen – aber sie schaffen auch die Voraussetzungen, um jeden Einzelnen mit seiner Eigenverantwortlichkeit zu konfrontieren, weil eine staatliche Reglementierung wohl weder gewünscht noch je durchführbar sein wird.
Alles in allem bleibt für den ernsthaft Suchenden (und auch für den aus der Tiefe der Seele Praktizierenden) nicht viel anderes über, als

• in die Zukunft zu sehen und die Vergangenheit zu kennen
• das eigene Ideal zu finden
• dieses im Auge zu behalten
• konsequent darauf hin zu arbeiten und
• aus den eigenen und fremden Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Meiner Erfahrung nach ist es möglich, in der Craft ein erfüllendes Konzept zu finden und dieses auch lebbar zu gestalten. Wie in jeder anderen Richtung auch, kommt es auf den Einzelnen an!


Für Interessierte seien als weiterführende Literatur die im Artikel bereits genannten Bücher empfohlen, nebst
“Witch Cult in Western Europe: A Study in Anthropology”, Margaret Alice Murray
“The Golden Bough”, Sir James Frazer
“Aradia: Gospel of the Witches” Charles G. Leland
“Witchcraft; A Tradition Renewed” Evan John Jones with Doreen Valiente
“Crafting the Art of Magic: The History of Modern Witchcraft, 1939-1964 Book 1“, Aidan A. Kelly
“Gerald Gardner and the Cauldron of Inspiration: An Investigation into the Sources of Gardnerian Witchcraft“, Philip Heselton


Anufa


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