Die Craft – aus einem Blickwinkel der traditionellen Covenarbeit   Teil II
Im sogenannten Neuheidentum ist „Wicca“ wohl ein Teilbereich, der besonders durch die Medien einiges an Bekanntheit erworben hat. In diesem Vierteiler fasse ich zusammen, was ich unter "Craft" verstehe, welchen Blickwinkel ich vertrete und wie ich täglich damit lebe.

Das Bild von Wicca heute
Objektiv zu beobachtende Realität ist heute, im Jahr 2005, dass es unter dem Label „Wicca“ nichts gibt, was es nicht gäbe. Christliches Wicca, mit einer verbrieften Abneigung gegen Magie, ist im Internet genauso auffindbar wie satanisches Wicca; Frauen, die sich der Göttinspiritualität verschrieben haben und jegliche männliche Beteiligung strikt ablehnen, nennen sich ebenso Wicca wie Traditionelle, deren Weltbild polar ausgerichtet und unausweichlich auf ein Götterpaar begründet ist. Als kleinster gemeinsamer Nenner bleibt oftmals nicht mehr als der Name „Wicca“.
Selbst unter denjenigen, die sich als traditionell verstehen, gibt es teilweise große Abweichungen in Konzept und Ausführung. Mit ein wenig Recherche in Buchläden, Printmedien, Fernsehen und besonders dem Internet, lässt sich sehr einfach herausarbeiten, dass zwar immer wieder versucht wird „Wicca“ eine bestimmte Form oder bestimmten Inhalt zuzuschreiben, dass es sich aber immer nur um kleine Teile der Gesamtheit handelt, die diesem beschriebenen Ansatz entsprechen (oder entsprechen wollen). Kein einzelner Punkt, der je aufgeführt wurde, blieb und bleibt unwidersprochen. Irgendwo findet sich garantiert jemand, der genau diesen Punkt, völlig anders sieht und absolut nicht „so“ behandelt oder denkt...
Wie ich schon eingangs erwähnte, schätze ich den Anteil an "traditionellen Wicca" generell als eher gering ein.
Dieses geschilderte Wirrwarr an Sichtweisen und Vorstellungen liegt meiner Ansicht nach in dem von Gardner gewählten (oder vielleicht doch schon ihm überlieferten??) System begründet.


Keine übergeordnete Organisation als System
Ein traditioneller Coven wird idealer Weise von einer Priesterin (vielfach als Amtsbezeichnung „Hohepriesterin“ genannt) und einem Priester (Amtsbezeichnung „Hohepriester“) geleitet. Beide sollten in ihren Anfängen selbst in einen Coven (und somit auch in eine bestehende Tradition und Linie) initiiert worden sein und dort die Ausbildung bis zur Covenleitung durchlaufen haben. Nach der definitiven Abnabelung vom Muttercoven ist der Tochtercoven im Idealfall völlig autark und autonom.

Daher kommt auch die breite Streuung an Sichtweisen und die Unterschiede in Praxis und Theorie... es gibt keinerlei Instanz, die den einzelnen Coven vorschreiben könnte, was sie wie zu praktizieren, zu glauben oder in Liturgie oder Philosophie zu inkludieren hätten. Einzig und allein die persönliche Integrität der Hohepriesterschaft, die vom Muttercoven übernommenen Sichtweisen und die Wege zu und durch die Mysterien, die sie selbst dort durchschritten hatten, weiterzutragen sind Maß der Gestaltung des Tochtercovens. Durch das Fehlen einer Grundlagen bestimmenden und allgemein akzeptierten Hierarchie, durch diese allgegenwärtige Freiwilligkeit, scheint sich also in weiten Bereichen eine völlige Beliebigkeit entwickelt zu haben, die vielfach mit dem Satz „Tue was Du willst, solange es niemandem schadet!“ tituliert wird.
Eine derartige Entwicklung spiegelt für mich mehr als deutlich die Entwicklung in unserer Gesellschaft wider (oder ist die Entwicklung der Craft bezeichnend für die Entwicklung der westlichen Gesellschaft??). Nichts ist den meisten Menschen in der westlichen Welt so wichtig geworden und so oft in aller Munde wie „persönliche Freiheit und Individualität“. Auf der anderen Seite haben wir wahrscheinlich in der heutigen Zeit um einiges dickere Gesetzbücher als je zuvor existiert haben... In meinen Augen nur ein oberflächlicher Widerspruch! Denn wo Eigenverantwortung und Gruppendenken fehlt, wird notgedrungen, um einen halbwegs sinnvollen Ablauf des Miteinanders aufrecht erhalten zu können, eine regelnde Instanz eingreifen müssen – zumindest wenn es um das tägliche reale Leben geht.

Die Form der Organisation eines traditionellen Covens entspricht für mich dem Idealbild einer funktionstüchtigen Großfamilie oder Dorfgemeinschaft. Die leitende Priesterschaft, und in Folge natürlich auch jedes einzelne Mitglied des Covens, sollten die Fähigkeiten und Fertigkeiten haben (oder zumindest den Willen diese sich anzueignen und zu erlernen), das zu repräsentieren und vorzuleben, was die Grundlage der Craft darstellt. Gelingt das nicht, werden der Not gehorchend ...zig Regeln aufgestellt und ...zig Fixpunkte eingerichtet – wie es ja auch in Bereichen der Craft praktiziert wurde oder noch wird. Gesetze werden formuliert, an die sich alle halten müssen, um das Bestehen der Gruppe oder bestimmte Inhalte oder Formen zu sichern. Die für mich ebenfalls natürlich Folge ist, dass die aufgestellten Regeln aus Protest oder ganz einfach weil lieber den individuellen Sichtweisen gefolgt wird, gebrochen werden.
Als Beispiel mag dienen, dass schon in den 70er Jahren ein Versuch unternommen wurde, allgemeingültige Regeln aufzustellen, der aber (wie so viele andere zuvor und danach) scheiterte. Hier das Zitat von der Internetseite “Religious Tolerance

Seventy three Witches founded the Council of American Witches in 1974. In April of that year, at the Spring Witchmeet in Minneapolis, MN, (1974-APR-11 to 14), they adopted the following document. At the time, Wicca and other Neopagan religions were greatly misunderstood in North America. This document helped to set the record straight.
The thirteen statements are necessarily vague. They do not precisely and completely match any one Witchcraft tradition. But they do provide an introduction to the full range of belief systems called "Wicca."
The Council disbanded later in 1974.

Immer wieder geistern diese Regeln durch die verschiedensten Wicca-Sites, immer wieder werden sie zitiert und in der Realität gibt es absolut keinen Konsens, sich auch nur annähernd daran zu halten.

Das alles ist für mich nur eine dürftige Notlösung im Vergleich zur Möglichkeit, am gelebten Beispiel lernen zu können und so im Tun zu erlernen, sich freiwillig und aus eigenem Antrieb so zu verhalten, dass sowohl Coven als auch Craft und Einzelperson gut damit leben und sich bestmöglich entwickeln können.
Aus dem täglichen Leben gegriffen bedeutet das, dass in einem trad. Coven idealer Weise jeder nach bestem Wissen und Gewissen sein Bestes gibt (und sich bewusst ist, dass er gleichzeitig für andere eine Vorbildfunktion erfüllt, ob er das nun dezidiert beabsichtigt oder nicht). Wenn das alles in einer Atmosphäre der Offenheit und Ehrlichkeit geschieht, ebenso sich selbst gegenüber, dann führt dieser Weg mehr oder minder zwangsläufig zur Ausbildung einer reiferen Persönlichkeit und einer tatsächlich tragfähigen Basis für die fruchtbare Zusammenarbeit einer Gruppe Menschen. Das erklärt auch die Entstehung einer der besonders oft anzutreffenden Aussagen, dass „wahres“ Hexentum keine Regeln hätte (außer der bereits genannten „Tue was immer Du willst und schade niemandem“ Regel).

Mit der von mir verwendeten Überlegung steht aber das Faktum „keine Regeln“ plötzlich in völlig anderem Licht da, weil damit meiner Interpretation folgend, gemeint ist, dass es sehr wohl Regeln gibt, die aber weder niedergeschrieben noch zementiert oder allgemein und für jeden in gleicher Art und Weise gültig wären, sondern von jedem Einzelnen immer wieder neu definiert werden und auch werden müssen.
Die Basis dafür bildet das freiwillige auf sich Nehmen der Verantwortung dem Coven, sich selbst und der Craft gegenüber. Dafür ist als Grundvoraussetzung z. B. nötig, Verantwortung überhaupt verstehen zu können und diese völlig freiwillig und bewusst anzunehmen. Als Theorie finden sich derartige Vorgehensweisen wohl häufig, aber sie wirklich zu leben... das erfordert ständige Aufmerksamkeit jedes Einzelnen, gelebte Akzeptanz (nicht nur Toleranz), Klarheit in der Entscheidung und eine gemeinsame Vision. Diese Sichtweise durchzieht so gut wie alle Bereiche der Craft.


Ende Teil II


Anufa


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