Betreut von Anufa
Der Gott, aus der Sicht einer Wicca   Teil I
Viel wird von Hexen, die ja in unseren Breiten zu einem hohen Prozentsatz weiblich sind, über die Göttin erzählt, aber nur selten wird über den Gott gesprochen. Das will ich hiermit ändern...

Durch meine Augen gesehen, hat der Gott genauso viele und ebenso unterschiedliche Gesichter, wie sie die Göttin für mich hat. Er kann als Herrscher der Tiere – Herne oder Cernunnos; als Herr über die Vegetation – Green Man; als Personifikation der Sonne – der Gott im Jahreskreis und in vielen anderen Gestalten auftauchen.
All diesen Aspekten aber ist gemeinsam, dass der Gott für mich eine Verkörperung der Endlichkeit des menschlichen Seins ist. Er verdeutlicht mir Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, lebt mir quasi meinen gesamten Lebenszyklus immer wieder innerhalb eines einzigen Jahres vor.
Er ist es, der jedes Jahr als Sonnenkind aufs neue geboren wird und so auch für mich einen neuen Umlauf in der Spirale meines Lebens eröffnet.
Er ist es, der mich schützt, wenn ich aus dem Leben in eine andere Seinsform wechsle und er ist es auch, der mich bei diesem Schritt begleitet.
Bei ihm fühle ich mich in meiner Menschlichkeit zutiefst verstanden und getragen. Ich möchte euch nun meinen Gott, in den Aspekten, die ich regelmäßig in meinen Ritualen anspreche, ein wenig näher vorstellen.
Zu Anfang sehe ich zwei Hauptaspekte – den des „Jäger und Gejagter“Gottes, den Herrn der Tiere und den des „Ernährer/Opfer“-Gottes, den Herrn der Pflanzen.


Gehörntes in aller Welt
Das Geweih genauso wie Hörner, sind in vielen Fällen ein Symbol für Potenz, Stärke und Kraft. Deshalb werden auch gehörnte Götter, beispielsweise der griechische Pan, mit übergroßem Phallus dargestellt – Potenz und Virilität in Reinkultur.
Geweih oder Gehörn als Symbol für Stärke und Virilität war aber, wie es aussieht, weltweit verbreitet. Es gibt Bilder von Tunguskischen Schamanen, gezeichnet von Ethnologen, mit Kopfschmuck aus Rentiergeweih, das sichtlich eine rituelle Funktion hatte. Um ca. 400 - 300 vor neuer Zeitrechung war auch in China ein geschnitzter Kopf mit ausladendem Geweih und weit heraushängender Zunge erschaffen worden. Die Hirsch-Tänzer der Yaqui in New Pascua, Arizona, gibt es heute noch. Vorzeitliche Höhlenmalereien, breitgestreute Funde von wahrscheinlich kultisch verwendeten Hirschschädeln und Geweihen in ganz Europa und auch Asien sprechen ebenfalls dafür, dass es scheinbar viele Kulte um Gehörn oder Geweih gegeben hat und immer noch gibt.
Es wäre ja schon fast verwunderlich, wenn sich der Hirsch in personifizierter Form nicht auch überregional in irgendeiner Form erhalten hätte... Wer schon jemals im Winterwald eine Hirschkuh rufen gehört hat, der wird sich sicher nie wieder die Frage stellen, wo denn z. B. der Name Herne herstammen mag!

Cernunnos
Sein Name bedeutet übersetzt “der mit dem Geweih”, “der Gehörnte”. Auf einem Stein, wahrscheinlich aus der Zeit der römischen Herrschaft des Kaiser Tiberius im heutigen Frankreich, ist dieser Name, Cernunnos, über dem Kopf eines bärtigen Mannes, der ein Geweih auf dem Kopf trägt, an dem je ein Torc hängt, eingemeißelt. Gefunden wurde das Kunstwerk unter der Kathedrale von Notre Dame... Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine heimische vorrömische Gottheit, die von den Römern so zu sagen dokumentiert wurde!
Auch im St. Albans Museum in England findet sich ein römisches Mosaik aus Verulamium, das einen bärtigen Mann mit Geweih zeigt. Früher wurde diese Darstellung als Oceanus (oder Okeanus) bedeutet und die „Auswüchse“ an seinem Kopf als Hummer- oder Krebsscheren interpretiert. Wesentlich wahrscheinlicher handelt es sich dabei aber um die Darstellung eines Geweihes.
Das frühest nachweisbare ähnliche Bild eines Gehörnten findet sich angeblich (leider konnte ich selber dazu noch kein Bildmaterial finden!) im Valcamonica (Norditalien) als Steingravur nahe bei Paspardo, die auf ca. 400 vor der neuen Zeitrechnung datiert wird. Dort trägt er an jedem Arm einen Torc und wird von einer Schlange mit Widderhörnern begleitet.
Auf dem wohl vielen von uns zumindest aus Bildern bekannten Gundestrup Kessel (der ebenfalls so rund um 400 - 300 v. n. Z. datiert wird), sitzt er im Schneidersitz, mit zwei gewundenen Torcs und Geweih und wird mit einem Hirsch, einer widdergehörnten Schlange und anderen Tierfiguren abgebildet. Hier scheint es also einen Zusammenhang zu geben zwischen Hirsch, Hirschgeweih, widderhorniger Schlange, Torcs und einem gehörnten Gott.
Aber es gibt auch noch ältere Höhlenmalerein, z. B. der steinzeitliche Tiermensch von Les Trois Frères, der ebenfalls ein Geweih trägt. Natürlich kann auch das als Darstellung eines Gottes interpretiert werden, aber belegbar wäre das wohl kaum. Eher ist für mich eine Art Jagdzauber abgebildet in der sich jemand in die erjagdte Beute verwandelt um sie zu finden oder um sie wieder zu versöhnen. Nichts desto Trotz ist am Kopf dieser Tier-Mensch Gestalt eindeutig ein kräftiges Geweih zu erkennen.

Herne
Er wird besonders mit Wäldern assoziiert, mit wilden Tieren und der Jagd. Während der hellen Jahreszeit ist er der zu jagende Hirsch und während der dunklen der Jäger, der die Meute anführt. Im Windsor Forest gibt es viele Legenden, die sich um Herne drehen und die „Herne´s Eiche“ stand dort viele Generationen lang im Mittelpunkt der Volksfrömmigkeit. Am 31. August 1868 fiel sie um und durch Queen Victoria wurde an genau der Stelle eine neue Eiche gepflanzt. Herne gehört ganz offensichtlich zu einer ganzen Gemeinschaft an Jägern aus der Anderswelt. Im Französischen Fontainebleau gab und gibt es ebenso Legenden über einen überirdischen Jäger, wie im Schwarzwald in Deutschland. In Österreich kennen wir den „Heiligen Hirschen“ mit der Monstranz oder dem Kreuz zwischen dem Geweih und wer mit Fernsehwerbung vertraut ist, dem wird der Hirsch am Schnaps auch nicht entgangen sein.

Scheinbar hat sich diesbezügliches Brauchtum (wenn wir schon von spiritueller Praxis absehen) zumindest bis in die Zeit des Heiligen Augustinus erhalten. Es ist nachlesbar (aus dem vierten Jahrhundert n. Z., während der Missionierung der Bretonen), dass der „verruchte Brauch sich als Hirsch oder Pferd zu verkleiden, verboten werden solle“.
In einem walisischen Text aus dem 12. Jahrhundert, der Vita Merlini, wird geschildert, wie Merlin zum Herrn der Tiere wird, indem er ein Hirschgeweih trägt und eine Herde von Hirschen und Geißen um sich sammelt. In Shakespeare´s „The Merry Wives of Windsor“ verkleidet sich Falstaff als Herne, denn schließlich wurde Herne damals als Waldgeist beschrieben, dem besser aus dem Weg zu gehen wäre.
Als “Abbots Bromley Horn Dance” der nachweislich seit August 1226 aufgeführt wird, hat sich einer der ländlichen Bräuche ums Geweih (die früher einmal Rituale gewesen sein mögen) bis heute erhalten. Interessant ist noch die Zusammenstellung des jährlich im Mai stattfindenden Festzuges, der aus sechs Männern mit Hirschgeweihen, einem Narren, einem Steckenpferdreiter, einem Bogenschützen und einer Maid Marian (die von einem verkleideten Mann gegeben wird!) besteht. Die ältesten dabei verwendeten Geweihe sind über 900 Jahre alt.


Ende Teil I


Anufa


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