Ich habe Interesse …   Teil II

Du hast die Gruppe oder Person gefunden, bei der du gern um Aufnahme für ein Wicca-Training bitten möchtest. Was nun?

Im Gespräch

Nehmen wir an, der potentielle Lehrer hat sich zurückgemeldet (etwas, dass ich schon aus Höflichkeit immer tue), und es kommt zu einem tiefer gehenden Gespäch – sei es per E-mail oder in einem Café. Folgende Punkte können dir helfen, das Gespräch in die für dich beabsichtigte Richtung zu bewegen, nämlich als Trainee erwogen zu werden:

1. Hör zu
Der Lehrer hat sich in der Regel Gedanken zu dir gemacht und sagt Dinge nicht einfach so daher, sondern aus einem bestimmten Grund. Wenn du wirklich lernen willst, hör genau hin.

2. Gib keine Widerworte
Das hört sich erst einmal an wie eine Belehrung, die man Fünfjährigen erteilt, aber ich meine es ernst. Im Fall einer Ablehnung mit „Ja aber…“ zu reagieren und all die Gründe aufzuzählen, warum man doch ausgebildet werden muss, ist ziemlich unklug. Frage stattdessen, was du tun kannst, um die Voraussetzungen für das Training zu erfüllen. Das zeigt dem Lehrer, dass du zuhörst, lernwillig bist und mit Kritik umgehen kannst. Bedenke immer, du willst etwas von dem Lehrer, nicht umgekehrt. Mach es dir nicht kaputt, indem du dich wie ein Fünfjähriger benimmst.

3. Lies zwischen den Zeilen
In Wicca wird eine Menge Wissen und Weisheit durch Vorleben und Beobachten weitergegeben, nicht durch formellen Unterricht. Das liegt unter anderem daran, dass Magie so viel mit Erfahrung, Intuition und Einfühlungsvermögen zu tun hat. Ein Mensch, dem man alles haarklein erklären muss, wird im Wicca schnell seine Frustrationsgrenze erreichen. Zeige dem Lehrer am besten gleich, dass du in der Lage bist, versteckte Hinweise zu erkennen und zwischen den Zeilen zu lesen. Oder tu zumindest so, frei nach dem Motto Si tacuisses, philosophus mansisses.*

4. Sei bescheiden
Zeige Bereitschaft zu lernen. Traue dem Lehrer zu, die Tradition besser zu kennen als du. Warum sonst solltest du überhaupt von ihm lernen wollen?

5. Und, besonders wichtig: Sei selbstbewusst
Das mag sich etwas widersprüchlich anhören, wenn man den vorhergehenden Punkt als Unterwürfigkeit deutet. Was ich als Wicca-Lehrer aber am meisten schätze, ist eine Person, die offen dafür ist, etwas Neues zu lernen, Kritik anzunehmen und zuzuhören, aber dennoch weiß, wo sie selbst steht und mir auf Augenhöhe begegnet. Wicca ist ein Weg der Erwachsenenbildung. Wir wollen keine Anwärter, die jammern oder nörgeln, bei einem Anflug von Kritik gleich in sich zusammenbrechen oder nichts hinterfragen.


No-Gos

Zum Abschluss (jetzt aber wirklich) noch ein paar Stereotypen, auf die ich immer wieder treffe – und die deutlich zeigen, wie man es nicht machen sollte. Wenn ein Anwärter in eine dieser Kategorien fällt, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich einen großen Bogen um ihn mache.

„Die Große Hexe“ (oder der Ich weiß schon AllesTyp)**
Die Große Hexe ist in einer Familientradition großgeworden und weiß dementsprechend schon alles über Wicca. Dennoch möchte sie aus unerfindlichen Gründen eine Ausbildung in Gardnerian Wicca. Bei ihrer Bewerbung lässt sie einen gleich wissen, dass sie bereits mit einem Generationen überspannenden Wissen ausgestattet ist und damit schon viel weiter als alle anderen Bewerber. Sie ahnt nicht, dass genau diese Einstellung ihr zum Verhängnis werden wird, denn mal ganz ehrlich – gibt es einen besseren Weg, einem Lehrer zu zeigen, dass man nicht nur ein aufgeblasenes Ego besitzt, sondern wahrscheinlich auch eine absolut beratungsresistente und nervtötende Person ist?

„Die Dienerin der Göttin“ (oder der Ich bin unwürdigTyp)
Dieser Typ ist das komplette Gegenteil der Großen Hexe, leidet wie diese zwar auch an mangelndem Selbstbewusstsein, aber kompensiert dieses nicht durch vorgespielte Größe, sondern durch Opferhaltung. Sie sieht die Göttin (oder die Götter) als hoch über sich selbst – dem unwürdigen Wurm – thronend, deutet aber dennoch jedes fallende Laubblatt oder Werbeplakat als Zeichen der Göttin, die sich herablässt mit ihr zu kommunizieren – häufig um sie zu tadeln. Dabei erkennt sie nicht, dass sie lediglich den strafenden Gott ihrer Kindheit gegen eine andere übernatürliche Richterfigur ausgetauscht hat. An sich stellt die Haltung der Dienerinkein unüberwindbares Problem dar, wenn die Person bereit ist, ihre Projektion zu entlarven und aufzugeben, sich aus dem Staub zu erheben und einen neuen Umgang mit den Göttern – aber vor Allem mit sich selbst – zu lernen. Leider bestehen Dienerinnen oft darauf, dass sie die Welt komplett richtig sehen, und es bedarf einer Menge Arbeit, sie davon abzubringen; Arbeit, die ein Hohepriester möglicherweise nicht zu leisten bereit ist.

„Die Schnäppchenjägerin“ (oder der Darf’s noch etwas mehr sein Typ)
Die Schnäppchenjägerin ist oft eine Variante der Großen Hexe, aber nicht immer. Manchmal ist sie einfach nur ein Opfer unserer kurzlebigen Instant-Gratification-Ära, in der man Alles bekommt was man will, und zwar jetzt sofort und ohne Anstrengung. Die Schnäppchenjägerinhat bereits erfolgreich vierunzwanzig Ausbildungen im spirituell-therapeutischen Bereich absolviert. Sie ist Kristalltherapeutin, Reiki-Meisterin und von südamerikanischen Buschleuten ausgebildete Schamanin, und hat nun beschlossen, dass ihr zur Komplettierung ihres Seins nur noch Wicca fehlt. Frei nach dem Motto Wo ich schon dabei bin, kann ich das auch noch mitnehmen. Nun, was soll ich sagen. Auch das ist ein guter Weg gleich ausgesiebt zu werden. Diese Kandidatin hat offenbar nicht begriffen, dass Wicca mehr ist als ein Wochenend-Workshop in Kerzenmagie. Möglicherweise ist dieser Typ aber irgendwann tatsächlich brauchbar – wenn er begriffen hat, dass eine Wicca-Ausbildung ein Weg ist, der viel Zeit, Einsatz und ein persönliches Vertrauensverhältnis zum Lehrer erfordert und nicht gegen Geld aufzuwiegen ist.

„Die Bequeme“ (oder der Hexen in deiner Nähe Typ)
Viele Interessenten realisieren nicht, dass eine beträchtliche Menge von uns Initiierten viele Stunden des Reisens in Kauf genommen hat, um ausgebildet zu werden. Ich kenne einige, mich selbst eingeschlossen***, die dafür alle paar Wochen in ein anderes Land gefahren sind, und sich nicht nur die Mühe der Reise sondern auch des Sprechens in einer Fremdsprache gemacht haben – immer noch glücklich und dankbar, weil sie als Schüler angenommen wurden. Die Bequeme jedoch verlangt von ihrem Coven, dass er sich möglichst in ihrem Wohnort, am besten irgendwo in einem Zweihundert-Seelen-Dorf in Schleswig-Holstein, zumindest aber im Radius von zehn Kilometern, trifft. Natürlich ist sie ernsthaft interessiert, aber für weite Reisen hat sie gern wahlweise kleine Kinder, Allergien oder die teuren Tickets der Deutschen Bahn als Hinderungsgrund in petto. Sorry, ich kenne genug Hexen, die es trotz dieser Dinge geschafft haben, an der Ausbildung in einer weiter entfernten Gruppe teilzunehmen.


Zuletzt (aber jetzt absolut in echt, versprochen!)

Die Ironie dieses Artikels ist wie so oft, dass die, die wirklich für eine Wicca-Ausbildung in Frage kommen, ihn nicht benötigen, weil sie ohnehin ein gutes Gespür dafür haben, was sinnvoll ist. Die, die die Tipps gebrauchen könnten, werden sie oft nicht beherzigen, weil sie sich lieber beleidigt und unverstanden fühlen möchten, statt die Hilfestellung zu erkennen. Ich wünsche beiden Gruppen alles Gute auf ihrem Weg, wo immer er sie hinführen mag.
Wie immer Blessed Be

*Als Wicca kommt man nicht darum herum Dinge zu recherchieren. Also fang am Besten gleich hier an, falls du im Lateinunterricht nicht aufgepasst hast.
** Ich habe der Einfachheit halber die weibliche Form gewählt, aber natürlich gibt es diese Typen bei allen Geschlechtern.
*** Zugegeben, die Niederlande sind vom Ruhrgebiet aus nicht sehr weit.


Chris


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