Interview: "Neue Hexen" - Mittlerinnen zwischen den Welten
Jahrhundertelang wurden sie brutal verfolgt, bis ihr Wissen in Vergessenheit geriet - heute scheint das Interesse an Hexen größer denn je. Die Ausstellung "Hexenwelten" im Hamburger Museum für Völkerkunde dokumentiert eine weit über die Harry-Potter-Euphorie hinausgehende Renaissance von Magie und Spiritualität.

Bis zum 1. April 2002 werden in Hamburg nicht nur magische und schamanische Traditionen der Vergangenheit präsentiert: Zentrales Thema sind "Neue Hexen", die eine in Mitteleuropa verschüttete Kultur wieder beleben wollen. Mehrere dieser Hexen bieten im Rahmen der Ausstellung Workshops, Rituale und Zeremonien an.
Wie der Alltag und die Arbeit einer Hexe im 21. Jahrhundert aussehen, schildert eine von ihnen im GEO-Interview.

GEO: Frau Beyn, Sie bezeichnen sich als Hexe. Was unterscheidet Sie von "normalen" Frauen? Welche besonderen Fähigkeiten haben Sie?
Attis: Grundsätzlich ist die Hexenkraft in jeder Frau, aber nicht jede weckt und lebt diese Energie. Eine Hexe hat diese Kräfte im Übermaß. Sie hat gelernt, zwischen den Welten zu wandern und übersetzt Botschaften von den jenseitigen Ebenen in das Diesseits.

GEO: Sie nennen sich auch "Attis". Wie kommen Sie zu diesem Namen?
Attis: Der Name kam eher zu mir - über das Orakelbrett. Bei dieser Zeremonie, die auch als Gläserrücken bekannt ist, hat mir das Orakel Attis als kosmischen Namen gegeben.

GEO: Woher stammt dieser Name?
Attis: Ich musste selber nachforschen, um das herauszufinden. Der Name kommt aus dem antiken Griechenland. Unter anderem hieß die Geliebte der Dichterin Sappho Attis.

GEO: Wann und wie sind Sie zur Hexe geworden?
Attis: Ich würde sagen, es hat sich so gefügt - denn Zufälle gibt es nicht. Als ich Ende 20 war, lockte mich eine Freundin in den Westerwald, wo drei Frauen einen Hexen-Workshop anboten. Am Anfang fand ich es dort etwas gruselig, aber dann sog ich alles auf, was ich sah: Astrologie, Tarot, Trance, Rückführung in frühere Leben ...

GEO: Sie haben dort gelernt, Menschen in vergangene Leben zurückzuversetzen? Wie geht das vor sich?
Attis: Bei der Rückführung versetzt die Hexe ihre Klienten in eine Art schwache Hypnose. In diesem Zustand diktieren sie der Hexe ihre Erlebnisse. Später wird das Festgehaltene gemeinsam ausgewertet.

GEO: Was haben Sie im Westerwald noch gelernt?
Attis: Ich habe dort außerdem viel über die Jahreskreisfeste erfahren. Das sind acht Termine im Jahreszyklus, die das Christentum teilweise besetzt hat, die aber auf viel ältere Traditionen zurück gehen. Dazu gehören unter anderem die Sommer- und die Wintersonnenwende, Halloween und die Walpurgisnacht.

GEO: Haben Sie noch anderswo eine Art von Ausbildung bekommen?
Attis: Später bin ich in Schamanismus unterrichtet worden. Dabei ging es darum, die Kanäle in andere Welten zu öffnen, um dorthin zu reisen oder zu "fliegen". Bei dieser Ausbildung habe ich auch viele magische Orte und Kultstätten kennengelernt, an denen man in Kontakt treten kann mit der Naturenergie und mit Geistern und Wesen der Anderswelt.

GEO: Das Bild der Hexe lebt von Klischees wie dem Zubereiten von magischen Tränken und andauernden Flügen zum Blocksberg. Wie sieht Ihr Alltag aus?
Attis: Oft viel unspektakulärer als man denkt. Auch ich muss essen, einkaufen und saubermachen. Aber ich lege mir auch selbst die Karten, und feiere Rituale - alleine oder mit Hexenfreundinnen.

GEO: Welche kulturellen Bezüge hat Ihr religiöses Weltbild?
Attis: Ich sehe mich als mitteleuropäische Schamanin, wobei in unserer Kultur der Bezug zum Schamanismus gebrochen ist. Als Hexe will ich eine Tradition wieder beleben, die durch die Hexenverfolgung verloren gegangen ist.

GEO: Wie ist Ihr Verhältnis zum Christentum, dessen Vertreter für die Inquisition verantwortlich waren?
Attis: Das Christentum ist zu einseitig, zu männlich, zu streng und hatte in der Geschichte zu viele negative Auswirkungen. Ich habe schon einige Konfrontationen mit Kirchenleuten gehabt, aber viele von ihnen sind mittlerweile aufgeschlossener gegenüber Hexen. Und auch ich bin über die Jahre toleranter geworden.

GEO: Gehören Sie einer Organisation von Hexen an?
Attis: Nein, es gibt zwar weltweit ein lockeres Netzwerk, aber keine Organisation im eigentlichen Sinne. Wir sind keine Kirche, sondern freiheitlich, individuell und ohne Hierarchien.

GEO: Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts war das Hexenbild hierzulande vor allem durch die böse alte Hexe geprägt, wie wir sie aus "Hänsel und Gretel" kennen. Erst die Frauenbewegung hat dieses Bild geändert, in dem sie die Hexe zu einem Symbol für weibliche Stärke und Unabhängigkeit machte. Welchen Bezug haben Sie zum Feminismus?
Attis: Ich bin Feministin, das sind meine Wurzeln. Die Hexenverfolgung hatte nicht zuletzt frauenpolitische Gründe: Das patriarchalische System wollte alles Wissen an sich reißen. Die Frauenbewegung hat das aufgegriffen mit dem Slogan "zittert, zittert, die Hexen sind wieder da."

GEO: Die Frauenbewegung hat auch den Begriff der "Neuen Hexen" eingeführt. Sind alle Neuen Hexen Feministinnen?
Attis: Die Neuen Hexen kommen überwiegend aus der Frauenbewegung. Manche, die sich so nennen, haben aber dazu überhaupt keinen Bezug, wie etwa die Anhänger der aus England stammenden Wicca-Bewegung.

GEO: Sie bieten als Hexe verschiedene Dienstleistungen an. Woraus besteht Ihr Angebot?
Attis: Meine Hauptarbeit sind Astrologie und Tarot, Rückführung, In-Trance-Versetzen und Rituale. Daneben biete ich eine einjährige Hexenausbildung an.

GEO: Was sind die Hauptprobleme, mit denen Ihre Klienten zu Ihnen kommen?
Attis: An erster Stelle stehen Fragen zu Partnerschaft und Beruf. Ansonsten reicht die Palette von Problemen mit dem Wohnort bis zu Erbschaftsfragen. Manche Klienten kommen in Lebenskrisen zu mir, andere wollen einfach nur in ihrer persönlichen Entwicklung weiter kommen.

GEO: Wie setzt sich Ihre Klientel zusammen?
Attis: Meine Kunden stammen aus allen möglichen gesellschaftlichen Gruppen. Überwiegend sind es aber Frauen, die zu mir kommen. Nur fünf bis zehn Prozent meiner Klientel sind Männer. Früher waren es aber noch weniger.

GEO: Wo liegt die Grenze zwischen der Arbeit einer Hexe und einer Psychotherapeutin?
Attis: Hexen beschäftigen sich mit einem Bereich, der über den der Psychotherapie hinausgeht, mit anderen Welten, den Seelen vor oder nach dem Leben, dem Kontakt zu göttlichen Bereichen. Es geht uns Hexen darum, diese Ebenen zu öffnen und zugänglich zu machen.

GEO: Wie treten Sie Ängsten vor schwarzer Magie und Satanismus entgegen, die immer noch vielfach mit Hexen verbunden werden?
Attis: Dass der Hexenbegriff negativ besetzt ist, kommt auch durch die Kirche. Ich praktiziere nur weiße Magie, übe keinen Schadenszauber oder Ähnliches aus ...

GEO: Gibt es Hexen, die das tun? Kann man die auch buchen?
Attis: Das ist mir nicht bekannt, und ich halte mich von solchen Kreisen bewusst fern. Vorstellen kann ich mir aber schon, dass es solche Hexen gibt.

GEO: Haben Sie keine Angst vor der Öffentlichkeit?
Attis: Im Gegenteil. Ein Weg, um Vorurteile in der Gesellschaft abzubauen, ist, unsere Arbeit transparent zu machen. Die Reaktionen, die ich erlebe, sind meistens positiv. Nur einmal hat ein anonymer Anrufer meine Nachbarin gefragt, ob sie wisse, dass in ihrem Haus eine Hexe wohnt. "Ja, weiß ich," hat die gesagt, "und zwar eine sehr nette."

GEO: Ist in der öffentlichen Meinung ein Wandel eingetreten? Nimmt die Popularität von Hexen zu?
Attis: Seit den 80er Jahren steigt das Interesse an Hexen kontinuierlich. Das betrifft besonders die Altersgruppe der 40- bis 60jährigen. Aber auch junge Menschen interessieren sich zunehmend für die Neuen Hexen.

GEO: Wie erklären Sie sich dieses Interesse an Spiritualität? Ist es eine Reaktion auf den Rationalismus unserer Lebenswelt?
Attis: Ich glaube, es gibt viele Gründe für diese Entwicklung: Vor allem reicht das logisch-rationale Weltbild als Erklärungsmuster nicht mehr aus. Dann ist auch die Medizin mit ihrem mechanistischen Bild an ein Ende gelangt. Und schließlich hat das Christentum als Sinnstifter für viele Menschen ausgedient.

GEO-Interview mit einer Hexe
GEO-INTERVIEW (Seite 1/4)
Das Interview führte der Indologe und Journalist Oliver Schulz


Madame Mim


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