Ma´at im Alltag

Alice hat sich für uns mit Ma´at beschäftigt und ihre Sichtweise dazu beschrieben. Was können wir uns besseres wünschen als Autoren, die theoretisches Wissen ins Leben umsetzen und dann darüber schreiben??
Thanks to: © Gretchen Sveda

Wenn ich mich in der neopaganen Szene umschaue, habe ich oft das Gefühl, dass der Fokus sehr auf einer möglichst bunten und schillernden Ritualpraxis liegt. Die Geisteshaltung, die hinter den Dingen steht wird allerdings oft ein wenig stiefmütterlich behandelt und im schlimmsten Fall nur als adäquate Beschäftigung für religionsfaszinierte Althistoriker , nicht aber als ein wichtiges Diskussionsthema betrachtet.


Eines dieser Themen ist Ma´at

Ich möchte auf ausgiebige Erklärungen zur Herleitung des Begriffes verzichten, weil diese Betrachtung eine sehr persönliche ist und eben mein Verständnis von Ma´at hier im Vordergrund steht. Deshalb nur das Grundlegende:

Das Wort Ma´at leitet sich wohl vom altägyptischen Wort Mu´at und einem ähnlich klingenden Verb her, das soviel wie „lenken, den Dingen eine Richtung geben“ und „opfern, darbringen“ heißt. Im Gegensatz zu Isfet, „Chaos“ , aber auch „Unrecht“ oder „Gewalt“ hat Ma´at also eine ordnende, aber dynamische Funktion. Die Vielzahl der Übersetzungsmöglichkeiten zeigen die verschiedenen Bereiche, in denen Ma´at wirkt – Gerechtigkeit, Weltordnung, aber auch kosmische Ordnung.

Die Aufrechterhaltung von Ma´at ist damit unabdingbar für das gelingen kosmischer Prozesse, nimmt also selbst die Götter nicht aus - am Bug der Barke des Sonnengottes, der bei seiner Fahrt vielfältigen Gefahren ausgesetzt ist, steht die Göttin Ma´at. Durch sie ist das alltägliche Gelingen der kosmischen Reise, von der der Erhalt der Welt abhängt , gewährleistet. Von Ma´at als „Lufthauch“ oder „Atem“ leben die Götter, die Bewohner der Totenreiche und die Menschen im Diesseits.

Das Leben der ganzen Erde, die Nasen der Menschen atmen durch ihre Gabe, (...)
Lebensodem für den, der ihr folgt“

Ma´at ist ebenfalls fest in der altägyptischen Staatstheorie verankert, die den Pharao als Verfechter und Aufrechthalter der Ma´at sieht- und Ma´at ist im alltäglichen Miteinander der Menschen notwendig, um Gerechtigkeit, Ordnung, gar das jenseitige Leben zu gewährleisten.

Der Lohn eines Handelnden liegt darin, dass für ihn gehandelt wird. Das hält Gott für Ma´at.“

Einer der fundamentalen Aspekte von Ma´at ist also auch soziales Füreinander. Der Lohn in einer Gesellschaft ist entsprechend Solidarität und Ordnung. Herrscht Isfet, so sind die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt, zweckentfremdet, pervertiert.

So viel zum Idealbild.


Ab in die Praxis

Was machen wir nun mit diesem etwas sperrigen, altertümlichen Begriff in einer Zeit, in der Ordnung selten die Ordnung der Solidarität bedeutet, in der man Beamte weniger mit dem Aufrechthalten von Ma´at assoziiert als mit Korruption und Freigiebigkeit selten weiter reicht als bis zur eigenen Familie?

Nun, wäre dieses Problem neu, so hätten wir nicht die „Klagen des Oasenmannes“ aus dem Mittleren Reich überliefert, die gesellschaftliche Probleme darstellt, die wohl in jeder Zeit, in jeder Kultur bekannt gewesen sein dürften.

Der Verteiler ist geizig, der das Elend vertreibt, befiehlt dessen Verursachung, der Hafen ist eine Flut, der das Böse abwehrt, begeht Unrecht.“

Ich möchte anhand von ein paar Gedanken und Verhaltensweisen, die mir sehr oft begegnen, deutlich machen wie ich die Problematik sehe.

Letztlich regelt sich alles schon von selber“.

Das begegnet einem vor allem bei scheinbar pragmatischen Hobby-Darwinisten, die der Meinung sind, dass letztlich der Stärkere gewinnt, ein Eingreifen also völlig sinnlos wäre und Menschen so oder so natürlicherweise Krieg führen, sich betrügen und ausliefern. Ma´at tun und sprechen aber bedeutet nicht zuletzt, den Schwachen vor der Willkür des Starken zu beschützen. In dieser Rolle verkörpert Ma´at also die Kultur im Gegensatz zum Recht des Stärkeren.

Die zweite Gruppe Vertreter dieser Haltung ist mir nicht sympathischer, wenn auch weniger zynisch. Es sind Menschen, die der Meinung sind, dass die Menschheit schlussendlich aus ihren Fehlern lernen wird und sich so weit weiterentwickeln wird, dass sie irgendwann Konflikte friedlich und zum Wohle aller löst. Sie haben Angst vor „blindem Aktionismus“ und beschränken sich daher auf eine passive Wohltätigkeit, die es ihnen erlaubt, Leid solange zu ignorieren, wenn es sie anspringt wie ein hungriger Wolf.


Ma ´at ist dynamisch, nicht statisch

Das bedeutet für mich ganz einfach ausgedrückt: es regelt sich eben nicht von alleine. Ma´at ist nichts, was sich einstellt, wenn man nur lange genug wartet- Ma´at ist ein stetiges sich bemühen gegen Isfet in allen Bereichen, ein Versuch, den Dingen die richtige Richtung zu geben. Denn eine der fundamentalsten Einsichten der ägyptischen Mythen ist eben die, dass alles von dieser Bemühung abhängt, selbst die kosmische Ordnung erhält sich nicht wie ein perpetuum mobile von selbst, sondern bedarf der Ma´at genauso wie der Oasenmann, der mit den Füßen im Staub die Stimme gegen die fehlgeleitete Obrigkeit erhebt.

Aber wie soll ich mich alleine gegen das Leid der Welt stellen? Ich kann es doch nicht ändern!“

Sicher haben wir, je nach unserer gesellschaftlichen Stellung, unserem Vermögen, unserer körperlichen und geistigen Konstitution entsprechend unterschiedliche Einflussbereiche. Kurz zusammengefasst läuft es aber auf folgendes hinaus: Nutze Dein Kapital.

Damit meine ich nicht notwendigerweise materielles Vermögen, auch wenn Geiz als eine der schlimmsten „Todsünden“ im Alten Ägypten galt („der Habgierige hat kein Grab“). Als Kapital bezeichne ich all die Schätze, die man auch mit persönlichen Talenten oder Befähigungen bezeichnen könnte, aber eben auch die Möglichkeiten, die einem Beruf und Status eröffnen, mit einschließt.

Ein wichtiger Prozess beim Aufrechterhalten der Ma´at ist für mich daher auch, sich Gedanken über die eigenen Möglichkeiten zu machen. Damit enthält Ma´at für mich nicht nur eine kosmologische, politische und soziale Komponente, sondern auch eine ganz persönliche. Am Anfang dieses Prozesses steht also die Frage „was kann ich?“ bzw. „Was will ich können?“ .


Aber was heißt das jetzt KONKRET?“

Bist Du redegewandt, nutze Dein rhetorisches Talent, um Menschen auf Missstände aufmerksam zu machen und zu überzeugen. Hast Du Einfluss auf die Verteilung von Geldern, verteile gerecht. Bist Du frustriert, weil Du unterbezahlt bist, tritt nicht nach unten weiter, sondern klage den über Dir an. Hast Du breite Schultern und Kraft in den Armen, zeige Zivilcourage in der U-Bahn anstatt nur im Studio zu pumpen. Wenn Ma´at dynamisch ist, heißt das im sozialen Kontext für mich, aktiv zu fragen, ob es Dir gut geht, und nicht zu warten, bis ich die Augen nicht mehr vor deinem Leid verschließen kann, weil Du mich darauf ansprichst. Geh wählen, auch bürgerliche Rechte sind Teil des persönlichen Kapitals.

Und wenn Dich die Kraft verlässt: Klage an.

Denn klagen heißt nicht einfach jammern im Privaten. Klagen ist zielgerichteter, es benennt die Missstände, macht aufmerksam, schafft Solidarität. Klagen beinhaltet die Verantwortung, den wahren Schuldigen zu erkennen, anstatt in der Opferrolle zu verharren und der Einfachheit halber pauschal zu verurteilen- denn die Klage entblößt nicht nur den Angeklagten, sondern auch den Kläger.

Was hat das jetzt alles mit Spiritualität zu tun?“

Du bist, was Du tust, oder auch schlicht : Orthopraxie, Baby! ;-)

Ein herausstechendes Merkmal antiker polytheistischer Glaubenssysteme , auch der altägyptischen Religion, ist der Fokus auf korrektem Handeln und weniger auf persönlicher Gläubigkeit. Spiritualität misst sich also am Handeln, in diesem Fall auch am „Aufrechterhalten der Ma´at“, nicht nur an Ritualen, Gebeten und dem Feiern von Festen. Das heißt nicht, dass individuelle Frömmigkeit abgelehnt würde, sondern einfach, dass Gedanken auch Worte und Worten auch Taten folgen sollten.

Ich denke, mehr Spiritualität im Alltag ist kaum möglich, wenn man das berücksichtigt. ♡


Weiterführende Literatur: 

Jan Assmann: Ma´at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten
Günter Burkhard, Heinz J. Thissen: Einführung in die altägyptische Literaturgeschichte 1 und 2


Alice


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