Von der Weisheit Kemets   Teil III

Im alten Kemet wurde die gesprochene Sprache erstmals in der Geschichte der Menschheit künstlerisch geformt und für die Nachwelt schriftlich festgehalten. So wurde ein Fundament geschaffen, auf dem sich seit über fünf Jahrtausenden große Dichtungen entwickelten, die noch heute zur Weltliteratur gehören.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Auch dieser Text könnte gut seinen Platz in einem modernen Benimmbüchlein finden, auch wenn er etwas blumig formuliert ist. Diese Art der Formulierung der Weisheitslehren ist aber gar nicht so ungewöhnlich, zwingt sie doch den Leser dazu sich eingehender mit dem Text zu befassen um zu verstehen was er aussagt. Eine einfache Auflistung der Machart „Du sollst nicht… „ wie in den christlichen 10 Geboten wird man in den Weisheitslehren Kemets vergeblich suchen. Die Lehren sagen was man wie tun soll und erläutern was passieren wird wenn man es nicht tut, oder umgekehrt erwähnen sie was man besser lassen sollte damit gewisse Ereignisse eben nicht eintreten.

Dabei bleiben sie teilweise sehr vage in ihren Beschreibungen, gehen andererseits aber auch sehr ins Detail, das ist von Fall zu Fall verschieden. Einige der Lehren sind moralische Kompasse die einen groben Kurs vorgeben ohne bestimmte Details aufzulisten, andere sind derart detailverliebt dass kaum Spielraum für Interpretationen bleibt.

So sagt Ani an einer anderen Stelle zu seinem Sohn:

Gehe nicht in eine Menschenmenge hinein, auf die du getroffen bist,
wenn sie gerade begonnen haben sich zu prügeln.
Ihre Umgebung sollst du in weitem Abstand passieren,
damit du von Verletzungen verschont bleibst.“

Zum gleichen Thema besagt die etwa 600 Jahre ältere Lehre eines Mannes für seinen Sohn:

Suche keinen Streit, sondern sei zurückhaltend,
wenn du an einer Menschenansammlung vorübergehst.
Trenne ja nicht zwei Männer, die zornig aufeinander sind!
Ihre Wut nämlich richtet sich gegen den, der den Streit schlichten will!
Und wenn du vermeiden willst, zerkratzt zu werden,
dann mische dich niemals in den Streit zweier Frauen! “

Die Lehre des Anchscheschonq aus der hellenistischen Zeit hat auch zu diesem Thema etwas zu sagen und unterscheidet sich inhaltlich nicht wirklich von ihren älteren Vorgängern:

Wenn zwei Brüder miteinander streiten, gehe ja nicht dazwischen!
Wer sich dazwischendrängt, wenn sich zwei Brüder streiten,
den nehmen sie sich vor, wenn sie wieder versöhnt sind.“

Bei den Sebait handelt es sich ähnlich wie im Buch „Über den Umgang mit Menschen“ von Adolph Freiherr Knigge (1752–1796), das heutzutage ja noch immer allerorts zitiert wird, eher um die Grundsätze der guten Umgangsformen als weniger um die Regeln der Etikette. Die Sebait vermitteln allgemeine soziale Grundsätze um ein geachtetes Mitglied der Gemeinschaft zu werden und ein den Regeln der Maat entsprechendes Leben zu führen.

Genaue Handlungsvorschriften wie sie die Formen der Etikette bilden, also explizite Benimmregeln werden in den Sebait höchstens angedeutet.

Die Sebait werden dabei in sechs Kategorien unterteilt, die sich jeweiligen Hauptthemen widmen. Der erste und wichtigste Teil handelt dabei vom Umgang mit den Menschen. Hier werden allgemeine Verhaltensregeln beschrieben, wobei sich diese weniger aus religiösen Grundlagen speisen als eher aus den Anforderungen einer friedlichen Gemeinschaft, auch wenn man all diese Moralgrundsätze niemals gänzlich von der Religion losgelöst betrachten sollte.

Der zweite Teil behandelt Tugenden und Laster, wobei auffällt dass sich die Tugenden von damals von denen der heutigen Zeit kaum unterscheiden. Ebenso verhält es sich mit den Untugenden, also den Lastern und Verfehlungen der Menschen. Auch darin unterscheiden sich die Kemeten der Pyramidenzeit nicht wirklich von den Menschen des 21. nachchristlichen Jahrhunderts.

Der dritte und am blumigsten ausgeschmückte Teil der Sebait handelt von Liebe und Leidenschaft, hier werden mit nahezu schmalztriefenden Formulierungen und Ausschmückungen Tipps und Tricks

Gegeben wie man denn in Beziehungsdingen vorankommt und „die Holde“ erobert oder wie man in Fragen der Sexualität am besten vorgeht, Einige Texte dieser Rubrik könnte man fast als Sexualratgeber bezeichnen. Aber auch moralische Grundsätze werden in dieser Kategorie vermittelt die klar machen dass beispielsweise voreheliche Sexualität nicht nur Spaß bedeutet sondern auch gewisse Risiken bergen kann.

Der vierte Teil behandelt die in der heutigen Zeit oftmals ausgeblendeten Fragen zu Krankheit, Alter und Tod, aber auch Richtlinien die das angemessene Verhalten der verschiedenen Altersgruppen untereinander und den gegenseitigen Respekt beschreiben. Einige Lehren dieser Kategorie beschreiben gar, was heute etwas befremdlich erscheinen mag, den Umgang der Lebenden mit den Toten.

Teil fünf der Sebait ist wohl der am melodramatischsten beschriebene Teil der Weisheitslehren, er beschreibt den Glanz und das Elend der Schöpfung, also die guten Dinge der Welt wie beispielsweise medizinische und wissenschaftliche Errungenschaften der Menschen aber im Umkehrschluss auch die Entartungen all dieser Errungenschaften und die manchmal bis in die Perversion gesteigerten Ausblühungen die die menschliche Gesellschaft hervorbringt. Dabei ist es manchmal beinahe erschreckend wie ähnlich die alten Kemeten den Menschen von heute in der Art und Weise sind wie sie die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel instrumentalisiert und eingesetzt haben um bestimmte Ziele zu erreichen. Ebenso gedankenlos verhält sich die moderne Gesellschaft auch, wenn auch mit ausgereifteren und dadurch gefährlicheren Mitteln als damals.

Der sechste und letzte Teil der Sebait behandelt dann die sogenannten Geheimnisse. Ein Großteil dieser Lehren befasst sich mit Themen über Magie, Zauber und Orakel. Diese Kategorie ist wohl die interessanteste, aber auch die schwierigste und die am kompliziertesten umschriebene der Sebait. Einige Schriften aus dieser Kategorie bilden die Grundsätze für die heutige Hermetik, auch wenn die kemetischen Lehrsätze darin oftmals fehlinterpretiert und umgedeutet oder gänzlich falsch verstanden wurden.

Neben den Sebait, also den sozialethischen und moralischen Unterweisungen gibt es auch noch Schriften die man tatsächlich als Lehrbücher bezeichnen kann, sie behandeln allgemeine Fragen zu Medizin und Wissenschaft, wie Mathematik, Physik, Astronomie, Geschichte und Biologie. Einige wenige dieser Schriften behandeln gar sozial- und sozioökonomische sowie politische oder wirtschaftswissenschaftliche Grundsatzfragen. Der religiöse Aspekt, der zwar nicht ausgeklammert werden darf, da die Religion in Kemet alle Lebensbereiche durchdringt und untrennbar miteinander verbindet, spielt in diesen Werken, ganz gleich ob es nun die moralischen Lehren oder die wissenschaftlichen Lehrbücher sind, eine weitaus geringere Rolle als man bei Kemet im allgemeinen denken würde.

Was uns aber all diese Schriften, ob es sich dabei nun um die moralischen Kompasse der Sebait oder um die wissenschaftlichen Lehrbücher Kemets handelt, deutlich machen ist dass sich das Wesen der Menschheit in den letzten Jahrtausenden nicht wirklich verändert hat. Die Menschen von heute funktionieren nach denselben Mechanismen wie die von Damals. Einzig die eingesetzten Mittel und Werkzeuge haben sich mit der Zeit verändert und weiterentwickelt, die Menschen aber sind geblieben wie sie waren, auch wenn sie das heute nicht wirklich gern hören.

Weder ist die Menschheit in den letzten fünf vergangenen Jahrtausenden ruhiger und friedlicher geworden, eher im Gegenteil, noch wurde sie wirklich reifer und klüger. Die Menschen im Hier und Jetzt machen die gleichen Fehler wie die Menschen damals, sie fühlen, lieben und hassen wie diese, sie bereichern sich und betrügen genauso, sie beuten ihre Umwelt noch immer gnadenlos aus und sind ebenso wie die Damaligen nicht in der Lage über längere Zeit aus ihren Fehlern zu lernen und trotz alledem streben sie immer nach der perfekten Gesellschaft.

Diese letzten beiden Punkte sorgen vor allen anderen dafür, dass die Sebait trotz ihres hohen Alters von bis zu 5000 Jahren bis in die heutige Zeit nichts von ihrer Aktualität verloren haben, manche von ihnen könnte man glatt als „modern“ bezeichnen.


Merienptah


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