Von der Weisheit Kemets   Teil II

Im alten Kemet wurde die gesprochene Sprache erstmals in der Geschichte der Menschheit künstlerisch geformt und für die Nachwelt schriftlich festgehalten. So wurde ein Fundament geschaffen, auf dem sich seit über fünf Jahrtausenden große Dichtungen entwickelten, die noch heute zur Weltliteratur gehören.
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Ein Großteil dieser Schriften sind die sogenannten Weisheitslehren, die auf kemetisch als „Sebait“ also „Lehren/Unterweisungen“ bezeichnet werden. Sie sind eine Art moralischer Kompass die sich thematisch mit dem Umgang der Menschen untereinander, mit Tugenden und Lastern, Liebe und Leidenschaft, Leben und Tod oder Magie, Zauber und Orakeln beschäftigen.

Die Sebait sind in der Art verfasst worden als ob ein Weiser (in den meisten Fällen der Vater dem Sohn, aber auch Könige, Priester oder sogar bestimmte Götter) einem „Jüngling“ sein Wissen und seine Lebenserfahrungen wie ein Testament mit auf den Lebensweg gibt. Diese Lehren sind eine Sammlung von sozialen und moralischen Maximen, die den jungen Menschen zu einer verantwortlichen und vernünftigen Lebensführung anhalten sollen, damit er sich in die kemetische Gemeinschaft, sei es als Vorgesetzter oder eben auch als Untergebener, einfügen kann. Bei einer Befolgung der Lehre stehen am Ende Glück und Erfolg als Lohn, bei einer Missachtung aber Scheitern und Unglück als Strafe.

Die moderne, westliche Welt trennt vom alten Kemet eine lange Zeit, die uns auch deshalb so lang erscheint, weil unser eigenes Leben uns so kurz vorkommt. Aber was ist schon ein Jahrhundert? Es umfasst nur drei bis vier Generationen und selbst ein Jahrtausend enthält nur die Aufeinanderfolge von höchstens 40 Menschen. Wenn man die Zeitrechnung auf diese Weise betrachtet trennen uns im Hier und Jetzt nur etwa 240 Generationen von den Ursprüngen der der historisch verfolgbaren Menschheitsgeschichte vor etwa 6000 Jahren. Mag sich auch vieles in unserer durch die rasante Entwicklung der Technik und der neuen Medien geprägten modernen Welt in dieser Zeitspanne verändert haben, so stehen uns die alten Kemeten als Verfasser dieser Weisheitslehren doch in ihren Empfindungen; Vorstellungen und Gedanken recht nah.

Die 200 Generationen die die ersten Verfasser der ältesten Weisheitslehren von unserer heutigen Welt trennen haben nicht viel an den menschlichen Empfindungen und Gemütsregungen verändert. Die Vorstellungen des alten Kemet über Recht, Gerechtigkeit und Wahrheit sind den Menschen der modernen Welt noch genauso vertraut, denn das was damals als richtig und rechtschaffend erachtet wurde hat heute seinen moralischen Stellenwert nicht im Geringsten eingebüßt. Aber auch die erschreckenden Abgründe des menschlichen Charakters führen uns die Autoren der Sebait vor Augen; in poetischen Bildern, die so frisch und aktuell erscheinen, als seien sie erst vor kurzem niedergeschrieben worden. Denn der Mensch und sein Verhalten, seine charakterlichen Eigenschaften, Gute wie Böse, haben sich bis heute nicht im Geringsten verändert. Deshalb mag es erschrecken, aber auch überraschen dass unsere bis zu 5000 Jahre alten Texte, wenn man sie heute liest, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Hüte dich davor, einen Armen zu berauben oder einem Schwachen Gewalt anzutun.
Strecke die Hand nicht nach einem Alten aus um ihm zu nahe zu treten.
Beginne auch die Rede nicht bei einem Älteren.
Lass dich nicht mit einer schlimmen Botschaft ausschicken, und sei nicht begierig, sie zu überbringen.
Lache nicht über einen Blinden, verhöhne einen Verwachsenen nicht, und erschwere nicht die Lage eines Lahmen!
Verspotte keinen Mann, der in Gottes Hand ist (einen Schwachsinnigen), und zürne nicht gegen ihn, wenn er gefehlt hat. …“

Auszug aus der Lehre des Amenemope (Wie man ein guter Mensch wird)

Ähnliche moralische Verhaltenscodizes liefert auch die moderne, westliche Literatur, doch dieser über 3000 Jahre alte Text könnte genauso gut auch heute noch einem „Benimmführer“ beigefügt werden, denn die Aussage des Textes ist trotz des Alters modern und aktuell wie eh und je.

Iss nicht, während einer daneben steht, ohne dass du ihm die Hand hinstreckst.
Speisen gibt es ja jeden Tag.
Der Mensch durchlebt ein Menschenalter und geht dahin. Der andere aber lebt fort, und die Nahrung bleibt und begleitet ihn.
Doch wer letztes Jahr reich war, kann in diesem Jahr schon ein Bettler sein.
Sei nicht gierig, deinen Leib zu füllen, obgleich du dein Ende nicht kennst.
Denn all deine Habe ist vergänglich, und ein anderer könnte dir Gutes tun müssen.
Die Wasserflut des Vorjahres ist verschwunden, heute findet sich hier ein anderer Fluss.
Der Sumpf ist trocken geworden, und Sandbänke haben sich in Untiefen verwandelt.
Der Mensch selbst vermag nichts, ein Plan kann durch das Leben geändert werden.
Achte auf deine Position, ob sie niedrig sei oder hoch.
Vorwärtsdrängen ist nicht gut, sondern tritt deinem Rang gemäß auf.
Belästige einen Mann nicht in seinem eigenen Haus, sondern tritt nur ein, wenn du gerufen wirst, sonst mag er zwar „Willkommen“ sagen mit seinem Mund, aber er verachtet dich in seinen Gedanken.
Denn Nahrung gibt man auch dem, den man verachtet, und Speise dem, der ungeladen vorbeikommt.
Setz dich nicht hin, wenn einer steht, der älter ist als du, oder wenn er jünger ist, höher im Rang.
Ein gutes Benehmen tadelt man nicht, aber über ein schlechtes Benehmen wird geredet. …“

Auszug aus der Lehre des Ani (Unterweisung für meinen Sohn Chonsuhotep)


Ende Teil II


Merienptah


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