Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets    Teil IV

Das Thema Sterben und Tod beherrscht viele Kulturen und Religionen, doch keine andere hat sich wohl im Laufe der Zeit einen so komplizierten Totenkult erdacht wie das alte Kemet.
Thanks to: © Gretchen Sveda
  • Ich habe nie als Gottloser gehandelt
  • Ich habe nie grausame Gewalttaten verübt
  • Ich habe nie roh an den Menschen gehandelt
  • Ich habe nie einen Raub verübt
  • Ich habe nie meinen Mitmenschen wissentlich geschadet
  • Ich habe niemals den Kornscheffel vermindert
  • Ich habe nie wissentlich einen Betrug verübt
  • Ich habe nie geraubt, was den Göttern gehört
  • Ich habe nie wissentlich die Unwahrheit gesprochen
  • Ich habe nie meinen Mitmenschen ihre Nahrung entzogen
  • Ich habe nie jemanden verleumdet
  • Ich bin niemals streitsüchtig oder rechthaberisch gewesen
  • Ich habe niemals das den Tempeln gehörende Vieh angetastet oder getötet
  • Ich habe niemals die Menschen begaukelt oder beschwindelt
  • Ich habe mir niemals unbefugt Land angeeignet
  • Ich habe niemals an den Türen gelauscht
  • Ich habe mich nie durch zu viel Gerede versündigt
  • Ich habe nie einen Menschen verwünscht
  • Ich habe niemals meine Ehe gebrochen
  • Ich habe nie aufgehört in der Einsamkeit Keuschheit zu wahren
  • Ich habe nie unter den Menschen Furcht und Schrecken verbreitet
  • Ich habe nie die Ordnung der Zeiten gestört
  • Ich habe nie dem Jähzorn nachgegeben
  • Ich habe nie meine Ohren verschlossen vor dem Ruf nach Gerechtigkeit
  • Ich war niemals zanksüchtig
  • Ich habe nie dafür Schuld getragen, dass meine Mitmenschen Tränen vergossen
  • Ich habe mich nie wider die Natur mit Kindern versündigt
  • Ich erlag nie der Ungeduld
  • Ich habe nie einen Menschen beleidigt oder verhöhnt
  • Ich habe nie Streitereien oder Schlägereien gesucht
  • Ich habe nie mit Übereile gehandelt
  • Ich habe es nie an Ehrfurcht für die Götter fehlen lassen
  • Ich habe nie in meinen Reden durch Wortschwall gesündigt
  • Ich handelte nie unehrlich oder mit boshafter Absicht
  • Ich habe nie meinen Herren verflucht
  • Ich habe niemals die Gewässer entweiht und verschmutzt
  • Ich war in meinen Reden nie hochmütig
  • Ich habe nie die Götter gelästert oder ihnen geflucht
  • Ich war weder anmaßend noch übermütig
  • Ich habe nie um mich zur Geltung zu bringen Ränke geschmiedet
  • Ich habe mich nie auf unerlaubte Art und Weise bereichert
  • Ich habe nie die Götter missachtet

Als Abschluss dieses negativen Sündenbekenntnisses folgt noch eine Anrufung an die 42 Richter des Tribunals die nochmal betont dass der verstorbene frei von Sünden ist und dass die Götter ihn davor bewahren mögen vernichtet zu werden. Auszug:

„ … Möge mich also kein Unheil heimsuchen, denn genährt ward ich mit Gerechtigkeit und Wahrheit. In Eintracht mit den guten Sitten war immer mein Tun und den Göttern gefällig. … „

„ … Ihr himmlischen Wesen, befreit mich, beschützt mich! Beschuldigt mich nicht vor dem Gott, dem gewaltigen! Rein ist mein Mund, rein meine Hände… „


Die Bestattungspraxis

Ähnlich wie in alter Zeit betreibt auch der moderne Kemet einen gewissen Aufwand was seine Bestattung angeht obwohl sich dieser Aufwand doch erheblich von der Bestattungspraxis des alten Kemet unterscheidet.

Usir-Wennenefer

Wie bereits erwähnt verzichten wir zwar heute auf die Mumifizierung und auf prächtig ausgerüstete Totenhäuser mit all ihren Beigaben, aber dennoch sind gewisse Vorkehrungen zu treffen um zu gewährleisten dass sich Ka, Ba und Schut im Chet für ein ewiges Leben von „Millionen von Jahren“ zum Ach vereinen können. Dafür ist es unerlässlich dass der Körper (Chet) des Verstorbenen in der Zeit nach dem physischen Tod und vor der Achwerdung nicht zerstört wird. Wir lehnen deshalb jede Form von Bestattung ab, die den Körper zerstört oder seine Unversehrtheit beschädigt. Ebenso werden Autopsien oder ähnliche Untersuchungen, die den Leichnam beschädigen von uns strikt abgelehnt, solange sie nicht von Gesetzes wegen zwingend vorgeschrieben sind.

Noch lange bevor der physische Tod eintritt werden bereits erste Vorkehrungen getroffen. Um zum Beispiel zu gewährleisten dass der Ka vor der Achwerdung nicht stirbt, was eine Wiedergeburt als Ach unmöglich machen würde, wird durch die Tempelpriester eine sogenannte „Totenstele“ angefertigt. Diese bestehen aus einem Bild- und einem Textfeld. Das Bildfeld zeigt den Verstorbenen bei einem Opfer vor den Totengöttern und das Textfeld enthält die sogenannte „Opferformel“. Sie beinhaltet eine Anrufung an die Totengötter, in erster Linie Usir-Wennenefer (Osiris, im nebenstehenden Bild von Isis und Thot begleitet), die gewährleisten soll, dass dem Ka des Verstorbenen beispielsweise „1000 an Brot, 1000 an Bier, 1000 an Rind, 1000 an Geflügel, 1000 an Weihrauch, 1000 an Wasserspenden, 1000 an allen guten Dingen“ als Opfergaben zur Verfügung stehen mögen damit er versorgt ist und nicht stirbt. Diese Stelen erfüllen auch noch einen weiteren Zweck, auf ihnen ist der Name (Ren) des Verstorbenen festgehalten der nicht in Vergessenheit geraten darf. Diese Stelen werden dann nach dem Tod in den Archiven der Tempel eingelagert und dort beschützt um auf ewig zu gewährleisten dass der Name nicht in Vergessenheit gerät. An den Totenfesten des kemetischen Kalenders werden diese Stelen dann Jahr um Jahr von der Priesterschaft aus den Archiven hervorgeholt damit sie, stellvertretend für den Toten selbst, an den alljährlich vollzogenen Totenopfern und -ehrungen teilhaben können.

Des Weiteren gibt man schon zu Lebzeiten in den Tempelwerkstätten eine Schriftrolle in Auftrag die die „Sprüche vom Heraustreten ins Tageslicht“ enthält (heute als Totenbuch bekannt), die der Schut benötigt um unbeschadet seine Reise durch die Duat zu bewältigen und die ihm dabei helfen sollen das Totengericht in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ zu bestehen.

Auch wird der sogenannte „Herzskarabäus“ in den Tempelwerkstätten angefertigt, der verhindern soll dass das Herz beim Totengericht gegen den Verstorbenen aussagt. Diese beiden Gegenstände, die Spruchsammlung und der Herzskarabäus, sind die einzigen Beigaben die wir heutzutage unseren Toten noch mit ins Grab geben.

Wenn der Tod dann eintritt, geht es bei uns erst mal nicht viel anders vonstatten als bei jedem anderen Todesfall, doch noch bevor ein Arzt hinzugezogen wird, der den Tod amtlich festhält und den Totenschein ausstellt, wird der Leichnam des Verstorbenen von einem Priester rituell gereinigt und für die 70 Tage später folgende Achwerdung vorbereitet. Nachdem dann der Tod ärztlich bestätigt wurde wird eine Totenwache abgehalten die den Leichnam solange bewacht bis dieser durch das Bestattungsunternehmen abgeholt und für die Bestattung vorbereitet wird. Meist übernehmen diese Totenwache zwei Priesterinnen, eine Stellvertretend für die Göttin Aset (Isis) die andere stellvertretend für die Göttin Nebethat (Nephthys). Danach geht es wieder den üblichen Gang, der Sarg und die Grabstätte werden ausgewählt, und alles weitere für die Erdbestattung vorbereitet.

Vom Zeitpunkt des Todes an werden täglich von den Erben des Verstorbenen, und wenn keine Erben vorhanden sind durch einen Priester, vor der Totenstele in der Wohnung des Verstorbenen die Opfer für den Ka vollzogen. Täglich wird der Ka mit Speise- und Trankopfern versorgt, ebenso wie reinigende Weirauchopfer durchgeführt werden. Durch allabendliche Riten wird der Ba daran erinnert, sich nicht zu weit vom Leichnam zu entfernen und den Namen des Verstorbenen nicht zu vergessen, damit er den Weg zurück zum richtigen Körper findet um sich dort später wieder mit dem Ka und dem Schut vereinigen zu können.


Bild: Sothis

An der eigentlichen Bestattung die in der Regel zwei bis acht Tage nach dem Tod stattfindet, nehmen nur die engsten Familienangehörigen Teil, keine Freunde, keine Priester und auch niemand sonst. Die Beisetzung als solche ist absolute Privatsache und nur den engsten Angehörigen vorbehalten. Anders verhält es sich mit der eigentlichen Bestattungsfeier, dem Totenfest, das genau 70 Tage nach dem Tod stattfindet. Diese 70-Tagesfrist ist noch ein Überbleibsel aus den alten Tagen Kemets, denn die Mumifizierung und die Vorbereitung des Grabes für die Bestattung nahmen einen Zeitraum von etwa 70 Tagen in Anspruch. Mythologisch lässt sich diese Frist weiterhin dadurch erklären dass die Sterngöttin Sopdet (Sothis), die am Himmel als der hellste Stern Sirius zu sehen ist, im Jahresverlauf für genau 70 Tage nicht am Himmel über Ägypten zu sehen ist. Ihr Widererscheinen am Himmel, zeitgleich mit dem Sonnenaufgang (heliakischer Aufgang) fiel damals mit der alljährlichen Nilflut zusammen und stand damit für Regeneration und Wiedergeburt. Somit wird auch der Verstorbene, ebenso wie die Göttin, 70 Tage nach seinem Verschwinden, dem Tod, wiedergeboren. Dieser Zeitraum blieb bis heute unverändert als Trauerfrist in der kemetischen Bestattungspraxis erhalten.

Im Gegensatz zur eigentlichen Bestattung, die im engsten Kreis der Angehörigen und ohne großes Zeremoniell stattfindet, ist das Totenfest ein großes Fest, an dem Familie, Freunde, Bekannte und auch die Priester teilhaben, die an dem Tag die Totenriten vollziehen. Es beginnt bereits bei Sonnenaufgang. Der Sem-Priester erscheint in der Wohnung des Verstorbenen und Vollzieht dort die letzten Versorgungsopfer für den Ka des Verstorbenen. Danach begibt sich die Trauergesellschaft zum Grab und schmückt dieses mit Blumen.


Ende Teil IV


Merienptah


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