Betreut von Djehutimes
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets    Teil I

Das Thema Sterben und Tod beherrscht viele Kulturen und Religionen, doch keine andere hat sich wohl im Laufe der Zeit einen so komplizierten Totenkult erdacht wie das alte Kemet.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Dieser Totenkult hat all das hervorgebracht was die moderne Welt mit unserer Kultur verbindet, die gewaltigen Pyramiden, die Mumien, die goldenen Särge und die Schätze unserer Könige, die tief in den Fels gehauenen und wundervoll ausgemalten Gräber im ganzen Land; all das hätte es ohne den ausgeprägten Totenglauben im alten Kemet nie gegeben.


Bild: Pyramide des Chufu

Und auch wenn es so aussieht als wäre dieser Totenkult von Anfang an in seiner vollen Ausprägung dagewesen und über die Jahrtausende hinweg nicht verändert worden, so war er doch in den letzten 5500 Jahren oft Veränderungen und Anpassungen unterworfen, und das ist bis heute so geblieben.

Über den Totenkult des alten Kemet ist vielfach geschrieben worden, es gibt zahllose Publikationen über die Pyramidenfelder, die Mumien, die Gräber im Tal der Könige und die Beamtennekropolen im ganzen Land. Ebenso sind auch unsere alten Toten- und Unterweltsbücher weithin bekannt.

Doch der Totenkult Kemets hat sich im Laufe der Jahrtausende stark verändert. Das heutige Kemet unterscheidet sich in diesem Punkt doch recht deutlich vom Totenglauben der alten Zeit; die Bestattungspraxis ist heute eine gänzlich andere. Begründet liegen diese Unterschiede sicherlich im räumlichen Exil Kemets, in der verstrichenen Zeit und der damit einhergehenden Weiterentwicklung, dem Einfluss anderer Religionen und natürlich in der Gesetzeslage der Länder, in denen wir heute unser Heim haben.

Der Totenglaube

Ausgangspunkt unserer Reise in die Totenwelt Kemets ist der allabendliche Sonnenuntergang. Die Sonne entschwindet unserem Blick, verlässt die unsrige Welt und trägt das Licht in unsichtbare Tiefen hinab. In ihrer Nachtfahrt durchquert sie das Reich der Toten, dem sie jeden Morgen verjüngt und erneuert wieder entsteigt. Daraus kann man nach kemetischem Glauben die beruhigende Gewissheit schöpfen, dass der Tod nur ein Durchgang oder Übergang zu neuem, verjüngten Leben ist und dass auch die Verstorbenen jede Nacht ihren Anteil an dem Lebensspendenden Licht und der Lebenskraft unseres Sonnengottes erhalten.

Den Jenseitsvorstellungen Kemets zufolge weilt auch der Schlafende und der Träumende in jener Tiefe, wo es tatsächlich möglich wird, den Göttern und Verstorbenen real zu begegnen.

Die religiösen Grundlagen des Totenglaubens haben sich bis in die heutige Zeit tatsächlich kaum verändert, die Hauptunterschiede liegen eher in der praktischen Umsetzung. Der auffälligste Unterschied zwischen heute und damals ist in der Beisetzungspraxis zu finden. Die Erhaltung des Körpers ist für einen Fortbestand nach dem Tod und eine Erneuerung des Lebens nach heutiger Ansicht nicht mehr unbedingt notwendig, demzufolge werden unsere Toten im Gegensatz zu früher auch nicht mehr mumifiziert.


Bild: Chenmu erschafft den Körper und den Ka

Damit einher geht auch dass genau aus diesem Grund für die Toten keine „Totenhäuser“ mehr angelegt werden, was Beisetzungen mit reichen Grabbeigaben also ausschließt. Das heißt allerdings nicht dass sich Kemet gänzlich von den zum Totenkult gehörenden Grundüberlegungen verabschiedet hätte, allerdings wurden diese im Laufe der Zeit einfach den realen Gegebenheiten angepasst. Der Körper des Verstorbenen (Chet) ist uns noch immer genau so heilig wie damals und er wird auch von uns mit derselben Sorgfalt behandelt wie in alter Zeit.

Da er das Behältnis für die Seelenteile ist, (im kemetischen Weltbild gibt es nicht eine Seele, sondern mehrere - interessanterweise bedeutet Chet im Kemetischen neben „Körper“ auch „Weinkrug“) gilt er als heilig und darf nicht durch Menschenhand zerstört werden Das bedeutet im Umkehrschluss das gläubige Kemeten alle modernen Bestattungspraktiken ablehnen, die den Körper beschädigen oder sogar gänzlich vernichten, oder die den Verfall des Körpers in irgendeiner Weise beschleunigen. Also eine Feuerbestattung, bei der der Leichnam verbrannt und somit vernichtet wird, ist aus kemetischer Sicht ein Sakrileg.

Wie bereits erwähnt besteht nach kemetischer Sicht der Mensch, oder besser gesagt das Wesen eines Menschen aus verschiedenen Teilen. Die bedeutendsten unter ihnen sind der Körper (Chet), die Individiual- und Charakterseele Ka und die Exkursionsseele Ba. Weitere wichtige Bestandteile sind der Name (Ren) und der Schatten (Schut). Diese Wesensteile werden beim Tod des Körpers voneinander getrennt.

Dem Totenkult Kemets liegt der Wunsch zugrunde, dass sich die durch den physischen Tod auseinandergerissenen Teile erneut vereinen und als Verklärter (Ach) in die Unterwelt (Duat) eingehen um dort wiedergeboren zu werden und „Millionen von Jahren“ unter den Göttern zu leben.


Bild: Der Verstorbene vor seinem Ba

Der Ka ist ebenso wie der Ba keine präexistente, universelle Seele, sondern entsteht zusammen mit dem Körper, das heißt, er wird während der Schwangerschaft vom Gott Chenmu (Chnum) als „Doppel“ des Körpers geformt. Er ist die Quelle der Lebenskraft; durch seine Anwesenheit ist der Mensch beseelt und belebt. Nach dem Tod bleibt der Ka in der Nähe des Leichnams um ihn zu beschützen. Das Ziel des Totenkultes ist es, dass sich der Ka im Körper erneut mit den anderen Wesensteilen verbindet um ihn als Verklärter (Ach) „wiederzubeleben“. Die endgültige Trennung eines Toten von seinem Ka gilt als größtmögliches Unglück.

Das Hauptmerkmal des Ba ist seine große Beweglichkeit. Sie kommt in seiner Vogelgestalt zum Ausdruck. Der Ba wird gewöhnlich als Vogel mit Menschenkopf dargestellt, er kann aber auch andere Gestalten annehmen, darunter die menschliche des Verstorbenen. Zu Lebzeiten des Menschen ist der Ba im Körper eingeschlossen, beim Tod löst er sich vom Körper. (im Traum kann sich der Ba ebenfalls zeitweise vom Körper lösen und ihn verlassen, deswegen bezeichnet man den Ba auch als Exkursionsseele).

Ziel der Totenliturgien Kemets ist es den Ba nach dem Tode, ebenso wie auch schon den Ka wieder mit dem Körper zu vereinen. Der Ba ist keineswegs von Natur aus unsterblich und unverletzlich; er kann gepackt und gefangengesetzt, ja sogar vernichtet werden, was zur endgültigen Vernichtung des Menschen führt.


Bild: Der Schut

Der Schut, beziehungsweise der Schatten eines Menschen ist das Äquivalent zu dessen Ka und damit ein Teil seines Wesens. Nach dem Tod löst sich dieser ebenfalls vorübergehend vom Körper. Der Schut ist nach unserem Totenkult, der Teil des Menschen der nach dem physischen Tod direkt in die Duat wandern soll um dort den Weg zur Halle der Wahrheit, dem Ort des Totengerichts zurückzulegen. Also Sinn und Zweck unserer Totenrituale ist es den Körper Chet erneut mit den Wesensteilen Ka, Ba, und Schut zu vereinen um ein Ach zu werden.


Ende Teil I


Merienptah


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