Vom Ursprung der Dinge   Teil III

Wie schon im Artikel über die Schöpfung der Welt wollen wir noch einmal an den Anfang allen Seins zurückblicken, denn die Welt, wie sie ist, erklärt sich von ihren Anfängen her.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Der heute als „ägyptischer Urmonotheismus“ bezeichnete Glauben Kemets besteht also in der Vorstellung dass das Göttliche am Anfang Eines war und in der Kosmogonie zu Vielem wurde, als Werk des Einen. Aus diesem Grund sprechen viele alte Texte nur von Gott, ohne einen bestimmten Namen zu nennen; dies verdeutlicht dass mit diesem Gott, alles Göttliche gemeint ist. Diese Sonderstellung des einen Schöpfers am Anfang allen Seins wird in den kemetischen Texten in geradezu monotheistischer Strenge durch immer neue Definitionen umschrieben, häufig in paradoxer Form. Er ist „der Eine, der seinen Erzeuger erzeugte, der seine Mutter hervorbrachte und seine Hand erschuf“, wie es in einem Sonnenhymnus des Neuen Reiches heißt, in Anspielung auf das Werk des Atum, der mit seiner Hand den ersten Samen hervorbrachte. Optisch erfassen lässt sich diese Weltsicht bei einem Blick auf die Sonne am Himmel, sie steht im Zentrum als alleiniger Ursprung allen Seins und aus ihr gehen Millionen Strahlen hervor. Wenn in der Kosmogonie von Memphis Ptah an den Anfang gesetzt wird, erscheint er als Vater des Atum, also als „Erzeuger des Einen, der keinen Erzeuger hat“ und als Ptah-Nun, um auch die Urflut vor der Schöpfung in sein Wesen mit aufzunehmen.

Diese Urflut, der Urozean Nun verkörpert das Nichtseiende, das als Wasser und Finsternis vor jeder Schöpfung, vor Raum und Zeit und auch vor dem Einen des Anfangs war. Die Redewendung „als ich noch im Nun war“ bedeutet: als die Welt noch nicht geschaffen war. Dies ist das für moderne Augen so paradoxe an der Schöpfung aus kemetischer Sicht: Der Schöpfer befindet sich im Nichts als er das Seiende ins Leben ruft. Er bringt sich selbst und die Welt aus einem Zustand der Nichtexistenz hervor. Aus Nichts wird Alles erschaffen, durch die reine Willenskraft des Schöpfers. Seine eine Seite ist Finsternis, die andere Licht. Er steht zwischen Nichtsein und Sein. Das kommt auch im Namen des Gottes Atum zum Ausdruck; der Wortstamm tem ist eine Umschreibung für „nicht sein“, kann aber auch „vollendet“ und „vollständig sein“ bedeuten. Der Ägyptologe Erik Hornung hat einmal als gemeinsamen Nenner „der Undifferenzierte“ vorgeschlagen. Als der Eine gehört der Schöpfer noch dem Nichtseienden an, durch seine Entfaltung im ersten Götterpaar Schu und Tefnut tritt er ins Sein; durch diese Entfaltung setzt sich der Schöpfungsprozess in Gang.

Der Beginn der Schöpfung ist nichts anderes als Differenzierung der Welt aus dem Einen des Anfangs. Diese Entfaltung des Seins wird einmal durch numerische Formeln umschrieben, wie „aus Eins wird Viel“; auf andere Weise wird diese Entfaltung anschaulich gemacht im Bild der Trennung von Himmel und Erde in der nächsten Göttergeneration, die im raumlosen Anfang noch ungetrennt waren.

Schu, der Sohn des Urgottes Atum, trennt die Himmelsgöttin Nut vom Erdgott Geb, die die Kosmogonie von Heliopolis als seine Kinder und die Eltern von Osiris und Isis benennt. Als sprachliches Bild ist diese Vorstellung der Trennung von Himmel und Erde bereits in den Pyramidentexten belegt, bildlich begegnet uns diese Darstellung, in der Schu die Göttin Nut -oftmals unterstützt von weiteren Göttern- in den Himmel über ihren Brudergemahl Geb emporhebt, jedoch erst in Totenbuchpapyri aus dem Neuen Reich. Diese „Hochhebung des Himmels“ vollendet die räumliche Schöpfung, die der Urgott begonnen hat, sie grenzt die gestaltete Welt gegen das immer noch Ungestaltete ab und Schafft den irdischen Raum.

Nach der Trennung von Himmel und Erde setzt sich die Schöpfung fort, die Himmelgöttin Nut gebiert die nächste Göttergeneration und die Erde bevölkert sich mit allerlei Wesen, wobei die Kosmogonien Kemets keinen gesonderten Wert auf die Erschaffung des Menschen legen oder diese besonders hervorheben. Nach kemetischer Sicht ist der Mensch nur einer von vielen Millionen Teilen aus denen sich die ganze Schöpfung zusammensetzt. Die Menschen werden nicht als von der Schöpfung losgelöst oder gar über sie erhaben betrachtet. Meist werden Götter und Menschen parallel genannt, beide sind vom Urgott erschaffen. Aus Freude am Wortspiel in der kemetischen Sprache, am Zusammenklang der Dinge und Namen, erwächst die Aussage, die Menschen seien aus den „Tränen“ des Schöpfers entstanden, da beide Worte im Kemetischen denselben Wortstamm (rem) haben. Aber das ist mehr als nur ein Anklang, es ist eine Erklärung für die zwiespältige Herkunft des Menschen, aus einer Trübung des Gottesauges, die der Urgott wieder überwunden hat. „Die Menschen gehören der Blindheit, die hinter mir ist“ sagt er in den Sargtexten, und damit ist subtil angedeutet, weshalb wir so oft mit Blindheit geschlagen sind. Oftmals behaupten die Mythen auch dass die Menschen durch ihre guten Taten den Schöpfer zu Tränen rühren oder ihn andererseits ob ihrer oftmaligen Unvernunft zum Weinen bringen, womit ein weiteres Spiegelbild des Wortspieles von Menschen und Tränen geschaffen wird.

Die Götter lassen die Mythen entsprechend aus dem Schweiß des Schöpfers entstehen. Bei den Göttern Kemets ist der Schweiß Träger des Wohlgeruches, der sie wie eine Aura umgibt und zugleich mit dem Glanz, der von ihnen ausstrahlt, ihre Anwesenheit verrät.

Am Anfang leben Götter und Menschen gemeinsam auf der Erde, unter der Herrschaft einer Götterdynastie, die den historischen Königen vorangeht. An ihrer Spitze steht der Sonnengott Re, der über alle Wesen herrscht. So können sich die Menschen und alle Wesen auf der Erde in dieser ersten Phase an der ständigen Gegenwart der Sonne erfreuen. Es gibt noch keinen Wechsel von Tag und Nacht, auch Tod und Unterwelt existieren noch nicht. Diese Zeit beschreiben die alten Texte als das „goldene Zeitalter“, die selige Urzeit (pa’ut), in der die Maat, die richtige, harmonische Ordnung der Dinge, in Gestalt der Tochter des Re zu den Menschen kommt und das Leben gemäß den Gesetzen der göttlichen Weltordnung bestimmt. Doch dieser perfekte Zustand der Welt sollte nicht für ewig andauern.

Im Buch von der Himmelskuh wird beschrieben, wie dieser vollkommene Anfangszustand nach Jahrtausenden sein Ende findet und der jetzige, keinesfalls ideale Zustand der Welt eintritt. Der Grund dafür liegt in der Alterung, der alles Seiende unterworfen ist. Die anfängliche Jugendfrische der Schöpfung erlahmt im Laufe der Zeit, der Sonnengott altert, während die Finsternis -als Urkraft aus dem Nichtseienden- niemals altern kann. Diese Texte beschreiben den Sonnengott Re als altgewordenen Greis, dem die Zügel der Herrschaft langsam entgleiten. Die Götter Kemets sind keineswegs im Besitz der Unsterblichkeit, auch sie sind dem Alterungsprozess der Welt unterworfen. Und so ruft die Altersschwäche des Sonnengottes Gegenkräfte auf den Plan. Die Menschen „ersinnen Anschläge und Aufstände gegen Re“ und müssen bestraft werden. Ein Teil von ihnen wird, wie der Mythos von der Vernichtung des Menschengeschlechtes berichtet, durch das „Feurige Auge“ des Gottes vernichtet. Doch ein Rest bleibt übrig, wird vom Sonnengott verschont und bevölkert die Welt aufs Neue. Der Sonnengott Re, betrübt und von den Menschen enttäuscht, entfernt sich auf dem Rücken der Himmelskuh von der Erde, es wird zum ersten Mal seit Anbeginn der Schöpfung wieder finster, die Menschen wenden sich in ihrer Blindheit gegeneinander und sind fortan von den Göttern getrennt. Diese ziehen sich mit dem Sonnengott in den Himmel zurück, nur Osiris erhält die Herrschaft über die Unterwelt, die jetzt erst geschaffen und eingerichtet wird. Denn die Alterung hat als unausweichliche Konsequenz den Tod zur Folge, er setzt auch der Herrschaft der Götter ein Ende; auf den Sonnengott, der den Mondgott Thot als seinen Stellvertreter eingesetzt hat, folgt sein Sohn Schu, auf Osiris folgt Horus.

Von nun an bestimmen Krieg und Gewalt das Leben der Menschen, sie haben die paradiesische Unschuld des Anfangs verloren, und die Welt der Götter wird ihnen erst im Tod wieder zugänglich. Diese „Rebellion“ der Menschen gegen ihren Schöpfer deutet die Gefahren an, die der Schöpfung und ihrem Fortbestand drohen. Es gibt Mächte der Auflösung, die den Lauf der Welt, symbolisiert durch den täglichen Lauf der Sonne, zum Stillstand bringen wollen. Diese Macht verkörpert sich im Gott Apophis, der die Fahrbahn der Sonnebarke trockenlegt und sie somit in ihrem Lauf aufhalten will, der aber durch die Macht der Zaubers immer wieder überwunden wird. Bis jetzt jedenfalls.

Die Drohung einer Aufhebung der Schöpfung äußert sich in der Vorstellung, der Himmel könne auf die Erde stürzen und damit aller Raum kollabieren; die Allvermischung des Uranfangs zurückkehren. Im Buch von der Himmelskuh werden sehr ausführlich die Bemühungen geschildert, den Himmel zu stützen und zu tragen, und das wichtigste dieser tragenden Elemente ist die Zeit.

Am Ende der Zeit werden sich Himmel und Erde wieder vereinen. Dann endet der Sonnenlauf, erfüllen Urflut und Urfinsternis aufs Neue das All, und nur der Schöpfer überdauert als schlangengestaltiges Urwesen, in das Chaos zurückkehrend, aus dem er hervorging. Diese Überlegungen zum Ende allen Seins werden nur selten in den kemetischen Texten direkt ausgesprochen, sie werden eher subtil angedeutet, wobei sie aber darauf hinweisen dass Anfang und Ende der Welt in einer gewissen Symmetrie zueinander stehen.

Die Schöpfung trägt in sich bereits den Keim des eigenen Verfalls, aber nur dadurch wird es möglich, dass sie sich verjüngt und regeneriert. Dies ist die tragende Idee der kemetischen Kultur, aus der sich viele ihrer schöpferischen Kräfte erklären. Die Schöpfung ist kein ein einmalig-abgeschlossener Akt, sie muss ständig wiederholt und neu bestätigt werden. Die gestaltete Welt ist umringt von der Uferlosigkeit des Ungestalteten, des Nichtseienden, welches das Sein mit Auflösung und völliger Auslöschung bedroht.

 

Bild 1: die Milchstraße (Copyright: NASA/DOE/Fermi LAT/D. Finkbeiner et al.)
Bild 2: Titelbild aus dem “Buch von der Himmelskuh”
Bild 3: Benu Reiher


Merienptah


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