Betreut von Djehutimes
Vom Ursprung der Dinge   Teil II

Wie schon im Artikel über die Schöpfung der Welt wollen wir noch einmal an den Anfang allen Seins zurückblicken, denn die Welt, wie sie ist, erklärt sich von ihren Anfängen her.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Urhügel, Urlotos oder Urkuh sind verschiedene Umschreibungen für den tragenden Grund der Schöpfung, sie verorten den Beginn des Seins und erlauben uns diesen Urakt der Schöpfung vor unserem inneren Auge zu visualisieren ohne dabei jedoch Anspruch darauf zu erheben die „einzig wahre Wahrheit“ in Form einer Aufzählung historischer Fakten zu vermitteln. Aus diesem Grund der Schöpfung steigt die Sonne auf und formt durch ihr Licht den Raum und durch ihren Lauf die Zeit. Der Startpunkt der Schöpfung ist definiert. Der Urkeim der Welt wird in anderen Schriften auch als „kosmisches Ei“ beschrieben, das sich am Uranfang noch im Leib des „großen Schreiers“ befindet, des Urvogels, dessen Schrei die Urstille durchbricht, noch bevor die Sonne aus seinem Ei emporsteigt. Diesen Vogel sieht man als den Reiher Benu, der sich als erstes Wesen überhaupt auf dem Urhügel niederlässt. Spätere Mythen setzen ihn mit dem Phoenix gleich.

So erscheint der Schöpfer in vielerlei Gestalten - als Mensch, als Vogel oder auch als Schlange, die ja das eigentliche Urwesen ist. In menschlicher Gestalt wird der Schöpfers als Atum verehrt, der mit seiner Hand den ersten Samen erzeugte oder das erste Götterpaar ausspuckte oder -nieste. Dieses erste Götterpaar sind in den Schöpfungsmythen Kemets Schu und Tefnut. Von Schu heißt es in den Sargtexten ausdrücklich, er sei „nicht in irgendeinem Ei gebildet“. Mit diesem ersten Götterpaar und dessen Nachkommen Geb und Nut beginnt der Lauf der natürlichen Fortpflanzung und Vermehrung, und mit den vier Gottheiten der folgenden Generation (Osiris, Isis, Seth und Nephthys) ist das System der „Neunheit“ abgeschlossen, die in den kemetischen Mythen vom Anbeginn eine so wichtige Rolle spielt - unabhängig von Ort und Zeit, auch wenn diese Neunheit und ihre Kosmogonie aufgrund ihres Urgottes Atum und dessen Hauptheiligtum in Heliopolis (dem alten Iunu) oft als „heliopolitanisch“ bezeichnet wird. Ihr wird dann oft eine sogenannte „memphitische“ Kosmogonie gegenüber gestellt, in der Hauptgott der alten Landeshauptstadt Memphis (Mennefer) Ptah, oder genauer Ptah-Tatenen als Schöpfer wirkt, der durch sein Wort die Welt erschuf; indem er die sie in seinem innersten ersann und durch den Ausspruch seiner Zunge ins Leben rief. Durch diesen Akt der willentlichen Schöpfung wurde Ra geboren, aus dem Schu und Tefnut hervorgingen und sich die Schöpfung wie bereits aus Heliopolis bekannt in Gang setzte.

Die Überlieferung der Schöpfung durch das Wort als Akt des Willens reicht unabhängig von diesem am memphitischen Hauptgott orientierten Mythos bis zu den Pyramidentexten zurück und ist keineswegs nur mit Ptah verbunden. In den alten Texten wird berichtet wie der Sonnengott durch planende Einsicht (Sia), schaffenden Ausspruch (Hu) und wirksamen Zauber (Heka) wirkt - diese drei Schöpferkräfte begleiten ihn auf seiner Fahrt und helfen ihm nachts in der Unterwelt sein Schöpfungswerk zu erneuern. In einem anderen Mythos war am Anfang das Wort des Amun, der als Urvogel seine Stimme erhob. In diesem Mythos handelt es sich beim Urvogel allerdings nicht um einen Reiher, sondern um einen Ganter, das heilige Tier des Amun, und sein Name wird mit „der große Schnatterer“ wiedergegeben. Auch der Göttin Neith wird in alten Mythen nachgesagt sie habe durch sieben Aussprüche die Welt ins Leben gerufen, andere Texte berichten allerdings davon dass es sich dabei um ein siebenfaches Lachen und demzufolge um eine eher ungeplante Initialzündung der Schöpfung gehandelt haben soll.

In der Gestalt der großen Göttin Neith tritt uns erneut eine weibliche Schöpfergottheit entgegen, eine Urmutter allen Seins, aus deren Schoß nach den alten Kosmogonien von Sais (Sau) und Esna (Iunyt / Senat) die Sonne geboren wurde. Ihre enge kultische Verbindung mit der Urkuh Mehet-weret führt uns wieder zur Vorstellung von der Himmelskuh zurück, welche die Sonne und alle Gestirne trägt. Als Universalgöttin taucht Neith auch oftmals bildlich, anders als gewohnt, nicht mit der roten Krone des Nordens sondern mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe auf. Denkt man an die bedeutende Rolle, die Neith schon in der Frühzeit Kemets spielte, und an ihre alte Verkörperung in einem Käfer, so macht dies ihre Stellung im Zentrum alter kosmogonischer Vorstellungen deutlich, die später erst von anderen überlagert wurden; der Käfer der Neith verschwindet im Laufe der Zeit und weicht der Erscheinungsform des Sonnengottes Re als Skarabäus Chepri.

Erwähnenswert ist hier auch dass der Mythos um Neith wohl weitaus älter als der heliopolitanische ist und nie mit diesem oder den sich auf ihn beziehenden Kosmogonien verknüpft wurde; auch werden Neith oder ihre Nachkommen wie beispielsweise Chnum, Heket, Menhit oder Sobek, die alle gewisse „Schöpferqualitäten“ ihr Eigen nennen, niemals wirklich in den heliopolitanischen Götterhimmel integriert. Sie bilden eine eigenständige parallele Götterwelt. Also vom kemetischen Pantheon zu sprechen wäre genauso falsch wie von DEM kemetischen Schöpfungsmythos, da es davon in Kemet jeweils mehrere verschiedene gibt.

Neben Neith wird auch Chnum als Schöpfer verehrt. Es heißt er schafft durch das Werk seiner Hände, man sagt er ist derjenige Gott, der die Menschen oder gar das Urei und mit diesem die ganze Welt aus Ton auf seiner Töpferscheibe formt. Auch Ptah, in seiner Funktion als Gott der Handwerker und Künstler, wird als ein solcher Bildner gesehen, der nicht nur durch das Schöpferwort, sondern wie ein Künstler die Welt als sein Werk formt.

All diese verschiedenartigen Aussagen Kemets über Schöpfung und Schöpfer lassen sich weder in ein zeitliches Nacheinander noch ein geographisches Nebeneinander bringen. Sie durchdringen einander und ergänzen sich gegenseitig. Sie sind Versuche, die komplexe Weltentstehung möglichst differenziert zu beleuchten und so besser verständlich zu machen. So sind die Person des Schöpfers und die Art seines Wirkens im kemetischen Glauben nicht verbindlich festgelegt, aber es gibt dennoch eine ganze Reihe von gemeinsamen Aussagen. Der Schöpfer, ganz gleich welcher damit nun gemeint ist, ist „von selbst entstanden“ (cheper djesef); er hat keinen Vater und keine Mutter, sondern hat „sein Ei selber gebildet“, wie es in einem Hymnus zu Ehren Amuns so schön beschrieben wird. Die Schöpfergottheit gehört vor die geschlechtliche Differenzierung in männlich und weiblich, ist daher „Vater und Mutter“ in einem, oftmals androgyn dargestellt. Vor allem tritt der Schöpfer als der „Eine, neben dem nichts anderes ist“ in Erscheinung, der sich selbst zu dem „Einen, aus dem Millionen werden“ macht.


Ende Teil II


Merienptah


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