Kemetische Religiösität, oder: Den Göttern das Ihre geben!   Teil II

Diesmal möchte ich ein paar grundlegende Überlegungen zu den viel strapazierten und sich häufig vermischenden Begriffe „Spiritualität“ und „Frömmigkeit“ anstellen. Es lohnt sich diese beiden Begriffe genauer zu betrachten, da sie in der Umgangssprache oft ungenau verwendet werden. Dabei werde ich auch ganz kurz auf die jeweilige Begriffsgeschichte eingehen.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Das Gelingen des eigenen Lebens gemäß der eigenen Talente und Veranlagungen ist im Grunde der Kern gelebter kemetischer Religiosität. Das individuelle Gelingen partizipiert an der kollektiven Religiosität der Gesellschaft, d.h. Individuelles und Gemeinschaftliches besteht parallel zu einander und bedingt sich teilweise gegenseitig. Für uns gibt es also keinen Widerspruch zwischen kollektivem Eingebundensein, individueller Weltsicht und religiöser Praxis.


Die Dualität im kemetischen Verständnis

Für uns heutige Menschen, auch für mich, ist es mitunter schwierig nachzuvollziehen, dass etwas, was unseren indogermanischen Sprachgewohnheiten nach als ein Widerspruch erscheint, in Wirklichkeit keiner ist. Wir können uns zwar über die Metapher der „zwei Seiten einer Medaille“ dieser Wirklichkeit annähern, aber es bleibt im Denken doch ein Umweg, eine Behelfslösung. In der altägyptischen Sprache hingegen gibt es die grammatikalische Konstruktion des Duals, der eben solche „zwei Seiten einer Medaille“ direkt ausdrücken kann. Da es für den Dual im Deutschen aber keine Entsprechung gibt, lässt er sich leider nicht korrekt übersetzen, weshalb wir, auch ich, auf diese für uns nützliche Metapher angewiesen sind.

Das Zusammenspiel von Sprache und Denken, also der Umstand, dass die jeweilige Sprache das Denken des Menschen, und das Denken die Sprache beeinflussen, wäre im Altägyptischen sicherlich auch mit einem Dual benannt gewesen. Denn die Sprache einer Kultur spiegelt ganz grundsätzliche gemeinschaftliche Bewusstseinsinhalte wieder. So war es für den Altägypter absolut nichts besonderes, genau wie für heutige Kemeten, wenn „eine Medaille zwei Seiten“ hat. Jede Kultur spiegelt durch ihre Grammatik und ihren Sprachgebrauch, einen wesentlichen Teil ihres Generationen übergreifenden Begreifens ihrer Umwelt und ihrer Weltsicht wieder. Die Inuit kennen über 15 Worte für Schnee, die Tibeter gut 21 Worte für Bewusstseinszustände, im Deutschen gibt es, noch, eine direkte Ausdrucksmöglichkeit für Besitz- und Zugehörigkeitsverhältnisse (Genetiv), und im Altägyptischen gibt es die Möglichkeit scheinbare Widersprüche widerspruchslos zu benennen – den das kemetische Denken bis heute bestimmenden Dual. Das Duale zieht sich durch alle Bereiche und zeigt sich auch darin, dass das Land Kemet als Vereinigung der beiden Länder Ober- und Unterägypten, also dual, gedacht ist. Einzeln und doch vereint, wie die zwei Seiten einer Medaille. Ebenso bei Ma'at und Isfet, Wüste und Fruchtland, sowie Diesseits und Jenseits, der Lebensbereiche der Menschen und der netjeru, aber eben auch bei Gemeinschaft und Individualität.

Von der Individualität der Götter

So steht für uns auch trotz der unzähligen Verbindungen und „Verschmelzungen“ der Götter die Individualität der einzelnen netjer außer Frage. „Jede Gottheit ist für den Gläubigen eine gesonderte Gestalt mit unverwechselbaren Zügen gewesen, also auch mit bestimmten Wesenszügen, die sie mit keiner anderen Gottheit teilt.“ [Hornung, S.150] Jede Gottheit besitzt ganz eigene Charakterzüge, die sie individuell von allen anderen Göttern unterscheidet.

Aus eben dieser Individualität der netjeru (Pl.) erklärt sich auch, warum man sich nicht einfach von ihnen nehmen kann, was man gerade will oder braucht. Jeder kann sich zwar an jede Gottheit wenden, aber er darf nicht erwarten, dass die Götter springen, wenn er oder sie etwas von ihnen möchte.  Götter sind keinesfalls Dienstleister, die man nur mit entsprechenden Ritualen, einer Hand voll Weihrauch und hübsch zitierten Versen zu bezahlen oder gar bestechen könnte. Ihre Hauptaufgabe ist es den fortwährenden Schöpfungsprozess in Gang zu halten und uns Menschen dadurch den Rahmen für unser Leben, also ein funktionierendes Universum und eine belebte Welt zur Verfügung zu stellen. Direkte Eingriffe in den Alltag der Menschen gehören nicht zu diesen Aufgaben und kommen daher nur in Ausnahmefällen vor. Wann die Götter eingreifen und wann nicht entscheiden sie ganz allein. Opfergaben und Gebete können diese Entscheidung nicht beeinflussen, da das Opfer im kemetischen Verständnis nichts mit einer „Bezahlung“ zu tun hat sondern lediglich der Versorgung der Götter mit alltäglichen Gütern dient. Sicher besteht in Einzelfällen die Möglichkeit eines göttlichen Eingreifens in menschliche Tagesabläufe, jedoch bleibt das die Ausnahme und obliegt allein der Entscheidung der Götter.

Auch stellt eine magische Unterwerfung unter den menschlichen Willen einen üblen Verstoß gegen das Prinzip der Ma'at dar. Götter sind freie Wesen, mit einem freien Willen und freien Gefühlen! Götter sind zwar von ihrem Wesen und ihrer Natur her dem Menschen überlegen, aber wir sitzen beide im gleichen Boot: Der Mensch am Steuerruder und die Götter als Kapitäne. Und „bis zu Letzt gehören beide der gleichen Seinswelt an und bleiben als Partner aufeinander angewiesen“. [Hornung, S. 208] Die Götter möchten mit uns zusammen unsere Welt erhalten und gestalten. Ich stelle mir das in etwa so vor, dass wir Menschen in unserem Teil der Welt dem Diesseits leben und handeln, die Götter leben und handeln in ihrem Teil der Welt dem Jenseits und dass die Handlungen als Wirkung in die jeweils andere Lebenssphäre reichen. Ich denke, es ist im Gegensatz zu der Ansicht Hornungs zunächst noch keine Partnerschaft als solche, zumindest nicht im konkreten Sinn, sondern erst mal grundsätzlich eine Art Gemeinschaft.

Es ist im Gegensatz zu Hornungs Definition allerdings weder eine direkte Partnerschaft, noch eine direkte Gemeinschaft. Götter und Menschen leben jeweils getrennt voneinander in der gleichen Welt, aber es gibt ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zwischen Menschen und Göttern. Die Menschen brauchen die Götter, denn ohne die göttlichen Kräfte käme der Schöpfungsprozess zum Stillstand, was das Ende der Welt bedeuten würde und ohne die menschliche Fürsorge würden die Götter „sterben“, was das Gleiche zur Folge hätte…

Auch betet nicht jeder Kemet gleichermaßen alle Götter an. Ein Handwerker z. Bsp. hat berufsbedingt viel mit Ptah zu tun, ein Musiker eher mit Hathor, Ärzte und Heiler mit Sachmet, Schreiber und Gelehrte mit Djehuti, usw., wobei man natürlich individuell auch mit mehreren Göttern zu tun haben kann oder auch in den Bereich von Göttern gelangen kann, mit denen man vorher nichts zu schaffen hatte. Der Wunsch einander kennen zu lernen, Respekt, Vertrauen, Sympathie, all die Qualitäten die wir uns auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es Partnerschaften oder Freundschaften, wünschen, gelten freilich ebenso für die Götter. Unsere Gabe, Fähigkeit und Freude an sozialem Verhalten ist ein Geschenk der Götter an uns weil sie selbst gesellige und soziale Geschöpfe sind. Es ist also nur fair und ma'atgerecht, wenn wir uns ihnen gegenüber ebenfalls so sozial benehmen, wie wir es uns selbst gegenüber wünschen.

„Den Göttern das Ihre geben“ meint also keinesfalls einen blinden Gehorsam, schon gar nicht zwanghaft gegenüber jeder Gottheit. Kein Kapitän – um bei der obigen Metapher des gemeinsamen Bootes zu bleiben – hat etwas davon, wenn sich seine Mannschaft an den Steuerrudern zu Grunde richtet. Ebenso wenig hat er etwas davon, wenn jemand am Steuerruder sitzt, der in der Kombüse, im Kartenraum oder in der Krankenstation besser aufgehoben wäre. Die Götter möchten, dass wir die von ihnen geschenkten Gaben und Talente, welche auch immer das beim Einzelnen sein mögen, ihrem Wesen nach durch Übung und Schulung entsprechend fördern und zum Wohle anderer, d.h. ma'atgerecht, einzusetzen.

Das Schöne an lebendigen, dynamischen Gemeinschaften ist aber, dass man jeden kennen lernen kann und darf, den man sympathisch und interessant findet. Und wenn wir auch durch unseren Beruf und unseren Aufgaben mit bestimmten Göttern in einem partnerschaftlichen Verhältnis stehen, zu anderen in einem vielleicht eher neugierigem oder gar freundschaftlichen Verhältnis, so ist doch das wertvollste, was wir einander geben können, an den anderen zu denken und ihm etwas zu schenken, was ihm oder ihr Freude bereitet.

Literatur:

Hornung, Erik: „Der Eine und die Vielen“, 7. Auflage; Darmstadt 2011.


Djehutimes


Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer - Teil II 15.04.2017
Kemetische Orthodoxie – Mein Weg in das House of Netjer - Teil I 01.04.2017
Altägyptische Symbole und ihre Bedeutungen 11.03.2017
Warum "Jahreskreisfeste" im Alten Ägypten keine Rolle spielten 17.12.2016
Bestechen und Bedrohen von Göttern 21.05.2016
Ma´at im Alltag 12.03.2016
Totenfest auf Ägyptisch 07.11.2015
Keine lieben Kätzchen - Kemetische Katzengottheiten Teil III 19.09.2015
Keine lieben Kätzchen - Kemetische Katzengottheiten Teil II 05.09.2015
Keine lieben Kätzchen - Kemetische Katzengottheiten - Teil I 08.08.2015
Träume und Schlaf im Alten Ägypten 12.04.2015
Von der Weisheit Kemets - Teil III 17.01.2015
Von der Weisheit Kemets - Teil II 13.12.2014
Von der Weisheit Kemets - Teil I 22.11.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil V 11.10.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil IV 20.09.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets Teil III 23.08.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil II 02.08.2014
Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets - Teil I 05.07.2014
Vom Ursprung der Dinge - Teil III 15.06.2014
Vom Ursprung der Dinge - Teil II 03.05.2014
Vom Ursprung der Dinge - Teil I 12.04.2014
Von der Schöpfung der Welt - Teil IV 25.01.2014
Von der Schöpfung der Welt - Teil II 28.12.2013
Von der Schöpfung der Welt - Teil II 02.11.2013
Von der Schöpfung der Welt Teil I 19.10.2013
Heurige Neujahrsansprache von Merienptah 29.06.2013
Kuhgestaltige Gottheiten in Ägypten 09.02.2013
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil IV 12.01.2013
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil III 22.12.2012
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil II 08.12.2012
Kemetische Religiösität, oder: Den Göttern das Ihre geben! - Teil III 03.11.2012
Kemetische Religiösität, oder: Den Göttern das Ihre geben! - Teil II 20.10.2012
Vom Wesen kemetischer Tempel - Teil I 29.09.2012
Kemetische Religiosität, oder: Den Göttern das Ihre geben! - Teil I 14.07.2012
Das kemetische Jahr - Teil II 23.06.2012
Das kemetische Jahr - Teil I 02.06.2012
Die kemetischen Seelenaspekte 07.04.2012
Ma´at als soziales Prinzip 17.03.2012
Ma´at als Schöpfungsprinzip 28.01.2012






               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017