Betreut von Djehutimes
Kemetische Religiosität, oder: Den Göttern das Ihre geben!   Teil I

Diesmal möchte ich ein paar grundlegende Überlegungen zu den viel strapazierten und sich häufig vermischenden Begriffe „Spiritualität“ und „Frömmigkeit“ anstellen. Es lohnt sich diese beiden Begriffe genauer zu betrachten, da sie in der Umgangssprache oft ungenau verwendet werden. Dabei werde ich auch ganz kurz auf die jeweilige Begriffsgeschichte eingehen.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Überlegungen zum Begriff „Spiritualität“ und warum er im Bezug auf die kemetische Religiosität im Allgemeinen nicht anwendbar ist

Der Begriff „Spiritualität“ leitet sich von der christlichen Wortschöpfung „spiritualitas“ aus dem Mittelalter ab, der keineswegs auf eine individuelle subjektive religiöse Haltung abzielt, sondern auf die ursprüngliche Geistlichkeit, das innere Wesen, verstanden „als Leben aus und in dem Geist Gottes“. [GEO Religion, S.738]

Nach der Definition des Historikers Kaspar Elm ist Spiritualität

„weder das Handeln von Individuen und Gruppen, noch die Methoden und Erfahrungen eines hochgespannten individuellen Frömmigkeitslebens, sondern das religiöse Spezifikum geistlicher Korporationen, ihre auf einen Gründer oder andere ihm vergleichbare Leitfiguren zurückgehende Orientierung auf bestimmte Forderungen des Glaubens oder Bedürfnisse von Kirche und Christenheit, die als normativ sowohl für die Gemeinschaft als auch für ihre Mitglieder verstanden wird.“ [Elm, S. 11]

Eine Haltung, die der kemetischen Religiosität weitgehend fremd ist. Fremd ist gerade auch die mystische Spiritualität, die auf eine Vereinigung von Subjekt und Gott/Göttern, bereits im Leben abzielt. Ebenso schließt sich eine Vereinigung mit „dem Göttlichen“ per se für den Kemeten grundsätzlich aus, denn:

 „Dieses Göttlich- oder Gottgehörig-Sein ist stets eine Eigenschaft, die personal aufgefassten Göttermächten und ihren Ausstrahlungen zukommt, es ist niemals zu einem Abstraktum, einem personifizierten Begriff hinter, über oder neben den Göttern geworden. 'Göttliches' schlechthin hat es, losgelöst von den konkreten Göttergestalten, für den Ägypter nicht gegeben – ein Grund für uns, diesen neutralen Begriff in der ägyptischen Religion mit äußerster Zurückhaltung zu verwenden oder, besser noch, ganz auf ihn zu verzichten.“ [Hornung, S.61]

Für uns Kemeten gibt es kein unpersönliches göttliches Abstraktum, kein unpersonifiziertes „Göttliches“. Es gibt „nur“ personifizierte Götter (m/w) und deren Wirken – und es ist die Empfindung dieses Wirkens der Götter, welche in seltenen und besonderen Situationen, auf die der einzelne Mensch keinen Einfluss hat, als netjeri, als göttlich, bezeichnet werden kann.
Spirituelles „Eins werden“ mit einem oder mehreren Göttern ist nach kemetischen Verständnis einerseits nicht nötig, da man nach dem Tod zu einem netjer („Gott“, „Ba des Verstorbenen“) wird und sich ggf. mit anderen netjeru (Pl.), vornehmlich aber mit Osiris, sowieso vereinigt – vorausgesetzt natürlich, der Verstorbene lebte ein frommes, d.h. ma'at-gerechtes Leben. Andererseits aber im Grunde auch überhaupt nicht denkbar ist, da das Subjekt nicht aus einer einzigen Seele, sondern aus vielen recht eigenständigen Seelenaspekten besteht! Der Kemet hat im Leben schon genug damit zu tun all diese Seelenaspekte, worunter eben auch der Körper, chet, gehört, „vereinigt“ zu halten, eine Vereinigung die in dieser Form nur im Leben möglich ist, so dass eine Vereinigung eines Seelenaspektes mit einem oder mehreren Göttern einem Zerreißen der individuellen Seeleneinheit gleich käme. Nach kemetischer Auffassung rückt nämlich der Wunsch sich mit den Göttern, den netjeru, auf rein geistiger Ebene vereinigen zu wollen stark in die Nähe einer Todessehnsucht, da im Tode die Vereinigung der Seelenaspekte, Ba, Ka, Ach, Chet, usw., zerrissen und durch magisch-religiöse Kulthandlungen mühselig wieder zusammengefügt werden müssen, um ein Weiterleben nach dem Tod zu ermöglichen.


Überlegungen zum Begriff „Frömmigkeit“ und warum er im Bezug auf die kemetische Religiosität vorzuziehen ist

Kaspar Elm hat in seinem 1993 erschienen Artikel über die „Spiritualität der geistlichen Ritterorden im Mittelalter“ herausgearbeitet, dass der Gedanke der Frömmigkeit im Mittelalter von den christlichen Denkern und Theologen aus der römischen und griechischen Antike übernommen wurde. Der Gedanke, der eigentliche Gegenstand, bzw. Begriff hinter dem Wort Frömmigkeit, ist also deutlich älter, als das Christentum, und wurde von den frühen Christen als religiöse Haltung bereits vorgefunden und  das Wort Frömmigkeit selbst lässt sich etymologisch auf das mittelhochdeutsche „vrum“/“vrom“ zurückführen, was „nützlich“, „tüchtig“, „tapfer“ bedeutet und erst etwa ab dem 15. Jhd. n.Chr. im christlich-religiösen Kontext verwendet wird. Frömmigkeit meint eine „komplexe seelisch-geistige Grundhaltung und Gestimmtheit des religiösen Menschen in Ehrfurcht, Verehrung und Hingabe“ einem oder mehreren Göttern gegenüber und prägt das Denken, Handeln und Fühlen des religiösen Menschen. „Als allgemeinste Bestimmung von Frömmigkeit erscheint in den verschiedenen Religionen 'den Göttern das Ihre geben', eine äußere rituelle Konformität.“ [GEO Religion, S.192]

Und genau darum geht es im Grunde in der gesamten kemetischen Religion: Den Göttern das Ihre geben! Selbst das allgegenwärtige Prinzip der Ma'at, dass zwar im Sinne Elms durchaus für die Gesellschaft normative Elemente enthält und gewisse Handlungsforderungen stellt, lässt sich auf diese Kurzformel bringen! Wer nach dem Prinzip der Ma'at lebt, gibt der Göttin Ma'at das Ihre, nämlich „Wahrheit, Gerechtigkeit, Weltordnung, Richtigkeit“. Doch ist das Prinzip der Ma'at kein spirituelles Prinzip, es enthält nichts Mystisches mit dem man sich zu „verbinden“ suchen könnte. Es ist ein frommes Prinzip, da es das Denken, Handeln und Fühlen desjenigen prägt, der nach dem Prinzip der Ma'at lebt, und weil man sich immer wieder bewusst für ma'at-gerechte Handlungen und Reden entscheiden muss. Es ist keine kontemplative Technik, die einem ma'at-gerecht werden ließe (Spiritualität), sondern ein idealisierter Appell an den Einzelnen und die Gruppe sich ma'at-gerecht zu Verhalten, was sowohl die Möglichkeit des Scheiterns, als auch die Möglichkeit des nicht- ma'at-gerecht Verhaltens, mit all seinen Konsequenzen im Diesseits und im Jenseits, implizit enthält (Frömmigkeit).

So sind z.B. Geistreisen nach kemetischer Auffassung zwar durchaus möglich, aber das gewaltsame Auseinanderreißen der Seelenaspekte (was eine Trennung eines Seelenteils vom Körper nun mal ist) ist der Ma'at zuwider. Da solche Geistreisen viel Schaden anrichten können werden sie von den dafür langjährig ausgebildeten Priestern nur in aller äußersten Notsituationen angewandt und ausschließlich um die Ma'at wieder herzustellen und Gefahren abzuwenden! Ich denke, in dem Punkt sind sich die kemetischen Priester und die nativen Schamanen recht einig: Geistreisen sind kein Spielzeug zum Vergnügen, sondern eine bitter ernste und gefährliche Angelegenheit, die ausschließlich entsprechend geschulte Fachkräfte ausführen dürfen.


Resümee

Die kemetische Religion ist eine strikt hierarchisch gegliederte Religion mit einer klaren Struktur im Priesterwesen und im Tempelkult. Allerdings gab und gibt es so etwas wie ein Gemeindewesen, wie es z.B. aus dem Christentum bekannt ist, bei den Kemeten nicht. Die meisten Kulthandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit im innersten Tempel, der eine Residenz der jeweiligen Gottheiten darstellt, statt. Solche Riten sind vor allem Schöpfungserhaltender, bzw. -in-Gang-haltender Natur und sind oft sehr komplex. Sie nehmen häufig z.T. Stunden bis zu mehreren Tagen in Anspruch und sind deshalb nur nach einer jahrelangen Ausbildung durchführbar. Darüber hinaus sind diese Riten für den Otto-Normal-Kemeten nicht, oder nur indirekt, von Belang.

Viel wichtiger für den Einzelnen ist das Gelingen des persönlichen individuellen Lebens, d.h. sein Leben nach dem Prinzip der Ma'at auszurichten. Dazu gehört eben auch mit beiden Beinen im Leben zu stehen und seine individuellen Kenntnisse und Fähigkeiten auszubilden, weiter zu entwickeln und, ganz entscheidend, zum Wohle aller, oder zumindest möglichst vieler, einzusetzen. Dadurch, nämlich durch seine konkrete Lebensführung, trägt der Einzelne entschieden dazu bei den sich stets wiederholenden Schöpfungsprozesses im Gang zu erhalten - die Tempelriten der Priesterschaft sind sozusagen die religiöse Fixierung, die Kür, aber das Entscheidende, ohne die die Riten kaum mehr als frommer Wunsch und heiße Luft wären, ist die konkrete Lebensführung eines jeden Einzelnen und sein Bestreben seine individuellen Veranlagungen in Einklang mit dem Prinzip der Ma'at zu bringen. Natürlich kommt auch dem Kemeten immer wieder der Wunsch nach göttlichem Beistand, die Furcht vor der Intervention böser (chaotischer/Isfet'scher) Mächte, und/oder das Bedürfnis den Göttern für etwas zu danken oder ihnen etwas zu klagen. Doch wie diese Formen „persönlicher Frömmigkeit“ aussehen und gestaltet sein können, und was es bedeutet den Göttern das ihre zu geben, darauf werde ich in einer späteren Folge eingehen.


Literatur:
GEO Themenlexikon Band 15 – 16: Religion; Gaede, Peter-Mathias, GEO und Bibiliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG (Hg); Mannheim 2007.
Elm, Kaspar: Die Spiritualität der geistlichen Ritterorden des Mittelalters. Forschungsstand und Forschungsprobleme, in: Die Spiritualität der geistlichen Ritterorden im Mittelalter; Nowak, Zenon, Hubert (Hg); Toruń 1993, S. 7-44.
Hornung, Erik: Der Eine und die Vielen, Altägyptische Götterwelt; 7. Auflage, unveränderter Nachdruck der 6., vollständig überarbeiteten und erweiterten Auflage 2005; Darmstadt, Mainz 2011.


Djehutimes


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