Die kemetischen Seelenaspekte

Um die kemetischen Seelenaspekte besser erfassen zu können, erweist es sich als sinnvoll sich von der verbreiteten "Körper-Seele-Trennung" ein wenig zu lösen. Diese scharfe Abgrenzung gibt es im kemetischen Bewusstsein auf das Individuum bezogen ebenso wenig, wie auf die Schöpfung im Allgemeinen. Sehr viel zutreffender ist die Vorstellung von der beseelten und damit lebendigen Materie, in der sich der Schöpfungsprozess im Kleinen wie im Großen unentwegt von Neuem vollzieht.
Thanks to: © Gretchen Sveda

Auch gibt es kein "Gesamtkonzept" der Seele. Die Vorstellung von miteinander verbundenen bzw. sich überschneidenden Einzelteilen kehrt im kemetischen Glauben an vielen Stellen wieder.

Einige der Seelenaspekte sind dem was man gemeinhin als Materie wahrnimmt deutlich näher, andere wiederrum von luftiger/geistartiger Qualität, manche sind eher ein Zustand, andere wiederrum durchaus wesenhaft und damit sehr nah an der Vorstellung eines eigenständigen Individuums. Einige beziehen sich vorwiegend auf die Sozialsphäre, andere wiederum auf die Individualsphäre. Die Übergänge sind hier natürlich ebenfalls fließend.

Ka
Das Ka steht für das, was man auch als soziale Identität umschreiben könnte, bezieht sich dabei aber stark auf das individuelle Handeln in einem sozialen Kontext und weniger auf das So-Sein eines Menschen. Als solches bleibt es in der Erinnerung an einen Menschen auch nach dem Tod erhalten und wird gleichzeitig zum Schutzgeist des Verstorbenen. Man spricht ja auch heutzutage vom "Geist des Künstlers XY" der in seinem Werk weiterlebt. Genauso verhält es sich auch mit dem Ka.

Ka-Statue des Horawibra
(Ägyptisches Museum, Kairo)

Ka ist auch die wesenhafte Lebenskraft, sowohl der Menschen als auch der Götter. Da Lebenskraft für die Kemeten gleichbedeutend ist mit prozesshafter, also sich fortwährend aufs Neue vollziehender Konnektivität, ist Ka auch so etwas wie die "Ma'at des Körpers". Als solches ist Ka (als soziale Identität) natürlich auch in die Ma'at (als soziales Prinzip) untrennbar eingebunden. Tut etwas dem Ka nicht gut, wie etwa boshafte Zeitgenossen, üble Nachrede, Neid, Habgier, aber auch brennende Sehnsucht oder Liebeskummer, gefährdet dies auch immer die Gesundheit des Körpers. Hierin zeigt sich auch wieder das kemetische Bewusstsein über die Lebensnotwendigkeit der positiven und wohlwollenden Gemeinschaft.

Götter wie auch Könige haben oft mehrere Kas (kemetisch Kau), besonders post mortem, da das Ka dann als vervielfältigbar gilt. Das Ka bewohnt die unzähligen Bildnisse, die einem Verstorbenen geschaffen wurden, weswegen in Kemet auch ein ausdrückliches BilderGEbot herrscht um das Gedenken einer Person, aber auch eines Gottes aufrecht zu erhalten und damit die Unsterblichkeit des Ka zu sichern. Die Gemeinschaft als Lebensgrundlage löst sich damit also auch nach dem Tod nicht auf, sondern bleibt über diesen hinaus bestehen. In der Notwendigkeit des Bildnisses drückt sich wiederrum das Bewusstsein von der beseelten Materie aus. Damit erhält der Tod selbst auch einen sehr diesseitigen Aspekt.

Das spezifische Wirken einer Gottheit drückt sich ebenfalls durch Ka aus z.B. ist der Wind, das Ka des Luftgottes Schu oder das Wasser des Nils und dessen fruchtbarer Schlamm das Ka des Osiris.

Ba
Die frei bewegliche Individualseele Ba, wird als Falke mit einem Menschenkopf dargestellt. Ba hat einen engen Bezug zum Leib Chet. Besonders nach dem Tod und nach vollzogenem Totenkult braucht das Ba den Leib um immer wieder dorthin zurückzukehren und sich zu verjüngen. Diese Verjüngung hat seine Parallele im Sonnenlauf. Der Sonnengott Re durchfährt nachts die Unterwelt mit seiner Barke um am nächsten Morgen verjüngt wieder im Osten seine Himmelsbahn anzutreten. Den Toten wünscht man, dass sie einen Platz auf der Barke des Re erhalten mögen um an diesen Verjüngungsfahrten des Sonnengottes teilzunehmen und damit in den Zyklus der fortwährenden Verjüngung und somit des ewigen Lebens einzutreten.

Ach
"Der göttliche Glanz" oder der Ahnengeist der die Verklärung durch den Totenkult erfahren hat ist das Ach. Es handelt sich dabei also um einen herbeigeführten Zustand des Ba, welcher aber auch Züge einer eigenen Wesenhaftigkeit hat und den Verstorbenen zu einem überirdischen Wesen macht - zu einem Gott, einem netjer. Damit weicht auch der menschenferne Gottesbegriff nach monotheistischem Verständnis etwas auf und die Götter (netjeru) rücken deutlich näher in die menschliche Sphäre und können teilweise sogar als eine Art Urahnen verstanden werden. Ihre Macht und Bedeutung hängt damit also nicht allein von ihrer Bezeichnung als Götter ab, sondern von ihrem Wirken und Handeln, was wiederrum dem Prinzip der Ma'at und dem darin enthaltenen Primat der Tat entspricht. So konnte zum Beispiel auch der berühmte Arzt und Würdenträger unter König Djoser Imhotep nach seinem Tod zu einem weithin verehrten mächtigen Heilsgott werden.

Der Schopfibis als Symbol für das Ach
(Ramesseum, Theben)


Chet

Für die Kemeten macht es zunächst keinen Unterschied ob der Leib tot oder lebendig ist. Chet ist der Leib und damit das perfekte Abbild eines Menschen. Durch den Erhalt des Leibes, die Mumifizierung, wird also ein vollkommenes Denkmal, geschaffen. Oft gab man den Verstorbenen aus diesem Grund auch Ersatz-Leiber in Form von Statuen mit auf den Weg ins Jenseits für den Fall, dass der mumifizierte Leib zerstört würde.

Das Chet ist wiederrum beseelt und damit belebt von Ba und Ka, welche ihrerseits auch das Chet benötigen um ein irdisches Leben zu führen und die Körperlichkeit zu erfahren. Den Toten wünscht man  sogar, dass sie durch die Vereinigung ihres Bas mit dem Chet der körperlichen Lust frönen mögen, denn dazu ist aus kemetischer Sicht ein Leib unverzichtbar.

Die Wichtigkeit und Heiligkeit des Körpers ist für Nicht-Kemeten oftmals ungewohnt und nicht leicht zu verstehen. Viele Religionen und Kulturen lehnen die Verehrung des Körpers und der Körperlichkeit ab oder sehen darin zumindest nichts von außerordentlicher Wichtigkeit. Oft gilt der Körper aufgrund seiner Anfälligkeit und Vergänglichkeit als wenig bedeutsam, mitunter sogar als Quelle allen Übels oder trägt lediglich die Bedeutung eines vorübergehenden Vehikels. Dies trifft in Kemet nicht zu. Man kann durchaus von einem regelrechten "Körperkult" sprechen, was sich nicht zuletzt auch in einer sehr freien, unbeschwerten Haltung zur Sexualität äußert und sich aufs allerdeutlichste im Totenkult und der Mumifizierung manifestiert.

Sah
Chet wird durch Mumifizierung zu Sah, man spricht auch vom "Mumienadel". Sah ist also nicht so sehr die Mumie selbst, sondern eher ein Zustand der Ehrung oder "Veredelung" des Körpers, der von allem weltlichen gereinigt wurde und damit zu einem Sitz eines Gottes wird. Das was also mit dem Ba geschieht, wenn es zu Ach wird, ist eine Parallele zu dem was mit dem Chet geschieht, wenn es zu Sah wird.

Die mythologische Parallele ist hier das Zusammensetzen, Verbinden und neu beleben des ermordeten Osiris durch seine Gattin Isis, seine Schwester Nephthys, vor allem aber auch seinen Sohn Anubis. Auch hier stellt sich das Leben wiederrum als Inversion des Zerrissen-oder Zerstückeltseins dar. Die Mumienbinden können daher als Metapher für das Verbinden der einzelnen Körperglieder gesehen werden.

Ib
Das Herz ist für die Kemeten der Sitz des Fühlens und Denkens sowie Mittelpunkt des konnektiven Prinzips, das sowohl Körper- also auch Seelenaspekte zusammenhält. Eine etwas amüsante Bedeutung kam aus der Sicht der altägyptischen Medizin dem Gehirn zu, welches wir ja in der modernen Welt an der Spitze der physiologischen Hierarchie sehen: es war nämlich lediglich für die Schleimproduktion der Nase zuständig und damit nach der Mumifizierung verzichtbar. Es wurde durch die Nase entfernt.

Das Ib ist so etwas wie die "Blackbox" eines Menschen, das sämtliche Herzensregungen seines Lebens enthält. Beim Totengericht wird es gegen die Feder der Ma'at aufgewogen und fungiert als eine Art Lügendetektor während der Verstorbene sich für sämtliche Taten seines Lebens vor dem Göttergremium rechtfertigt. Besteht der Verstorbene diesen Test, wird ihm sein Ib zurückgegeben und er darf ins ewige Leben als "Gott unter Göttern" eintreten. Parallel dazu wird an der Mumie die Rückgabe des Herzens vollzogen, das eigene für die Ewigkeit konservierte Herz wird dieser also wieder in den mumifizierten Leib zurück gelegt. Erst später wurde es getrennt von der Mumie in Kanopen aufbewahrt,  jedoch mit dieser gemeinsam bestattet.

Sia
Die Erkenntnis oder göttliche Eingebung wird Sia genannt. Interessant ist hier, dass die kemetische Religion eine göttliche Offenbarung nicht als etwas vom Menschen getrenntes sieht, sondern als Seelenaspekt des Individuums. Damit ist Sia auch so etwas, wie der dem Menschen innewohnende göttliche Funke. Sia ist aber gleichzeitig auch eine eigene Gottheit und reiht sich damit in eine besondere Art von Personifikationsgottheiten ein, zu welchen auch Shai (das Schicksal, die Lebensdauer) oder Hu (der göttliche Ausspruch) gehören. Gerade in Zusammenhang mit Hu, tritt Sia sehr häufig auf.


Ren
Der Name eines Menschen wird als Ren Bezeichnet. Nach kemetischem Verständnis, kann niemand ohne Namen vollständig ins Leben treten. Man könnte sagen, Ren ist das, was sich als Empfindung des "Sich-gemeint-Fühlens" manifestiert, wenn man den eigenen Namen hört oder ausspricht. Ren ist, was man an der Schwelle des Seienden in das Noch-Nicht-Seiende "hineinruft" um jemanden ins Leben zu holen.

Oft enthalten altägyptische Namen auch einen eindeutigen Bezug zu Gottheiten, die auf diese Weise zu Lebensbegleitern werden. Solche Namen lauten z.B. Sat-Amun ("Tochter des Amun"), Sahure ("Re gelangt zu mir"), Amenhotep ("Amun ist zufrieden"), Heqa-Ptah ("Ptah ist mein Herrscher"). Andere Namen beziehen sich nicht auf Gottheiten, sondern sagen etwas über den Namensinhaber aus, wie z.B. Hatschepsut ("Die erste der edlen Damen") oder Nechetnebef ("Der Starke seines Herrn"), Djoser ("Der Erhabene")

Kartusche mit dem Thronnamen Ramses II., Karnak-Tempel
User-maat-Re-setep-en-Re ("Mächtig ist die Ma'at des Re, Erwählter des Re")


Schut

Schut ist der beseelte Schatten und gehört zu den Seelenaspekten die mit am schwersten zu erfassen sind. Man könnte den Schatten es als eine Art Untermauerung des Seins erklären. Etwas das ist, wirft auch Schatten. Zwischen Ka und Schut besteht eine große Ähnlichkeit, jedoch ist Schut deutlich subtiler, aber dennoch unübersehbar vorhanden. Schut hat außerdem eine Schutzfunktion für den Menschen um Übel von ihm fernzuhalten.

Der Mensch aus kemetischer Sicht
In diesem Seelenmodell spiegelt sich die kemetische Auffassung vom Menschsein in allen Facetten wieder. Diese sieht den Menschen im fortwährenden Spannungsfeld zwischen Individualität und Kollektivität, Bewegung und Stille, Stofflichkeit und Geist, Leben und Tod. Dabei versucht es die Balance nicht in einem Ausgleich vermeintlicher Gegensätze zu finden, sondern darin das gesamte Spektrum zur gleichen Zeit zuzulassen, ihm Struktur zu geben und damit die Vielschichtigkeit der menschlichen Natur in vollem Umfang anzuerkennen.

Literatur:
Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten
Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
Eberhard Kusber, Dissertation: Der altägyptische Ka – Seele oder Persönlichkeit?

Fotos und Hieroglyphen, Wikimedia Commons:
Relief  am Ramesseum in Theben, von Rémih
Ka-Statue des Horawibra, von Jeff Dahl
Thronname Ramses II., von Dapaan


Sat-Ma'at


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