Ma'at als soziales Prinzip

Ma'at ist ein schwer fassbarer Begriff. Jeder Versuch sie kurz und knapp zu Beschreiben muss notwendig zu kurz greifen. Das Problem liegt zum einen in der prinzipiellen Unübersetzbarkeit des Begriffes „Ma'at“, was ungefähr übersetzt „Wahrheit, Gerechtigkeit, Weltordnung, Richtigkeit“ bedeutet, wobei die vier Übersetzungsvorschläge in vielen Punkten nicht klar getrennt werden können und nahtlos ineinander übergehen.
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Zum anderen durchzieht das Prinzip der Ma'at praktisch jeden Bereich des Lebens, sowohl in der Welt der Götter, in jener der Menschen, als auch im Reich der Toten (hier sind die Übergänge ebenfalls fließend) – das Prinzip der Ma'at ist ein ganzheitliches Prinzip. 

Sat-Maat hat in ihrem Artikel „Ma'at als Schöpfungsprinzip“ bereits skizziert, dass die Schöpfung nichts ist, was einmal vom Urgott Atum getan wurde und seit dem einfach vor sich hin existiert, sondern der Schöpfungsakt Atums war „das Erste Mal“, d.h. die Schöpfung muss stetig wiederholt werden. Und tatsächlich: Jedes mal, wenn ein Samen keimt, ein Lebewesen geboren wird, oder ein Stern entsteht, widerholt sich dieser Akt der Schöpfung. Ma'at ist etwas, dass immer wieder getan werden muss! Sowohl von den Göttern in der Natur (zb. Nilflut, Sonnenlauf, Jahreskreis, Werden und Vergehen von Lebewesen jeder Art), aber auch von ihren Kindern, den Menschen – und zwar vom zwischenmenschlichen Bereich und Gesellschaft bis hin zur abstraktesten Form menschlichen Zusammenlebens: Dem Staat. Es geht um die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Zivilisation und Kultur ist nichts, was einmal für alle Zeiten errungen wurde, sondern ein stetiger Prozess, der von den Menschen aktiv immer und immer wieder erhalten werden muss. 

Eine Besonderheit des Prinzips der Ma'at, ist ihr Bezugspunkt in der Endlichkeit des menschlichen Lebens. Man kann sich diesen Bezugspunkt, um einen Begriff aus der perspektivischen bildenden Kunst zu gebrauchen, auch als eine Art „Fluchtpunkt des Handelns“ vorstellen, der sich in die Ewigkeit, nach dem eigenen Tod, fortsetzt. Alles, was wir tun, oder unterlassen, hat Folgen über unser eigenes Leben hinaus. So wurden soziale Verhaltensweisen, „richtiges“ Handeln, selbst der Kultbetrieb in den Tempeln bis hin zum Schalten und Walten der Staatsbeamten und des Pharaos, mit Blick auf den Tod über diesen hinaus gedacht. Das eigene Handeln sollte so gestaltet werden, dass man nach seinem Tod in „guter Erinnerung“ bleibt. 

„Das Denkmal eines Mannes ist seine Tugend, der mit schlechtem Charakter aber wird vergessen.“ (aus der biograf. Inschrift d. Mentuhotep) 

Da das eigene Handeln, im Guten wie im Schlechten und weit über unseren Tod hinaus reichend, keine isolierte Aktion ist, und im Kontext von vorangegangenen Handlungen steht, ist die Eigenverantwortung ein wesentlicher Aspekt kemetischen Handelns! Denn beim Totengericht vor Osiris und Anubis, wo das Herz (Ib) gegen die Feder der Ma'at gewogen wird, gibt es keine Vergebung. Führte man kein ma'atgerechtes Leben, wenn man also Isfet (etwa: „Lüge, Ungerechtigkeit, Chaos“) anstelle der Ma'at setzte, wird man unweigerlich von der Seelenfresserin Ammit gefressen und stirbt einen zweiten, endgültigen Tod. 

Wie nun aber eine ma'atgerechte Lebensführung, die den eigenen Namen, das eigene Ansehen (in Kemet als „Ach“ bezeichnet, einer von neun eigenständigen Seelenaspekten) über den Tod hinaus am Leben, in „guter Erinnerung“, erhält, aussieht, lässt sich vereinfacht an drei zentralen Aspekten des ganzheitlichen Prinzips der Ma'at skizzieren. Die Aspekte der Ma'at dienen als Orientierungshilfen, Verhaltensregeln und Lebensweisheiten für ein harmonisches und friedvolles Leben als Teil der Gemeinschaft, die die Aufgabe hat sich selbst und damit den Einzelnen zu schützen, denn – dass wussten bereits die alten Ägypter – der Einzelne braucht die Anderen, braucht die Gesellschaft, um wirklich lebendig zu sein. 


Die Ma'at sagen“ 

Unerlässlich für jede Art gesellschaftlichen Zusammenlebens ist die Kommunikation – das galt vor 5000 Jahren genau so wie heute – da ohne sie eine Gesellschaft nicht gelingt. Nach kemetischer Auffassung ist der bedeutsamste Teil der Kommunikation das aufmerksame Zuhören! In den Lehren des Ptahhotep steht um 2200 v.Chr. dazu: 

Du sollst keine Verleumdung weitergeben und sollst sie (auch) nicht anhören, (denn) sie entspringt dem „Hitzigen“. Gib nur weiter, was du gesehen, nicht was du gehört hast. Wenn es unbeachtet blieb, rede auch nicht darüber – nur was dir vor Augen liegt, ist wissenswert.“ 

Hüte dich, mit Worten Schlimmes auszurichten (…). Halte dich an die Wahrheit, (aber) übertreibe sie nicht; man berichtet Herzensergüsse nicht weiter. Rede keinen Klatsch über irgend jemand, hoch oder gering – das ist dem Ka ein Gräuel!“ 

Verleumdung, Klatsch und, wie wir heute sagen, üble Nachrede sind Gift für jede Gesellschaft, da sie auf Dauer die Zugewandtheit und gesellschaftliche Harmonie untergräbt und Misstrauen und Abgrenzung an ihre Stelle treten. Aber ebenso ist schlechte Rede auch gefährlich für den, der die schlimmen Worte spricht! Wer lügt und ständig auf vermeintliche Fehler pocht und andere Menschen schlecht redet, wird irgendwann isoliert von der Gesellschaft sein und in der Einsamkeit versinken, weil niemand ihn in seiner Nähe ertragen möchte. Einsamkeit, gesellschaftlich isoliert zu sein, ist für den Kemeten wie lebendig tot zu sein. Deshalb ist schlechte Kommunikation „dem Ka ein Gräuel“ (das Ka ist ein weiterer Seelenaspekt, der ungefähr „Lebenskraft“ bedeutet); sie führt zu Unfrieden und ist sowohl für die Gesellschaft, als auch für den Einzelnen, destruktiv. Im Zweifelsfall ist es besser zu schweigen, als schlecht zu reden. 

Wenn du ein Beamter in leitender Stellung bist, dann höre geduldig auf die Worte des Bittstellers. Weise ihn nicht ab, (…), bis er (alles) gesagt hat, was er vorbringen wollte. Wer Kummer hat, möchte lieber sein Herz erleichtern, als mit seinen Bitten Erfolg haben. Wer einen Bittsteller entmutigt, von dem sagt man: „Weshalb will er ihm schaden?“ Nicht alles, worum er bittet, kann gewährt werden, aber (schon) gut Zuhören tut dem Herzen wohl.“ 

Was für Beamte gilt, gilt natürlich auch für den „Normalkemeten“, für Freunde und Familienmitglieder, Kollegen, usw. Einfach „nur“ Zuhören kann das Herz eines Menschen oft schon so weit erleichtern, dass jene Herz beschwerenden Umstände sich als weit weniger drückend erweisen. Ein Mensch mit erleichtertem Herzen wirkt aber wiederrum positiv auf die Gesellschaft. Wenn wir uns gut und erleichtert fühlen, fällt es uns auch wesentlich leichter gute Handlungen und Taten zu tun. 


Die Ma'at tun“ 

Kommunikation und aktive Handlungen gehen nahtlos ineinander über. So schreibt Ptahhotep: 

Sei nicht eingebildet auf dein Wissen, (sondern) unterhalte dich mit dem Unwissenden wie mit dem Wissenden. Nie erreicht man die Grenze der Kunst, und es gibt keinen Künstler, dem Vollkommenheit eignet. Die Redekunst ist verborgener als ein kostbarer Stein, (aber) man kann sie bei den Dienerinnen über dem Mahlstein finden.“ 

Die Ma'at mit ihrem Attribut, die Feder, im Tempel von EdfuKein Mensch ist besser, oder schlechter, weil er von einer Sache mehr versteht oder einen höheren Grad an Bildung besitzt! In Kemet konnte jeder ungeachtet seiner sozialen Herkunft Schreiber und Beamter werden und damit sozial aufsteigen. Sozialer Aufstieg geschieht aber nicht um seiner selbst willen, sondern unterliegt einer großen Verantwortung! Sämtliche Regeln und Gebote der Ma'at dienen letztlich auch einem ganz wichtigen Punkt: Dem Schutz der Schwachen vor den Starken! Das bedeutet, wenn man an etwas Überfluss hat, sei es Wissen, Reichtum oder Fähigkeiten, dann darf man diesen Überfluss nicht für egoistische Motive verwenden, sondern steht in der gesellschaftlichen Verantwortung diesen Überfluss zum Wohle anderer zu verwenden. 


Die Ma'at geben“ 

Vielleicht kann man sich diesen Aspekt als einen Fluss vorstellen, der von den sozial höchsten Punkten hinab zu den geringsten fließt. Wie der Nil, die Lebensader Ägyptens, durchfließt die Ma'at die gesamte menschliche Kultur. Wie der Nil tritt auch die Ma'at, der Fluss des Lebens, über die Ufer und es entstehen Feste, Feiern und all die Freuden, die über das Notwendige hinaus das Leben lebenswert machen. Doch wie jeder Fluss kann auch der Fluss der Ma'at gestaut werden. Geschieht dies nicht, um brachliegende Felder zu bewässern, also Menschen, die aus irgendeinem Grund nicht an der Gesellschaft teilnehmen können wieder mit einzubeziehen, sondern aus rein egoistischen Motiven, versiegt der Fluss: Kein fruchtbarer Schlamm erreicht mehr die Felder, kein Leben fließt durch die Gesellschaft. Vor diesem Bild wird deutlich, warum die größte Sünde gegen die Ma'at die Habgier ist. 

Wenn du willst, dass deine Führung vollkommen sei, dann halte dich fern von allem Bösen und sei gewappnet gegen die Habgier...“ (Lehre des Ptahhotep) 

 

Assmann, Jan: „Ma'at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten“; 2. TB-Auflage, München 2006
Assmann, Jan: „Ma'at“, in: Assmann, Schmidt-Glintzer, Krippendorf (Hsg): „Ma'at, Konfuzius, Goethe“; Frankfurt a.M. & Leipzig 2006.
Hornung, Erik (Hsg): „Der weise Ptahhotep“ in: „Altägyptische Dichtung“; Reclam Stuttgart 2006.
Abbildung: Ma'at mit ihrem Attribut, der Feder, im Tempel von Edfu; Fotograf: Rémih, Wikimedia Commons.


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