DrachenSabber
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen   Teil III

Uwe hat uns wieder einen seiner Mehrteiler gespendet! Diesmal zu einem Thema, das gerade in Heidenkreisen immer wieder aktuell ist. Karma verstehen oder missverstehen - das ist die Frage

Karma – ein Koan des absolut Schwierigen

Der Buddha bringt in den Sutren selbst immer wieder folgende wiedersprüchliche Aussage ins Spiel:
Dass es nicht derselbe aber auch nicht ein anderer ist, der die Auswirkung von heilsamen oder unheilsamen Handlungen erfährt.

Wie kann es sein, dass nicht derselbe aber auch nicht ein anderer die Auswirkungen von Handlungen zu spüren bekommen? Ganz einfach.
Da es kein wahrhaft vorhandenes, dauerhaftes und eigenständiges Selbst gibt (dritte Edle Wahrheit), gibt es auch niemanden, der die Auswirkung von Handlungen erfährt. Da es aber ein irrtümlich wahrgenommenes Selbst gibt, das irrtümlich wahrgenommene Handlungen ausführt, gibt es auch weiterhin jemanden, der irrtümlich wahrgenommen erfährt (zweite Edle Wahrheit).
Das wäre die einfachste Darlegung dieses Buddha-Koans „nicht derselbe und kein anderer“.

Solange ein Wesen in der dualistischen Wahrnehmung eines „Selbst“ und „Anderen“ herumirrt, wird es Geburt, Alter, Krankheit und Sterben geben. Und das ohne Unterbrechung, immerzu.
Solange ein Wesen dieses als „Selbst“ wahrgenommene für wichtiger hält als „Andere“, werden Handlungen gesetzt, die Auswirkungen haben. Auswirkungen, die wohlgemerkt nur von diesem irrtümlich missverstandenen Selbst erfahren werden. Ebenfalls wieder irrtümlich.
Dieses nennt man „Relative Ebene der Erscheinungen in gegenseitig abhängigem Entstehen“. Der Buddha sagte dazu treffend und knappmöglichst „Weil dies ist, ist jenes“ (Erste Edle Wahrheit). Geburt führt zu Krankheit, Alter und Tod.

Aus diesem Grund lehrte der Buddha auch in seiner ersten Lehrrede genau den Weg, der einen individuell aus dem leidhaften Erleben führen kann. Und dieser Weg ist achtfach (Vierte Edle Wahrheit). Der Pfad der „Individuellen Befreiung“, wie er auch genannt wird, ist konsequent. Und vor allem individuell. Karma ist nämlich etwas, dass immer von Individuen erlebt wird. Nicht von Gruppen oder gar Völkern.


Karma – heute Opfer, morgen Täter

Der Pfad der „Individuellen Befreiung“ ist, wie ich hoffentlich ausdrücklich in den letzten Beiträgen zu dem Thema "Karma" zur Sprache gebracht habe, nicht etwas „völkisches“ sondern wird immer nur von Individuen erlebt. Selbst wenn diese Individuen natürlich aus der buddhistischen Sicht absolut betrachtet nur irrtümliche, nicht wahrhaft existente Entitäten sind, relativ erfahren Individuen relative karmische Wirkungen. Nicht jedoch Gruppen, Rassen oder gar Völker.
Diesen einfachen Fakt ignorieren „Karmakritiker“ jedoch allzu gern. Sie unterstellen dem „Karmagläubigen“ eine zynische Sicht auf Völkermord, Unrecht und Leiden.

Nun mal ganz abgesehen davon, ob „Die Afrikaner“, „Die Armenier“, „Die Juden“, „Die Kambodschaner“ oder „Die Tutsi“ (in historischer Reihenfoge und nur als willkürliche Aufzählung der Geschehnisse) in einem Genozid vernichtet, in Konzentrationslager gesteckt, unterdrückt und versklavt wurden. Auffallend ist, dass von den Kritikern immerzu einseitig die „Opfer“ solitär und als einzige Leidtragende betrachtet werden. Das mag in einem gewissen Zusammenhang ja in Ordnung sein.
Jedoch nicht in Betracht auf die Wirkungsweise von Karma. Denn die hat immer eine riesige Bandbreite von wechselseitigen Beziehungen im Blick.

Heute Opfer, morgen Täter und umgekehrt, so könnte man es ein wenig grob ausgedrückt sagen. Die Dinge sind, je näher man drangeht, vielschichtig und komplex. Und genau dieses Verständnis hat ja auch in der deutschen Rechtssprechung und Psychologie ihren nachhaltigen Niederschlag gefunden.

Auf das Thema "Schuld" möchte ich noch etwas genauer eingehen.
Betrachten wir den Genozid an den Juden Europas während des Dritten Reiches. Natürlich ist es bescheuert, wenn jemand darüber schwadroniert, es sei die „Schuld“ der Juden, dass ihnen dies widerfahren ist. Ich persönlich würde jedem empfindlich auf die Zehen treten, der so etwas als „buddhistische“ Sichtweise verkauft.
Denn es waren tatsächlich die Nazis „Schuld“ daran, dass die Juden verfolgt, in KZs gesteckt und ermordet wurden. Niemand anderes.
Das muss man wahrlich nicht diskutieren!
Genauso wie die Armenier von den Türken, die Hereros von den Deutschen, die Tibeter von den Chinesen, die Kambodschaner von den Kambodschanern und die Tutsi von den Hutu unterdrückt oder vernichtet wurden.

Wie gesagt, dies ist nur eine unvollzählige Aufzählung von Massenmorden mit jeweils mehr als einer Millionen Opfern in den letzten 100 Jahren.

Und betrachten wir „außermenschliche“ Opfer, dann könnte man heute ganz getrost über 700 Millionen Hühner, Schweine und Rinder jährlich allein in Deutschland, die für unsere Fleischeslust über den Jordan geschickt werden, ebenfalls in die große Abschlachterei einordnen, die zukünftig in die „Genozidalen“ eingehen dürften.

Doch man sieht dabei immer nur die „Opfer“. Verengt den Blick oder schließt gar die Augen vor möglichen Ursachen, die tiefer liegen als es „Täter“ und ihre Taten nahelegen mögen.
Denn die, buddhistische, Sichtweise auf abhängiges Entstehen besagt, dass von Nichts auch nur Nichts kommen kann. Und dass im Umkehrschluss alles aus bedingt abhängigen Entstehen kommt, konkret auf das Erfahren von fühlenden Wesen bezogen, heilsames Erleben von heilsamen Tun und umgekehrt kommt.

Das ist eine relativ einfache Geschichte.

Auf der relativen Ebene sind diese Dinge tatsächlich relativ einfach.
Doch wie es häufig so ist, solche relativ einfachen Aussagen tun relativ oft relativ weh. So weh, dass manche Leute diese relativ einfache Sache nicht akzeptieren wollen und „Schuld“ immer irgendwo suchen. Nur nicht im individuellen Denken, Fühlen und Handeln vermuten wollen.
Wer tatsächlich glaubt, „Buddhismus“ würde „Guttun“, irrt.
Im Gegenteil.
Die Lehre des Buddha geht tatsächlich dahin, wo es wehtut.
An das selbstbezogene Denken.
Und die Lehre von „Karma“ kratzt ganz gehörig an dieser Selbstbezogenheit.


Karma – weder völkisch noch national

Karma wirkt. Garantiert und ohne irgendeinen „Irrtum“. Hat man Heilsames „gewirkt“, heilsam motiviert, gibt es eine heilsame Auswirkung.
Hat man unheilsam „gewirkt“, unheilsam motiviert, gibt es eine unheilsame Auswirkung.
Ist dies „selbstbezogen“ geschehen, kommt es auf jeden Fall zu einer Auswirkung.
Die Vielfalt von selbstbezogenen emotionalen Umständen führt schließlich dazu, dass es eine unendliche Vielfalt von Möglichkeiten „karmischen“ Erlebens gibt.

So einfach ist „Karma“ zu erklären. So schwierig ist Karma jedoch auch zu verstehen.
Deshalb ist es angeraten, „Karma“ nur auf sich selbst zu beziehen. Nie auf andere. Was allerdings noch viel schwieriger ist für die meisten Menschen. Statt bei sich zu bleiben, schwadronieren sie gerne über andere, über gesellschaftliche Missstände oder politische Umstände.
Solche Menschen wollen und können nicht akzeptieren, dass individuelles Denken, Fühlen und Handeln so vielschichtig und facettenreich ist, dass auch die Auswirkungen auf das Individuum vielschichtig und facettenreich sind.

Komischerweise beschwert sich allerdings nie jemand darüber, wenn es einem Individuum oder gar einem ganzen „Volk“ gut geht. Dann scheint dies etwas zu sein, dass diesem Individuum, diesem ganzen Volk zusteht. Selbst erarbeitet, vielleicht gottgewollt und gottgegeben.
Wo Böses ist gibt es kein Akzeptieren, dann gibt es Diskussionen um Gerechtigkeit, Politik und sonstiges Geschwurbel. Gutes hingegen wird ohne Hinterfragen geschluckt oder als beste Möglichkeit akzeptiert.

Der „Buddhist“ nun akzeptiert, dass diese relativ einfache Sache „Karma“ in ihrem bedingten Entstehen tatsächlich kompliziert wird, wenn man versucht, sie in ihre Bestandteile auseinander zunehmen. Weil dann eben eine unendliche Menge von Bedingungen und Faktoren übrig bleiben, die eine Sache vordergründig und scheinbar in Erscheinung treten lassen.
Für den „Buddhisten“, der die Worte Buddhas einigermaßen ernst nimmt ist es daher nicht so abwegig, dass ein erfahrenes Leiden Ursachen haben muss, die wiederum in leidvollem Handeln begründet liegt, siehe Eingangssätze.  Dieser „Buddhist“ nun wird darauf vertrauen, dass der Buddha selbst wesentlich mehr „wusste“ als jeder selbstbezogene, im leidvollen Dasein (sprich Samsara) verstrickte Mensch. Und dieser Buddhist wird das Prinzip von „Karma“ deshalb nicht weiter hinterfragen sondern akzeptieren und als Mahnung nehmen, sein eigenes, individuelles Verhalten in Frage und jede eigene Handlung und vor allem die Motivation ständig auf dem inneren Prüfstand zu stellen.
Genau aus dem Grund, weil „Karma“ immer von einem als „Selbst“ definiertem Individuum erfahren wird. Egal, ob sich dieses Individuum nun allein gestellt sieht oder in einem Haufen von Individuen, „Volk“ oder „Rasse“ genannt, herumirrt. Denn auch in einem als "kollektiv" erlebten "Karma" wird jedes Individuum immer sein eigenes Erleben haben. Und immer auch entscheiden könne, wie man reagieren möchte auf die Umstände. Heilsam oder unheilsam.

Ein „Völkisches“ Karma gibt es aus buddhistischer Sicht so gesehen jedenfalls nicht. Da unterscheiden sich Buddhismus und Hinduismus auch auffällig. Denn mit „Kasten“ hatte es der Buddha tatsächlich nicht.
Und was wäre ein Volk anderes als eine Kaste?

Es mag Karma geben, dass von Wesen einer Art, einer Gruppe, eines „Volkes“ ähnlich erfahren wird. Dennoch ist das Erlebte, die gemachte Erfahrung immer etwas trügerisch Individuelles. Etwas, das sich aus etwas trügerisch-individuell gewirkten ergibt.
Karma eben.

Möge dies von Nutzen sein
Mögen alle Wesen glücklich sein


Uwe


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